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Jüdische Presse · 1923-08-17 · Sonderausgabe 2. (17.8.1923) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
Sonderausgabe 2. (17.8.1923)
Date
1923-08-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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j; 2. Sonderausgabe._ Wer die aktive Kraft, die herrschende Seele, wer König ist im Organismus, und wie die at\ jene herrschende Einheit gebundenen Glieder zu ein-!ander stehen, zu ihrer Seele und zur Umwelt, das ist die vierfache Frage, nach der sich Tat und Schicksal der Organismen entscheiden, mögen diese Organismen Sternenwelten sein oder Völkerfamilien, Nationen und Staaten öder Vernunftbegabte Einzelwesen sein. Eine ungeheure Krise der Organisation, der Beziehungen der Teile zueinander und zu G־tt, dem König der Völker, war und ist der grosse Krieg, der den Organismus der Menschheit ersphüttert hat, mag auch der tiefste Sinn dieser Krise im einzelnen erst ferner Zukunft sich entschleiern. Vor dem vom Geiste der Thora und der Propheten erleuchteten Auge des Juden steht ja die MenschheitdcrZukunft am Ziele des grossen Kampfes der Geschichte als vollendeter Organismus da, gegliedert in die Fülle der Kulturnationen, eine jede ihre besondere seelische Haltung zur Welt in Wissenscliaft und Kunst, Ethik und Politik als mannigfaltige Offenbarung der Gottesherrlichkeit auf den Altar der Königshuldigung zu Moria niederlegend.?,Und G-tt wird zum König über die ganze Erde; an jenem Tag wird G-tt einzig sein und Sein Name c i n z i g“. Es freuen sich die Himmel, es jauchzet die Erde, da man sagen wird unter den Völkern: G-tt hat die Herrschaft angetreten■ Solange aber diese Gottes 11 errsc 11 aft, deren einheitliche Heiligkeit sich in aller differenzierten Kulturleistung der Völker als כבוד מלכותו widerspiegelt, nicht als שם! als Bewusstsein in den Gemütern der Völker aufgegangen ist, so lange das: ״Gebet G-tt, ihr Familien der Völker, Erkennet G-tt zu seine Offenbarungs- Herrlichkeit und Macht“ Hbroldsruf bleibt, ohne Wirklichkeit zu werden, so lange taumelt der aus Nationen und Staaten als Einzelzellen konstituierte Organismus der Geschiehtsmenschheit von Krise zu Krise. Die Zellen und Glieder ringen in tätlichen, dunklen Trieben halb unbewusst um Weltuntergang, um Macht und Bodenbesitz miteinander und über der zerstreuenden Riehtung auf die W e 11, ist die konzentrierende Richtung auf Gott, auf den gebietenden, regierenden, seelisehen Mittelpunkt des Menschheitsorganismus verloren gegangen. - Geläufiger und klarer als bei dem doch immerhin fernerliegenden Begriffe der Völker ־gemeinschaft, der Menschheit, ist die Wahrheit, die hier vertreten werden soll, der Kampf um die rechte Organisation als Inhalt der Geschichte bei der untersten Gruppe der geschichtlichen Grössen, dem Einzelmenschen. Der jüdische Mensch, der ein Leben lang seinen . Schöpfer segnet, weil er ihn zur Heiligkeit aufgerufen durch seine Mizwos, der in seiner Be- Ziehung zur sinnlichen Umwelt innerhalb und ausserhalb seines eigenen Ichs vordem תור אחרי לב ועין um der קדושת willen gewarnt, aber doch mit tausend ונחגין בדכות תראיח וחשמיעת mit herrlichen Segenssprüchen an die leuchtende,tönende,schwingendeWeltda draussen geknüpft wird, der mit dem Schofarruf des Geistes nach oben gerufen ward zu G-tt,. und doch mit den Fesseln der Mizwos an die Welt gebunden wird, weil es ja gilt, dieser Welt G-ttes Willen aufzuprägen — der jüdische Mensch empfin-!det, dass auch in dieser Spannung der Gegensätze jitn Individuum nichts anderes als die grosse |Weltaufgabe der Vollendung des OrganisationsProzesses zutage tritt: sich selbst zur