Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- Sonderausgabe 2. (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 254 JÜDISCHE PRESSE 2. Sonderausgabe« Reichtums und darf sich seiner freuen, solange das In der ת ו ר ח wurzelnde Einheitsbewusstsein alle diese Organismen erfüllt, solange keiner von ihnen das Band treuen Gehorsams zerreisst, das ihn an den von der תורה belebten Gesamtkörper ewig und unlösbar nach Gottes Willen geknüpft hält. Stellt die Landesorganisation im gleichen organischen Verhältnis zum Ganzen wie die Einzel-Kehilla oder die Ortsgruppe zum Lande, wie die Familie zum höheren sozialen Organismus, wie das Individuum zur Familie, so kann über das Grundgesetz des sittlichen Handelns im Geiste der Agudas Jisroel kein Zweifel sein. Dass der Egoismus des Individuums die Ursünde aller Sünden ist, wer möchte es in Frage stellen? Aber es gibt auch einen Familien- und Kehilla- und Landes-Egoismus, der sittliche Antriebe in ihrer masslosen Verstärkung zum Unsittlichen wandelt, und dessen völlige Ueberwindung die Vorbedingung für den Bestand und die lebendige Entwicklung Agudas Jlsroels bildet. Und wie die Selbstsucht des Einzelmenschen nimmermehr durch Ueberredung oder Verhandlungen zu bannen ist, sondern nur hinschmilzt im Feuer der אהבת ד{״ und אהבת הבריות im Sturm der Hingabe an G־tt und die von ihm geschaffene Welt, so wird auch Agudas Jisroel zur wahrhaftigen Einheit ihrer Glieder an jenem Tage erstehen, an dem alle ihre Gemeinschaften in den die Seele der Aguda bildenden גדולי התורה und den von der Gesamtheit erkorenen Vollstreckern des Thorawillens die Symbole des ישראל גוי אחד בארץ/ die Vorzeichen des השיבה שופטינו כבראשנה ויועצינו כבתחלח erblicken und — so innig lieben werden, wie man nur je in den engen Stuben der Ghetti im Dämmer des Sabbatabends Elijohu hanowi und den ersehnten Moschiach geliebt. So erhebe sich denn ״Agudas Jisroel“: a) inmitten der Menschheit als der von G-ttes Geist belebte Organismus des Thoravolkes; — b) inmitten der Gesamtheit der von jüdisehen Müttern Geborenen als leb endig es Zentrum, das alle noch lebensfähigen Zellteilchen mit unwiderstehlicher Lebensgewalt an sich heranzielit; — c) über ihren Einzelzellen, den ihr aangehörenden jüdischen Individuen aber als ewig lebenspendende Kraftquelle, die ihre Kinder in ihrer Schwäche erhebt und umfasst, sie zur höchsten Weihe und Lebensheiligung emportragend, a. Das jüdische Volk als Träger des G-ttesnamens mitten unter den Menschheits- 51־ ationen zu fühlen, wird dem Juden an jedem ^Morgen, da er sich zur Alltaigsarbeit rüstet, in hinjreissenden Worten gelehrt: קדוש שמו ברבים; die Anerkennung der alles überragenden Einzigkeit und Heiligkeit des von Israel verkündeten, in Israels (Geschichte offenbar gewordenen Weltenschöpfers durch die Nationen der Erde wagt der elende jüdische Trödler im dunkelsten Ghetto als seligsten Lohn des eigenen bescheidenen Lebenswirkens auszusprelien. Es bedürfte kaum mehr als dieser einen wunderbaren Tatsache, für die jedes jüdische Gebetbuch Zeugnis ablegt, um den im höchsten Sinne weltpolitischen Charakter der jüdisch-religiösen Ethik zu;erweisen. Auf der Bühne der Geschichte, im ,Kreise der Völkerfamilie-n, die als Einheiten erfasst weiden, verwirklicht sich das vom Schöpfer .vorgedachte sittliche Endziel des Geschichtsprozesses, mnd das jüdische Volk weiss sich — ob auch im tiefsten Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit — unjter Völkern dazu berufen, Verkünder der G-ttes-;wahrheit und ihrer sittlichen Konsequenzen zu sein. Und nun, da ein Sterben und Werden von nie;-gekannter Wucht, eine Weltenwende über die Nationen der Erde gekommen ist המו נוים מטו ממלכות ד־-ן da, wie nie zuvor, der Menschheit der Posaunenruf des