Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- Sonderausgabe 3 (20.8.1923)
- Date
- 1923-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 7m es zu einem brausenden Begeisternngsansbruch für denselben. Rabbiner Koloman Weber wandte sieh gegen die Verleumdungen, die vom gegnerischen Lager in die Welt hinausgetragen werden, besonders dadurch, dass man von der Agudas Jisroel die Aussaat der Uneinigkeit vorwirft. Es ist nicht Uneinigkeit, wenn man keine Kompromisse machen will. Man kann keine Kompromisse machen, weil man dadurch das Heiligste in seinem Bestände gefährdet. Als Korah mit seiner Rotte auftrat, •wurde ihm seitens Mosche Rabeinu auch nicht die kleinste Rücksichtnahme entgegengebracht. Redner schloss mit aus Herzen kommendem Zitat der Bekenntnisformel. Der nächste Redner in der Debatte, Oberrabincr Hagaon Eli a Klatz.k i n,. Lublin, vergleicht die Kenessio Gedaulo mit einem Konsilium von Aerzten, das mit vereinten Kräften den kranken Körper retten will. Der kranke Körper ist die Thora• Zuerst müssen wir den Körper reinigen״ eine grünclliehe Desinfektion des Körpers vornehmen. Erst dann können wir an die Kur herantreten. Redner verlangt grösstmöglicliste Unterstützung der Gelehrten und Rabbiner in Form eines M a a s s e r s, weil diese eben die Pfeiler sind, die das Judentum tragen. Rabbiner Kestenberg aus Radom spricht im Namen der grössten Organisation in Polen, der aus Pabjanicc. Die schlechte Lage der R a b b 0n i in Im Kriege und in der Nachkriegszeit• wurde von anderen Parteien und besonders von Misrachi a u sg c 11 ti t z t. Itn Kriege brachten die Rabbiner die grössten Opfer, und es ist Schuld des religiösen Judentums, wenn ihre Lage so schlecht ist, dass die Feinde dieselbe ausbeuten können. Redner verlangt, dass die Kenessio Gedaulo einen speziellen Fond für die notleidenden Rabbiner ins Leben rufen• Die Teilung in den jüdischen Gemeinden Polens darf nie zur Tat werden. Das Judentum wäre in diesem Falle wie ein Golem, der ohne Schein! Hainforcsch, ein toter Lehmklumpen ist. Redner lenkt die Aufmerksamkeit der Kenessio Gedaulo der Frage der Organisierung der j ü d isehen Handwerker im Rahmen der Agudas Jisroel. Stürmisch begrüsst, betritt die Tribüne der grosse Führer der jüdischen Massen im Osten, die in grosser Liebe und Treue an seiner geheiligten Person hängen, der Gerer Rebbe, Rabbi Mendel Alter. Mit einen Zitat aus Rabbi Jona beginnt der grosse Führer seine mahnende und zugleich tröstende Ansprache. Die Männer der ersten Kenessio Gedaulo .haben blösS durch die Zusammenkunft das Judentum gerettet. Doch! nicht nur fn der Gesamtheit liegt die grosse Tat. F! jeder Einzelne müsse sein Leben nach den Gesetzen der Thora einrichten nur so die einzelnen Bausteine zum Neubau des jüdischen Lebens zu bringen. Die Tat der heutigen Kenessio Gedaulo ist der gewaltigste Kidusch Haschern seit langen Jahrhunderten. Wer sich von ihm fernhält, lehnt auf sich den grössten Unsegen. Es muss ein Ruf an das ganze Judentum ergehen, sich urn die Fahne der Agudas Jisroel' zu schaaren. Die Lage in der sich das jüdische Volk befindet, erheischt separate Behandlung der Situation in jedem Lande. Die Erziehung der Jugend muss die grösste Aufmerksamkeit zugewendet werden. Mit der Bitte um baldige Hilfe schloss der Gerer Rebbe. Das Auditorium verharrte während der ganzen Ansprache des grossen Führers in andächtigster Stille. Als der Gerer Rebbe seine Ansprache beendet hatte, erschollen brausende Jchirufe und es war schwer die Wogen der Begeisterung einzudämmen. Nach eingefretener Ruhe wiederholte der Sanoker Rabbiner Sejmdeputierter Schapira die Worte des greisen Mannes. Das Wort ergreift Oberrabbiner Dr. Ritter — Rotterdam ־— Wie jedem Lebewesen, hat G-tt bei der Erschaffung der Welt auch allen Völkern und Nationen die Grenzen und Ziele zugewiesen. Das jüdische Volk ist deshalb auserwählt, weil es die Verherrlichung