Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 33 (15.8.1923)
- Date
- 1923-08-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Lmm dftfünkwt. ÄgüdäS Jisföel harrt die gewaltige Aufgäbe, sich von der Hypnose des Dollars frei iw machen. Ihre Aufgabe Ist, nicht aus Amerika Schätze zu holen, sondern solche nach Amerika einführen, dass diese Schätze wertvoller als Gold Utid Silber sind, werden vor allem die Amerikaner selbst bestätigen. Erez Jlsroeb Trotz der Dringlichkeit und Wichtigkeit der Oolüsprobleme steht die Erez Jlsroelfrage als eine aktuelle Aufgabe vor Agudas Jisröel. Agudas Jisroel vertritt auf diesem Gebiete die Tradition der verflossenen Jahrhunderte, die die thoratreue Judenheit bestimmt hat, Erez Jlsroel nicht nur in Gebeten, sondern auch in Werken Zu gedenken. Diese Werke waren bis zum Kriegsausbruch Werke der Frömmigkeit, der Pietät und des Strebens nach einer Heiligung des Lebens. Grosse Teile der thora- . treuen Judenheit wollen über diesen Charakter und über dieses Atismass der Erez Jisröel Arbeit gerade infolge der aiten Tradition nicht hinausgehen. Einflussreiclie Gruppen in Agudas Jisroel sagen sich aber, dass gerade um den heiligen Charakter der alten Pülästlnasledlung zu erhalten, ist es notwendig, dieser Siedlung eine gesunde ökonomische Grundlage zu geben. Diese Grundlage kann aber nur dann geschaffen werden, wenn ein ununterbrochener Strom, von überzeugungsfesten thoratreuen Juden nach Erez Jlsroel gelenkt und dort ökonomisch absorbiert wird. Beide Grfuppen sind aber darin einig, dass bei diesen Arbeiten in Erez Jisroel die Heiligkeit des Landes und der jüdischen Lebensanschauung nicht mir nicht gefährdet werden darf, sondern sie muss als leuchtendes Ideal für die ganze Disapora erhöht und erhalten werden. Dieses Bestreben macht es für die Aguda unmöglich, eine Koalition elnzugehen, mit Bestrebungen, die in Erez Jisroel nicht in dem Sinhe der jüdischen ’Lebensheiligung das Land der Väter erblicken. Trotz dieser scharfen Trennungsllnie hat Agudas Jisroel die jüdische Einheitsfront nach aus9et1 nie verletzt und gegen die Balfourdeklaratlon tmd das englische Mandat, als äussere Linie dieser jüdischen Einheitsfront nach aussen, nie aufgetreten. Sie hat aber diesen beiden internationalen Akten nie eine so grosse Wichtigkeit beigelegt als die Zionisten. Heute aber, wo die politische Bedeutung dieser Kundgebungen mehr in den Hintergrund getreten ist, kann Agudas Jisroel ihre Kräfte auf die kontinuierlich zunehmende praktische Arbeit konzentrieren. Diese praktische Tätigkeit in Erez Jlsroel wird ih1;e Anerkennung finden müssen auch bei jenen Teilen des jüdischen Volkes, die bisher nicht einsehen wollten, dass der. thoratreuen Judenheit schlechthin unmöglich ist, gerade auf dem heiligen Boden von Erez Jisroel sich mit .Tendenzen abzufinden, denen sie nach klaren Worten der heiligen Schrift, den Verlust des heiligen Landes zuschreiben müsse. ' Es ist demnach eine gewaltige Fülle von grossen Aufgaben sowohl auf dem Gebiete von Erez Jisroel als auch der Golusländer, mit deren Lösung sich die. Kenessio Gedaulo beschäftigen muss- Ihr Erfolg wird andemWlllen gemessen,!den die Delegierten zur Lösung dieser Aufgaben mitbringen. Der Erfolg ist kein Massstab für die Arbeiten der Kenessio# sondern für den Segen Gottes, mit dem Er die Arbeiten der ersten Kenessio'Gedaulo der Agudas Jisroel krönen wird. R. Was erwarten wir von der Kenessio Gedaulo? Von J. K r e p p e I. Es ist sicherlich' keine blosse Phrase, wenn gesagt wird, dass ״Ejnel kol Jisroel eilecho nesuoth!