Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 33 (15.8.1923)
- Date
- 1923-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE PRESSE fc. Seite 240 Vor allem die Jugend Tausende und abertausende Kinder waren plötzjlich ohne jede erzieherische Einwirkung in ein Ihnen wesensfremdes Milieu!versetzt. Sollten die moralischen Schäden, die infolge monatelangen Massig* [ganges und Herumlungerns bei diesen Kindern auftraten, nicht zu einem dauernden unheilbaren Unglück für dieselben werden, musste unverzüglich auch hiefür Vorsorge getroffen werden. Nach gründlichen Vorarbeiten konnten in den grösseren Flüchtlingslagern interimistische Schulen eröffnet werden. Zum Unterricht der Kinder wurden etwa 60 Melamdim angestellt. Die Hilfsaktion für die galizischen Flüchtlinge wurde in Vertretung der öesamtorganisation von dem galizischen Landeskomitee der Agudas Jisroel durchgeführt Zur Beratung über die einzelnen noch erforderlichen und nach den vorhandenen Mitteln möglichen Massnahmen fand Donnerstag, den 22. April 19151 m Hotel ״Continental“ in Wien eine Versammlung statt, an der sämtliche in Wien weilenden Führer der galizischen Juden teilnahmen. Es waren zugegen ausser etwa 50 hervorragenden Persönlichkeiten aus Laienkreisen auch die galizischen Mitglieder des ״Rabbinischen Rates" und die bekannten Chasidim-Rabbis von Czortkow, Bojan, Husiatyn, Ottynia und Sadagora und viele andere Rabbiner. Diese Versammlung erregte durch ihre Zusammensetzung und durch den Beratungsgegenstand in den weitesten Kreisen Aufsehen. Von dem dauernden Zusammenwirken all dieser berufenen Volksführer unter dem Banner der Agudas Jisroel erwartete man allseits die besten Erfolge für die geistige und wirtschaftliche Gesundung des galizischen Judentums. Ein von den führenden Mitgliedern der galizischen Landes'organisation gegründetes Komitee zur Wahrung der Interessen der galizischen Flüchtlinge hat Hand in Hand mit anderen Organisationen dazu beigefragen, bei ״dem künftigen Wiederaufbau Galiziens den wirtschaftlichen und religiösen Anliegen der galizischen Judertfleit die gebührende Berücksichtigung zu erwirken. Sie ersehen aus der Uebersicht, dass der Schwerpunkt auf dem Gebiete der Flüchtlingsfürsorge lag und in Wien seinen Mittelpunkt hatte. Dass die Bewältigung einer solchen Aufgabe eine Unsumme von Hilfskräften erfordert hatte, leuchtet ein. Es ist unser Stolz, dass fast die ganze Arbeit von freiwilligen Mitarbeitern gelöst wurde; dies ist vielleicht allerdings auch unsere Schwäche. Die Agudas Jisroel war und ist ausserordentlich ängstlich in bezug auf Menschenschicksale, die von ihr abhängen. Es verdient auch in diesem Zusammenhänge hervorgehoben zu werden!die Arbeitsvermittlung der Agudas Jisroel, welches das Referat des deutschen 1Gruppenverbandes enthalten wird. , Grosszügig und, erfolgreich war die Tätigkeit der Zentrale für unsere bedrängten Brüder und Schwestern ins Sowjet-Russland, für die wir bis heute!1,6 Milliarden aufgewandt haben. Ueber die Tätigkeit für und in Palästina wird die Palästina-Zentrale besonderen Bericht erstatten. e) Die Förderung von einer vom jüdischen Geist erfüllten Presse und Literatur. Während in Polen mancherlei belehrende Werke in das Jargon über- ^agen wurden, während ferner das klassische Werk Nezach Jisroel von Rabbiner Feiwelsohn durch die Aguda in weite Kreise getragen wurde, ist im übrigen auf eine Reihe von Propagandaschriften zu verweisen. Das wich-;tigste jedoch ist die Herausgabe von Tages- (Wochen-) und Monatsschriften mit dem Schwerpunkt des ״Jud" in Warschau. An gesinnungsgenössischer und verwandter Presse erscheinen: ״Der Jud“ in Warschau, ״Das jüdische;Leben" in Kowno, ״Das jüdische Licht" in New York, die ״Jüdische Presse" in Wien, ״Israelit“ und Aguda-Blätter in Frankfurt, ״Unser Weg״ in Wien,!