Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 30 (27.7.1923)
- Date
- 1923-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2629891-2629999-2630027--1050-2632783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 212 JÜDISCHE PRESSE Nr. 30 erwerbsfähigen jüdischen Menschen heranznbilden. Während des schulpflichtigen Alters werden die Kinder entweder in den Anstalten selbst oder in der Wiener Talmud-Thora-Schule nusgebildet. Sie haben somit ein jüdisches Milieu, wo sowohl für ihr körperliches Gedeihen, wie für ihre geistige Entwicklung nach den neuesten und besten Methoden gesorgt wird. Bei Vollbetrieb der Anstalten ist die Möglichkeit gegeben, 200 Waisenkinder in angenehmen, jüdischen und gesunden Heimen zu beherbergen und sie zu tüchtigen Menschen hcranzubilden. Wir waren bestrebt, In der obigen Skizze in ganz dürren Worten die Anlage der Waisenfürsorge־ Institutionen, ihre erzieherische Absicht und ihre Ausbildungsmöglichkeiten der Oeffentlichkeit bekanntzugeben. Wir wollen in dieser Schilderung jede Sentimentalität ausschalten. Es bleibt Sache des Lesers, das Schicksal jener Unglücklichen auszumalet*, die vorn Staube der Strasse aufgehoben, in einem jüdischen Heime zu neuem jüdischen Leben erweckt wurden. Das tragische Schicksal all jener zu bedenken, denen dieses Glück, in einem fieim unterzukommen, nicht zuteil ward, ist ebenfalls eine ernste Aufgabe, der sich jeder Jude unterziehen muss. Worauf wir aber an dieser Stelle’ aufmerksam machen möchten, ist die Tatsache, dass diese Wohlfahrtsanstaltten in den letzten Monaten infolge der schlechten Konjunktur auf wirtschaftlichem Gebiete eine ernste Krise mitzumachen haben. Die Schwachen, die nur gezwungen ihre Börse aufgemacht haben, um mit einer herzlosen Spende das beruhigende Bewusstsein eines Wohltäters im jüdischen Volke, eines Retters verlassener Waisenkinder nur allzu billig zu erkaufen, haben in diesen krisenvollen Monaten einen merkwürdigen Mht aufgebracht, mit Vorwürfen hervorzu treten. Ja, so sprachen sie, inan hätte niciit so viel unternehmen sollen. In den guten Zeiten war leichter herzugeben, aber heute' ist die Welt mit eigenen Sorgen befasst, da kann man, mag das Herz mit noch so tiefem Mitgefühl erfüllt sein, nicht für so gewaltige Summen aufkommen. Einige von diesen Schwachen möchten sogar noch ein moralisches Mäntelchen um ihre Schwäche hängen. Sie finden es für einen Mangel an Verantwortlichkeit, wenn man Waisenkinder in Heimen sammelt, ohne für' ihre Zukunft gesorgt zu haben. Solche Ansichten stehen nicht vereinzelt da, wir befürchten, die repräsentieren sogar die Majorität der Durchschnitts-' menschen, die ihr Geld über alles schätzen. An diese Menschen möchten wir min־ unsere Worte richten. Nicht. Worte der Verachtung und nicht Worte des' Qrolls, sondern schlichte Worte der Aufklärung, die vom Herz zum Merzen gehen. Ihr saget: Wir bähen’ z« viel auf'uns genommen. Wir sagen: dass'uns das Schuldbewusstsein) drückt, da wir zu wenig für die anderen getan haben: Ihr saget: Die Welt ist .heute zu sehr von Wirtschaftssorgen gedrückt.