des Ewigen und die Wahrung der Erkenntnis seiner Grösse, unter den Menschen zugeteilt bekam. Nichts mehr und nichts weniger ist das jüdische Volk als das Band, das G-tt mit der Menschheit verbindet. Und deshalb dürfen wir nicht kämpfen, sondern lieben. Nicht nur Liebe zu den Eigenen sondern auch zu den Feinden. Es sind alle Verwirrte die einstrnals zu uns kommen werden. ln vorgerückter Stunde teilt der Präses mit, dass sich noch 18 Redner zu Worte gemeldet haben, die jedoch erst Sonntag zu Worte kommen können. Auch der greise Führer des Volkes C110 f ez C h a i m bat vor Eintritt des Sabbath den Versamme.ten einige Worte sagen zu können. Delegierter I. M. L e w i n aus Warschau betont, dass es gar keine Meinungsverschieden־ hei teil über das Programm der Agudas Jisroel geben kann. Wir laden alle ein, einzutreten. Wer fern bleibt, wird die Schuld sich zumessen müssen. Vom brausenden Jubel begrüsst besteigt die Tribüne der Chofez Chaim. Seine Worte sind nur den Nächsstehenden hörbar. Und der grosse Saal ist erfüllt von der Heiligkeit dieses Mannes. JÜDISCHE PRESSE Seine schwache Stimme, sagt der Chofez Chaim ist kein Hindernis, wer hören will, der hört. Aus seinem eigenen Leben erzählt der heilige Mann eine Anekdote, die seine späteren Ausfübrungen beleuchten soll: Vor einigen sechzig Jahren •besuchte Zar Alexander 11. die Gegend tun Wilna. Wie staunten die Menschen, als sie erfuhren, dass die Sorge um die Sicherheit des Kaisers, je nach den Gebieten, in denen er sich aufhielt, den entsprechenden Menschen zugeteilt wurde. So hatte beim Eintritt in das Gouvernement der Gouvern eu r die Verantwortung für die Sicherheit des Kaisers und seiner Begleitung. Als der Kaiser in den Bezirk kam wurde der Bezirks hauptmann njit dieser grossen Aufgabe betraut. Beim Eintritt in das Stadtgebiet, der B ü r g e r m e i s t e r, ja der kleinste Vorsteher eines elenden Dorfes hatte dieselbe grosse Verantwortung wenn der Kaiser durch sein Dorf fuhr. Die Menschen, die das erfuhren wunderten sich. Doch mit Unrecht Jeder in seinen Grenzen und auf seinem Gebi ete hat die gleich grosse Verantwortung. Nicht der Rang bildet die Grösse des Menschen, sondern die Grösse der Verantwortung. So sei es auch um die Hüter der G-ttesehre auf Erdep bestellt. Zuerst war es Moses, der Hüter der Ehre G-ttes auf Erden gewesen. Seine Nachfolger waren geringer als er, doch immer noch unendlich grosk. Die Richter, die Könige, die Tanajim und alle Schriftgelehrten, sie waren auch alle im Vergleich mit den heutigen Menschen gewaltig gross. Doch jedes Geschlecht hat die Pficht die Ehre G־ttes auf Erden zu bewahren und so kam es, dass in unserem Geschlecht jeder einzelne Jude dieselbe Verantwortung tragen muss. Doch wird die Menschheit jedesmal schwächer und schwächer. Und deshalb müssen sie sich vereinen, um gemeinsam die Last trügen zu können. Und diese Vereinigung ist der Sinn der Agudas Jisroel. Begonnen muss werden. Wenn es nur ein ganz kleiner Anfang ist wird Gott ihn schon ausreifen lassen. Wie gross muss unsere Freude sein, wenn dieser Anfang — die Kenessio Gedaulo — so gewaltig ist. Wir müssen nur unsere Pflicht erfüllen und den starken Willen bekunden, denn wenn Juden wollen, wird dfer Himmel auch wollen. Man darf sich nur nicht fallen lassen. Das Gebet und die Erfüllung der Mizwoth werden unsere Busse leichter machen. Man muss klar wissen wie es um einen bestellt ist. Nicht wissen hilft nichts und dann kann sogar unser kleines, schwaches Geschlecht mehr bewirken, als das Geschlecht der Helden, ja sogar die Erlösung herbeiführen. Finsternis erfüllt die Welt. Doch wie in einem finsteren Zimmer die Dunkelheit nicht durch physische Kraft behoben werden kann, so kann auch das herrschende Chaos unserer Tage nicht durch physische Kraft und Kampf behoben werden. Ein kleines Licht muss angezündet werden und alle Dunkelheit weicht. Wie glücklich müssen wir sein, wenn