״Diglenu“ in Warschau, ״Kol Jisroel" in Jerusalem, ״Degel Hathora״ in Warschau, das ״Organ der orlhodoxen Arbeiter" in Lodz, ״Twuna“ von Herrn Rabbiner Dvoracz in Kamay, ״Der jüdische Weg“ (Jewish Path) in London u. a. Ein besonderes Schicksal hat das Zentralorgän, der ״Haderech" gehabt. Durch die vielen Wanderungen der Bureaus, durch den Wechsel der Personlichkeiten in der Redaktion, konnte er nicht immer in voller Regelmässigkeit erscheinen. Immerhin hat er auch als Torso der Aguda bahnbrechende Dienste geleistet und wir gedenken in grösster Dankbarkeit des Herrn Chaim J. Eiss, Züricn, der in jedem Stadium uns ein getreuer Mentor und Mitarbeiter war. In dieses Kapitel gehören auch unter ehrfurchtsvoll dankender Erwähnung all die Proklamationen, mit weichen die גדולי התורה ותיראה uns selbstlos zur Seite;gestanden sind; diese Proklamationen haben überragend weit das Niveau einer!Propagandaschrift überschritten. Sie sind literarisch-geschichtliche Erzeugnisse! von bleibendem Werte. Die letzte literarische Arbeit des Zentralrates vor der [Kenessio Gedaulo besteht in einer Sammlung dieser Proklamationen mit einer!den historischen Zusammenhang darstellenden Begleiterklärung. Wir hoffen, [noch während der Tagung Ihnen diese Fundgrube für die Geschichte der!Aguda unterbreiten zu können. Es hat ausserdem die Wiener Leitung ein besonderes Press-Bureau |errichtet, das ״A. J. P. B.“ (Agudas Jisroel-Press-Bureau) und wir können zu ■ unserer Freude feststellen, dass sehr viele Zeitungen sich dieser Nachrichten- I quelle gerne bedienen. Wir betrachten dieses A. J. P. B. als einen vielver-!heissenden Anfang.! f) Die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach aussen 'und die Abwehr der gegen die Thora und ihre Bekenner als solche gerichteten Angriffe.; Damit wären wir an das am meisten umstrittene Kapitel gelangt; an die sogenannte politische Tätigkeit, denn jede Vertretung einer Idee nach aussen ist ein politischer Weg. Man hat der Agud*das Recht bestreiten wollen, solche Wege zu gehen, aber jede Führung, die ihn nicht gegangen wäre, hätte untreu gehandelt, hätte die in Kattowitz agudistisch vorgeschriebene Route verlassen. Es ist nicht Aufgabe eines Geschäftsberichtes, erst eine Rechtfertigung zu geben dafür, dass wir unserem Programm, unserem Pflichtenbereich treu geblieben sind, es ist ferner nicht Aufgabe eines Geschäftsberichtes, jenen aus Unkenntnis, Verkennung und Böswilligkeit gezeugten Angriffen zu begegnen, 1 welcher der Aguda vorwerfen, sie hätte aus der Religion heuchlerisch ein! politisches Instrument geschaffen. Wir können nur im Bewusstsein unserer i Würde und der Ehrlichkeit unseres Wollens unseren Gesinnungsgenossen ein Bild dessen geben, was wir getan und was wir nicht getan haben, nicht getan haben, weil wir die Linie unseres Programmes auch nicht um eines Haares Breite verliessen, nicht getan haben, weil wir auch in der Kundgabe eines Erfolges stets äusserster Vorsicht uns bemühten. Was in politischer Hinsicht — Politik immer im Sinne der oben gegebenen Erklärung gemeint — in den einzelnen Ländern geschah, darüber werden die von den einzelnen Landesorganisationen bestellten Referenten zu berichten haben. Aufgabe dieses Berichtes kann nur die Feststellung sein, dass der Qömdsaiz der Autonomie der.Landesorganisationen seitens,der Zeßtrale^niemals ־ ifeg.