G-ttes der Geschichte nottäte, der Sohofarruf ,unseres G-ttes, des G-ttes Israelis — da erleben wir ,׳die Tragik tiefster,* entsetzlichster Verkennung des G-ftesvolkes, und wie eine Pest des Wahnsinns rast die Kunde van den für alles Unheil und alles Eilend der Menschheit, für Bolschewismus und Faszismus, für Kriegshetze und Friedensutopien, für Kapitalismus und Sozialismus, für radikalste Lösung und tyrannischste Bindung allein verantwortlichen Juden über die Erde! Dürfen wir vor solich ungeheurem, mit dem Blute unserer Brüder und Schwestern, unserer Söhne und Töchter bezahlten Widerspruch nicht כאומנות אבותנו aufschreien zu unsrem G-tte: לא לנו ה״ לא לנו בי לשמך תן כבוד! Die Ehre G-ttes׳ Ehre G-ttes ist es, der ״Agudas Jisroel“ ihr ganzes dessen Name verknüpft Ist mit dem seines Volkes, die Wollen weiht, wenn sie sich unterfängt, den Organismusdes vom Thora ge ist beseelten geschichtlichen jüdischen Volkes vor den Nationen der Erde wiederaufzurichten. Dieser Organismus des G-ttesvolkes wird es nicht dulden, dass seine Glieder wie anonyme, wurzellose Individuen vor den Toren der Gescbichtsnationen die Brosamen fremder Kulturen aufsammeln, aber er wird sich in seiner Physiognomie wie in seinen Lebensfunktionen auch aufs schärfste scheiden von allem, was an die lnteressenpolitik der Sfcaatsvölker, an das Ringen tun Boden wri HflsdSg on do& äw Mond nnä Gier, nationale Machtstreben der politischen Nationen erinnert. Das Fleckchen Erde selber, dort an der Scheide zweier Welten, das der Schöpfer seinem Volke als irdisches Piedestal seiner Herrlichkeit zugeeignet, und nach dem jedes wahrhaft jüdische Herz in glühendem Heimweh bangt, dieses Fleckchen Erde selber, als der Stätte der Schee hina des jüdischen Volkes, und durch sittliche Mittel allein, als Preis innerer Heiligung und vollendeter Teschuwa zu G-tt und seinem Gesetze wird dem jüdischen Volke die verheissene Wiedervereinigung mit seinem Mutterboden zuteilwerden. Mehr als je tut es not, dass dieses wahre Wesen des Thoravolkes, wie es Jahrtausende tief in den Herzen der עבדי ה״ gewohnt, der den Augen der Menschheit sich entfalte. / Die Geschichte selber hat das jüdische Volk mitten in schwerster Mensohheitskrise aus dem Dunkel der Ghetti a׳uf die Bühne der Weltpolitik gezerrt; gilt es nach dem unerfoTsohlichen Ratschluss G-ttes das Martyrium dieser weltpolitischen Verstrickung zu tragen, dann ists die historische Aufgabe .der zur organischen Einheit um die Thora sich sammelnden jüdischen Massen, den wahren Charakter dieser Einheit vor aller Welt zu zeigen, den uralten Begriff des קדוש שם שמים ברבים des הודיעו בעמים עליליתיו des כי אתן אתכם לשם ולתהלה mit den technischen Mitteln der Organisation zu verwirklichen und damit sich selber und der Menschheit den Weg zum verlorenen Paradies zn ebnen. Aus diesen Prämissen ergeben sich die grossen Grundsätze, auf denen die Aussenpolitik der ״Agudas Jisroel“, ihre Beziehungen zu den Mächten der Erde, sei es in den Ländern des Golus, sei es mit Bezug auf Erez Jisroel, ihre feste prinzipielle Grundläge findet. Im Namen G-ttes, des Königs der ganzen Erde, darf das jüdische Volk sein Lebensrecht auf dieser Erde fordern; zum bescheidenen Verzicht und zu opfervoller Leistung allezeit und alleroTten bereit, wo es sich um eigenen Vorteil, um Macht und Einfluss, um persönliches oder nationales Prestige und äussere Geltung handelt, unbeugsam ringend aber und von stolzer Unbesiegbarkeit, wenn die sittlichen Lebensguter auf dem Spiele stehen, die Israel für sich und die Menschheit durch die Zeiten zu tragen hat: die Erkenntnis und Erfüllung des G-ttesgesetzes, der Aufbau der jüdisehen Gemeins cliaf t und die Erziehung der Jugend im Geiste dieses Gesetzes, die Wiedergewinnung Erez Jisroels