Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1923-08-17 · Sonderausgabe 2. (17.8.1923) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
Sonderausgabe 2. (17.8.1923)
Date
1923-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2629891-2629999-2630031--1092-2632829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i Seite 290 JÜDISCHE PRESSE 2» Sonderausgabe. das Bild des opfernden Priesters im Tempel und das Bild des Altares• Doch zum Altäre, sagte er, brauchte man keine Stiegen. Frei auf G-ttes geweihter Erde stand der Altar, und jeder Priester und Geweihte konnte im Namen eines jüdischen Mannes G*tt opfern. So sagte der Chofez Chaim, sei es um ihn gestellt. Nicht dass er Gelehrter sei, nicht Tugenden und Eigenschaften seien die Stufen, die ihn auf diese Tribüne führten, nur der Umstand, dass er alt und greis ist, nur dass er Kohen ist, erlaubte es ihm, zu folgen, als man zu ihm kam und bat, dass gerade er die Grosse Versammlung segne. Ein jeder Mann, ein jeder Priester konnte dasselbe machen. Und weil er ein Greis ist und ein Kohen, erhebt er seine Hände über die ganze Versammlung wie über seine Kinder und segnet alle im Namen G-11es. Und vergleichend das Volk Israel mit einem Körper eines einzelnen Menschen, sprach der grosse Gaon seinen Schmerz aus, weil er konstatiert musste, dass dieser Körper krank sei. Manchmal geschieht es, dass gewisse Teile gesund werden und die anderen verderben. Geholfen sei dem Körper dann noch immer nicht. Die zentrale Kraft, das Herz und das Blut, müssen gesund sein, dann wird der gesamte Körper genesen. Und das Herz und das Blut des jüdisehen Volkskörpers ist die heilige Thora. Solange der Geist der Thora den Volkorganistnus nicht ,voll erfüllen wird, solange wird die Krankheit nicht weichen. Doch in dieser Stunde und in dieser V e r- Sammlung sieht der grosse Mann, dass die Hoffnung nicht ganz geschwunden Ist, dass es möglich ist, dass das jüdische Volk seine ehemalige Grösse und seine Erlösung erreichen wird. Opfer sind not- . wendig, doch er sieht auf dem Antlitz aller Anwesenden die Bereitschaft zu den grössten Opfern. E i n i gkeit tut not. Die Thora und die Einigkeit in unseren Reihen wird die Gesamtheit retten• Als der greise Gaon seine Rede beendet hatte, erhob sich zum zweiten Male der Ruf J c h i. Alles erhob sich von den Sitzen, um den Beweis zu geben, dass die Worte des grossen Führers in aller Herzen gedrungen sind und dass sie ihm für die Worte des Trostes aus vollem Herzen danken. Es war ein überwältigender Augenblick. Präsident Dr. Kohn ergreift das Wort, um die Begrüssungsschreiben der Behörden und dip 1 0-. matischen Vertreter zur Vorlesung zu bringen. Es schrieben an den Kongress: Bundesp r ä s i d e n t Dr. M i c h a e 1 H a i n i s c h; B u n d e skanzl er Dr• Igna tz S eipel, Pol izeip r äsident Dr. Johann.Schober. Die diplomatischen Vertretungen von Rumänien, Jugoslawien, England, Amerika, Dänemark und Holland. Telegraphische Begrüssungsschreiben, sendeten die Gemeinden Südafrikas, sowie der Waad Haaschkenasi aus Jerusalem. (Wir bringen den Wortlaut der Begrüssungsschreiben an anderer Stelle.) Hierauf ergreift das Wort Sejmdeputierter Oberrabbincr Schapira aus Sanok, um im Namen der zahlreich vertretenen Landesorgan isationen Polens die Kenessio Gedaulo zu begrüssen. In einer glänzenden Rede führt Oberrabbiner Schapira in jüdischer Sprache aus: Jeder Enthusiasmus, jedes grosse Wort, ist zu schwach, um die Grösse des Augenblickes auszudrücken. Denn die Kenessio Gedaulo ist der Ausdruck