Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 29 (20.7.1923)
- Date
- 1923-07-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehe 202 JÜDISCHE PRESSE Nr. 20 *lieh hüMlgtn möge und welche Methode er auch seif! Eigen nennen möchte, muss auf der gemeinsamen Plattform sich befinden, auf der alle Parteien ilfld Richtungen 1m jüdischen Volke Platz finden. Der jüdische Glaube muss wieder das eiserne Band sein, das das ganze Volk zusammenhält. Ein Ruf nach Eintracht muss in der jüdischen Welt erschallen, und die Führer des Volkes müssen den Ruf vernehmen und ihm Folge leisten. Dann wird vielleicht das Gefühl der Beschämung, das heute unseren Schmerz erhöht, schwinden und wir werden in dem Andenken an unsere ehemalige Grösse, Hoff• ming und Zuversicht finden können. —z. Die nahe Zukunft. Di« nahende Kenessio Ged au 10 nimmt di« gespannteste Aufmerksamkeit der thoratreueti Judenheit vollauf in Anspruch. Es ist unleugbar, dass die Kenessio am 4. Eiul in Wien einen historischen Markstein in den Kämpfen der thoratreuen Judenheit für ihre Existenz und Geltung bedeutet. Matt tut aber gut, wenn man nebst der Beobachtung der Vorsänge innerhalb der Orthodoxie auch die Pläne und Absichten der anderen Gruppen im jüdischen Volke mit ©bjektivem Auge betrachtet. Der 13. Kongreß der Zionistischen Weltorganisation findet Anfang August in Karlsbad statt. Die zionistischen Landesorganisahonen gehen mit festen Tendenzen und Thesen, die sich in den jüngsten Landeskonferenzen lierauskristallisiert haben, auf dem Kongress. Die grösseren Lanäesorganisationen haben den Wunsch geäussert, da® «die Jüdische Agentur kein zionistisches Monopol bleib«. Man muss Mittel und Wege finden, auch die Nidhtzionisten, die sich für Palästina interessieren oder interessiert werden können, heranzuziehen. Dass dieser Wunsch nach Verbreitung der Basis der Jüdischen Agentur so allgemein geworden ist, ist der immer zunehmenden Erkenntnis zu verdanken, dass Palästina weniger mit politischen, als mit ökonomischen Waffen zu erobern ist. Es ist eine der merkwürdigsten Tatsachen,-die wir für die Zukunft festhalten möchten, wie rasch und gründlich der Rausch über de ״politischen Erfolge“ zerflattert Ist. Die politische Lage im mittleren Orient ist ungewiss. Man kennt die Pläne Englands nicht. Nur das weiss man, dass die englische Diplomatie sehr geschickt und wandlungsfähig ist. Die Friedensverhandlung von Lausanne liefert einen Beweis hiefür. England, das am Beginn der Friedensverhandlungeil als Freund iittd Beschützer der Griechen und als der ener-, giseheste Feind der neu erstandenen Türkei galt, steht am Schlüsse der Friedensverhandlungen als Freund da, wobei die frühere Freundschaft zu dem ruinierten Griechenland fast in Vergessenheit geraten ist. Diese Schwenkung Englands wird wohl als Meisterstück der englischen Diplomatie betrachtet, aber all jene, die die Zukunft Palästinas als jüdisches Land, auf die englische Freundschaft gebaut haben, müssen eine bittere Enttäuschung empfinden. Dass diese Empfindung sowohl an Intensität wie an Ausdehnung stark zugenommen hat, ist wohl der Verselbständigung Trans jordaniens und den neuen Föderationsplänen der arabischen Staaten zuzuschrei- Ben. Mit einem Worte, man fühlt sich vor einer neuen politischen Situation, der man nur dann gewachsen ist, wenn die ökonomischen Grundlagen für eine künfi tige jüdische Arbeit beschaffen werden können. Man will daher alle Kräfte auf Beschaffung und Konzentrlerung von finanziellen Mitteln verwenden. Diese Tendenz hat zur Folge, dass man aus der Zionlstisehen Organisation mehr einen wirtsehaftlicb-finanzicllen Apparat machen möchte. Die