מרככת לשכינת zu vollenden, nach oben zu I e b e n zu der von G-tt in die irdische Umschränkung gesandten aktiven Seele und nach unten zur W e 11, die in reichster Mannigfaltigkeit von dieser Seele ergriffen, erhoben sein will, ohne dass die Seele in der Welt ertrinkt. Allein nun zeigt sich ein Eigentümliches, ein Zeugnis für die Uebereinstimmung der überlieferten jüdischen Wahrheit, mit dem, was sich dem philosophischen Denken langsam erst als Wahrheit enthüllt. Selbst dort, wo das jüdische Individuum zur Heiligkeit, also zur höchsten' seelischen Erhebung, zur Anähnelung an das Absolute, an G-tt, den Urquell der Heiligkeit, emporgehoben werden soll, heisst es אשר קדשנו# in der Mehrzahl, erscheint es überraschender Weise nicht als Individuum, sondern wiederum als Glied eines höheren Organismus, Glied neben anderen Qliedem, und auch nicht unmittelbar als Glied der Menschheit, sondern als Einzelzelle seines Volkes. Zwischen das Individuum und die Menschheit, beide Subjekte und Objekte des grossen, den Inhalt der Weltgeschichte bildenden Organisation- Prozesses, hat G-tt die Nation gestellt und unter den Nationen, die in tausend Farben-Nuancen das wechselnde Bild organischen Lebens repräsentieren, c i n Volk erwählt, in dessen Mitte — wie n i rgends sonst aui Erden — die organisier ende. Seele,.ni^t Atugeseukt und yjeihaftet allein JÜDISCHE PRESSE in den dunklen Ungründen des Blutes und des Samens, sondern frei leuchtend im hellen Lichte des denkenden Bewusstseins leben und herrschen sollte: das jüdische Volk mit seiner Thora als organisierender Seele. Als Individuum hatte Abraham in freiem Aufschwung der Seele den Weg zu G-tt gefunden, als Individuum, als Familie, als Stamm und Stämme waren seine Kinder, durch die Bande des Blutes, der Familienüberlieferung, des G eschickes geeint, nach Aegyptpn und au! Aegypten gezogen, aber ein Volksorganlsmus ward Israel erst an jenem Tage, da G-ttes Thora von Sinais Höhen in die Mitte der ungegliederten Masse eintrat und der Gliederungsprozess, der Organisationsprozess begann, am ersten Tage des zweiten Monats, als um die das Gotteswort bergende Lade sich die Myrinden der Zehntausende Israels, in Stamitiesgruppcn, Stämme, Vaterhäuser, Familien gegliedert, um die Thora als seelisches Zentrum zum organisierten Körper zusaiumenschlosscn- Da erhob sfcli zum ersten Male im plastischen Bilde organischen Werdens ein Grösseres, Herrlicheres für allen Lauf der Geschichte, als die dem jüdischen Volke verpönte Plastik des in toten Marmor gehauenen menschlichen Einzelkörpers dem ästhcitschen Bedürfnis je hätte gewähren können, da erhob sich mitten im Sand der Wüste, ohne Leben gebärenden Boden unter den Füssen ein ganz von ewigem Geiste gestaltetes lebendiges Volk: חיתך ישבו בד. Das war die Geburtsstunde d£s von G-tt selber organisierten jüdischen Volkes, das war die Geburtsstunde der ״A g u d a s J i s r p e 1“ als ewiger geschichtlicher Aufgabe der jüdischen Menschengemeinschaft. * Wie damals so befindet sich das jüdische Volk wiederum — seit zwei Jahrtausenden wiederum — auf der wehevollen Wanderschaft durch die Wüste; furchtbarer als Sonnenglüt und Wüstensand, Skorpionenbiss und Schlangengift, hat die מדכר תעמיס# die Wüste der Völker an seinem Marke gezehrt. Aber wie damals ists eine Wüsten- Wanderung zum Lande der Verheissung; verdient sein will dessen Besitz durch die hingebungsvolle Vollendung jener grossen organisatorischen Aufgabe, des. A u f b a u e s eines von der Thora belebten Volksorganismus, die wir mit dem teuren, und nun schon geheiligten Namen bezeichnen: Agudas Jisroel. * Nicht die E n t s t e h u 11 g s g e s c h i c h t e der Agudas Jisroel oder des