als gesegneter Stäjt׳te jüdischer Pflichterfülilunig, die stille Kärrnerarbeit am Wiederaufbau des Gottesreiches auf Erden. b. ״Agudas Jisroel“, als beseelter Organismus des Thoravolkes: unter den Völkern hat sie den Namen ihres Einzigen zu verkünden — aber noch •harrt ihrer im eigenen Innern die Aufgabe der Selbst- Vollendung, die Einbeziehung aller, die das organische Band zum jüdischen Stamme nioht völlig zerrissen haben, in die a k t u e 11 e o r g a n i s a 10 r isehe Einheit, die potentiell durch die Geburt von einer jüdischen Mutter geknüpft ist. Wer zählt die warmen jüdischen Herzen, die in der eisigen Umklammerung der europäischen Kultur für G-tt und seine Thora zu schlagen aufgeliört, seitdem aus dem Gesamtkörper des jüdischen Volkes vor mehr als hundert Jahren das Leben entfloh und sein Leichnam schutzlos preisgegeben dalag, dem יצרא דע״ז in seinen tausendfältigen Wirkungsformen? All die irrenden, suchenden Seelen, die aus ihrem heissen Blute die Stimme der Väter, die Stimmen Awrohoms, Izchoks und Iaakauws sprechen hören und ihren Ruf nicht verstehen können, weil ihre Sprache ihnen fremd geworden ist — für sie alle ,soll der sioh zu neuem Leben erhebende Organismus des jüdisehn Volkes Antwort auf quälende Fragen sein. Wagen wir es nur, תורתנו הקדושה, des lebendigen G-ttes Wort, zäum lebenzeugenden Kraftzentrum eines Organismus zu erheben, stellen wir, wie in den Tagen der ersten Wüstenwanrierung, die Lade des Gesetzes, durch ״Agudas Jisroel“ mächtig emporgetragen, wiederum in den alles beherrschenden Mitt e 1 p u 11 k t des jüdischen Volkslebens, dann wird sich auch an uns das grosse Wunder alles organichen Lebensbaues vollziehen: aus allen Enden der Erde werden sich die wähl verwand ten Zellkeiime um den neu gesetzten Kern zusarnmenschliessen, und im innigen Anschluss an den grossen lebendigen Organismus, in dessen Innern das Licht der Thora glüht und leuchtet, lösen sich den Söhnen und Töchtern des jüdischen Volkes die sie bedrängenden Rätsel des Daseins, fühlen sie die Ströme des durch die Jahrtausende rinnenden g-ttverbnndenen jüdischen Lebens auch in. ihren Adern neue Kraft entbinden — ולא ידה ממנו ־ נדח— und an den ״klammernden Organen" des von der höchsten Einheit, von ה״ אלק״ ח״ אחד zusammengehaltenen nationalen Organismus scheitern alle rationalistischen und triebmässigen Versuchungen, die ihm in den schweren Jahrhunderten der Desorganisation seine Kinder so oft auf Nimmer- Wiedersehen geraubt hatten. Auf welchen Wegen Agudas Jisroel diese Wirkungen ihres blossen Seins durch bewusste, nach ms&sngerichtete firzieha«gsfiolitik m mi* stärkten Geltung kommen lassen kahn, was sie zu tun hat, auf dass der reinste, ungetrübte und unver-, mischte Thorageist dereinst alle Schichten des jüdisehen Volkes vor der Geburt bis zum Grabe durchdringe, das auch nur in den allgemeinsten Grundzügen darzustellen, überschreitet für heute den Rahmen meiner Aufgabe. Das aber ist auch an diesem Punkte unsere tiefste, geradezu die Voraussetzung des Aguda-Gcdankens bildende Ueberzeugung, dass alles Heil der Zukunft für das jüdische Volk wie für die Menschheit von der durch G־tteswort und Geschichte eindeutig vorgezeichneten rechten Organisation der רבבות אלפי ישראל abhängt. Von גדולי ושראל geführt und gestärkt, sind wir an das heilige, furchtbare Werk dieser Organisation zagenden Herzens herangetreten; jagendejn Herzens, denn jeder Irrtum im Grundriss des Organisationsplans wäre ein siindhaftes Verpfuschen g-ttlichen Schöpfungsplanes. Die Thora, die ״Lade des Gesetzes“, gekrönt von den Cheruwim, den Trägern der שכינה, sie hat den Mittelpunkt, den zentrierenden Faktor im Aufbau des jüdischen Volksorganismus zu bilden. Das ists, was Agudas Jisroel zwingt, ihr organlsatorisches