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Jüdische Presse · 1923-07-20 · 29 (20.7.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
29 (20.7.1923)
Date
1923-07-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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mm (״JÜDISCHE KORRESPONDENZ») ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. V. b.b Redaktion und Administration: Wien, 11״ Malzgasse 12 a. — Telephön 49.054. Tschecho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich K 48.000, Ungarn u. K 5000, Tschecho-Slowakei K2. 70, Deutschland Mk. 15.000, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 40.000.—. Einzelnummer d.־ö. K 1500. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamtwien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr, 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschecho-Slowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsp.-Amt Agram,Ko, N. 40.217; (.Rumänien: Banca Marmarosch Blanc &C0 für Florenz &C0, Bukarest; für die Schweiz: Postscheck!{. Luzern VII. 1470. Nr. 29 Wien-Bratislava, 20. Juli 1923 ♦בע״ה דנודפרעססבורג ז״ אב תיפ״ג 9. Jahrg. Der Segen der Wahrheit. Wunderbar ist die Lebenskraft der Kinder des Allmächtigen. Das äussert sich wie bekannt in dem Ton und Inhalt des Propheten Wortes, welches heilige Sitte für den Sabbath vor dem 9. Ab bestimmt hatte. Das Wort der Klage und des Leides unterbricht die Harmonie der Hoffnung. Strafendes und mahnendes Wort wird abgelöst von süsser Verheissung. Und wenn die Trauernden am 9. Ab sich von der Erde erheben, dann geschieht es mit einer Kunde des Trostes. Das ist ein Bild der jüdischen Geschichte. Gilt dies von den äusseren Geschehnissen, in denen seit der Zerstörung des Tempels, ja noch mehr, seit dem Tage Abrahams das Auf und Ab der Zustände welche die Menschen Glück und Unglück nennen, ständig sich wiederholt, so darf man es wohl auch überfragen auf die Gestaltung der inneren Verhältnisse, denn *hier ist die Skala des Auf- und Abgehen in der grossen und mindergrossen Sehnsucht nach der Nähe des Allmächtigen. Es gab schon Zeiten in denen der grosse Teil der Judenheit, um einmal den Ausdruck zu gebrauchen, seines G־ttes ungeduldig wurde und sein Schicksal unabhängig vom Worte und Willen des Allmächtigen zu gestalten versuchte. Es gab wiederum Zeiten in der die Grundstimmung dieser Sehnsucht die vorherrschende war und bis zur heiligen Kraft der vollen Hingabe, des Märtyriums, sich,, erhob. Wir leben, wenn wir die Zeiten recht zu deuten verstehen, in einer Zeit des Üebergangs und bekanntlich sind in solchen Zeiten die Kämpfe am heftigsten. Wir haben auf der einen Seite jüdische Menschen, die des Golus müde sind, nicht mehr die sittliche und nicht mehr die physische Kraft besitzen, den in der Zeit liegenden Gefahren wirksam zu begegnen, die deshalb mit dem letzten Aufgebot ihrer Kräfte die Aenderung der Dinge von einem Völkerbund, von Minoritätsrechten und von anderen Erscheinungen erwarten, geboren als Schlagwört in der Zeit der grössten Täuschungen, die jemals der Welt widerfuhr. Und auf der anderen Seite gibt es jüdische Menschen, die noch glauben, dass der Allmächtige und auch nur der Allmächtige, wenn er gesucht wird, dem Leid eine Grenze gesetzt werden kann. Das äussere Los dieser Idealisten ist nicht beneidenswert, sie werden verfolgt und verspotet, verkannt und verleugnet und es gibt, wie in Gideons Zeiten vorläufig noch sehr wenig Menschen, die sich dem Baal nicht gebeugt haben. Es war geradezu ein Verbrechen, wie man in die armen jüdischen Massen Begriffe hineintrug, die mit dem jüdischen Wissen und jüdischem Willen unvereinbar sind und das ganze Unglück