“, dass die Augen der gesamten Judenheit auf die Kenessio Gedaulo gerichtet sind. ' Die glaubenstreuen Juden erwarten von derselben eine Klarstellung der Hailtung der Orthodoxie zu allen jüdischen Fragen; die arideren jüdischen Kreise möchten gerne eine Entgleisung der Kenessio erleben, in der Erwartung, dass ihnen dann ein Teil der ״Erbschaft“ der Agudas Jisroel zufadenי dürfte. Selbst diejenigen, die in der letzten Zeit so gerne mit der Aguda zusammenaribeiten möchten, freilich in dem Sinne, dass dieselbe׳ sich selbst untreu und ins andere Lager abschwenken würde, setzen ihre Hoffnungen auf einen Misserfolg der Kenessio. Dieser Stand der Dinge bringt es mit sich, dass die um die Fahne der Aguda sich scharrenden Glaubetvstreuen den Beratungen der Kenessio Gedaulo mit grosser Spannung entgegensehen. Die organisierte Orthodoxie wird jetzt zum ersten Male lifne Kohol we-edo die Feuerprobe zu bestehen haben; sie wird den Beweis zu erbringen haben, dass sie sich ihrer Aufgaben bewusst und entschlossen ist, ihre ganze׳ Kraft in den Dienst der heiligen Sache zu setzen. Sie wird aber auch ihre politische Reife zu dokumentieren haben, indem sie sich selbst treu and allen Verlookungen gegenüber standhaft bleibt. Die Gründung der Agudas Jisroel verfolgte den Zweck, eine in den letzten Dezennien sich immer stärker fühlbar machende Lücke ira jüdischen Leben auszuföBen. Es war früher nicht nötig, eine spezielle joomem presse Weltorganisation zur Wahrung der religiösen Interessen ins Leben zu rufen. Mit Ausnahme einer dünnen assimilatorischen Schicht hielt die überwiegende Majorität der Judenschaft treu 'zur Thora und zur Emuna. Selbst die Haskalaperiode vermochte keinen allzu grossen Schaden anzurichten, da man die Gefahr derselben klar erkannte und die nötigen Abwehrmassnahmen getroffen habe. Ganz anders stellte sich die Lage dar, als die nationalistische Bewegung die Gefahr eines ״Lippenjudentums“ mit sich brachte. Wer in früheren Generationen Jude sein wollte, der musste zumindest einen Teil, der einem Sohn Israels auferlegten Pflichten, auf sich nehmen, da dies das einzige Kriterium für die Zugehörigkeit zum Judentum war. Wer also nicht ganz abfahen wollte, musste bei der Stange bleiben. Ganz anders der Nationalismus. Da konnte man der äussersten Assimilation, dem extremsten Abfall huldigen und doch den Mut haben, als ״Vo’öblutjude“ gelten zu wollen. Man konnte eine Mischehe eingehen, die Kinder zur Taufe führen, ja selbst den allerletzten Schritt tun (haben wir es doch erlebt, dass sich in Prag neun Täuflinge als römischkatholische .,Nationaljuden‘‘ bezeichueten) und dennoch die Kühnheit haben, sich als ״besserer“ Jude zu girieren. Es genügt ein Lippenbekenntnis, bestenfalls das Kaufen eines Schekels oder eine kleine Spende für den Keren Hajessod, um .,Jude“ zu sein und über jüdische Lebensfragen zu reden, zu schreiben, oder gar zu entscheiden. Angesichts dieser Gefahr einer Verfälschung des Judentums musste mit aller Kraft eingegriffen werden. Lokale Organisationen; ja selbst solche in den. einzelnen Ländern, reichten nicht mehr aus, um die Gefahr zu bannen. Da mussten alle Mann an Bord. Da musste eine Weltorganisation entstehen, die in prinzipiellen Fragen nach einer bestimmten Richtung und nach einem festgelegten System zu entscheiden und zu handeln hat. Da musste ein Rabbinerat ins Leben gerufen Werden, um bei allen auftauahenden Fragen im Geiste der Thora zu entscheiden‘.' Da musste die Orthodoxie nach Innen und nach Aussen selbständig gemacht werden, damit es kein Unberufener mehr wagen könnte, im Namen .der Juden zu sprechen und aufzutreten. Da mussten alle Kräfte rallüert werden, damit die Orthodoxie die Kraft erhalte, den ihr gestellten Aufgaben gerecht zu werden. Inwieweit dies bisher gelingen Ist, das werden wir bei der Kenessio zu hören bekommen. Sicherlich ist das Ziel noch nacht erreicht, sicherlich umfasst die Agudas Jisroel noch' nicht alle wahrhaft religiösen Kreise. Sicherlich stehen noch gär manche rechts und andere feks abseits. Desswegen wird es die vornehmlichste 'Aufgabe 'der Kenessio sein, nach‘ dieser Richtung 'hin Klarheit zu schaffen. Die 'Aufgabe ist ehre doppelte: Um die rechts von der Aguda stehenden Faktoren für die Ziele;derselben zu gewinnen, ■wird eine aktive: Tätigkeit* entfaltet.