Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 33 (15.8.1923)
- Date
- 1923-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE PRESSE MT. 33 Seite 239 }grasen Willens, die geschlossene Einheit des religiösen Lebens, die das Ideal ׳des Ostens, des Thorajuden, bildet, an irgend einem Punkt zu erschüttern. Als eben die ersten Vorbereitungen für eine systematische Propaganda in den Ostländem vollendet waren, brach der Krieg aus. Er traf mit voller Härte unsere Olaubensbrüder in Galizien. Die materielle Not brachte zunächst einmal die Aguda als Helferin nach Galizien; nach der feindlichen Besetzung dieses Landes trafen Hunderttausende als Flüchtlinge im Westen ein, um dort in körperlicher und geistiger Notlage besseren Tagen entgegenzuharren. Es verdient besonders in der jüdischen Geschichte hervorgehoben zu werden, was damals von der Aguda unter der umsichtigen Leitung des Herrn Thumim im Namen der Aguda geleistet wurde. Einzelheiten folgen in einem anderen 1 Kapitel. Dass diese Hilfe auch propagandistisch grossen Wert besass, bedarf;kaum der Erwähnung. Die Entwicklung der Aguda im damaligen Kongresspolen ist ein Kapitel für sich. Als die Vertreter der Aguda nach Polen kamen, fanden sie neben den Spuren furchtbarer Verwüstungen eine unbeschreiblich grosse Fülle ernster Menschen, die das eigene Interesse vernachlässigten, um im Wandel der Zeit die heiligen Ewigkeitswerte der Ahnen unverletzt zu erhalten. Es war aber auch Polen dasjenige Land, in welchem unsere Gegner vom ersten Schritt unserer Propaganda an uns aufs heftigste bekämpften; in keinem anderen Land hatte die Propaganda mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen, und der grösste Beweis für die providentielle Bedeutung der Agudas Jisroel liegt darin, dass wir heute in unserer polnischen Organisation den festen Markstein unseres Strebens, den Schwerpunkt unserer Existenz erblicken dürfen und müssen. In Polen zuerst ist die Aguda ein Faktor des gesellschaftlichen und politischen jüdischen Lebens geworden. An Polens Beispiel rankten sich die übrigen Länder empor. Es wird in diesem Bericht bei jedem einzelnen Punkt über Polen zu reden sein. Wie in Polen, so wurde auch während des Krieges in den anderen Nachfolgestaaten Russlands mit der Propaganda eingesetzt. Man kann sagen, dass sie in Lettland dank der Disziplin und Energie unserer dortigen Gesinnungsgenossen einen gewissen Abschluss bereits erlangt hat, dass Litauen dank der Erkenntnis seiner geistigen und religiösen Führer, den agudistischen Grundgedanken erfasst und in die Massen getragen hat. Von den Nachfolge- Staaten Ungarns sind heute die Tschecho-Slowakei, Transsylvanien und Jugoslawien treue und wertvolle Glieder der Agudas Jisroel geworden. Schmerzlieh vermissen wir noch den durch die allgemeinen Verhältnisse verhinderten Anschluss Ungarns und wir alle beklagen die derzeit gegebene Unmöglichkeit, dass unsere Gesinnungsgenossen in Sowjet-Russland in unseren Reihen sich befinden. Der Weg war nicht ohne Kampf, es war unsere Pflicht, überall aufzuklären, dass die rein nationale Konzeption des Judentums mit der Thora unvereinbar sei. Wir betonen, nicht rein realpolitische Rücksichten waren es, die uns in die Kampfstellung zwangen, sondern lediglich das Bestreben, treue Verwalter zu sein des heiligen Lebens unserer heiligen Lehre. אחרון אחרון חביב; im Lande unserer Väter blüht und wirkt segensreich die Agudas Jisroel. Dort, wo der Kampf um die Klarheit der Anschauung am heissesten wogt, stehen unsere Brüder in erster Reihe. Das jüngste Jahr brachte uns auch der amerikanischen Orthodoxie näher. Auch