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Jüdische Presse · 1923-08-20 · Sonderausgabe 3 (20.8.1923) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
Sonderausgabe 3 (20.8.1923)
Date
1923-08-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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3• Sonderausgabe. ׳* Jüdische presse Hierauf ergreift das Wort Sejmdeputat Kirsch braun—Warschau. Redner führt in einer längeren, oft von Beifall unterbrochenen glänzenden Aussprache aus: Die grosse Sehnsucht aller die in Kattowitz anwesend gewesen sind — eine grosse Vertretung des orthodoxen Judentums ins Leben zu rufen — ist erfüllt. Endlich ist eine Tribüne da, von der aus die ganze Welt das Wort der jüdischen Orthodoxe vernehmen kann. Man muss diese Tribüne richtig benützen. Es muss klar und vernehmbar festgestellt werden, dass niemand das Recht hat im Namen des jüdischen thoratreuen Volkes zu sprechen, der nicht von dem orthodoxen Parlamente dazu bevollmächtigt ist. Alle diejenigen, die bis nun im Namen des jüdischen Volkes gegenüber den politischen Mächten auftraten, haben kein Recht dazu, denn sie sind im besten Falle Vertreter einzelner Parteien. Gegenüber diesen unrechtmässigen Vertretern, besonders des Judentums in Polen, muss Delegierter Kirschbraun auf Grund der bereits öffentlich mitgeteilten Resultate der Statistik erklären, dass in Polen die orthodoxe Landesorganisation, das Gross des polnischen Judentums einzig berechtigt vertrat. Seit der Gründung der Aguda in Polen sind grosse Schwierigkeiten bewältigt worden, weil Schwierigkeiten von allen Seiten gemacht wurden. Die gegnerischen Parteien wussten, dass jetzt endlich unsere Zeit gekommen ist und für sie diese Periode eine Verfallsperiode ist. Das Liquidationsstadium hat jetzt in Karlsbad begonnen. Die orthodoxe Organisation in Polen blüht auf und zählt heute 600 orthodoxe Organisationen. Auch beginnt jetzt der Anschluss der jüdischen Arbeiterschaft an die orthodoxe Organisation. Die orthodoxe Organisation ist in Polen derart rapid gewachsen, dass die Bewältigung aller Arbeiten neue Kräfte verlangt. Man muss die Sache auf viel breitere Fundamente stellen. Man muss die Vertretung des orthodoxen Judentums in Polen in allen Körperschaften durchsetzen. Der Kampf der jetzt um die Trennung der Gemeinden anfangen wird, muss mit grossen Kräften aufgenommen werden. Redner kritisiert die Politik der zionistischen Partei, die sich in die Politik in Polen einmengt, wodurch ein grosser Schaden entsteht. Redner appeliert an die Kenessio Gedaulo die bestehende Organisation auszubauen und lebensfähig zu erhalten, weil dieselbe ein mächtiger Faktor ist und ungeheure Dienste leisten kann. Delegierter Kirschbraun schloss, seine Rede mit den Worten: ״Ich hoffe dass wir weiter so durchdringen werden wie bis nun und unseren Geist in7 der Welt erhalten werden. Der erste Schritt dazu war Kattowitz, der zweite ist Wien und der dritte wird Jerusalem sein." Die Rede des Sejmdeputierten Kirschbraun wurde mit stürmischen Beifall aufgenommen. Der Präsident machte dann nochmals auf einige wichtige, erwähnte Punkte in der Rede des Delegierten Kirschbraun aufmerksam. Nach Bekanntgabe weiterer Kommissionswahlen wurde die Sitzung 1/28 Uhr abends geschlossen, da der Rabbinische Rat zu einer Sitzung zusammentreten musste. Nächste Sitzung Freitag 9 Uhr vormittags. i.'j'i gs ׳v'i©x>’fc€3 Sit ilCmJ ■i» g־- Freitag 10 Uhr vormittags. Die Sitzung wird durch Sejmdeputierten Oberrabbiner Schapira — Sanok — eröffnet, der von der Konstituierung des Rabbinisehen Rates Mitteilung macht und den eingelaufenen Antrag auf Beschränkung der Redezeit der Abstimmung unterzieht. Hierauf wird die Generaldebatte über den Geschäftsbericht und die