־v ,werden müsen. Das Programm und die Tätigkeit der Aguda müssten derart ausgestatfet werden, dass selbst die führenden Individualitäten der ־Orthodoxie strengster Observanz ohne jedes Bedenken der Aguda beitreten und an ihren Arbeiten teilnehmen könnten. Dies kamt natürlieh nur dann mit Erfolg geschehen, wenn gegenüber den in jüngster Zeit auftauchenden Werbungen von links die gebotene Vorsicht geübt werden wird. Das Programm der Agudaj umfasst ausnahmslos alle Probleme ־ des Midisehen Lebens und es bemüht sich, diese im Geiste der Thora einer Lösung zuzuführen. Inwiefern es tunlich erscheinen könntet nach bestimmten Riehtimgen mit anderen Gruppen zusammenzugehen, kann und darf dies keineswegs auf Kosten der eigenen Arbeit und des eigenen Programmes geschehen. Schlagworte sind billig wie Brombeeren, dürfen aber nicht verfangen. Die Agudas Jisroel muss unter allen Umständen selbständig bleiben, sie muss die Möglichkeit gesichert erhalten, ihre materiellen Mittel und ihre geistigen Kräfte vor allein der Erfüllung der eigenen Ziele voll! und ganz widmen zu können. Irgendwelche anderweitige Kooperationen können nur unter Wahrung dieses Standpunktes in Erwägung gezogen werden.• Darüber müsste die Kenessio Wahrheit schaffen, Klarheit nach Aussen, aber auch nach Innen, jenen' Kreisen gegenüber, die aus lokalen Rücksichten oder aus anderen Beweggründen taktischer Natur .Schlag- Worten zugänglich waren. Man darf vor lauter Taktik die eigenen Aufgaben nicht ausser acht lassen. Wir erwarten aber auch von der ersten Kenessio, dass sie Wege und Mittel finden werde, die Aguda in die Lage zu versetzen, ihre Aufgaben voll erfüllen zu können. Ein klares Programm, klare Mittel und eine klare Taktik״'das erwarten wir von,der Ke ne s ^io Gedaulo. III JM8C&8 Weltkrleggerlnuemgen!11 ferner Orden, Bankengeld, Münzen, Notgeld, tichlachtenbilder zu Land, Wasser und Luft, Briefmarken und vieles andere. 6000 Beiträge. Zu besichtigen täglich 7—8 Uhr abends, Samstag, Sonntag ganztägig. STERN, Baden hoi Wien, Braltneratraaa« 99. Nähere« «Mts CMf. hei H. Del•*. Ober-Rabb. So'hapira, Wien, ZI«, k Franzansbrückernj-trazse 22/6, Harilg־. Sette 3g Von Pest bis Wien• f Die Kenessio Gedaulo, in der sich dieser Tage orthodoxe Juden aus der ganzen Welf versammeln, um zu beraten, wie der leiblichen und geistigen Not der Judenheit abzuhelfen sei, ist berufen einen Mark- Stern irr der traurigen Geschichte des Ooius zu bilden. Da mag es wohl angemessen erscheinen, auf eine selbsterlebte Epoche zu verweisen, die im kleinen Rahmen in Ihren Auswirkungen von unendlich segen*- reicher Bedeutung war. Bekanntlich war das Judentum durch Jahrfatfsende religiös geeint. Die falschen Messiasse Sabbatai Zwi, Frank usw. hlnferllessen keine Spuren. Die Karaffen, die die Verbindlichkeit des Talmud leugnen und somit gegen den Eltfies Front machen, bilden nicht den hundertsten Teil der judenheit. Das Freidenkertum der Enzyklopädisten drang auch in das Ghetto. Die reichen Juden, besonders die in Berlin! und Wien, bildeten Salons, in derdn gastlichen vonj schönen Frauen tmd geistreichen Männern bevölker-, ten Räumen, sich die nichtjüdische Gelehrtenundj Künstlerwelt, besonders aber die Lebewelt gar wohl! fühlte. Zu dieser Umgebung passte das alte einfache! jüdische Leben