Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 28 (13.7.1923)
- Date
- 1923-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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* (״JÜDISCHE KORRESPONDENZ“) ORGAN FÜR DtE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12a. — Telephon 49.054. Tschecho-SIowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich K 48.000, Ungarn u. K 5000, Tschecho-SIowakei Kd. 70, Deutschland Mk. 15.000, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200. Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 40.000,—. Einzelnummer d.-ö. K 1500. Zahlungen fflr Oesterrefch: Postsparkassenamtwien, Konto Nr. 13.458; für Polen: P09tsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; fflr Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; fflr Tscnecha-Slowakel: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; fflr Jugoslawien: Postsp.-Amt Agram,Ko. N. 40.217; f.Rnmänlen: BancaMarmarosch Blanc 8c Co fflr Florenz 8c Co, Bukarest; fflr die Schweiz: Postscheekk. Luzern Vif. 1470. Mr. 28 Wien-Bratislava, 13. Jaii 1323 .בדה וינה־פרעססבורג כ״ט תמוז תיפ״ג 9. Jahrg. Umkehr. Aus Bayern kommen zwei Nachrichten, die wir deshalb bringen, weil ihnen typischer Wert innewohnt: 1. Hitler, der bekannte Führer der mit antisemitischem Programme belasteten Nationalsozia־־ listen, hatte sich an den Verband ehemaliger bayerischer Offiziere mit dem Ersuchen gewandt, zu ihm zu treten. Die Verhandlungen zerschlugen sich, weil der Verband verlangte, dass Judenhass und Judenverfolgung aus dem Programm gestrichen werden müsse. 2. In Regensburg war jüngst eine nationalsozialistische Versammlung, in der eine erregte Auseinandersetzung zwischen den Hitler-Leuten und den Vertretern des alten Katholizismus stattfand. Es war eine grandiose Abrechnung der Religion mit der Politik und Sieger blieb die Religion mit dem Worte: Den Hass kennt das Christentum nicht. Uns erfüllt stille Wehmut angesichts dieser Ereignisse, denn es sind Ereignisse, bedeutungsvoll weit über die Grenzen des Bayernlandes hinaus. Es gibt uns den schlüssigen Beweis für die von uns so oft angeführte Behauptung, dass in Christliehen Kreisen sehr viele denkende Menschen vorhandein sind, welche die von Hass diktierte, mit Hass geführte Politik weit von sich weisen. Und es bleibteineMahmmg für *jüdische weite Kreise,■ dass sie es sich sehr wohl überlegen sollen, wohin ,der von - gewissenlosen Faiseuren kalt gezüchtete Hass führen muss. So vielen schien es möglich, Abwehr gegen den Antisemitismus zu treiben und dabei auch nicht eine Spur von'Liebe zu den eigenen Glaubensgenossen aufzubringen. Dieses Literatengesindel sollte sich die Verhandlungen in Regensburg einmal sehr genau ad notam nehmen. Die Judenheit aber bringt hoffentlich endlich "die Kraft auf, diese Herostratengruppe endgültig zum Schweigen zu bringen, indem sie den wahren Unwert der Kreise erkennt, die von dem Hass anderer lebt. Wir begrüssen die bayerischen Ereignisse als erstes Symptom der Tatsache, dass middas hadin allmählich übergeht in middas horachamlm. Diese Erkenntnis birgt eine ernste Aufgabe in ihrem Schoss. Es darf nicht der Fall sein, dass nunmehr all die Lehren, welche die böse Zeif einprägte, in den Wind geschlagen werden. Nicht umsonst dürfen die Pogrome, nicht umsonst darf die Flut der Leiden gewesen sein. Wer in der Umkehr nur eine Aederung der Politik sieht, dem ist nicht zu helfen; wer aber in dieser Umkehr die ersten leisen Spuren des Weges der Liebe durch die Welt sieht, der schöpft daraus die Erkenntnis, dass nun wieder eine Zeit anbricht, in der die allgemeine jüdische Aufgabe zur Geltung gelangt, den Tau des Himmels aufzufangen und ihn mit demütig ausgebreiteten Händen der Welt darzubieten. Die Erfüllung dieser Pflicht steht höher, als die Erzeugung witziger nationaler Träume im misstönenden Konzert des chauvinistischen Hasses. Vor der Selbstbestimmung der Völker steht das. Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Ihm freie Bahn zu schaffen, ist erstes und letztes Ziel der Kehessio Gedaulö. P. IC Europas Fluch. Karl EmiL Franzos nannte das Land seiner ו Helden und Hel^inn^Halbasien... Doch, er.; keimte L und seftÜdgftö ° nür ^aeif w'eSflicfisfert" Teu" dieses Landes. Weit, weit mehr nach Osten lag das grosse Reich der Marter, lag das grosse Russland,. mit seinen Juden und seinem Judenleid. Wie fremd auch dem Auge des Dichters jene Menschen und Schicksale waren, waren sie letzten Endes doch seinem europäischen Verstände leichter zugänglich, leichter erklärlich und leichter erfassbar. Galizien war ein Punkt, wo die westliche Kultur mit dem östlichen Barbarentum zusammentraf. Auch war die Zeit, die er miterlebte und widerzuspiegeln versuchte, die Zeit der Bestrebungen nach Zivilisierung und Assimilierung, die Zeit der Has&ala. Die bürgerlichromantische Stimmung, die in den Erzählungen Karl Emil Franzos׳ herrscht, war trotz des gewissen elegischen Tones unecht. In jenfen Menschen, die er schilderte, tobte viel mehr Vitalität, viel mehr ungestüme Leidenschaft als sie mit den glatten Worten' des deutsch-jüdischen Dichters wiedergegeben werden konnte. Die Juden der Franzosschen Schiiderungew waren nicht so passiv und lebensfremd, sie passten; gar nicht so gut hinein in die Genreschablone des Dichters. Vergessen wir nicht, dass die Juden damals gerade in jener Epoche lebten, die die letzte grosse Bewegung innerhalb des Judentums hervorbrachte* welche die letzte grosse volkstümliche Inkarnation des nationalen Lebens und Fuhlens bildete ’— den Chassidismus. Als Reaktion, gestützt auf das vom Westen ausgehende Bestreben nach Emanzipation, war die Haskala entstanden. Und ein bis zwei Jahrzehnte: genügten, um einen Bruch im Volke klaffen zu! lassen, der noch vom ewigen Kampfe der alten und: jungen Generation erweitert wurde. Die damalig^ י junge jüdische Generation warf sich mit Heisshunger; in die bis jetzt fremde Umgebung, schüttelte mit: einem Mal die ganze Vergangenheit äusserlich und: innerlich ab und wurde das schreckliche Opfer: jeder plötzlichen, erzwungenen Umwandlung. Die; Gefängnisse Russlands und die Bergwerke Sibiriens wurden voll von diesen jungen Juden, die, Europäer geworden, mit der Revolution! gegen daSr finstere^ ״harbarische^raittelätterlieheRusslari&geh^'^ : Sie gingen wie die jungen Russen ״ins Volkי- ״ nicht ins eigene, sondern in das russische. Jagten jeder neuen Idee, die von Europa kam, nach — weil sie nach Verlust des alten Inhaltes mit neuem ihre Seele auszufüllen strebten, und scheiterten zu״: meist, weil das Alte unwiederbringlich verloren ging: und das Neue nicht gefunden werden konnte. Die׳ junge eigennationale Idee begeisterte nur wenige.■ Sie war zu unentschieden. Die Sehnsucht nach: Jerusalem war zu alt und fiel ganz mit ihrem' früheren uneuropäischen Leben zusammen, um neuen; Reiz auszuüben und ganz erfüllen zu können. Die: europäische Kleidung dieser alten Sehnsucht war zu׳ dürftig und zu wenig festlich. Sie zogen das schwarze( Auch ein Interview. Ich führe ihnen heute keinen berühmten Schauspieler, keinen interessanten Menschen, keinen ausserordentlichen Fall, ich führe dem Publikum einen Mann vor, von dem es einmal ausnahmsweise nicht hören soll, dass Wien aussergewöhn* lieh schön ist, die Menschen gut sind und überhaupt alles in der Welt herrlich! Ein schlichter Mensch, ein sehr schlichter Mensch. Aber einer jener wenigen, die den