unserer Tage heraufbeschworen haben. Mandatsjäger in allen Lagern, das war die Signatur der jüngsten Jahre. Aber schon klingt das freundliche Lied des Trostes. Es verschlägt nicht mehr, mit der Lüge der Neutralität hausieren zu gehen, denn der ernste jüdische Mensch weiss heute, dass man G־tt gegenüber nicht neutral sein kann. Es verschlägt nicht mehr mit dem erlogenen Ton der Friedensschalmei die Thora zu entthronen und ihre Bekenner zu verleumden. Man weiss heute, dass die Erlösung Zions und die Erlösung Israels eine Frage desjenigen Rechtes ist, nach dem der Allmächtige richtet und urteilt. Die Lebenskraft der treuen Söhne der Thora ist wunderbar und un^es^|r^t|10. JL K. Der Ruf nach Eintracht. immer in diesen Tagen, wenn das ganze Judenweil in erschütternder Echaklage gegen den Himmel hallt, am neunten Tage des Ab, halten wir Ausblick in unsere Zukunft. Den überwältigenden Schmerz, der heute noch so gross ist, als ob nicht Jahrtausende zwischen damals und heute liegen würden, wollen wir lindern mit־ der Hoffnung auf baldige Erlösung. Noch niemals war diese Hoffnung so schwach und schwankend, niemals zweifelten wir so stark an der Realisierung unserer Träume als in der heutigen Gegenwart. Denn wir müssen vor aller Welt bekennen, dass an dem blutigen Untergange unseres Vaterlandes wir selbst die grösste Schuld tragen. Ati der jüdischen Zwietracht ist unser Vater- Iand zugrunde gegangen! Diese Zwietracht macht auch heute unsere Hoffnung trübe und unsere Zweifel berechtigt. Woran liegt es, dass die Kraft unseres Volkes heute in tausende Stücke zerrissen ist, dass es keine Eintracht gibt im Handeln um unser eigenes Wohl? Müssten nicht alle Meinungen, alle Unterschiede und Erkenntnisse zusammengeschweisst werden in der grossen Flamme der nationalen Energie? Kann es zwei Juden geben, die der jahriausendlangen Martern ihres Volkes eingedenkt, verschiedene Wege gehep und die Schlagkraft ihres Willens selbst schwächen können? Und doch fehlt es an einer gemeinsamen Phallanx, an der alle Bestrebungen und Stürme unsere Widersacher zersplittern würden. Und doch zünden wir selbst durch unsere Zwietracht jeden Tag aufs neue die Scheiterhaufen an, für unser eigenes Volk. Immer in diesen Tagen, wenn unsere Herzen voll. Weh und.unsere Augen voll Tränen sind, ,wenden wir uns an: unsere Eührer:-;und Weib§r§iter;>]!1||^•:^, jÖlÄÄ lan&e unsere Führer nicht einig geworden; sind» solange ein jeder für sich das Primat in Anspruch nimmt und so die kargen Kräfte des Volkes zerrüttet und zerreist, solange der schrecklichste Dämon des jüdischen Volkes, die Zwietracht, nicht aus der Welt geschaffen wird, solange können wir den eigenen Zweifel nicht bekämpfen und unsere Hoffnung nicht erstarken lassen. Das Band, das unser Volk durch'Jahrtausende zusammen hielt, die Macht, die unser Volk immer mit neuen Kräften speiste, muss zu neuem •Leben erweckt werden. Jeder jüdische Führer, welchem Systeme er Rabbi Jakob Aschkenasy*). Historische Erzählung aus den Tagen Chmiclmtzkis. Von J. K r e p p e 1. Erstes Kapitel. ״Meine Tochter, du musst doch’ einmal Schluss machen. Einem Toten darf man nicht ewig nachtrauern. Unser: Vater im Himmel hat den Menschenkindern die köstlichste Gabe des Vergessens geschenkt. Würde jeder seinen Toten lebenslang nachtrauern, müsste das Menschengeschlecht zugrunde gehen. Es ist eine grosse Sünde, dieses Gnadengeschenk Gottes zu verschmähen. Der Mensch darf auch nicht allein sein, heisst es in unserer heiligen Lehre. Du bist schliesslich noch jung und musst wieder heiraten. Ich bin alt, meine Tage sind gezählt. Wie kann ich dich mit deinem Kummer schutzlos zurücklassen!