Aguda-Gedankens zu kennzeichnen ist in diesem Augenblicke meine Aufgabe; über die historischen Bedingungen, die den Gedanken haben reifen und Wirklichkeit werden lassen, Ist in Kattowitz und seit Kattowitz genug gesagt und geschrieben worden. Zeitlos, im innersten Wesen des jüdischen Volkes mit Notwendigkeit begründet und in den תלי מדבר bildhaft für die Jahrtausende zum Vorbilde gestaltet, erscheint mir Agudas Jisroel nicht ein Seiendes, sondern ein S e i n ־ s 011 e n d e s, die historische Aufgabe zunächst des Golus- Israel. Will man Agudas Jisroels Wesensart erkennen, so bieten sich demnach zwei einander ergänzende und kontrollierende methodische Wege dar — die ästhetische Anschauungunddie logische Deduktion. Vor unsrem schauenden Auge erheben sich die Lagergruppen der Wüste, in gleichen Abständen peripherisch ein Zentrum umkreisend: die Lade mit dem Thoragesetz, die Stätte der שכינת# und die vor ihm schützend gelagerten כתנים und לולכן — das Ganze das Bild eines Organismus, von dessen Kraftzentrum alles ausströmt, alles gehalten tmd gebunden, alles geeint wird; jedes Glied aber, jede Lagergruppe wieder ein Organismus, nach oben gekettet an den beherrschenden Mittelpunkt des Ganzen, nach unten je drei Stämme einend und diese wiederum ihre Familien und Einzelnen erfassend, die ja selbst bis in ihre Zellen hinab das Bild des Grossen im Kleinen wjederspiegeln, den Geist der schechinagekrönten Thora hinunterleiten bis in die unterste Zelle des Volksorganismus und alles Wollen, Denken, Fühlen der Hirne und Herzen auf den Altar des Thoradienstes in feuriger Opferlohn emportragen. Lässt sich nicht das ganze Kompendium der Aguda-Ideologle, alles was Agudas Jisroel sein, soll, was sie charakterisiert und scheidet, ja in weiterem Sinne, auch was sie durch politisches Wollen zu verwirklichen strebt, ablesen, besser ab-sc hauen von diesem Bilde? Aliein es wird doch wohl nötig sein, auch den zweiten Weg in dieser Stunde zu gehen und analysierend, aus dem Bilde des als geschichtliche Auf* gäbe erkannten Aguda-Organismus sein Programm abzuleiten• Darüber ist kein Zweifel: das Wesen eines Organismus Hegt in seinem beherrschenden Mittelpunkte, seiner Seele. Israels Seele aber ist י— das Bild aus der Wüste sagt es wie die historische Erfahrung der Jahrtausende — seine Thora. Nicht * Seifet»; wie in der Vorzeit um die Lade, die die sterbj liehen Reste Vater Jaakobs barg; nicht wi! die Engel, um die über alles Menschliche erhaben! Wesenheit G-ttes — um die Lade des G e* s e t z e s haben sich die Stämme des jüdischen Volke! zur Einheit zu sammeln, nicht Stammes-! Rassen• oder Volksbewusstsein, ebensowenig die abstrakt! Konfession, sondern Gottes Thora gewordene! Wille allein, der Gesamtkomplex der!1ודד5 הכתובת וחססורד., muss wiederum das Lebensprinzipiutn der alles erfüllende Gesamtwille des jüdischen Volke! werden, das als Organismus in Agudas Jisroel zunj ersten Male wieder seit Jahrtausenden zum Be* wusstsein seiner wahrhaftigen Nationalaufgabe er* wachen will. Dieser Einheitsfunktion des Organismus die rechten Träger zu schaffen, ist die wichtigste Aufgabe der ״Agudas Jisroel“, eine Aufgabe, die — ich betone das mit besonderem Nachdruck — eine Generation nur beginnen, kaum lösen kann. Ab&t bedarf es erst des Nachweises, dass es sich wahr* lieh lohnt, schon dieser Aufgabe allein die gesammelt! Kraft der Besten aus unserer Mitte in unablässigem, zähem, von keinem Misserfolg entmutigtem Schaffe» zu weihen? Unsere גדולי תתורח ותיראה allein, in derer! Geistesleben das g-ttliche Wort organisches Leben gewonnen, deren Fühlen und Wollen in deir Kreisen ihres Volkes als getreuer Ausdruck det Sinai Wahrheit verehrt