■ Wir sagen: ejass^ jeder jüdische Vater, der den 1 Krieg . mitgemacht hat, lebt, gesund Ist, keine' Kinder , verloren hat lind das Glück; v hat; nicht gerade in Russland gelebt zu haben und nicht gerade jn den Pogromgebieten wohnen zu müssen; also jeder jüdische Mensch, der nur die alltäglichen, ja wir geben es zu, schweren- Sorgen'des Alltags zu tragen hat, der muss vor allem der Pflicht bewusst werden, die er in seiner sicheren Position den unglücklichen entwurzelten Brüdern gegenüber, die von den Stürmen des Lebens auf der Erde herumgetrieben werden, empfinden muss. Wir haben das Qlück gehabt! einige Hundert junge Menschenknospen vor diesem Sturm z« bergen. Sie sind heute ln Sicherheit, in der Obhut guter Hände. Wir haben dies getan, wir gestehen es zu. unüberlegt. Also, wie ihr es sagt, unverantwortlich, nur von dem menschliehen, jüdischen Drang getrieben, - zuzugreifen, Ivo zu retten ist, um nicht das Verbot zu verletzen, bei dem Blute des Nächsten tatenlos, hilflos zu stehen. Die Schwierigkeit der Versorgung, die drückende Schwere der wirtschaftlichen Verhältnisse ist für uns keine Quelle der Mutlosigkeit, kein Grund zur Schwäche, sondern eine neue Aufgabe: unsere Kräfte zu stählen und unsere Arbeit zu verdoppeln. Und wir denken dabei daß wir vor allem u n S eine Wohltat er* weisen, sonst müssten wir an einer menschlichen Gesellschaft verzweifeln, deren Glieder nur für sich arbeiten und nur Sorgen um die eigene Zukunft kennnen. Wir haben Vertrauen zu dem gesunden Instinkt und zum guten Herzen unserer jüdischen Brüder, und daher verlangen wir energisch,, dass d הי s W e n i g e, was den Eührern der Agudas Jisroel auf dem Gebiete der Waisenfürsorge gelang, weiter gestützt und gefördert werde. Der Sammeltag des Jüdischen Hilfswerkes am 29. Juli ist ein Prüfstein hiefür. p. Zeichen der Zeit. Niemals noch waren neue Ideen und Programme kurzlebiger als diejenigen die in der Nachkriegszeit das Licht der "Welt erblickten. Der Zusammenbruch der alten Lebensformen, die gewaltsame Abwendung vom alten Lebensinhalt, die quasi heroische Geste der Abschüttelung sogenannter alter Vorurteile, die nicht mehr mit dem neuen Zeitgeiste in Einklang standen, liess eine grosse Leere im Leben entstehen, die von allen möglichen und unmöglichen ״neuen״ Ideen und Programmen ausgefüllt wurde. So auch im Leben und Denken des jüdischen Volkes. Doch der jüdische Mensch war womöglich noch intensiver, noch schroffer im vollkommenen Ablehnen des bisher Bestehenden. Jahrtausende alte Dogmen und Prinzipien erwiesen sich plötzlich überlebt und veraltet, und waren mit einem Male Beweise des Rückschrittes und der Unkultur, Ein verhängnisvoller Irrtum. Umso Verhängnisvoller, als die jüdische׳Jugend ■fm Irrtum befangen, allem Alten den Rücken kehrten und in das Tohuwabohu der neugeprägten Schlagworte sich stürzte, um bald die ganze Nichtigkeit derselben erkennend, ohne lebenskräftigen, vollerfüllenden Lebensinhalt dazustehen. Die letzte Zeit brachte Anzeichen einer Aeriderung., Einer Aenderung die, wenn sie nicht in ihrer Erscheinung den Stempel des ״Modernen“ führen würde, als eine günstige bezeichnet werden müsste. Denn auf der Suche nach ausfüllendem, stützendem Wesensinhalt greift man zurück auf das Alte. Man gteift zurück jn den alten unerschöpflichen Born. In allen jüdischen Gesellschaftskreisen dringt langsam die Einsicht durch, dass die Existenz des Volkes durch das Festhalten an Inhalt und Form des jüdischen Qtaubtni bedingt ist. Die Einsicht, dass trot* moderner technisierter Lebensform, das spezifisch jüdische Oelstige das Leben beherrschen muss, dass aber auch ohne traditioneller äusserer Form das Geistige nicht stark genug verwurzelt werden kann. Und deshalb mehren srch die Zeichen der Entstehung einer Bewegung utfter der Parole ״Zurück zur Orthodoxie.