in den Ländern, in denen auf Grund der Friedensverträge Juden sich veranlasst sahen, sich national zu organisieren, haben die Getreuen der Agudas Jisroel in Ehre ein furchtbar schweres Ringen überstanden. Die Zentrale als solche hat zu den politischen Fragen in den einzelnen Ländern nicht Stellung nehmen können, aber wir verkünden es mit Stolz, dass auch in den Ländern der Nationalräte und Nationalvertretungen in den Parlamenten die Söhne der Aguda keinen Augenblick einen Zweifel darüber entstehen Hessen, dass alles nationale Wollen aus der Religion strömt und zur Religion zurückführen muss. Zeitlich ist zu bemerken, dass die Propaganda in Polen und Litauen von 5676 bis jetzt währt, die in den anderen Ländern eigentlich erst 5678 einsetzte. Zahlenraässig ausgedrückt) hat die Aguda jetzt zirka 650.000 Mitglieder. In diesem Zusammenhänge müssen wenigstens einer kurzen registrierenden Note gewürdigt werden diejenigen Tagungen, welche für die Geschichte der Aguda, für die Erhöhung der Stosskraft ihrer Propaganda von Bedeutung sind. Es sind folgende: Die Sitzung in Kassel im Tebeth 5679, mit dem Be- Schluss, die Zentrale nach Zürich zu verlegen und sie zunächst mit folgenden drei Aufträgen zu betrauen: a) die schleunige Einberufung einer internationalen Konferenz der Orthodoxie, b) die Vorbereitung der Kenessio Gedaulo in allen Ländern, c) die Organisation der praktischen Palästina-Arbeit. Schon acht Wochen später fand in Zürich die Tagung der gesetzestreuen jüdischen Verbände unter Beteiligung aus Polen, Litauen, Ukraina, Ungarn, Galizien, Böhmen, Schweiz, Holland, England, Frankreich, Oesterreich, Italien und Deutschland statt. Ueber diese Konferenz ist ein gedruckter Bericht erschienen. Es soll deshalb im Rahmen des Geschäftsberichtes nur hervorgehoben werden, dass Beschlüsse gefasst wurden über Wiederaufbau der zerstörten Thoralehr- Stätten, über die Errichtung neuer Thoralehrstätten, über die wirtschaftlichen Aufgaben in Palästina, über die Errichtung einer Handels- und Siedlungsbank und über die Vertretung der orthodoxen Notwendigkeiten vor der Friedenskonferenz. Desgleichen wurde klare Stellungnahme zu den Forderungen für die Judenheit in den Golusländern zum Ausdruck gebracht. Organisationsmässig und propagandistisch wichtig war insbesondere folgender Beschluss: ״Das in der heutigen Resolution in Aussicht genommene eventuelle gemeinsame Vorgehen mit anderen Organisationen gegenüber dem Friedenskongress berührt in keiner Weise die Ueberzeugung von der Notwendigkeit dauernder Selbständigkeit der auf der Konferenz vertretenen thoratreuen Organisationen und den Willen, in dieser Selbständigkeit zu verharren." Es folgte sodann im Elul 5620 die Konferenz in Pressburg, in der zum ersten Male die anwesenden Rabbiner grossen, entscheidenden Einfluss auf den Gang der Verhandlungen hatten, die ferner besonders energische, einschneidende Massnahmen traf. Es wurde die Verlegung der Administration nach Wien und Frankfurt, die Verlegung der Exekutive nach London beschlossen und durchgeführt. Es folgte im Adar 1921 eine Tagung des Zentralrates in Wien, die besonders für die Propaganda im Osten ausschlaggebend war, und endlieh im Tebeth 5623 die Zentralratstagung in Breslau, deren wichtiger Beschluss die Einberufung der Kenessio Gedauloh bedeutet. b) Die grosszügige Förderung des Thorastudiums und der jüdisehen Erziehung überhaupt in den dieser Förderung bedürftigen Ländern. Hier muss streng geschieden werden zwischen dem, was die׳ Aguda geleistet hat, und dem, was die einzelnen Landesorganisationen fördernd und helfend gewirkt haben, denn