Sinn des Lebens nicht in der Bequemlichkeit finden. Ein Arbeiter und mit Herz! Seit dem Bestände des Jüdischen Hilfswerkes ist er in der sozialen Fürsorge tätig. Sucht verlassene Winkel und vergessene Menschen auf; hilft wo es nur geht; fördert wo nur möglich; erweicht mit elementarer Beredsamkeit, die einem reinen Herzen entquillt, versteinte Geldgeber. Diesen Mann hatte ich unlängst als Gast. Lassen wir ihn selbst sprechen: ״Sie machen mir den Vorwurf, dass ich die Leute zu sehr belästige, dass ich das Unglück übertreibe und namenloses Elend durch schwärzeste Farben unterstreiche. Warum soll ich nicht übermassiges fordern? Sind doch die Menschen stets darauf eingestellt, weniger zii geben als man verlangt! Ist vielleicht das menschliche Hirn danach angetan. Vernünftigem zugänglich zu sein? Oder habe ich Mitgefühl zu erwarten? Das Herz hat eine entsetzliche Metamorphose durchgemacht und das Monstrum, das heute jeder in seiner Brust herumträgt, ist nicht mehr zu erkennen! Der Alltag peitscht jede Lebenskraft zu profanen Zwecken an. Er presst und knebelt jede Regung, die zur Sonne strebt. Nichts rührt den Maschinenmenschen, als was ihn unmittelbar angeht! Unlängst sah ich ausserhalb der Stadt ein verlassenes Kind. Aus bläulich schwarzen Wolken starrte wilde Röte der übergrössen Mondscheibe auf die schlafende Erde und vor mir stand mitten im Schmutz und Elend ein rachitischer Kinderkörper, auf dem ein plumper Kopf sass. Schmäclitige, verkrüppelte Ausläufer dieses Körperchens sollten Gliedmassen darstellen. Beim Anblick dieses namenlosen Elends fühlte ich den Starrkrampf nach meiner Kehle tasten. Die Beine versagten den Dienst. Ich könnte, nur schauen, nur schauen! Kein Wort der Rührung, der Tröstung, der Zärtlichkeit entrang sich der Seele. Das Mitleid war zu übermächtig und rollte als siedendes Fluidum in meinem ganzen Organismus. Ich hob das Kind auf den Arm und brachte es in das Internat. Aber das ist nur ein Fall von vielen! Und wenn man dann zu Leuten kommt, die ein weniges zur Milderung so vielen Unglückes beitragen sollen, stösst man auf Unverständnis, das zum Rasen bringen kann. Man wird gezwungen, die zu tiefstrührenden Zustände, zu Propagandazwecken auszubeuten, bis es dem Geldgeber beliebt, ein klein; wenig aus seinem Interessekreis herauszutreten,, den; Zigarittenstummel abzudämpfen und sage und! schreibe IC 100.000 zu spenden. Für diese hundert-: tausend Kronen kauft er sich eine Genugtuung,; etwas getan zu haben, eine Beruhigung, die ihn für einige Monate hinaus gegen jedes Unglück, das ihn nicht unmittelbar tangiert, blind und taub macht. Dabei ahnen sie gar nicht, mit wie geringen Geldopfern viel, viel grössere Erfolge zu erzielen׳ sind. Wir haben über 300.000 Juden in Oesterreich. Wenn von ihnen nur 100.000 sich .das Opfer auferlegten, täglich die Kosten einer einzigen Zigarette dem ״Jüdischen Hilfswerk“ zuzuführen, ergebe das monatlich einen Betrag, von 15־ Milliarden Kronen und wir wären nicht nur aller Sorge um das tagliehe Brot für die Aermslen der Armen, die keine Seele auf dieser Welt haben, die sich um sie kümmern will, behoben, sondern wir hätten auch die A'löglichkeit, die ״Lehrwerkstätten“ derart^auszugestalten, dass nicht nur die überaus bedauernswerten Jungen ein Handwerk erlernen und Menschen' werden, sondern dass sich das Unternehmen mit der Zeit selbst erhalten und Profit abwerfen könnte, welcher wieder anderen Wohlfahrtsinstituten zugute käme. Und was bedeutet . eine Zigarette im Tag! Aber selbst den Fall angenommen, dass nur unsere ■ r-t w ■; t. verschönern jede 1 rslh Sie sind unkenntlich im Tragen, aus feinstem Naturhaar u. von hochwertiger Qualitätsarbeit Pessl, Wien, I., Käiritnerstr. 28