des u n s t e r blichen Heldentums eines Volkes. Nicht nur die äusseren Dimensionen, sondern auch der innere Wert dieser Versammlung ist gewaltig. Es ist die Wahrheit, die einen Triumpf feiert. Und deshalb muss an alle Anwesenden die Forderung ergehen, diesen Moment würdig zu empfangen. Und das Würdigste ist Gehorsam. i Rcdiier erinnert an die drei Personen in der Geschichte des Volkes, die mit dem Titel .,Gross" beehrt würden. Abraham, Dawid und M0r« dechai. Die drei prägten die teueren Münzen, mit denen das jüdische Volk der ganzen Welt bis heute zahlt. Erzvater Abraham stand an der Schelde zweier Epochen. Hinter ihm das alte, in geistiger Finsternis lebende Geschlecht, und vor ihm die Gefahr des Unterganges. Doch er schuf das Band, das beide Geschlechter vereinigend, das Volk Israel erschaffen hat. Die Erziehung des jungen Geschlechtes im Geiste G-ttes war die Forderttng, die er reitlos erfüllte. Vor keinem Opfer scheute er, nicht einmal vor der Opferung seines eigenen Sohnes. So müssen wir, sagte der Redner, alle Opfer bringen, um nur die Kraft, die das Volk und den Geist des Völkstums erhält, jung und frisch zu bewahren. Und kein Programm wird uns der Erfüllung dieser Forderung näher bringen, als das Programm der Erziehung des jungen Geschlechtes. Man muss den Geist, der noch die alte lebende Generation erfüllt, auch im Herzen des jungen Geschlechtes ein•• pflanzen. Und König Dawid ist deshalb der Grosse; weil er die Liebe des Volkes zum eigenen Lande erweckte und die Erfüllung der Sehnsucht des Volkes herfreiführte. Das Volk und das Land, der Geist und dieErdesindein Ganzes gewo r d c n. Deshalb macht die Erinnerung an König Dawid uns so stolz, und deshalb war König Dawid so gross. Und Mordechais Verdienst und seine Grösse lag darin, dass er der feindlichen Macht, die unser Volk vom Erdboden vertagen wollte, bewiesen hatte, dass wir Juden trotz aller Bedrückung und trotz aller Entrechtung, doch der Macht, die 1m Lande herrscht, Gehorsam und Treue entgegenbringen. Wir erfüllen gegenüber dem Staate, in dem wir leben, nicht nur die uns auferlegten Pflichten, sondern sind jederzeit bereit, die grössten Opfer für den Staat zu bringen. Mordechais Grösse lag darin, dass er ein für allemal den Beweis erbrachte, dass wir die Opfer, die Retter des Staates sind und unsere Bedrücker und Peiniger, die behaupten, aus Staatsräson in uns die Feinde des Vaterlandes bekämpfen zu müssen, dass sie die Hamans, die Verräter. Zusammenfassend gibt Oberrabbiner Schapira folgenden Inhalt der Beratungen der Kenessio Gedaulo wider. Der Ausbau des Erziehungswesens, das Erwecken des Geistes der Thora und Erlangung der Einheit, unter den zersplitterten Gliedern des jüdischen Volkes sind die Punkte, mit denen sich die Arbeiten der Knessio Gedaulo ־beschäftigen ,müssen. .11 ■ ' ■ ■ ' ־־' ' , Doch auch Erez Jisroel muss einen grossen Raum in den Beratungen eingeräumt werden. Praktische Arbeit will die Kenessio Gedaulo für das heilige Land leisten, doch muss die H e i 1 i gkeit des Landes unter allen Umständen gewahrt werden. Dies kann nur dann der *Fall sein, wenn die Arbeit auf Grund der Thora aufgebaut werden Wird. Die Kenessio Gedaulo ist der Eintritt des thoratreuen, frommen Juden in die Politik. Das orthodoxe Judentum ist nun in der Lage, das״Schick_sal des Volkes politisch selbst zu bestimmen. Die Rede Oberrabbiner Schapiras wurde von der Kenessio Gedaulo mit grösster Aufmerksamkeit gehört und mit grossem Applause aufgenommen. Die Re,de war ein oratorisches Meisterwerk und machte einen gewaltigen Eindruck auf die Anwesenden. Hierauf ergreift das Wort Oberrabbiner Doktor L ö w c n s t e i n - Zürich, um ein Referat unter dem Titel .