gerade in bezug auf das Erziehungswesen muss die Autonomie der einzelnen Landesorganisationen auf das peinlichste und sorgfältigste beachtet werden, und es gehört zu den vornehmsten Aufgaben des ©eschäftsbetichtes, festzustellen, dass dieser Grundsatz niemals verletz? worden ist, wie denn auch anderseits diese Tatsache in einem Beschluss def Pressburger Zentralrates zum Ausdruck kam. Gestatten Sie auch hier em Wori der Wahrheit. Alle Besorgnisse und Befürchtungen, welche noch heute ira bezug auf die Aguda In orthodoxen Kreisen gehegt werden, knüpfen an dk Erziehungsfragen, denn man fürchtet, dass irgendwie und irgendwo der Ver• such gemacht werden könnte seitens der Aguda, die in den Ländern des reinen׳ unverfälschten Thorastudiums erprobte Erziehungsmethode und Schulmethodd zu ändern. Da erscheint es wie eine bedeutsame Manifestation, wenn in Press* bürg einstimmig beschlossen wurde, dass die Zentrale nur solche Schul* werke aus Zentralmitteln unterstützen darf, die lediglich dem Ltmud Hathora gewidmet sind. Der G. A. hat sich, wie selbstverständlich, an diesen Beschluss gehalten und er kann nur auch an dieser Stelle sein Bedauern darüber zurrt Ausdruck bringen, dass der Thorafonds der Zentrale, der schon in Zürich be■» schlossen wurde, nicht in dem Masse gespeist wurde, wie es diese allererste! Aufgabe der Aguda erfordert hätte. Dies ist der einzige Punkt aus dem finam ziehen Bericht, den ich im Rahmen des allgemeinen Geschäftsberichtes her* vorheben möchte. Es bleibt demnach den Berichten über die einzelnen Länder und den Herren, die mit diesem Referat betraut sind, Vorbehalten, über den Stand der Erziehungsfragen Ihnen Rechenschaft zu geben. Aus Zentralmitteln( wurden lediglich einige Unterrichtsanstalten im heiligen Lande unterstützt; die ausdrücklich nach Lehrplänen, Lehrpersonal und Lehrziel die volle Zu- Stimmung der für uns massgebenden Autoritäten besitzen, also ganz im Sinne des Pressburger Beschlusses gehalten sind. In diesem Zusammenhänge darf und muss wohl auch erwähnt werden, dass es die Aguda für ihre Ehrenpflicht hält, das Beth Din in Jerusalem, welches unter Führung des Rabbi Chaim Sonnenfeld steht, zu erhalten, da dieses auch dort der Fels des Agudagedankens ist und im schweren Kampfe seine Selbständigkeit behauptet hat. Es wird allezeit ein Ruhmesblatt unserer tschecho-slowakischen Landesorganisatlon bleiben, dass sie uns in opferfreudiger Weise die Möglichkeit gegeben hatte, diese Pflicht zu erfüllen. c) Die Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen für die jüdisehen Massen in den Ländern der Not und in Palästina. d) Die Organisierung von Hilfskräften im Falle des Bedürfnisses. Als man in Kattowitz den Beschluss fasste, in das Programm der Aguda diese Aufgabe aufzunehmen (c), konnte niemand träumen, welch ein gigantisches Werk damit versprochen wurde. Die Aguda hat vieles geleistet. Würde ich Ihnen einen ziffermässigen Rechenschaftsbericht zu erstatten haben, so wäre streng zu unterscheiden zwischen den Summen, die bis zur Entwertung geleistet wurden, und den Ziffern, die seit 5679 unser Budget belasten. Es ist ferner zu unterscheiden zwischen den Leistungen der Zentrale und denen der einzelnen Länder. Ich darf wöhl der Hoffnung Ausdruck geben, dass die Referenten für die einzelnen Landesorganisationen bei ihren Referaten auch diesen Punkt nicht vergessen werden. Was früher einmal eines der traurigsten Privilegien der im Osten sich befindlichen jüdischen Siedlungen war, ist leider seitdem Gemeingut der Juden fast aller Länder geworden. Ich gebe Ihnen zunächst einen ungefahren Ueberblick über die Leistungen der Agudas Jisroel im Kriege: 1. Materielle Fürsorge für die von Kriegsnot betroffenen Brüder in Galizien, Polen, Litauen, unter besonderer Berücksichtigung der Thoragelehrten, Rabbinen und der zur Ernährung der Volksmassen getroffenen Einrichtungen. 