nicht mehr. Es war aber auch höchst unangenehmem eigenen jüdischen Lager als minderwertig, als Jude zweiten Ranges, angesehen zu werden. Da erschienen Männer auf der Oberfläche, die das■ Gesetz Moses für veraltet erklärten, den Fesseln des: jüdischen Gesetzes *־entrücken wollten. Diese durch-! aus auf dem Gebiete des jüdischen Wissens unbewanderten*Männer taten sich das Gewand des Rabbiners an und erklärten, dass es Zeit sei, das Rkligionsgesetz zu modernisieren. Viele reiche Juden; glaubten die< wirkliche Gleichheit mit den anderen! Völkern nur erreichen zu können, wenn sie durch Aufgabe alles dessen was trennt, sein werden ״wie alle Völker um uns herum״. Eine mehr' äls hundertjährige Erfahrung lehrt uns, dass der Judenhass in stetigem Wachsen ist trotz oder gar wegen der vollkommenen Assimilation. in Paris, in Hamburg, in Arad traten zu gleicher Zeit die Reformatoren auf und verbreiteten sich mit unheimlicher Schnelligkeit. Wohl begannen unsere Führer einen verzweifelten Kampf,'da dieser aber hur als Abwehr geführt wurde, während die Reformer, mit Gewalt auftraten, ging nahezu der ganze Westen' Europas der Gläubigkeit verloren. Erst Samson Räfael Hirschs gewaltige Persön- Iichkeit schuf hier Wandel, tmd es gelang seiner erfeuchtenden Aufklärungsarbeit, die blindgewordenen Brüder im Westen zum Teile der alten Thauro wiederzugewinnen und sie zum Kampfe gegen antireligiöse Gegner za erziehen. In Ungarn waren die;Neologen (Assimilanten) bis zu mehr als einem Drittel der Judenschaft erstärkt, sie hatten Industrien, die grossen Vermögen, Staatsämter, Abgeordnetenmandate. Mitte der Sechzlgerjahre glaubten sie ihren Einfluss stark genug, um die gläubige Judenschaft unter ihre Vormund- Schaft zu zwingen und verlangten von der Regierung einen Judenkongress, der den Juden innere Verfassung geben sollte. Zwepk dieser Verfassung veßre die Entjudung gewesen. , Die Regierung liess sich herbei, diesen Kongress einzuberufen, obwohl der bedeutenste Reformrabbiner selben als ein totgeborenes Gebilde bezeichneten: ״Da Orthodoxe und Assimilanten sich sich nie .werden einigen können.״ Die von den Neologen entworfene, von der י Regierung aktivierte Wahlordnung- und Geometrie hatte das Resultat dass 2/6 Neologen soviel Mandate erhielten als 9/5 Orthodoxe. Trotzdem sollten die Neologen auf Granit belssen. Zum Schaden der Orthodoxie fand sich in deren Reihen eine'Anzahl Friedensfreunde, die dachten mit ungarischen Neologen paktieren vzu können. Die grossen TalmudeLChachömim ,erkannten nach wenigen WdcH'&Mie< absb1&te?-Ünmögllchkelt, auf diesem ׳ Kongress ^Objektivität zu erreichen und verbessert deU&lbenL: Dief/zirka 30 Friedensapostel harrten ausSbia’iiäielNel^ogen׳ ihr Statut unter fortwährend^I^^estenTdeslMittelpartei beschlossen haften. Nun begann ein Kampf, der oft die hasslichsten Formen annahm, Weil die Neologen mit Gewalt ihre Herrschaft behaupten wollten und, die Regierung mit den grundlosesten Verleumdungen gegen die orthodoxen Judai einzunehmen versuchten. Nach drei Jahren eines Kampfes, währenddessen die Führer der Orthodoxie Familie und Geschäft hintansetzten, um nur dem heiligen Zweck zu dienen, das Attentat auf Religiosität abzuwehren; war der Sieg unser. Nachdem wir nie Hegemonie über die Neologen anstrebten, sondern nur verlangten, ״lasst uns in Ruhe nach unserer Ansicht leben und unsere Kinder erziehen,“ so gab es keine Besiegte. Das ungarische Parlament erklärte, dass die Neologen aus dem Verbände de! Altgläubfgen ausgetreten seien, letztere demnach unbedingt Anrecht auf vollkommene Autonomie haben. Das Ergebnis dieser vollkommenen Trennung war, dass die Orthodoxie erkannte, das neologe Jude!* tum sei ein Pseudo-Judentum, von dem man sich