wir so ein grosses Licht wie das Licht der Thora anzuzünden in der Lage sind. Das jüdische Volk ist wie ein Vater der nur zwei Kinder hat. Stirbt ihm eines,.so vergrößert sich seine Liebe zum andern, cR...F wenn er alt ist, der eine die Kraft hat, ihn so zu stützen, wie es zwei Kinder könnten. In Russland werden die Kinder des Volkes ausgerottet. So wendet sich das Volk hierher, wo das andere Kind ist und erfleht hier Hilfe. Wir dürfen das Volk nicht enttäuschen. Friede, Verbreitung der Gottesiehre und Vermehrung der Ehre Gottes, wird das Volk erretten. Als der heilige Greis seine Ansprache beschloss, erhob sich ein neuerlicher Beifallssturm, der wieder ein Beweis war, wie gross die Liebe Aller zu diesem Manne ist. Zu einem kurzen Schlusswort, ergreift das Wort der Präsident des Tages Sejmdeputierter Rabbiner Schapira. Die grössten Gegensätze :m Judentum sind endlich zusammengekommen. Eine Utopie —־• die Kenessio Gedaulo — ist Wirklichkeit geworden. So kann ein starker Wille die Phantasie zur Wirklichkeit umwandeln. ן Ft-incD 11!;! Zersiöhrer hat bis nun gefehlt. DU i Einheii ל front ist heute da. S» e heisst Aguda; j |isroc!. Und die Zentral!: raft, die alle Organa mi׳ frischem Finte speisen soll, ist die Kenessio Gedaulo Sic lebe hoch! Den glänzenden Ausführungen Oberrabbin('r; Schapiras folgte die ganze Versammlung ־,ni grösster Aufmerksamkeit und Gcnugtung. Jede? neue Wort löste Stürme des Beifalls aus. Als ei seine Rede beschloss dankte ihm das ganze Audi• torium mit einem einstimmigen Jascher Koach. Die Sitzung endete um 4 Uhr nachmittag? und die Delegierten verliessen dass Kongressge• bäude um den Sabbath würdig zu empfangen. — z. yXv IÄ.W1 Erhebende Momente. Die Freitag-Vorrnittngssftzung, die ohne Unterbrechung bis halb 4 Uhr nachmittags gedauert hat, brachte den ,.grossen Tag“. Nicht die Eröffnungs•* Sitzung, deren feierliche Grösse infolge der Dimension des- Riesensaales und der schlechten Akustik nicht voll zur Geltung kain, nicht die Donnerstagsitzung, die durch die Umgestaltung des Saales viel litt, erst die Freitagssitzung brachte den grossen Erfolg. Wie der Freitag im jüdischen Leben ein Tag ist, an welchem auch für den Scbabbos diel Nahrung vorbereitet wird, so hat jeder Teilnehmer der' Freitagssitzung, seine Seele mit Stimmutnigen vollsaugen können, die fiir lange Zeit ausreichen werden. Dieser Freitag brachte erhebende Momente, die sonst kaum nooli in dieser Fülle der Erhabenheit eine jüdische Versammlung auf den höchsten Gipfel einer seelischen Entzückung em-i porgehoben haben. Alles was berühmte •und gedankenreiche! Redner an Wirkung erzielen konnten, verblasste in dem Augenblick, als der Rabbi von Gora Kalwarda die Rednerbühne der Kenessio Gedaulo bestieg um eine An-! spräche an die Versammlung zu halten. Für die hundert-» tausende der glaubcnstrenen Juden kann kein bessere!' und sicherer Gradmesser fiir die Bedeutung und moralisch* W'i'kuog deT Kenessio gegeben werden, als der Umstand, dass der Gerer Rebbe in einer grossen öffentlichen Ver* Sammlung die Rednertribüne betritt. Die Kenessio wird von diesen Heroen für einen so gewaltigen Kfdusch haschem gehalten, dass sie gerne zu dieser Gelegenheit herbeieilen, um auch mit ihren, in Versammlungen noefj selten vernommenen Worte den Mitgliedern dieser grossen Versammlung die Grösse desAugenbliokes bewusst zu machen^ Der Gerer Rebbe ist auch der Bedeutung seiner Worte bewusst, er liest aus einem Konzept und mit lebhaften Gesteh gibt er seinen Worten, in denen er Jeden beschwört, an der heiligen Arbeit mit ganzem Können sich zu beteiligen; einen gewichtigen Nachdruck. Wir haben geglaubt, dass' /lun die Freitagssitzimg durch diese Emmziation den Höhe- Punkt erreicht hat. Es kam aber anders. Am Schlüsse der* Sitzung vor Schäbboseingang hat der Gliofez Gliajim noch? einmal das Wort ergriffen, um aus der moralischen Energiej welche die Seele dieses 