Satzungen eröffnet. Als erster ergreift das Wort Rabb. Färber — London. Redner betont die Aufrichtigkeit der Regierung Englands in dem Verhältnis zum jüdischen Volke, stellt öffentlich den grossen Respekt Englands für die Thora und den jüdischen Glauben fest und sieht hoffnungsvoll in die Zukunft wenn England weiter die Geschicke des heiligen Landes leiten wird. Redner verlangt vollkommensten Frieden mit allen anderen jüdischen Parteien und betont, dass die gebotene Hilfe im Interesse des jüdischen Volkes empfangen werden muss. Rabb. Lewin — Bendin — (Schwager des Gerrer Rebbe) fordert die Schaffung eines Fondes zur Unterstützung aller notleidenden Rabbiner, weil dieselben die Hauptstützen des thoratreuen Lebens sind. Redner schlägt die Bildung einer 10 Punkte umfassenden Satzung für die Ordnung sämtlicher rabbinischen Fragen vor. Hierauf ergreift das Wort Rabbi Dr. Breuer — Frankfurt — um in einer längeren Rede das Wesen der Satzungen zu beleuchten und ihre grdsse Bedeutung für das jüdische Volk zu beweisen. Jetzt wo nun der Augenblick da ist, dass die Führung und Leitung des Volkes sich in den einzig berufenen Händen, bei den jüdischen Weisen und Gelehrten befindet, jetzt sei der Augenblick ^ekomraea. dass eine Bewegung, wie die der Agudas, Jfsröel zu einer grossen thoratreuen Weltgemeinde aüsgestaltet werden muss. Die vorgeschlagenen Satzungen bezwecken nichts anderes als die Befestigung der Herrschaft der Thora über das ganze Leben des Volkes. Die Grösse des Augenblickes liegt in der Grösse der Gefahr, weil die Not, die das Leben der Menschheit beherrscht, bald auch für das jüdische Volk verderbenbringend werden könnte. Redner ist der Meinung, dass der sittliche Verfall nicht so grosse Dimensionen angenommen hätte, wenn die AgudasJisroel früher gegründet worden wäre. Doch es bestehe nun die Hoffnung, dass alle Gleichgesinnten sich jetzt, nachdem sie die grosse Wirkung und Bedeutung der Kenessio Gedaulo gesehen haben, der Agudas Jisroel freiwillig anschliessen werden. Es muss selbstverständlich nicht nochmals betont werden, dass beim Anschlüsse keine Kompromisse gemacht werden können, weil die Gesetze der Thora unter allen Umständen zur lebenden Geltung kommen müssen. Wer sich von der Thora entfernte, muss zurückkehren. Wer sich selbst ausschliesst, der wird auch ausgeschlossen. Wie einst Abraham nicht in die niederen Regionen herunterstieg, sondern die Willigen zu sich auf ein hohes Piedestal hinaufzog, so auch die Agudas Jisroel. Alle diejenigen, die durch die Macht der Umstände in sittliche Sklaverei gerieten, haben jetzt Gelegenheit, ihre seelische Freiheit wieder zu erlangen und in den Schoss des Volkes durch den Glauben zurückzukehren. Redner verlangt den Ausbau der Autonomie der orthodoxen Gemeinden Jerusalems. Die Kenessio Gedaulo sei der grösste Schritt seit Jahrhunderten zur Erlangung der Einheit des Volkes. Um 11 Uhr erscheint im Saale der Ger er Rebbe, den die Delegierten durch Aufstehen‘ von den Sitzen ehrend begrüssen. Die nächsten Redner, Rabbiner Atlas aus Schawel und Rabbiner Schuster aus Sokolka, geben Anregungen zu einigen Punkten der Satzungen. RabbinerrN: h u s te r konstatiert den ungeheuren Fortschritt der Agudas Jisroel in den letzten Jahren, dem es zu verdanken ist, dass heute bereits die Lage des Volkes in den östlichen Ländern sich gebessert hat. Delegierte Schmulewitsch begrüsst die Kenessio Gedaulo im Namen der Zeire Jisroel in Litauen und gibt einen Ueberblick über die bisherigen Leistungen dieser Organisation. Die Hauptarbeit wurde auf dem Gebiete des Erziehungswesens geleistet, weil durch die Einführung des Schulzwanges in Litauen der thoratreuen Jugend eine grosse Gefahr drohte. Diese wurde durch die Schaffung des ״Jabneh" behoben. In den Statuten, meint der Redner, fehle es an einer Bestimmung für die Jugend. Die Jugend habe in der Agudas Jisroel eine bedeutende Rolle, denn aus dem Zusammenarbeiten der Gedaulo Hathauro und der thoratreuen Jugend könne der Aufbau des neuen/jüdischen Lebens erstehen. Man müsse daher ein spezielles Jugendamt schaffen, das alle diesbezüglichen Fragen im Einverständnis mit dem Rabbinischen Rate zu erörtern und auszuführen hätte. Mitglied des Präsidiums Delegierter Jakob Rosen 11 eim begrüsst den erschienenen Vertret e r der holländischen Regierung. Als nächster Redner ergreift das Wort Delegierter Friedmann im Namen der Zeire Jisr 0 e 1 in Polen. Trotz der Vernichtungsattentate lebt die orthodote jüdische Jugend in Polen und entwickelt sich zu dem, was sie sein soll, dem Fundamente des geistig hochstehenden jüdischen Lebens. Die grosse Tragödie des Abfalls im jetzigen Judentum kann nur verhindert werden, wenn für die jüdische Jugend seitens der Aguda grösste Schutzmassnahmen getroffen werden, denn die grossten Feinde sind im eigenen Lager, und der Kampf mit denselben ist sehr erschwert. D i e Jugend will keine neuen Wege, sie will nur dem Judentum seine Krone zurückgeben. Und diese ist die Thora. Im Namen der jüdischen Jugend in Polen ist der Redner beauftragt, der Kenessio Gedaulo und der Moezes Gedaulo Hathauro vollkommene Disziplin seitens der jüdischen Jugend in Polen zu versprechen. Redner ist gegen eine spezielle Jugendbestimmung in den Satzungen der Aguda, weil in derselben kraft ihrer Tendenz endlieh die Vereinigung beider Geschlechter, der Väter und der Söhne, stattfindet. (Stürmischer Beifall.) Mitglied des Zentralrates Herr Wolf Pappenheim, Wien, ergreift das Wort zu einer persönlichen Erklärung, in der gegen die Verleumdung der Aguda protestiert wird und die Warnung ausgesprochen wird, das Treiben gewisser zersetzender Elemente, die sich neuerlich in der Partei ״Achdus Jisroel“ zusammenschlossen, entsprechend zu behandeln. Der nächste Redner in der Debatte, Oberrabbiner Dr. Munk, Berlin, ist beauftragt, sich im Namen der deutschen Landsmannschaft zu den Statuten zu äussern. Die Lage der Judenschaft in Deutschland ist durch die Uneinigkeit sehr schlecht geworden. Die Kräfte, die zur Abwehr der Angriffe auf das Judentum benützt werden sollen, sind durch die herrschende Zwietracht gering, deswegen müsste Seite 259 \ 1 ■ ׳׳־■׳־? unter allen Umständen Einigkeit erreicht werden. Dil Arbeit in Erez Jisroel dar! sich! nicht nur auf da! Land beschränken, es muss auch seitens der Agudi die richtige Politik geführt werden. Alle diese Punkt* müssten in den Satzungen formuliert ,werden; Rabbiner Dr. Munk betont jedoch, dass in de* Satzungen nur der Geist der Thora herrschen muss; Die Politik und die Arbeit muss mit e i g e n e n K r ä׳f« ten aus eigenen Mitteln geleistet werden. Der nächste Sprecher, Rabbiner Dr. Unna ‘Mannheim, ist gegen den Charakter einer Kampf«' Organisation,, die von gewissen Seiten der Agudaj Jisroel aufgedrängt werden will« Positive Arbeit kann nur während des Friedens geleistet werden Redner ist gegen die Vergrösserung der Klufi zwischen dem politischen Nationalismus und dei Weltorthodoxie. Der Paragraph 5 müsste geänderf werden, weil er die Misrachi und andere Parteien von der Arbeit ausschliesst. Die Folgen einer solche!