Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 31 (3.8.1923)
- Date
- 1923-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JUDiäCilE PKfcäSE Nr. 31 y. kmm August n 1023. :: ZXJLV Was erwartet die Jugend von der Kenessio Gedauio? Von Kalonymo«. Wenn dfe Agudas Jisroel nichts v/eiter bedeuten soll /lt die Zusammenfassung aller orthodoxen Juden zur ErfQüuug Ihrer Jeweiligen Gegenwartsaufgaben, etwa zur Ofündung von Waisenhäusern, zur Unterstützung von Jeschiwas, zur Kolonisierung Palästinas auf gesetzestreufer Grundlage und dcrgl., so wäre sie immerhin ein gewisser Fortschritt gegenüber dem bisherigen Zustand der Zersplitterung; sie lohnte aber die ungeheuren Mühen und die grosse Begeisterung nicht, die auf Ihren Aufbau verwendet werden; sie wäre ein Verein wie so viele andere ähnlicher Art, nur etwas grosszügiger organisiert als bisher. Diese Aufgabe würde die Orthodoxie schliesslich auch ohne die Agudas Jisroel erfüllen. Die Jugend ver« langt von ihr mehr; sie fordert von ihr die Befreiung von der geistigen Not, in die sie sich gestellt sieht; die Jugend will aus dem ewigen Kampf zwischen Judentum und Europäertum, der ihr die besten Kräfte raubt und selbst den im Judentum Gefestigten in seiner jüdischen Aufbautätigkeit lähmt, endlich einmal heraus. Als Volijudc frei und unbehelligt von fremden Knlturefnflüssen zu leben und zu wirken, dazu soll ihm die Agudas Jisroel verhelfen. Es muss wieder eine Lust, nicht eine Last sein, ein im Sinne der Thauroh vollwertiges Judentum zu leben. Hat die Agudas Jisroel dieso Ihre Aufgabe, die einalge, die sie weit über den Charakter eines Vereins oder einer Partei emporhebt, erkannt? Wird die Tagesordnung der Kenessio Gedauio dieser Forderung gerecht? Auch die bisherigen Entwürfe für ein künftiges Aguda-Programm lassen die Erkenntnis der hehren Mission der Agudas Jsroel vermissen. Sie kleben allzusehr an Begriffen, die sic an der Thauroh orientieren. Wir wollen aber kein Programm der kalten Begriffe, wir verlangen ein lebenswarmes Programm der praktischen Arbeit, orientiert an den Lebensbedürfnissen der Judcnhclt, vor allem Ihres zur Gesetzestreue strebenden Teiles. Um dfese Lebensbedürfnisse zu erkennen, muss man etwas tiefer schürfen, als es gewöhnlich geschieht. Der- Jenlge, der z. Bempfiehlt, mehr zu ״lernen“, sieht nur die äussere Krankheftserscheinung des jüdischen Volkskörpers, nicht aber Ihre Ursache. Woher kommt es, dass erst besondere Energie aufgebracht werden muss, um den Ent- $cldu3s des ״Lernens‘4 zu fassen? Weshalb fallen auch Weit« Kreise der Jugend des Ostens, die , doch meistens ״gelernt“ hat, vom Judentum ab? Die Ursache Ist, dass wir kein gemeinschaftliches, auf der Thauroh auf gebautes jüdisches Kulturbewusstsein mehr besitzen. Wir sind in europäischer Kultur erzogen und aufgewaohsen und bemühen uns krampfhaft und mit ungeheurer Energie, in ihr unsere altjüdischen Lebensformen zu bewahren. Ein jiidisclies Kulturbewusstsein, insbesondere ein an der Thauroh orientiertes, das die gesamte Judenhelt umfasst, ist uns im Jahrhundert der Aufklärung verloren gegangen. Die ganze uns umgebende Welt der Zivilisation Ist uns fremd geworden. Wir können sie nicht mehr Innerlich verarbeiten; sie zwingt uns daher In ihren Bann. Das Ist die europäische kapitalistisch-sozialistische Kultur, die alle Menschen ln Ihrem Denken, Fühlen und in der Lebens* gestaltung allmählich glelclimacht und jede Sonderart, auch die jüdische, vernichtet• Eine Rettung ist nur möglich, wenn es gelingt, an Stelle des allgemeinen Kulturbewusstseins das •!