״ Die jüdische Intelligenz und die jüdische Arbeitermasse sieht langsam ein, dass die Schlagworte und Ideologien wenn nierrt immer schwindelhaft, so doch innerlüch leer, kraftlos und irreführend gewesen sind. Wenn man jedoch die inneren Motive die diese Umkehr verursachen und die Form wie sie von statten geht betrachtet, so wird man eine Gefahr wahrnehmen die dieser Bewegung droht. Es ist dies die Tatsache, dass sich diese Rückkehr rein äusserlich vollzieht. Dass dies eine vollkommene Verkennung der Struktur des jüdischen Geistes bedeutet, leuchtet ein. wenn man das Wesen und die Entwicklung des jüdischen Volkes kennt. Selbstverständlich ist eine straffe Formulierung und Fixierung der Tendenz wohl notwendig. Diese aber schlfesst nicht die Notwendigkeit einer Gründung einer neuen Partei oder eines ähnlichen Gebildes ein. Wobei zu bemerken ist, dass dieses Problem hier wesentlich einfacher zu fasswn ist. Wer nicht in der jüdischen Religion den gesamten Inhalt seines Lebens findet ist auch kein Mitglied der jüdischen Nation. Zu: jüdischen Nation gibt es nur einen Weg, der Weg zur jüdischen Religion. Und deshalb ist eine Bewegung, wie die der Agudas Jisroel keine Partei, keine heue Form. Die Agudas Jisroel ist die Vertretung des, orthodoxen — d, h. dem Judentume innerlidi und äusserlich, im geistigen wie auch'im formellen treu gebliebenen — Grossteiles 'des jüdischen Volkes. Alle Fragen und Angelegenheiten die die heutige Zeit mit sich bringt und deinen Lösung für das jüdische Volk in Erez jisroel umd im Galuth so wichtig ist, können nur vom Standpunkte der jüdischen Religion gelöst werden. Und deshalb hat die Agudas Jisroel das einzige Recht im Namen des jüdischen Volkes zu aprecta und deshalb ist die Kenessio Gedaulo die . Grosse Versammlung der Vertreter des jüdischen Volkes, weil an der obersten Spitze aller Fragen u?nd ihrer Lösungen die zur Verhandlung kommen werden, die ehernen ewigen Gesetze der jüdischen Religion stehen. —z. E£onknrjrej0rglo.se übernimmt feMltmtest einen vollen Ersatz gegeben und dass sie nun end* güitig sich mit ihrem Schicksal abfinden solle. Sarah gab sich auch zufrieden. Der Vater des Bräutigams aber, dem die bisherige Haltung der Braut nicht unbekannt war, besprach die Angelegenheit einge* hend mit Rabbi Efraim und sie kamen überein, um jeden Zweifel Sarahs, der eventuell später einmal auftauchen könnte, im Vorhinein zu beseitigen, zur Hochzeitsfeier hundert der bekanntesten Rabbiner einzuladen, um ihnen vor der Trauung nochmals die Angelegenheit zu unterbreiten und eine neuerliche letzte Entscheidung fällen zu lassen. Viertes Kapitel. Das Jahr 5408 (1648) ist in, der auch sonst blutigen Geschichte des jüdischen Volkes mit blutlgen Lettern verzeichnet. Der Aufstand des Kosakenhetmanns Bogdan Chmielnitzki gegen die polnische^ Herrschaft in der Ukraine hat Tausenden und Abertausenden Juden in Polen das Leben gekostet. Der Weg Chmielnitzkis und seiner Kosakenhorden von der Ukraine bis ins Herz des. polnischen Staates war mit Feuer und Blut gezeichnet und• hauptsächlich waren die Juden die Opfer dieses letzten Hunnenzuges. Der. polnische Staat zeigte schon damals, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, die ersten Spuren des Zerfalles. Ein schwacher König, ein unter sich uneiniger Adel, Mangel an tüchtigen Heerführern — all diese Umstände haben dazu geführt, das dem wilden Zug Chmielnitzkis keine kräftige Abwehr entgegengesetzt wurde