״Israel und der Friede4‘ zu halten und die Resolution der Kenessio Gedaulo an den Vö lkerb und vorzulesen. Die Resolution wurde einstimmig angenomen und weitergeleitet. (Wir berichten ausführlicher über das Referat und die Resolution an anderer Steile.) Das Wort ergreift der bewährte und erprobte Führer Jakob Rosenheim au* Frankfurt a.M-, nm in einer kurzen, doch gehaltvollen Rede die Ziele der Knessio Gedaulo festzusetzen und im Namen der Landesorganisation Deutschlands die Kenessio Gedaulo zu begrüssen. (Ausführlicher Bericht erfolgt an anderer Stelle.) Präsident Herr Rabbiner Dr. K 0 h n schaltet eine Pause von 10 Minuten ein. Nach der Pause betritt Delegierter Isaak Thurmim die Tribüne, um im Namen der östcrreichischcn Lan ׳desorganisation die Versammlung zu begrüssen. Er dankt im Namen der österreichischen La11d<isorganisation für die Ehre, dass die Kenessio Gedaulo nach Wien einberufen worden ist, und hofft, dass die Kenessio Gedaulo mit den Vorbereitungen, die getroffen worden sind, zufrieden sein wird, ln weiterer Rede gedenkt Delegierter Tliumin der Verstorbenen der Bewegung, deren Andenken die Delegierten durch Aufstehen von ihren Sitzen ehren. Kommerzialrat S. Bondi begrüsst die Kenessio Gedaulo im Namen des Vorstandes der A d a s s Jisroel und der orth. Beihäuser in Wien. Delegierter Rabbiner Rubin aus Jerusalem bringt die Grüsse der Bevölkerung des 11 ei 1 igen Land es und besonders der heiligen Stadt Jerusalem. Paraphrasierend den ewigen Schwur, sagt Rabbiner Rubin, dass das orthodoxe Judentum nur dann des heiligen Landes und der heiligen Stadt vergessen kann, wenn es nicht mehr eines Atemzuges fähig ist. Solange das Volk lebt, solange lebt das heilige Land und die heilige Stadt. J e r u s c h alajim fühlt die Grösse der Kenessio Gedaulo und sendet ihr im Namen ihres geistigen Oberhauptes Obe rratobiners Ch. Sonnenfeld die herzlichsten Wünsche zum vollen Erfolg. Oberrabbine r Epstein, der Rektor der weltberühmten Jeschiwa in Slobodka, begrüsst die Kenessio Gedaulo im Namen der Landesorgan i s a t i 0 n Litauens. Mit der Eröffnung der Kenessio Gedaulo beginnt die Rückkehr, des jüdischen Volkes zum Sinai. Gross war die Gefahr und in dem letzten Augenblicke kam die Rettung. Denn die Unterdrückungen und Ausrottungsversuche der Jahrtausende waren nicht so gefährlich und verderblich, wie die Attentate, die auf das, jüdisehe Volk in der letzten Zeit gemacht worden sind. Bis nun haben wir alle grossen und kleinen Pogrome überlebt und überdauert Was in unserer Zeit aber ge• schieht, ist nicht mehr der Pogrom auf jüdisches Leben, sondern viel Gefahrvolleres. Man pogromiert unsere Seele. Jahrtausende haben unsere Feinde nach der Urquelle gesucht, die das kleine Volk unsterblich gemacht. Jetzt haben sie diese Quelle gefunden. Unsere Kinder tötet man uns, indem man sie uns entfremdet. Und es wird nicht nur unsere Gegenwart zerstört, auch unsere Zukunft will, man uns rauben. Vom grossen geschichtlichen Standpunkte aus, müssen wir den Kampf, der in unserer Zeit von fremden und eigenen Feinden gegen uns geführt wird, als Kampf um die ewige Verheissung betrachten. .Auch dort, wo wir am empbildlichsten sind, in Erez Jisroel, will man unser heiliges Land und unsere heiligsten Gefühle profanieren. Aber es wird unseren Feinden der Sieg nicht beschieden sein, weil die Hüter des Volkes und die Beschützer