^sondere Bewusstsein der verschiedenen Kulturgruppen zu setzen. Die grosse Tat Samson Raphael Hirsch« s. A. war, dass er gezeigt hat, dass der Jude auch innerhalb dies europäisehen Kulturkreises sich seines Judentumes nicht zu schämen brauche, dass die jüdische Weltanschauung der modernen Wissenschaft nicht widerspreche. Er hat das Judentum des Westens vor dem Untergang gerettet. Jetzt gilt es aber noch einen Schritt weiterzugehen. Wir müssen nicht nur vor dem Untergang retten, sondern aufbauen; w!ir müssen unser eigenes jüdisches Kulturempfinden schaffen; wir dürfen das Leben nicht mehr als Europäer, sondern nur noch als Juden anschauen. Wir müssen uns bewusst werden, dass jedes Volk sein eigenes Wesen und, darauf gegründet, seine eigene Aufgabe und seine eigene Kultur in der Menschheit hat und dass dasjenige Volk am höchsten stellt, das sein Wesen und seine Aufgabe begriffen und mit vollem Bewusstsein im Interesse der Entwicklung der ganzen Menschheit zu erfüllen und zu iebe.n bestrebt Ist• Die durch seine Geschichte, sein Gesetz und das Wesen Jedes einzelnen Juden vorgezeichnete Aufgabe des jüdischen Volkes ist die Erlösung der Menschheit von aller Gewalt, aller Unterdrückung und allem Leid. Auserwählt ist das jüdische Volk, well diese Aufgabe zugleich das Ziel der Menschheitsgeschichte überhaupt ist. Wenn andere Völker ihr Wesen und ilire daraus entspringende Aufgabe im Kreise der Völkerfamilie noch nicht erkannt haben und Im Dunkeln tappend in das Gebiet anderer übergreifen wollen, so darf dies uns Juden nicht hindern, vielleicht als erstes und damit höchstes Kulturvolk, unser eigenes Wesen und unsere eigene Kultur zu betonen und zu leben. Auf die Erkenntnis unseres Wesens kommt es in allererster Linie an. Die Erkenntnis des jüdischen Wesens und Charaktere, das Verstehen der Thauroh und aller jüdischen Gesetzesvorschriften von diesem Standpunkt aus, wird in der ganzen Diaspora ein gemeinschaftliches jüdisches Kulturbewusstsein und damit ein jüdiches Leben im alfctraditionellen Sinne schaffen. Wird «die Agudas Jisroel, wird die Kenessio Gedauio hier die Wege weisen? Wird sie die Grundlage zu einem gemeinsamen jüdischen Kulturbewusstsein (im traditionellen Sinne) schaffen? Die Jugend und die Zukunft des Judentums verlangen cs. gen des geschnffsr. ABUtöimes. An sämtliche Landeszentralen. Der geschäftsführende Ausschuss beruft hiermit die Kenessio Gedauio auf den 3. bis 13. Eiul nach Wien ein. Ort der Tagung ist Wien, I!., Zirkusgasse 44, Die feierliche Eröffnungssitzung beginnt Mittwoch pitnkiich 5 Uhr nachmittags. Wien, Frankfurt, Warschau, Nitra, Kowno, Chisinau. Der geschäftsführende Ausschuss. An sämtliche Landeszentralen. Wir machen wiederholt darauf aufmerksam, dass der Walilprüfuugsausschuss nur solche Mandate genehmigen kann, wenn aktenmässige Grundlagen vorhanden sind: # 1. Die Wählerliste (Mitgliederliste), 2. Das Wahlprotokoll. 