2. Errichtung und Erhaltung zahlreicher Chadorim für die der moralischen und religiösen Verwahrlosung preisgegebenen Flüchtlingskinder Galiziens. 3. Versorgung der österreichischen Flüchtlingszentren mit Ritualien und Büchern. 4. Arbeitervermittlung der Agudas •Jisroel zur Lösung der Arbeiter- Probleme im Osten unter Berücksichtigung der religiösen Anforderungen; Beteiligung an der im Osten eingerichteten jüdischen Arbeitervermittlung.: 5. Mitwirkung an der materiellen Wiederaufrichtung und Föidecung; der) Jeschiwos Talmud-Thoraschulen in Polen und Litauen. 6. Rettung und Ausgestaltung des Cheders in Polen. 7. Arbeiten zur religiösen Erziehung der Mädchen im Osten*; Mädchen^ schule ״Chawazeles“ in Warschau. 8. Organisation der thoratrqpen Massen in Polen und ihre Ertüchtigung, zur Teilnahme am öffentlichen Leben unter Wahrung der religiösen Traditionen.1 9. Gründung und Förderung thoratreuer Jugendvereine im Osten. 10. Literarische Arbeiten zur Verbreitung der Ideen der Agudas Jisroel, insbesondere Uebersetzungen ins Jiddische und Polnische; Gründung der ersten gesetzestreuen Tageszeitung grossen Stils in Warschau. 11. Schaffung des Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel und Gründung und Förderung von Waisenhäusern in Polen, Galizien, Litauen, Palästina und Wien. Vor dem Kriege hat die Agudas Jisroel hauptsächlich für die russischen Jeschiwoth und für Chadorim sowie für Arbeiterhäuser in den Kolonien geleistet׳: 5673 wurden 10.000 Kilogramm Mazzoth verteilt, 2000 Kinder in Wien mit Chadorim versorgt, Waisenhäuser in Kalisch, Warschau und Bialystök errichtet, Flüchtlingschadorim in Böhmen und Mähren subventioniert, für jüdisehe Arbeiter in den oberschlesischen und westfälischen Gruben Volksküchen errichtet. Einen besonderen Einschlag in diese Unterstützungen bietet ein Darlehen an die Chewra Kadische ^Jerusalem mit einer grossen Summe. Wir geben nun eine zusammenhängende Darstellung über die Flüchtlingsfürsorge. Die Aguda begann ihre Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge vor dem Pessachfeste. Nach den Feststellungen des Herrn Fabrikanten Grünbaum s.A. in Nürnberg, der im Aufträge der Leitung nach Wien reiste, um gemeinsam mit der dort domizilierenden galizischen Landeszentrale unter der Leitung des Herrn Thumin die erforderlichen Massnahmen zu treffen, bestand für viele Tausende die Gefahr, während des Pessachfestes ohne Mazzos zu bleiben. Nach unsäglichen Mühen wurde es in letzter Stunde noch ermöglicht, ein Mindestquantum der, erforderlichen Mazzos herbeizuschaffen. Hiefür allein wurden mehr als K 32.000i (1915!) verausgabt. Auch wurde durch Subventionierung von Volksküchen und direkte Unterstützung einzelner im tiefsten Elend befindlichen Familien vielfach dazu beigetragen, die Not zu lindern. Hand in Hand mit dieser Aktion wurde von seiten verschiedener befreundeter Frauenvereine und der Aguda-Mädchengruppen im grossen Massstabe eine Kleider- und Wäschesammlung eingeleitet. Auch diese Sammlung! zeitigte ein gutes Ergebnis. Von den einzelnen Sammelstellen Deutschlands und; der Schweiz konnten mehrere hundert Kisten mit Kleidungsstücken nach den Flüchtlingszentren abgesandt werden. Eine besonders schwierige und kostspielige Aufgabe erwuchs der Aguda׳ aus der geistigen und religiösen Notlage, in die die Flüchtlinge geraten waren.