und dass dieser fast zwei Jahre hindurch in polnischen Landen mit Feuer und Schwert wüthen konnte. Dass die Juden am schwersten heimgesucht wurden, lag in der Natur der Verhältnisse. Einerseits waren ja die Söhne Israels immer der Sün^ienbock, die alle Fehler und Sünden der Völker, unter denen sie lebten, büssen mussten. Anderseits hat sich Chmlelnitzki, dessen Aufstand gar bald den Charakter einer nationalen Erhebung verloren und die Gestalt eines Raub- und Mordzuges angenommen hatte, darauf verlegt sein Mütchen besonders an den Juden zu kühlen, darauf spekulierend, dass die Polen ihm die Juden ausliefern würden, um nur sich zu retten. Die Juden stellten schliesslich aus dem Grund ein Verfolgungsobjekt dar, da;,sie vornehmlich über bewegliches Vermögen verfügten, das leicht erbeutet werden konnte, wogegen den Polen der Grund und Boden nicht geraubt werden konnte. Wie dem auch sein mag, die Juden Polens erlebten in diesem Jahre einen neuen Churban, dessen Einzelheiten in einer Reihe zeitgenössischer Bücher, darunter ״Jewen Mezula״ von R. Nathan, N. Aschkenazy uud ״Emek ha-Bachä" von Josef R. Haicohen, sowie in einer Reihe von Kinot ihre Schilderung fanden. Der 20. Thamus, an welchem Tage die jüdische Kehillo in Nemirow und ihr berühmter Rabbiner Rabbi Jechiel Michal s. Z. i. den Kosakenhorden zum Opfer fiel, ist noch bis heute ein Fast- und Trauertag in Israel. Polen besass damals die grösste jüdische Siedlung. Nicht blos quantitativ, sondern auch qualitativ hatte das polnische Judentum zu jener Zeit die Führung innerhalb der Gesamtjudenheit inne. Die Jeschlboth in Polen erfreuten sich eines Weltrufes und aus allen Ländern eilten Jünger dorthin, um zu Füssen der berühmten rabbinrschen Koryphäen zu sitzen und ihren Lehren zu folgen. Fasjt jede jüdische Kehillo konnte auf einen Rabbiner hinweisen, der eine Leuchte seiner Generation war. All diese Herrlichkeit fiel den wilden Hörden Chmielnitzkis zum Opfer. Bemächtigten sich seine Kosaken einer Stadt, so ermordeten sie alle sich dort befindlichen Juden, raubten ihr Hab und Gut und brannten ihre Häuser nieder, oder sie dezimierten die Gemeindemitglieder, die Uebriggebliebenen als Gefangene mitschleppend und sie nach Inrterasien als Sklaven verkaufend. Kinder und Greise wurden grausam hingerichtet, Frauen geschändet und verschleppt. Nur wenige konnten sich retten und nur gezählte Juden blieben in den Gemeinden zurück, den Grundstock eines Wiederaufbaues bildend. Diese furchtbaren Ereignisse brachten es mit sich, dass die meisten Juden beim Herannahen der Kosakenhorden die Flucht ergriffen. Besonders wurden die Frauen und die Kinder ״evakuiert״, westwärts vorgeschoben, um sie vor dem grausamen Schicksal zu retten, der Wollust des Feindes zum Opfer zu fallen. Allerdings gestatteten die damaligen Verkehrs- Verhältnisse keine Massenflucht und wiederhol sind ״Flüchtlinge״ von den leicht berittenen Kosaken eingeholt und wie willenloses Vieh hingeschlachtet worden. Es sah in Polen nach der Beilegung der ״Differenzen״ mit Chmielnitzki nicht besser aus, als in Deutschland nach dem erst eben beendeten 30jährigen Krieg. Die Zerstörung und Vernichtung der jüdischen Gemeinden konnte nur noch in det blutigen Periode der Kreuzzüge eine Analogie finden (Fortsetzung folgt.) HHH aus dauergewqiltem Naturhaar, garantiert Rudolf SCHIFF unsichtbar im Tragen, Wien, 1. Bezirk, Kärntnerstrasse 8 liefert kurzfristig (nächst dem Stefausptotf, 1p die Ecke)