3. Der Nachweis, dass an das Bureau der Kenessio Gedauio die vorschriftsmässige Kopfsteuer erlegt ist. Die säumigen Landesorganisationen werden dringend ersucht, für die Beitreibung der Summe Sorge zu tragen. Wien, Frankfurt, Warschau, Nitra, Kowno, Chisinau. Der geschäftsführende Ausschuss, An sämtliche Landeszeniralen. Die in der Geschäftsordnung vorgesehene Bil« düng von Landsmannschaften wollen bis spätestens 3. Elul 12 Uhr mittags im Bureau der Kenessio Gedaulo ihre Konstituierung anzeigen, da unmittelbar nach der feierlichen Eröffnungssitzung die Zusammen- Setzung der Permanenzkommissionen und anderer wichtiger Kommissionen vollzogen werden müssen. Es steht dem nichts im׳ Wege, dass kleinere Landsmananscliaften sich nach freier Wahl zu einer Körperschaft Zusammenschlüssen. Wien, Frankfurt, Warschau, Nitra, Kowno, Chisinau. Der geschäftsführende Ausschuss, Eintrittskarten« Es ist nur noch eine beschränkte Anzahl von Gastkarten vorhanden* Die Wiener, welche der Tagung beizuwohnen wünschen, werden deshalb darauf aufmerksam gemacht, dass Karten wochentäglich von 9 bis 12 und 4 bis 6 Uhr hn Bureau der Kenessio Gedauio erhältlich sind. Preise der Karten (In Kronen): Für die ganze Tagung, für Mitglieder der Aguda iüJMJOO Für NichtmitgHeder 150.000 Karten für die Eröffnungssitzung 50.000, bezw. 70.000 Karten für die Schlusssitzung 40.000, bezw. 60.000 Karten für einzelne Tage 30.000, bezw. 50.000 Die Eröffnungssitzung beginnt Mittwoch den 3. Elul 5 Uhr nachmittags. Bel derselben werden Gesänge von Herrn Oberkantor Braun mit verstärktem Chor vorgetragen. Der Saal wird für Gäste um 4 Uhr 30 Min., für Delegierte um 4 Uhr 45 Min. geschlossen. IE3©riah.te. Bericht aus New York. Letzten Sonntag fand im Lokale der Agudas Jisroel in New York eine Versammlung der Mitglieder der Agudas in New York und die Wahl der Delegierten zur Kenessio Gedauio statt. Die Versammlung war sehr zahlreich und von vielen prominenten Rabbinern besucht. Mr. Goldstein eröffnet« als Chairman die Versammlang mit einem Tätigkeitsberichte. Als zweiter ergriff das Wort Oberrabbiner Noe Garfunkel• Er schilderte die Wichtigkeit und den Ernst des Momentes, in dem man zur Wahl jener Männer schreitet, die als לוח צבור&‘ bei der Kenessio Gedauio die Wünsche der amerikanischen Orthodoxic vertreten werden, bei welcher die heiligsten An- Gelegenheiten des religiösen Judentums in Erez Jisroel und in der Diaspora zur Beratung kommen werden. In der sicii entwicktken Diskussion, in der die Rabbiner Maimon-Warschau, Jair-Konstantin, Dickstein, Horowitz, Schochatowitz und Manuel teilgenommen haben, betonten alle Redner die grosse Wichtigkeit des gegebenen Augenblickes, ln welchem nach Jahrhunderten wieder die Möglichkeit zu einem Neuaufbau des gesamten jüdischen Lebens auf der Basis unserer heiligen Thauroh gegeben werden wird. Als Delegierte wurden gewählt: Rabb. Dr. Klein, Rabb. Dr. Jung, Rabb. Noe Gariunkel, die Herren D- Weii-New York, Rabb. Dr. Rosenblaü, Rabb. Dr. Hildeslieimer, Dr, Nathan Birnbaum-Berlin, Dr, Ehrmann-Frank׳־ furt und Ch. J. Eis-Zürich. ד אלול : תרפ״ג. 5 Die Mitteilung Rabbiner Garfunkels, dass die eben tagende Versammlung der Rabbiner Amerikas und Canadaa beschlossen bat, sich der Agudas Jisroel anzuschlfessen, wurde mit ungeheurem Enthusiasmus aufgenommen und folgende Resolution beschlossen: Die Agudas Jferoel-Ver- Sammlung in New York begriisst mit grosser Freude den Schritt der Rabbinervcrbindung, zusammen mit den Autorltäten unserer Thauroh den Weg zur