sogenannte kulturelle und nationale Arbeit soll zurückgedrängt werden. Aus dem gesunden, ökonomischen Voraus* Setzungen werden die kulturellen und nationalen Kon- Sequenzen von sich selbst folgen, Es ist unleugbar, dass eine im obigen Sinne umgeschichtete Zlonistlsche Organisation eher Aussicht hat auf die Mitarbeit all jener Kreise, die aus irgend einem Grunde an dem Aufbau Palästinas sich beteiligen wollen. Der Keren Hajessod, der nur für Kolonisatlonszwecko und nur für wirtschaftliche Gründungen verwendet wird, kann bedeutend leichter als ein ״neutraler Palästina-Aufbaufond“ betrachtet werden als jener Keren Hajessod, von welchem die amerikanischen ״Proposals“ behaupten, dass er zum grössten Teile für Erziclmngs- und andere Zwecke verwendet wurde. Wenn nun einmal das ganze Palästina-Budget mit all seinen Personallasten und das ganze Schuletat nicht vom Keren Hajessod bezahlt wird, werden die ״Niclitzionisten“ den neutralen Keren Hajessod ernster nehmen können. Aus dieser Darstellung ist cs ersichtlich, dass in der breiten zionistischen OeffcntHchkeit das ganze Organisationsproblem unter dem Gesichtswinkel ״Zionist“ — ״Nichtziönist" betrachtet wurde. Wir von unserem orthodoxen Standpunkte aus, sehen das Problem unter dem Gesichts- Winkel religiös-nreligiös. Wir glauben überhaupt, dass heute die Bezeichnung Zionist-Niehtziönist-Attti- Zionist etwas überholt ist. Es gibt keine nenneilswerten Gruppen mehr im jüdischen Volke, die an der Palästinaarbeit sich aus prinzipiellen Gründen nicht beteiligen möchten. Also in diesem umfassenden Sinne ist heute fast jeder Jude ein Palästinenser. Unseres Erachtens nach sind ganz andere Komplexe von Problemen, die die heutige Judenheit erfüllen. Die Sozialisten wollen in Palästina ihr soziales Ideal verwirklichen. Die Nationalisten ihr nationales Ideal. Die Phllantropen wollen in Palästina ein Asyl für ihre verfolgten Brüder schaffen. All diese Gruppen haben gemeinsam, dass sie ihr Ideal infolge einer weit fortgeschrittenen Assiinilierung dem modernen europäischen Leben entnehmen. Jene Juden aber, die ihr Ideal nach der Thora gebildet haben, die ihr Lebenszweck und somit auch die Aufgabe des jüdisehen Volkes in der Verwirklichung dieses Ideals erblicken, ersehnen in Erez Israel die Vollendung dieses von, einer Assimilation kaum angekränkelten Ideals. Also wir erhoffen eine Gesundung und eine ruhige Entwicklung, wenn einmal die Parteien auf diesen tatsächlich vorhandenen Grundlagen sich organisieren. Es wird sich auf dieser Grundlage eher die Möglichkeit finden, eine Arbeitsgemeinschaft zur Erfüllung von bestimmten, klar bezeichneteii Aufgaben zu finden. Wenn die Kenessio Gedaulo ihre höchste Aufgabe erfüllt, nämlich all jene Juden um die Fahne der Thora zu sammeln, die ihre nationalsten Merkmale am reinsten erhalten haben, die ihr privates Leben, wie das öffentliche Leben des jüdischen Volkes auf Grund der Thora regeln wollen, so eröffnet sich eine weite Perspektive zur Lösung jener Probleme, die nur mit Zusammenschluss aller Parteien verwirklicht werden können. P. Die Rette der Worte. Ob man Zionist ist oder nicht, ob uns das Herz so warm und heiss schlägt für das Land unserer Vflter und für das Land des Heiligtums, oder ob andere ״diesem Gefühl gegenüber kalt bleiben, ein Jeder muss weinen über das grausame Spiel, das nun seit fünf Jahren mit den Juden getrieben wird. Und voller Wehmut fragt man, was ist von den Träumen übrig geblieben, die sich einst an das Wort Judenstaat schmiegten? Letzten Endes ist ja jeder Jude mehr oder weniger Historiker, und bei dieser geistigen Anlage genügt es, gewissermassen als Kapitelüberschrift die Wortprägungen