“ So sprach der greise Rabbi Efraim Hakohen, Rabbiner zu Wilno, zu seiner Tochter Sarah, die *) Der Held unserer Erzählung, Rabbi Jakob Aschkeivasy, ist der Vater des berühmten Rabbi Zwi Aschkenasy s. Z. 1., bekannt unter dem Namen ״Chacham Zwi“, und Grossvater des berühmten Rabbi Jakob Emden. In der Autobiographie des letzteren, ״Megillat Sefer“, erzählt dieser die Begebenheit, die die Grundlage unserer Er- Zahlung bildet. Rabbi Efraim Hakohen, der Schwiegervater des Rabbi Jakob, ist als Verfasser des Responsenwerkes ״Schaar Efraim“ bekannt. trotz ihrer vom Weinen geröteten Augen und trotz ihrer gramgebeugten Gestalt noch immer die Spuren einer grossen Schönheit aufwies. Sarah aber erwiderte mit vor Tränen schluchzender Stimme: ״Ich heiraten? Ich soll nach meinem Jakob einem anderen Manne angehören? Nie und nimmer! Den Platz, den dieser edelste und reinste aller Männer eingenommen, darf keiner mehr besetzen. Das wäre eine Entweihung des Andenkens des heiligen Märtyrers . . . Uebrigens, ich habe ja noch' immer nicht die Gewissheit dass mein Jakob nicht mehr am Leben sei! Stelle dir, Vater, das furchtbüre Unglück vor, wenn ich einem anderen Manne folgen und sich dann Herausstellen sollte, dass mein erster Gatte unter den Lebenden wandle . . .!“ ״Jakob noch am Leben? Kind, weisst du, wie glücklich‘ ich wäre! Ach, könnte ich deinen Glauben, deine Hoffnungen teilen! Doch es ist ein vergebliches Bemühen! Vier glaubwürdige Augenzeugen haben seinen tragischen Tod bezeugt und beschworen. Der grösste Gelehrte unserer Generation, Rabbi Herschel in Krakau, dem ich die Aussagen der Zeugen unterbreitet habe und ausserdem 100 rabbinisclie Autoritäten, denen die Sache vorlag, haben im Sinne der Religionsvorschriften die Entscheidung getroffen und bestätigt, dass über den Tod Rabbi Jakob Aschkenasys kein Zweifel mehr vorhanden ist und dass du als Witwe zu betrachten seiest. Seit jenen furchtbaren Tagen sind bereits vier Jahre ,vorüber. Wo nur irgend ein Versprengter oder Verschollener ,war, sind sie alle wieder zurückgekehrt, zumindest ist Kunde über ihr Schicksal gekommen. Von deinem Manne aber fehlt bis heute jede Spür. Was gibt es da noch zu hoffen und zu harren?“ ״Vater, du hast früher erwähnt, dass Gott den Menschen die schönste Gabe, das Vergessen, geschenkt hat. Warum kann ich meinen Jakob nicht vergessen? Warum versagt bei mir diese Gabe? Warum kann ich, wie einst unser Patriarch Jakob, keinen Trost finden? Gab es nicht auch damals glaubwürdige Zeugen für den Tod Josefs? Du hast mir docli in meiner Jugend selbst den Umstand, dass Jakob keine Tröstungen aiinehmen wollte, dahin erklärt, dass es eben deswegen geschah, weil Josef am Leben war und sein Herz dies instinktiv gefühlt hat.“ ״Ja, mein Kind, ich habe schwer gefehlt, als ich das Verbot unserer Talnmdv/eiscn, Frauen in die Geheimnisse unserer heiligen Lehre einzuweihen, nicht achtete und dir Dinge erzählte, die nicht für dein Ohr bestimmt waren. Nun ereilt mich die Strafe hiefür und du schlägst mich mit den Waffen, die' ich in deine Hand gelegt. Allein, was verstehst du von diesen Dingen? Schliesslich sind beide Fälle doch nur scheinbar gleich. Dort gab es ja keine Augenzeuge!״ der schrecklichen Tat. Mit eigenen Augen hatten ste gesehen, wie der Unglückliche enthauptet wurde und wie er zusammen mit anderen Märtyrern seine heilig® Seele ausgehaucht hat. Was gibt es da noch zß hoffen?“ ״Du magst recht haben, Vater, aber mein Her* ist doch der beste Zeuge: Ich kann die Gewissheit ■* י verschönern pessu jede Frau Sie sind unkenntlich im Tragen, aus feinstem Naturhaar u. von hochwertiger Qualitätsarbeit 4m * Wien, Kärntnerstr. 28

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