Vereinigung des Judentums auf religiöser Basis zu beschielten. Mit einer Rede Rabbiners Garfunkel« wurde die Versammlung in gehobener Stimmung geschlossen. Wiener-Neustadt. Montag den 10. Aav um halb 8 Uhr abends fand im hiesigen Beth., Hamldrasch die Wahl eines Delegierten zur Kenessto Gedauio statt- Vor zahlreichen Gästen erörterte der Präsident unserer Gruppe, Herr Armin Reiss, die Wichtigkeit dieser Kenessto. Besonders wir In Wiener-Neustadt erhoffen von der Kenessio eine Erstarkung unserer orthodoxen Ideen zu finden. Ea vvude einstimmig Herr Rabbiner David Friedmann zum Delegierten und Herr Reif zum Ersatzmann gewählt. Fiume. Am 24. Juni fand ln Fiume unter grosser Beteiligung der hiesigen Orthodoxie die General- Versammlung und zugleich Gründungsversammlung der Agudas Jisroel, Ortsgruppe Fiume, statt. Herr A. Engelsrath eröffnete die Versammlung und schilderte die Ziele der Agudas Jisroel und die Bedeutung der Kenessio Gedauio. Nach einer anregenden Debatte nahm man die Wahl der Leitung vor. Das Ergebnis war: Herr A. Engelrath, Vorsitzender, die Herren Fischei Weiss, Hermann Weiss und Mor. Berner Leitungsmitglieder, Herr Eugen Lipschitz, Schriftführer und Herr Josef Engelsrath, Leitungsmitglied der Jugendgruppe. Mit Begeisterung wurde der Antrag Herrn J. M. Lipschitz als Delegierten zur Kenessio Gedauio zu entsenden, angenommen. Der Vorsitzende schloss die Versammlung mit der Bitte an die Erschienenen, mit allem Eifer für die Aguda zu arbeiten. Warschau. Bis zum 27. Juni lagen Berichte über die Wahlen zur Kenessio Gedauio aus 130 Städten und Ortschaften Polens vor. Es wurden 230 Delegierte gewählt. Warschau. Rabbi Isroel Meier Hakoben aus Radin (C h 0 f e z C11 a j i m) hat sich trotz seines hohen Alters entschlossen, an der Kenessio Gedauio, wenn irgendwie möglich sein wird, teilzunehmen. Jaffa• Aus Jaffa wurden Rabb. Jakob und Rabb. Sobel als Delegierte zur Kenessio Gedauio gewählt. Tlberias. Als Delegierte zur Kenessio Gedauio wurden gewöl!!‘: Rabb. Kliers und Rabb. Fon;חי׳!׳ Jndier. Von der Landesorganisation; Delegierte: Rabbiner Jeruchem, Rabbiner Katz, Franz Nenmann. Ersatzmänner: Oskar Neurath, Jul. Stein״ feld, Moses Schreiber« II. Bezirk. Delegierte: Rabbiner Abraham Heschel, Samuel Nüssenbaum, Akiba Schreiber, Salomon Schreiber, David Baumgarten* Ersatzmänner: Dr. Isidor Reiniger, Albert Breuer, Markus Kamm, Gustav Pappenhelm, Jakob Telteibaum. III. Bezirk: Delegierter: Dr. Joel PoHak. Ersatzmann: Baruch Bergstefn. VI. VII. Bezirk: Delegierter: Moritz Felsenburg. Ersatzmann: Rabbiner Moritz Flesch• IX. XIX. Bezirk: Delegierter: Rafael Glück. Ersatzmann: Jonas Kreppei. XII. XV. Bezirk: Delegierter: Rabbiner Aron Weiss. Ersatzmann: Jakob Orner. XVI. XVII. Bezirk: Delegierter: Israel Sal. Sflbersteln. Ersatzmann: Abr. Lewinter. Die Wahlen im I. und XX. Bezirk mussten in Folge von Formfehlern annulliert werden. Die Wahl im XX. Bezirk findet Sonntag, den 23. Ab (5. August) von 10—1 Uhr Bäuerleg. 20 statt. Der Termin der Wahl für den ersten Bezirk wird noch besonders bekannt gegeben werden. Baden bei Wien: Delegierter: Oberrabbiner Reich. Ersatzmann: David Daniel. Wiener-Neustadt: x Delegierter: Rabbiner Friedmann. Ersatzmann: A. Reif. 18 ..,״. Ab 5683. W1en> 31. Juli 1923. Für die Wahlprüfungskommission der Agudas Jisroel, Wien Pappenhelm. i