־] verletzt worden ist Wir haben freilich auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass wir von den Landesorganisationen erwarten, dass sie in wichtigen Fragen sich mit der Zentrale beraten. Ein Breslauer Beschluss gibt demselben Gedanken Ausdruck und nur so kann gewährleistet werden, dass die grossen Umrisse des Agudagedankens auch bis in die kleinsten Einzelheiten hinab nicht verwischt werden. Diese grossen Umrisse besagen aber, dass in jedem einzelnen Falle das Diktat der Thora, die Reinheit des religiösen Wollens deutlich sichtbar bleiben. Mit diesem Anspruch traten wir auch da auf die Bühne, wo wir Berührungspunkte mit ausserjüdischen Faktoren suchten. Die Gänge nach London waren nicht leicht, da es uns fern liegen musste, das, was andere Juden geleistet hatten,^zu verkleinern oder ihre Wege zu kreuzen. Sowohl im britischen colonial office und vor Sir Herbert Samuel, als auch vor prominenten Mitgliedern der league of natiöns war es unser Bemühen, das darzulegen und das zu fordern, was als Lebensnotwendigkeit einer glaubenstreuen und ausschliesslich an der Glaubenstreue orientierten Judenheit im heiligen Lande uns unumgänglich schien und scheint. Wir haben jedenfalls das eine erreicht, dass die Organisation der Thoratreue als solche sich in den Kalkül aller beteiligten Faktoren einfügte und das ist viel, wenn man weiss und bedenkt, mit wie eifrigem Bemühen man an vielen Stellen darauf bedacht war, die Existenz der Aguda überhaupt zu negieren, geschweige denn die Existenzberechtigung. Es ist Ehrenpflicht an dieser Stelle der vornehmen Art und Weise zu gedenken, mit der Sir Herbert Samuel, im Rahmen der Möglichkeiten seiner Aufgabe uns gerecht! zu werden versucht. j Wir waren umsomehr gezwungen, diese Wege selbständig zu gehen, als[ die Versuche unserer in Zürich nach Paris und London entsandten Delegation 1 für Vertretung unserer Wünsche, gemeinsam mit anderen jüdischen Organi-! sationen unsere Forderungen dem Friedenskongress zu unterbreiten, auf vollkommenes Missverstehen!auf anderer Seite gestossen war. Es ist angenehme Pflicht des Geschäftsberichtes, den Herren Rabbiner Dr. Löwenstein (Zürich), Grandrabbin Dr. Emst Weill (Kolmar), Sally Guggenheim (Basel) den Dank der Aguda für ihre Bemühungen zu sagen sowie dankend zu gedenken des verstorbenen Rabbiner Dr. Jung (London) s. A. Der historischen Wahrheit zur Liebe muss hier auch Erwähnung finden die Fahrt unserer Delegierten 5677 nach Konstantinopel, welche gemeinsam ׳ mit der zionistischen Organisation, aber in klarer Abgrenzung unseres Stand-! Punktes wegen der Zukunft Palästinas in der Hohen Pforte vorstellig wurde.; Unabhängig von der seither eingetretenen geschichtlichen Umwälzung ist unser 1 Standpunkt für die Notwendigkeiten in Palästina für die Blüte des Thoralebens j derselbe geblieben. Es ist also eine Politik der ewig unveränderlichen und j unveräusserlichen Gedanken, welche wir in Konstantiuopel begannen, in; London vertraten, durch uns selbst oder durch unsere Nachkommen in׳ Jerusalem zu Ende führen werden. An den Völkerbund als solchen, sind wir nur an die Mandatskommission herangetreten, weil wir unseren Prinzipien getreu jede Einmischung in die Innere Politik der einzelnen Länder ablehnen und es vielmehr den einzelnen Landesorganisationen überliessen, dort, wo sie es nach Beratung mit der Zentrale für gut hielten, die notwendigen Schritte zu tun. Prestige-Politik haben wir nie getrieben und deshalb bei vielen Gelegenheiten, bei denen es leicht gewesen wäre, namens der Aguda aufzutreten,ן jeden Act de presence vermieden. Hier sprach und spricht als zwingendes Motiv j U. a. auch die stets sehr sorgfältig gepflegte Erwägung mit, dass nicht Wort, oder Tat