des hollen geistigen Wertes der Volkslehre auf ihrem Platze sind, um den Kampf mit G-ttes Hilfe zu führen. gewesen sind. Sie sammelten den Rest, des Volkes um sich, legten in ihre Herzen die Weisheit des ewigen Gesetzes und den Trost der ewigen Verheissung und das müde, unglückliche Volk blieb im' Lande und baute an der Heimat mit plötzlich erwachten, frischen Kräften. Vier Jahre lang bauten sie unter fortwährenden Kämpfen mit den abtrünnigen Samaritern» unter unsäglichen Qualen und Leiden. Doch sie bauten am neuen Jerusalem. Dies gab ihnen Kraft und Ausdauer. Und siebzig Jahre nach dem Niederreissen des alten, erstrahlte der neue Tempel hn vollen Glanze. Das Reich Israel erwachte zu neuem Leben. Als Esra und Nehemia das Volk zu einer Ver- Sammlung einebriefen, um sie zur Rückkehr und zur Erfüllung des heiligen Gesetzes zu ermahnen, hat Esra durch Vorlesen aus der Thora das eingescblafene Gewissen des Volkes wachgerüttelt. Das ganze Volk leistete, in Tränen ausbrechend, mit erhobenen Händen den Eid, willig nach den Gesetzen zu leben und besonders zur Reinheit — Reinheit des Körpers, der Seele, des öffentlichen Lebens und der Familie zurückzukehren. Doch die Unkenntnis der Religionsgesetze war zu gross, und dies allein war es, das den;Abfall so vermehrte. Um für ewige Zeiten diese allgemeine Unwissenheit unmöglich zu machen, musste das Gesetz in den Mittelpunkt des Gesamtlebens gegesetzt werden. Von diesem Zentrum aus sollten alle Kräfte ihren Ausgang nehmen. Die Mitarbeiter Esras und Nehemia«, die 120 der angesehnsten und im Gesetze gelehrtesten Männer, lösten das schwierige Problem. Das Volk aber sah in diesen Männern der Grossen Versammlung die Knesses Hag e d o 1 a h, welche, da es keine Könige und Propheten mehr gab, das Volk rettete und den Staat zu neuem Glanze führte. So entstand die Grosse Versammlung. Gross deshalb, weil ihre Aufgaben unermesslich und ihre Lösung der Aufgaben gewaltig war. Unermessliches leistete sie für das Judentum. Sie rettete den Bestand des jüdischen Geistes und des jüdischen Volkes. Die ins Schwanken geratenen Religionssatzungen wurden | in ein stabiles System gebracht, von allen Einflüssen befreit und unabhängig gemacht. Dadurch wurde für ewige Zeiten, für noch so ausgebreitete Zerstreuung der verschiedenen Teile des Volkes, ein zusammenknüpfendes, ewig haltendes Band geschaffen. Durch die Erstarkung des religiösen Lebens blühte auch der jüdische Staat auf. Mit Ausnahme eines geringen Tributes wurde das jüdische Reich vollkommen selbständig, frei. Ein Volk! Wahrlich — eine ungeheure, kaum zu ertragende Last ladet eine Institution auf siich, wenn sie für sich nur den blossen Namen der Grossen Versammlung in Anspruch nimmt. Grosse Hoffnungen werden im Volke wach, die umso grösser sind, als mit dem Namen Kenessio Gedaulo die herrlichste Erinnerung des Volkes aufersteht. Und wahrlich — die Zeit ist böser als einst in altersgrauer Ferne. Doch nach 70 Jahren Golus war es leichter, das Volk in die Heimat zu führen. Jetzt aber liegen Jahrtausende der Verbannung dazwischen, Jahrtausende der Entfrenidüng. Und deshalb wird die Kenessio. Gedaulo unserer Tage unsterblich sein, wenn sie den religiösen Geist des Judentums zu neuem lieben eiweckend, den Weg zeigen wird, der nach Jeruschalajim führt. A. K. Perücken aus Rudolf SCHIFF dauergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, -yy־jer. Bezirk, K Srntn er Strasse 8 liefert kurzfristig (nächst dem Stefantplat*, um Ecke)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.