zu geben, welche von jüdischer und nlchtjüdischer Seite den Wünschen und Hoffnungen, Versprechungen und Täuschungen, die sich in Paiästina«ceit 30 Jahren nunmehr knüpfen, beigelegt worden sind. Alsda sind: Judettstäät — Charter— Oeffentllch rechtlich gesicherte Heimstätte — Palästina als nationales Heim — Nationales Heim in Palästina — Palästina so jüdisch, wie England englisch — Commonwealth — Community (Gemeinde) — Kulturheim. Das letztere Wort bedeutet vorläufig die letzte Epoche, geprägt von Grey im englischen Parlament. Aber auch dieses Wort mit seinem politisch Sehr dünnen Inhalt entbehrt bedauernswerter Welse der Klarheit; oder hat Viscount Grey sich ein unzweideutiges Urteil darüber gebildet, was unter jüdischer Kultur zu verstehen ist. Gipfelt für Viscount Grey die Kulturheimstätte in der jüdischen Universität, dem Symbol des neuen Jischuw, öder in den unverfälschten Thoralehrstätten, dem Symbol und Inhalt des alten Jischuw. Allein wohin haben wir uns verloren? Wir haben wirklich an Viscount Grey keine Fragen zu stellen, sondern jetzt erst beginnen wir zu zittern, denn wir fürchten, dass nun tatsächlich das letzte Wort ln der Kette der Worte gesprochen ist, und dass nun erst ledig jeder Hülle, ein Kulturkampf 80ndergleichen anbricht; denn all die Energien, die bis-, her auf dem sogenannten politischen Gebiete Befriedlgung suchen, und die alte Haskala, die Abkehr vön der Religion, die Reform, oder wie man es sonst nennen mag, im politischen Gewand präsentierten, werden und müssen nun ihre ganzen Kräfte auf ungemischt religlonsfeindlichen Gebieten zu betätigen suchen. Denn auch, das ist keine Frage; man wird schon verstehen, selbst das ״Kulturheim“ als einen vollen Erfolg der zionistischen Bestrebungen darzustellen, und was soll der englischen Regierung daran liegen, der zionistischen Organisation das Privilegium zu geben, dass nur solche jüdische Elemente nach Palästinä einwandern dürfen, welche genügende Garantien bieten, dass sie wertvolle Bausteine für den Aufbau der Kulturheimat sind. Allein wir haben uns schon wieder an eine falsche Adresse gewandt, denn schliesslich haben wir noch einige Worte an unsere Gesinnungsgenossen zu sagen. Eine Bitte; diese Kette der Worte prägt eurem Gedächtnis ganz genau ein, vielleicht kommt dann doch der Gedanke, dass wir das allergrüsste Interesse jan der Kulturlieimat haben, und dass unsere Pioniere, die Leute des alten Jischuw sind. Man hat ja bei jeder Phase dieses Spieles es sich überlegt, ob man nicht unsere Thora so interpretieren könne dass sie mit dem jeweiligen ״Modewort“ harmonisieren werden könne. Wir haben Euch doch daran gewöhnt, täuscht Euch selbst nicht, Euch von dem Achselzucken über den Tod meines Jakob nicht finden. Was gehen mich Zeugen und ihre Aussagen an?“ ” v Zweites Kapitel. Ein volles Jahr war seither verflossen. Das Ge- Spräch, das zwischen Vater und Tochter geführt worden war, war weder das erste noch das letzte. Seit drei Jahren hatte es sich oft, allzu oft wiederholt, immer aber mit demselben negativen Ergebnis. Rabbi Efraim wurde mit jedem Tag älter und schwächer. Sarah täglich gramgebeugter. Aber sie wollte ihren Widerstand gegen eine nochmalige Verheiratung nicht aufgeben. Kaum 17 Jahre alt, wurde sie nach damaliger jüdischer Sitte verheiratet. Die Tochter des berührnten Rabbi Efraim Hakohen, dessen Ruhm weit über die Grenzen Polens klang, dessen Autorität in allen religiösen Fragen weit und breit anerkannt war, dessen Kommentare zu Bibel und Talmud, dessen Response!! und Entscheidungen eine Weitberühmtheit erlangt hatten, die noch dazu mit einer seltenen Schönheit und Klugheit gesegnet