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Jüdische Presse · 1923-07-13 · 28 (13.7.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
28 (13.7.1923)
Date
1923-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE Nr. 28 i DM#?or mi tetoin im N&tionaji«- mm nur In Meinin ÖruMMr m 1ntemetj@rte1i§tgn nahm!Bf| «je die gftn?P Welt In Besitz-, wö?u gölten süvillll iMf 4M Kleine Lämühetf be^hfinlfgn. if! 1V im Uhidchen ehemals Er#? Jisroe! nf!ss, Für sie hfess es Palästina. Und «0 lebten m uni m%\m ifth giitenieitigf mit dem ganzen!«?©ן» m Rn äi?Mt w4 der ®mtem ab! 9(! sie, älter werdend, den übermütigen, doch an־ gefaulten Romantizismus ihrer Jugend langsam abstreiften und Philister wurden, die, mit der ganzen Welt schmollend, sich in ein Winkeiehen verzogen, Eine neue Generation wuchs heran, die aber plotzlieh in der Mitte ihrer Entwicklung aus der Bahn gegfhJeudert würde, Der Weltkrieg deposseejierte das jüdische Volk im Qgten Europa, Ans Btädtehen nnd Dörfern wurden 6ie vpn den n&ohjagenden Kugeln der Frontan ins Hinterland ״evakuiert״ und ein breiter Strqm eFgp§s sieh jn die Städte Europas bis in die westlichen Länder. Oesterreich, Deutschland, Belgien, Hofland und England, schliesslich auch Amerika müssten nolens volens diese Geflüchteten aufnehmen und!!inen kümmerliche Wohnorte zuweisen, Die Alten wurden ganz gebrochen, sie verjprgn mH einem Schlage alles. Heimat und eigenen Herd! Früchte Ihrer Lebensarbeit und letzte Hoff-! nyng auf Ruhe Im ]Lebensalter. §!e mussten mit den letidn Kräften das Notwendigste zum Leben erraffen und ihren ganzen Sinn und alles Trachten auf den Erwerb richten. Den Jungen war es willkommene Gelegenheit, Endlich waren sie in ״Europa״. Pie Heimat er־ sehien auch ihnen jetzt wie ״Halbaaien“• Pie ruhige Behaglichkeit, die langsam abschnurrende Monotonie des provinzialen Lebens, alles war glücklich überstanden, fern hinter ihnen geblieben. Was sich dagegen bot war Glanz und Genuss, vollstes Erleben und fortwährender Wechsel. Zivilisation und fremde Kultur, prachtvolle Materie und berückender Sinnes־' taumel. Europas Segen! Sie warfen sich mit einem wahren Heisshunger ״Europa in die Arme״. Bald wurden Universitäten und Museen, Theater und. Bibliotheken, Ballsäle und Volksversammlungen voll von ihnen. Bald beherrschten sie exquisit die äussere Fprm und den inneren Gehalt. Wurden gleich den anderen, nur intensiver im Erleben, leidenschaftlicher im Genuss. Bald wurde es ihnen auch viel zu wenig. Jeder neuen Idee, jedem י־יdes an neuem oder wenigstens scheinbar neuem wahrlich nicht armen Kriegs־, oder Nachkriegszeitalter — wurde nachgajajt,nachgemaehtundnachempfunden, Vehemente, die eingesessenen störende Besitzergreifung machte sieh breit. Sje fühlten sieh zu Hause, gingen rasch die ganze Skala vom Heisshunger bis zur Ueber- Sättigung durch und standen eines Tagäs vor einem Punkte, von wo aus der weitere Weg sich Im Dunklen verbarg, wo sie nicht ein und aus wussten, wo sie jeden Instinkt, jeden innerlichen Wegweiser verloren und blind und taumelnd durch ihrer Tage Nacht gingen, ohne Ausblick, ohne Hoffnung auf Licht* den irren Weg ihres rasch verbrauchten Lebens. Kehrten sie aber ln ihre alte zerstörte Heimat zurück, so konnte sich keine Wurzel mehr jn das ilt# Erdreich schlagen. Die Verhältnisse schienen 3ÖQO orthodoxen Juden, die wir hier haben, sich dieses System aneignen, so macht das monatlich auch 45 Millionen Kronen