Werk ganz von vorne zu beginnen und mitten hinein in ein jüdisches Volksleben, das in vollem Zuge der Selbstorgamsation nach anderen, unserer Ueberzeugung nach falschen Organisationsprinzipien begriffen ist, ihr מי לה״ אלי zuzurufen. Und dies, diese aus den tiefsten Tiefen jüdischer Weltanschauung fliessende organisatorische Grund- Überzeugung ists denn auch, was uns heute noch von denjenigen Gruppen unserer an Thora und Mizwos treulich festhaltenden Brüder trennt, die auf anderen organisatorischen Wegen, im individuellen oder •fraktionsmässigen Anschluss an Volks- oder Gemeinschaftskörper, die um andere seelische Mittelpunkte organisiert sind, die Wiedergewinnung ganz Israeljs für seine Thora zu erreichen hoffen. Organisches Wachstum von innen nach aussen, nicht von aussen nach innen, aus dem Mittelpunkte nach der Peripherie, nicht aus einer pheripherischen Sektion nach dem Zentrum hin, ist das Grundgesetz alles Werdens in Natur und Geschachte. Um den gesunden, triebkräiftigen, von der Thora durchleuchteten Zellkern, den ״Agudas Jisroel“ in den Boden der jüdischen Geschichte senkt, hofft sie darum unter G-ttes Segen in allmählichem Waahstu'li alle, alle zu sammeln, die für den willigen Anschluss an diesen Kern negativ durch die Erfahrung der Zeiten oder positiv durch die Anziehungskraft des aus dem Mittelpunkte mächtig hinauswirkenden Thorageistes reif werden. Bis dahin freilach muss ,Agudas Jisroel“ es ihren berufenen Führern in den Ländern der jüdischen Zerstreuung überlassen, die Gesundheit des Zellkernes selber durch 'temporäre Massnahmen, nach dem Vorbilde der חכמי התורה aller Zeiten, vor jeder bewussten oder unbewussten Gefährdung zu schützen. Aber nimmermehr wird sie jemals das Ziel aus dem Auge verlieren dürfen, dass nicht eine Partei der Orthodoxie oder ein Verein der individuell Gesetzestreuen, sondern der zum Leben wieder erstehende Organismus , des durch die Thora geeinten jüdischen Volkes I nb •cg r i f f der Agudas Jisroel-Aufgabe bleibt. c. Was aber hat, das ist die letzte grosse Frage, die es an der Schwelle der neuen Zeit zu beantworten gilt, was hat dieser Organismus denen zu bdeten, die sich in freier Hingebung ihm etnordnen; wie steht ״Agudas Jisroel“ zur jüdischen Einzelpersonlichkeit, zur Jugend insbesondere, die mehr noch als das staturierte Alter ihres individuellen Seins bewusst zu sein pflegt. Lebt nicht der jüdische Mensch, der lernt und übt, mit seiner תורה und seinen מצות unmittelbar vor G-ttes Augesicht, sind ihm die Wege nicht klar erleuchtet und geebnet, um, aus sich selber das Tiefste schöpfend, nach des Schöpfers Willen im Kampfe mit dem Bösen hienieden LeibensvoLIiendung zu erlangen und dann heimzukehren in den Frieden der Ewigkeit?! Was soll meiner unsterblichen Seele all der Aufwand organisatorischer Aeusserlicbkeiten, alle Technik eines gesellschaftlichen Apparates mit seinem mehr! oder minder ertraglosen Aufgebot an Zeit und Kraft, mit seiner die Leistung über die Gesinnung setzenden lärmenden Propaganda, Dinge, die einem auf äussere Interessen gerichteten politischen Gebilde angemessen sein mögen, nimmer aber den Dienern G-ttes auf Erden? Derlei Stimmungen, sowie sie einzelnen chassidäschen Kreisen nicht fremd sind, begegnet man gerade heute auch innerhalb eines Teiles der westliehen Jugend, und nicht des schlechtesten, häufiger. Aber sie dürfen uns in der Erkenntnis der Wahrheit nicht beirren. Wäre ״Agudas Jisroel“ nichts anderes als ein Verband zur Vertretung praktisch-religiöser Interessen, ein Instrument zur Verwirklichung bestimmter politischer, wirtschaftlicher, kultureller Zwecke, dann freilich könnte man zweifeln, ob es denn nun wirklich lohnt, das Individuum mit seinem nnm»tefoajen und uoabbäng&ca V&Mfcuis am Q&