* Politik wären in der Zukunft sehr verderblich. Delegierter Jakob Rosenheim stellt im Namen des Geschäftsführenden Ausschusses fest dass durch Aufstellung des Paragraphen 5 weder ein« zelne Personen, noch einzelne Organisationen verdächtigt gemacht werden und der Mitarbeit anderer nichts im Wege ist. Jedoch wird schärfster Protest gegen alle vergangenen und zukünftigen Presse- Verleumdungen eingelegt und jedwede in Form von Komentaren missdeutete Erklärung energisch abgelehnt. Agudas Jisroel kennt kein höheres Ziel, als das ganze Volk durch die Thora in Agudas Jisroel zu einen. Es müssen jedoch zwei Einschränkungen gemacht werden. Im Geiste der Verfassung und mit Rücksicht auf die äussere Lage muss die Neuaufnahme! von Mitgliedern autonom bleiben. Wer positive Arbeit leisten kann, kann Mitglied der Aguda werden. Ist aber seine Seele nicht vollkommen geeint in dem hohen Bestreben, so kann er allerdings keine führende Stelle einnehmen. Die Seele der Misrachisten ist verhetzt. Es ist kein Hass seitens der Agudas Jisroel, sonder primitivste Notwendigkeit, ihre Ideale und sich selbst stark zu erhalten. Misrachi wird noch einmal der AgudaJisroelDank w. i s s e n, dass es ihr gelang, die Thora zu e■(.׳h ad ten und ihre Herrschaft zu verbreiten. Sejmdeputierter Kirsch bäum, Warschau, polemisiert mit den Ausführungen des Delegierten Dr. Unna. Es sei ein Irrtum, dass im anderen Lager ein Friedenswille vorhanden ist. Vom Gegenteil konnte man sich unzähligemale überzeugen. Man kann über den Geschäftsbericht keine Dis-' kussion eröffnen, weil die ganze Tätigkeit seit Kattowitz eine aufopferungsvolle und herrliche Früchte’ tragende gewesen ist, aber schliesslich und endlich doch die Tat einzelner Privater, Was iedoch von dieser Seite geleistet worden ist, ist gewaltig, denn' die Frucht dieser Arbeit war eben die grosse geschichtliche Stunde, in der die Kenessio Gedaulo zusammentreten konnte. Redner stellt daher den Antrag,' dem bisherigen Geschäftsführenden Ausschuss Dank und vollkommenes Vertrauen auszuspreeben..Die Delegierten erheben sich von ihren Sitzen und stimmen per Aklamation diesem Anträge zu. Der. nächste Redner Rabbiner Kalmanowitsch, Rakow, belnängelt die Vorlage des Geschäftsberichtes in jüdischer Sprache« Die Kenessio Gedaulo ist die beginnende Rennaisance des jüdischen Volkes. Ausgehend vom Zitat ,naase wnischma“ hofft Redner, das von nun an die Welt dem Worte der jüdischen Orthodoxie Gehör schenken wird, und das thoraatreue Judentum sich zur Tätigkeit aufraffen wird. Was bis jetzt geschehen ist, waren nur Taten einzelner Personen. Gemessen an ihrer Grösse, tat die Organisation Weniges. Redner gedenkt der verfolgten Brüder in Russland und legt der Kenessio Gedaulo eine Protestrevolution .vor, die einstimmig angenommen wird. Das Wort ergreift hierauf Rabbiner L e w i n, Sambor. Das Ziel der Aguda ist kein Partek-weck. Wir haben das Recht, zu behaupten, dass wir das Judentum sind, denn ohne uns gebe es kein Judentum. Es würden nur einzelne Parteien vorhanden sein, die Parteizwecke zum Ziele haben. Und weil eben die Verantwortung so gross ist, müssen auch die Mittel vorsichtig gewählt werden. Man muss das orthodoxe Judentum speziell und das gesamte Judentum im allgemeinen durch Milde und Liebe zum nationalen Leben erziehen, denn die Uebergabe der Thora am Sinai war die grösste Friedensmanifestation. Von diesem hohen Standpunkte aus ist der Paragraph 2 der Satzungen unrichtig stilisiert, weil er missdeutet werden könnte. Nicht Anschluss wollen wir erzielen, sondern Vere i n i g u n g. Das Attentat, das jetzt in Polen vorbereitet wird, indem man in den Gemeinden die Religion von der Autonomie ausscheiden wird, ist eine grosse Be-• drohung der Existenz des Volkes. Agudas Jisroel darf sich nicht in Politik einlassen, denn Politik dient nur schlechten Zielen, und wo Politik ist, ist Lüge. Dort wo aber Wahrheit ist, herrscht Friede. (Stürmischer, lang andauernder Beifall.) Während der kurzen Aussprache des nächsten Redners, Oberrabbiner Koloman W e b e r aus Pistyat״ im Namen der tschecho-slowakischen Delegation, kaa

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