ungünstige Rückwirkung ausübe auf die Juden in dem oder jenem Lande. Oft hat die schwere Last dieses Verantwortungsbewusstseins die Leitung in ernste Lage gebracht. Es ist Sache der Kenessio Gedaulo zu dieser Grundfrage billigend oder tadelnd Stellung zu nehmen und der künftigen Leitung eventuell grösseren politischen Radius vorzuschreiben. Dieselbe ängstliche Vorsicht obwaltete auch in unserer Tätigkeit während, des Krieges. Der erste Schritt war das Eintreten in ein interkonfessionelles! ״Hilfskomitee zugunsten der Notleidenden in Russisch-Polen", durch das sich; mancherlei in charitativer Hinsicht wertvollste Beziehungen zu den inter־; nationalen Hilfsorganisationen, wie Rote Kreuz-Organisation und dgl. ergaben. In die gleiche Periode gehört die so viel umstrittene Tätigkeit in Polen. Es war Aufgabe der Delegation der Aguda, die damalige Okkupationsmacht; über die Wünsche der Orthodoxie in Polen zu informieren, diese Wünsche! dort zu vertreten und unsere Gesinnungsgenossen vor Eingriffen in die Welt: und in das Leben ihrer Anschauungen zu bewahren. Es ist kein Schritt! geschehen, der nicht die Billigung der massgebenden rabbinischen Autoritäten! vorher gefunden hatte. Aber es darf auch gesagt werden, dass es der so-: genannten politischen Tätigkeit gelang, manche Gefahren von der Orthodoxie; abzuwenden. Mehr zu sagen widerstrebt dem Referenten, dessen Name ja! leider allzuenge mit dieser Tätigkeit verknüpft ist. Der politische Grundgedanke[ war, die Juden nicht in Gegensatz bringen zu lassen zu den Polen und dass! diese Maxime die richtige war, bezeugt ein Ausspruch des späteren Premier-; ministers Jan Kucharczewski im ״Moniteur Polonais“, Lausanne 1918, in welchem;, gesagt wird, dass die Delegation der Aguda stets loyal und ehrlich handelte. Die; Aguda ist zu Dank verpflichtet sowohl der damaligen Okkupationsmacht,: welche die auf die Erhaltung der religiösen Reinheit gerichtete Tätigkeit der, Delegation unterstützte, als auch insbesondere den polnischen Behörden,; welche feinstes Verständnis für die Notwendigkeiten der Orthodoxie an den! Tag legte. Die Leitung der Aguda selbst hat ihrer Delegation stets billigend! zur Seite gestanden. Es yvar ferner das Verdienst der Aguda, dass in Litauen eine jüdische Stelle bei der obersten Verwaltung errichtet wurde; wie wenig es der Aguda: in allgemeinen jüdischen Fragen um Parteirücksichten zu tun war, davon zeugt die Tatsache, dass sie für diese Stelle einen Misrachisten präsentierte der die' Stellung erhielt und die feierlich versprochene Objektivität auch bewährte. Wenn so die Aufgabe der äusseren Politik ־־־ um dieses Wort in dem׳ eingangs charakterisierten Sinn zu gebrauchen — stets eine befriedigende Lösung brachten, insoferne man nur Erwartung und Erfüllung in das richtige Verhältnis zu bringen verstand, so hatte andrerseits die innere Politik mit viel1 grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen. Innere Politik heisst, Zusammenarbeiten! mit anderen Organisationen oder der Verzicht hierauf; ein Beschluss der Pressburger Zentralratstagung verlangte den letzteren Weg. Was wir von Zürich bis Pressburg unternahmen, ist ein Weg des Leides, dessen einzelne Etappen aufzuzäblen zwecklos wäre. Wir haben es nie an Klarheit über die folgenden Punkte fehlen lassen: 1. Wi{ können nur mit verantwortungsvöllen und entschlussfähigen Stellen verhandeln. 2. Eine Verhandlung kann nie unter Verletzung unseres Prinzips— Primat der Thora — erfolgen. 3. Unter Aufrechterhaltung dieses Grundprinzips sind wir bereit, über die notwendigste technische und wirtschaftliche Kooperation in Unterhandlung zu treten.