80jährigen Greises mit jugendlichen Spannkraft erfüllt, gewaltige Ströme von Mussar und G-ttestfurdht auf <Me entzückten Zuhörer niederfluten zu lassen. Es zitterte in seinen Worten die Angst, vielleicht sind die Delegierten nicht der Grösse des Augenblicks voll und ganz bewusst. Es könnte der grosse Augenblick der jüdischen Geschichte, wo unserer Generation die wunder-1 samc Gelegenheit geboten wird, ״mekudosch haschem“ zu sein, mit den schwachen Kräften eines flüchtigen Menschen die Ewigkeit zu erfassen, ihr für kommende Generationen bleibende Werte abzugewinnen, unbenutzt vorbeieilen. Er spricht eindringlich, mahnend, bittend um nach einer einsti'mdigen Rede zur höchsten Secligkeit jüdischen Empfftudens empor zu heben. Der Vorsitzende der Vormittags- Sitzung,. der Oberrabbiner von Sanok fühlt instinktiv die' Bedeutung des historischen Momentes. Den geschäftsmassigen Antrag für die Leitung Vertrauen oder Miss-׳ trauen auszusprechen, gestaltet er mit sicherer Hand fiir eine Demonstration, nicht so sehr persönlich für die Führer; zu denen er selber gehört, sondern fiir die Kenessio Gedaulo selbst, die an und fiir sich eine historische Leistung! im Leben der thoratreuen Judenheit van der gewaltigsten und segensreichsten Wirkung zur Aktivierung der unaus-1 schöpflichen Kräfte der thoratreucn Judenheit sein wird* ]'■ •׳י-ל׳ן יי•י■!•; w!׳rde der Empfang der Königin Sabbath so herrlich vorbereitet. Ttülfen. Italien duldet keine antisemitische Wühlarbeit. Wie aus Rom gemeldet wird, hat die 13. Sektion des römischen) Gerichtshofes den Priester Don Giovanni Pxeziosi, den; Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift ״La vi-ta italiana“, welcher sich durch etliche Hetzkampagnen, besonders aber durch seine Uebe-rsetzung und Verbreitung .der ״Weisen von Z1011“ unangenehm bemerkbar machte, wegen Verleumdung zu einem Jahr Kerker verurteilt. Auf Grund einer genauen Prüfung der inkriminierten Schriften1 hat der Gerichtshof u. a. erklärt: ״Diese Zusammen- Stellung phantastischer Auffassungen, diese radikale Umkchrung der Tatsachen, die mit Zugaben und einer gewollt In Adam dem ersten Menschen war das ganze Wesen der Welt enthalten. Sein Kopf war aus dem heiligen Humus Erez Jisroels geschaffen. Sein Körper aus der Erde Babels und die Glieder aus den anderen Teilen der Erde. So ist auch die Thora aus allen Teilen der Welt zusammengestellt. Die Mischna, der Kopf entstand in Erez Jisroel, der Talmud, der Körper in Babel, die Teile in den verschiedenen anderen Ländern der Welt. Raschi in Frankreich, Rambam in Spanien, Toisfes in Deutschland, Maharam in Russland, Maharasch in Polen. So kamen hier aus allen Teilen der Welt Glieder des jüdischen Volkes zusammen um das jüdische Volk neu aufzubauen. Und ihr fester Wille ist, sich bis zum letzten Atemzug der Idee zu opfern. Die Kenessio Gedaulo ist Uebergang vom Wochentag zun! Feiertag. Sie ist Kidusch Haschem. Eine einheitliche Front gegen alle falschen und feindlichen Version ausgesclinuickt werden, ist nicht das Werk einer leidenschaftslosen Beurteilung, nicht der Ausdruck gerechter Entrüstung über die Verletzung sozialer Interessen: es ist ein willkürlicher Angriff auf fremdes moralisches Eigentum, mit der ausgesuchtesteri verleumderischen Absicht.“ Dies Urteil bestätigt, was auch andere Mitteilungen besagen, dass Italien darauf bedacht ist, den pseudowissenschaftlichen wie den polltisehen Antisemitismus Im Keime zu ersticken. Von dieser1 Giftblüte will es verschont bleiben. Glückliches Italien!,!1! Jüdische Weltkriegserlonerangen l!l : ferner Orden, Bankengeld, Münzen, Notgeld, Schlackten- ’־ bilder zu Land, Wasser und Luft, Briefmarken und vieles [ andere. 6000 Beiträge. Zu besichtigen täglich 7—8 Uhr abends, Samstag, Sonntag ganztägig. ftTBRKf, Baden'• bei Wien, Braitner&trasee 99. Nähere■ aas Oef. , bei H. Beleg. Ober-Rabb. Sohaplra, Wien, IX., Franzensbrdokenatraase 22/6, Harlig.