aus, als Summe klefhster Beträge, die keinem abgehen. Allerdings wird dem Spender bei dieser Art von Wohltat jede Pose gefrommen• Bedenkt man ferner, wie wenig selbst unsere orthodoxen Juden dem Maaser nachkommen, wie es keinem einfällt, nach opulenten Mahlzeiten, nach einem Theaterbesuch, auf der Sommerfrische, in Luxusbädern den zehnten Tel! seiner Ausgaben den fast zu Tode verhungerten, an Körper und Seele verkrüppelten, auch den Härtesten beim Anblick er־ schotternden Waisenkindern zu geben, die doch bestimmt dafür, dass sie schon einmal da sind, viel weniger können als diejenigen, die sich um sie nicht kümmern wollen, so erfasst einen ein Grauen, das jede Hoffnung auf die menschliche Gesellschaft aufs grausamste erstickt. Warum sollen die Leute nicht soviel Pflicht־ gefühl gegen ein Unglück haben, das sie vielleicht selbst heraufbeschworen, um sich eine freiwillige Steuer ־— selbst ein Prozent ihrer Einküflfte würde genügen •־־- aufzuerlegen. Ich erkläre Ihnen: Es ist nur Sache des Willens, Herzenssache! Haben Sie schon gesehen, wie viele abgehärmte, magere Gestalten jüdischer Frauen und Männer bei uns ein- und ausgehen, mit verzweifelten Mienen, mit tränenerstickten Worten um Brot bitten, um Wohnstatt, arm mi rtlilos geworden! «ine Inge und Leere wurde spürbar und das Leben nahm formen da# Vegefiereus #0, mit der geringen Hoffnung, doch noch einmal!urückkehren m können in die neue Heimat ־ד־■ in die Fremde! Blieben sje aber hier in iurppa, so kamen sie bald a«f den ganzen foulen Zauber des Flitters und der ifchminke, sahen die Unmöglichkeit für sich ein, ein ganze« Le,b1« mit diesem Inhalte auszufüllen und verfielen in einen seelischen DämmerzHitand, aus dem ein irwachen schwer, sehr schwer ist. Was sollten sie machen? Vor sjeh sahen sie keine Wege, die sje gehen konnten. Und ziirückzuschauert wagten sie nicht. Denn hinter ihnen war das Alte, das endlich «glücklieh״ Ueberhoite. Nur wenige ahnten, dass jenes Zurück nichts andere« war als ein Vorwärts, ein allerdings mühseliger Weg zu hohen Regionen wahren vollen Menschentums• י Dass es ein Gang war nicht nach Canossa, sondern nach Jerusalem. Und dass dieses alte Jerusalem in ewiger, junger Blüte prangte. Und nur wenige, ganz wenige traten den Weg an. Die übrigen blichen stehen, ohne Hoffnung, ohne Glück. Leer wurden sie und entkrjiftet, mürbe gemacht in jungen Jahren und alt vor der £eib Ohne Glauben an «ich und ohne Ver־ trauen zu anderen. Und fühlten, dass sie nlahtdes Segens teilhaftig wurden, sondern beraubt und bestöhlen um Heimat, Liebe und Glauben. Europa gab qjanz und Taumel, äussere Hochblüte und modernste Lebensform. Nahm aber das Wesent־ liebste, Wahrheit und Lebenssinn. Das war Europas Rache und Europas Fluch, , Die jüdische Jugend hat seit dem Kriegsende den Halt verloren. Die jüdische Jugend taumelt von Idee zu Idee. Die jüdische Jugend schwankt von Pol zu Pol, von Extrem zu Extrem- Die jüdische Jugend wird entnervt and krank. Die jüdische Jugend verkümmert und verkommt, AU dem gegenüber gibt es keine Schuldverschiebung auf den Geist der Zeit und keine Hilfe von aussen. Keine neuen Experimente und moderne Belebungsversuche. All dem gegenüber gibt es nur ein einziges ehernes Postulat: Die jüdische Jugend muss zurück zum Glauben der Väter, zurück zur Tradition. Dann kann sie wieder das werden, was sie einst gewesen ist; Ein lebender Spross am Baume Israels und die einzige Hoffnung des Volkes. —z. Der .