war, deren Frömmigkeit und Reinheit sie zum Muster einer jüdischen׳ Tochter machten, erhielt einen Mann zum Gatten, der ihrer nach jeder Richtung würdig war. Jakob Aschkenasy, Sohn eines berühmten Rabbiners, dessen Vorfahren bereits der Krone der Thora teilhaftig wurden, erhielt, kaum 19jährig, bereits die Autorisation zum Rabbiner. Neben seiner Gelehrsamkeit war er von einer seltenen Klugheit, Güte und Gott* ergebenheit. Trotz aller dieser Tugenden ,war Jakob wimwi überaus bescheiden, und nie kam ein selbstbewusstes Wort über seine Lippen. Sarah und Jakob waren ein von Gott zusammengeführtes Ehepaar, lebten in Eintracht und gegenseitiger Achtung. Als Jakob ein Jahr nach seiner Verheiratung eine Berufung als Rabbiner seitens der grossen jüdischen Kehillo in Narol erhielt und als Sarah bald darauf einem Sohn das Leben schenkte, kannte ihr Glück keine Trübung und tagtäglich dankten sie ihrem Schöpfer für die ihnen erwiesenen Gnaden. Aber des Lebens ungetrübte Freuden sind noch keinem Sterblichen zuteil geworden. Gottes Ratschläge sind unerforschlich. Sarah und Jakob mussten es erleben, wie ihr geliebtes zweijähriges Kind einer grausamen Epidemie zürn Opfer fiel. Von tiefer Trauer fast niedergedrückt, begab sich Sarah zu ihren Eltern, um bei ihnen Trost und Erholung zu finden. Aber da folgte Schlag auf Schlag. Wenige Wochen später verschied ihre Mutter und Sarah musste ihren Aufenthalt im väterlichen Hause verlängern, um ihrem alten Vater beizustehen. Dann kam der furchtbare Krieg, der ihre Heimreise unmöglich machte — lind schliesslich jene Hiobsbotschaft, Rabbi Jakob, ihr Jakob, ihr Stolz und ihr Trost, habe als Märtyrer seine heilige Seele für seinen Gott und seine Lehre unter Mörderhand ausgehaucht. Das war zuviel für die Kraft eines schwachen Weibes. Sie ,verfiel einem Trübsinn, der sie fast zwei Jahre in seinen Klauen hielt. Sie war seelisch und physisch am Rande des Grabes gestanden. Aber Gott erbarmte sich ihrer, und sie wurde dem Leben zurückgegeben. Ihre Jugend überwand den körperliehen Niedergang. Ihre Frömmigkeit und ihr Gottvertrauen brachten ihrem Geiste neue Lebensfrische. Aber den Schmerz über den tragischen Tod ihres Gatten konnte sie nicht überwinden. Ihr Herz wollte das Furchtbare nicht glauben, und ihr Entschluss, ihr ganzes Leben hindurch ihrem Jakob nachzutrauern, schien unerschütterlich. Vergeblich waren die Mabnungen und die Bitten ihres greisen Vaters, vergehlieh seine Appelle an ihre Frömmigkeit, an den ihrem Vater schuldigen Gehorsam, an die Pflicht, mit Gott nicht zu hadern und sich seinem Willen in Demut zu unterwerfen. Sarah blieb standhaft und fand immer neue Argumente, um ihre Haltung zu rechtfertigen. War sie einmal in einer etwas weniger gedrückten Stimmung, so entwickelte sie eine mitunter scharfsinnige, in der Regel aber haarspaltende Pjlpulistik, die jedem Rabbinerzögling Ehre gemacht haben würde, um mit Hilfe der heiligen Schrift und Talmus־ brocken, die sie in ihrer Jugend aus den Vorträgen des Vaters aufgeschnappt hatte, ihren Standpunkt, zu begründen. Der alte Rabbi pflegte dadurch zur Verzweiflung getrieben werden, musste ihr oft, wie einem gelehrten Kollegen Rede und Antwort stehen, die Grundlosigkeit ihrer Pilpulistik beweisen. Der Effekt blieb jedoch der gleiche; ״Ich kann nicht glauben, dass Jakob nicht mehr am Leben ist; was gehen mich die Augenzeugen und ihre Aussagen an, mein Herz ist der beste Zeuge und es sagt, mir: Jakob lebt!“ (Fortsetzung folgt.) Perücken aus daqergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, liefert kurzfristig Rudolf SCHIFF Wien, 1. Bezirk, Kärntnerstrasse 8 (nächst dem Stefansplatz, um die Ecke)