wird, können die Träger det Einheitsfunktion in Agudas Jisroel sein. Zerrissenen Herzens — vielleicht hat keine Zeit seit חרבן הכית es so empfunden wie unsere Generation —, zerrissenen Herzens schauen die Getreuen des jüdischen Volkes an allen Enden det Erde auf jene besseren Tage der Vergangenheit zurück, da in der שכת חגזית; die wahre Einheit de! jüdischen Gesamtheit verankert war, ja auf jene nicht so weit zuriiekiegenden Zeiten, da in den Methiwtas zu Erez Jisroel und Babylonien, in den Hochschulen der Gaoncn Individuen, Gemeinden und Länder das zusammcnhaltendc Zentrum erblicktem das den ganzen Organismus vor geistiger Zer- Streuung und Auflösung schützte. Unendlich schwer hat das Golus mit seiner differenzierenden Gewalt die Wiederherstellung der Einheitsfunktion gemacht. Die Differenzierung hat den Reichtum der geistigen Entfaltung schon auf dem .Boden selber der Thoraforschung und des religiösen Seelenlebens überhaupt unendlich gesteigert — in den einzelnen, verschiedensten Kultur-Umwelten an« heimgegebenen Landesgruppen eine Fülle von Nuancen und Methoden des Lernens und Denkens ge« schaffen und diese zu hoher, oft wunderbar verfeinerter Vollendung gesteigert; aber es ist wahrlich Zeit, das so zur geistigen Selbständigkeit Emporgewachsene in das breite Strombett eines einheit«; liehen rabbinischeu Geistesleben einmünden zu lassen, auf dass in gegenseitiger Befruchtung und Durchdringung dem mächtig gewachsenen Einheits* sehnen der jüdischen Seele, dem Fragebedtirfnis einer in unendliche Wirrnis verstrickten Zeit die be« glückende Antwort aus dem einen, reichen Born der siebzigfältig sich spiegelnden G-tteswahrheit nicht fehle. Wahrheit, Wärme, Will e ns b es tim« mung erwartet, ersehnt Israels Gesamtheit, soweit sie in ״Agudas Jisroel“ den Boden ihrer Auferstehung erblickt, von diesem beherrschendem Zentrum des jüdischen Geistes. Als A u f g a b e steht es vor uns — צמח שמו ומתחתיו יצמח, es wird werden und wachsen gleichzeitig mit den sich vollendenden und zusammenschliessenden י■ Einzelzellen des Gesamtkörpers. II. Hier vor allem, in diesem Zusammenschluss hat sich denn doch— vielleicht ist es der einzige tröstliche Gedanke, denn auch der Rückblick auf das Vergangene gewährt —־ die erzieherische Kraff der in Kattowitz verkündeten Idee bereits bewährt: die furchtbare Entfremdung der einzelnen Landesjudenhelten und Gruppen voneinander, jene patho« logische Seelenblindheit, die das 1אחבת לרעך כמוך in den geistigen Tiefen, ob auch gottlob nicht in der praktischen, hilfreichen Tat, zum Märchen hatte werden lassen, sie ist denn doch bis zu einem ge« wissen Grade besserem Verstehen, liebevollerem Einfühlen und aufrichtigerer Achtung gewichen. Der Gedanake des organischen Verhältnisses überhaupt, wie der Hinblick auf das Vorbild der Ur« zeit, sie sind es auch an diesem Punkte, die den Wegweiser für die Agüda-Aufgabe zu bieten vermögen, Ein Organismus im Kleinen, seiner Eigenart bewusst und seiner Unterordnung unter das Lebens• volle Ganze, soll jede Landesorganisation der Agudas Jisroels auch fürder sein.*יש אשי כברכתו כירך אותם• Mit eigenen Organen ausgestattet, rab• binischem Landesrate und gewählter Landeszentrale wird jedes Land ־״* treu seiner Fahne sein! historischen Traditionen, die von נחלי ישראל in den Strom des Werdens eingesenkten neuen schöpferischen Keime jüdischen Geisteslebens, die גבולות נדרים וסייגים אשר נבלו ראשונים und endlich seine innerpolitischen Aufgaben im Verhältnis zum Staate in treuester ־Verbundenheit zu pflegen haben. Die Gesamtheit lebt nur in dem Reichtun! ihrer .Glieder und .Gliederungen; sie freuisich dieses

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