״religiöse" und der ״nationale“ Der Sabbat, den G-tt geheiligt und gesegnet hat, ist ein Bundeszeichen zwischen G־tt und seinem Volke. Der jüdische Sabbat ist ein Gradmesser geworden für die. Treue, mit welcher das jüdische Volk, an seihen Ewigkeitswerten hängt• Solange das jüdische Volk seine Einzigartigkeit als G-ttesvalk bewahrt, hat,‘ bedurfte der G־ttestag keiner näheren Bezeichnung und Begründung. Er musste weder als eine soziale Errungenschaft, noeh als ein nationales Merkmal hingestent werden. Er war da als G־ttesschöpfung. Er war da als Vollendung der g-ttlichen Schöpfung. *Es blieb nun der modernen Entwicklung, die leider •auch grosse Teile des jüdischen Volkes ergriffen hat, Vorbehalten, Sinn und um Schlafgelegenheit? Können wir denn bei der Indolenz der jüdischen Oeffentlichkeit all dem restlos noebkommen? Öder versuchen Sie es einmal: Setzen Sie sich Ins Bureau, übernehmen Sic den Parteienverkehr und sagen Sie einer jüdischen Frau, die ein Kind an der Hand führt und ein sechs Wochen altes an! Arme hält, sagen S i e ihr Nein, wenn sie Ihnen erzählt,' dass ihr Mann seit acht Monaten krank liegt, dass sie selbst arbeitslos ist und sehpn «eit Monaten nicht weiss, wovon sie leben soll. Sagen Sie Nein, wenn Sie können! Und wie leicht wäre alldem abgehoben, wie viel könnten wir dem letzten Ausgestossen gewähren, wenn unsere Glaubensgenossen nur ein bisschen mehr Mitgefühl, ein bisschen mehr Herz hätten!״ Das ehrliche Pathos, mit dem die Dinge vor־ gebracht, wurden, war geradezu rührend, Trotz der vielen Eigentümlichkeiten in seiner Anklage musste ich nolens volens doch zugeben: ganz unrecht hat er nicht! Ob seine Vorschläge durchführbar sind oder nicht, das weiss Ich nicht. Eines aber wejss ich bestimmt: der Wille ist es meistenteils, an dem es mangelt! Wir gehen viel zu wenig aus uns heraus! Beim Zigarettenrauchen wird man selten sentimental! Höchstens ein Dichter! Der kann aber nichts hergeben. R-r. ״•oa Bedeufwng äe9 Jebfeeiiaaes näher zu ״beleuchten״, wohel j§fe nähere B11eF™ung eine neue Rinschränkung bedeutet hat. ß}e neuest! Entwicklung, die jüngste Wandlung te iahNteges v01iz1@nf sich gelhilyeretändüeh in Palästina, nahen äoeh die Reformer von jeher angedeutet! dass eine Moder- Filterung der ״veralteten« reiigfosin Begriffe und Ingtitutienen erst in raiästina mit der wiederkelebung des jüdischen Volkes auf seinem Heiumtsboden wurzelfest, kräftig einsetzen wird. Es ist daher nicht überraschend, dass gerade Tel Awiw die autonome jüdische Stadt das Millieu zu dieser neuesten Phase jüdischer Kulturgeschichte gab. Also war es. Der Gemeinderat voti Tel Awiw, dieser ersten, Einzigen, rein jüdischen Stadt in Palästina, wollte das Oemeindcstatut bestimmen. Da gab es gewaltige Kämpfe. Der heftigste Kampf entbrannte um den Sabbattag, Dje linken Parteien wollten vpn diesem Tage in dem Gemeindestatut nichts wissen, mit der Begründung, dass der Sabbat keine öffentliehe Angelegenheit sei. Die Rechten hingegen wollten den Sabbattag im Gemeindestatut so eindeutig gesichert wissen, als ob das Gemeindestatut der Schulchan Arch selbst wäre. Der Kampf tobte wochen- und monatelang, bis dann Oberrabbiner Kuk mit einem Vermittlungsvorschlag eingriff. Nach diesem Vorschläge soll die Fassung des Sabbatparagraphes ziemlich elastisch sein, wohl eine Art von Kompromiss darstellen• Aber noch immer wurde der Sabbat als ein Tag G-ttes bezeichnet. Da nun Herr Oberrabbiner Kuk In sejneri Aeusserungen und Veröffentlichungen von einem gewissen Missge«ch|ck verfolgt wird, wurde allgemein verbreitet/ dass er die Bezeichnung des Sabbattages als eines religiösen Tages bloss unter dem Drucke der äussersten Rechten getan hat. Er für sich ist sicherlich mit einem «nationalen״ Sabbat zufrieden. Wenn auch diese Aeusserungen nicht auf Wahrheit beruhen, so wurden sie doch allgemein geglaubt. Und der Stadtrat von der heiligen Stadt Tel Avy׳iw hat den Kompromissvorschlag Rabbi Kuks mit Hi ה we g Us9ung des kennzeichnenden Wortes ״religiös״ angenommen• Das Statut ist nun da! Der Kampf der Ansichten tobt aber weiter, denn die Vertretung des echten, alten, einzigartigen, jüdischen Sabbats haben allen □rund gegen den nationalen Sabbat zu kämpfen• Was bedeutet denn dieser na״ tionaje Sabbat, der im Gegensatz zum relig 1 ö s e n Sabbat, als neuestes Schlagwort der Nationalisten in die Masse geworfen wurde? Wenn die Sache nicht §0 tragisch wäre, könnte man lachen über die innere Komik dieses nationalen Sabbatg. Es ist allbekannt, dass der jüdische Sabbat eine wunderbare, sieghafte Kraft m sich trägt. Dieser Tag steht im unmittelbarem Zusammenhang mit dem Glauben an einen einzigen Q־tt und so weit der Monotheismus moralische Eroberungen gemacht hat, zog auch der Sabbatgedanke überall in den Kreis der g*ttesgläublgen Menschheit ein. Die, in der alten, europäischen Kultur unbekannte, siebentägige Woche mit dem Sabbathgrenztage ist infolge des jüdischen Sabbatgedankens ein Gemeingut der Menschheit geworden. Sa wertvoll diese Errungenschaft an und für sich ist, so darf nicht ausseracht gelassen werden, dass so wie der jüdische Monotheismus auf seinen Wanderungen seine Klarheit vielfach eingebüsst hat, so wurde der jüdische Sabbat in dem christlichen Sonntag und in dem mohmamedanischen Freitag, seines jüdischen Ursprunges und seiner g-ttlichen Einzigartigkeit vielfach entkleidet. Dieser Prozess vollzog sich selbstverständlich nicht auf einmal• Ea waren Zeiten, wo der christliche Sonntag mit derselben Peinlichkeit beobachtet wurde, als der jüdische Sabbath. Nur allmählich hat man «den Sabbatweg״ verlassen und das Gehege der schützenden Vorschriften nach und nach gelockert. So ward aus dem stillen Sabbath der Einkehr, der geistigen Sammlung, der laute Sonntag mit all seinen Belustigungen, in dieser Phase der Entwicklung blieb ja vom alten Sabbat nur soweit übrig, dass man keine wochentägige Arbeit verrichtet. Der g-ttllche Charakter dieses Tages ist bet diesem säkularisierten Sonntag ganz geschwun« den, Der moderne Sonntag ist menschlich, allzu menschlich geworden. Dieser Sonntag schwebt nun vor den Augen unserer Neonationa׳ listen. Als Assimilanten entnehmen sie ihre Ideale, wenn sie sie auch mit einer jüdischen Marke bezeichnen, durchaus nicht dem lebendigen Judentum. Sie sind wdhl über jene Phase der Assimilation hinausgekommen, die nach alter Form den Sonntag für Ihren Festtag bezeichnet hat. Die Assimilanten׳ nationaler Färbung, wählen für ihren Ruhetag, wenn schon dieser Ruhetag ein gesetzlicher Normtag sein muss, den Sabbat, jedoch trägt dieser Sabbat alle Merkmale des Sonntages, wie er fast ganz Perücken aus dauergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, liefert kurzfristig Rudolf SCHIFF Wien, 1. Bezirk, Kärntnerstrasse 8 (nftchit dem 6tef«n1pl11tr, um die Ecke)

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