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Jüdische Presse · 1923-07-06 · 27 (6.7.1923) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
27 (6.7.1923)
Date
1923-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27 JÜDISCHE PRESSE Seite 183 Der Sabbath. Eines der kostbarsten Geschenke, das der Heilige, gelobt sei er, dem jüdischen Volke gegeben hat, ist der Sabbath. Wie dieser Tag eine einzigartige, unvergleichliche Stelle unter den übrigen Tagen der Woche einnimmt, so einzigartig ist die Stellung des jüdischen Volkes unter den Völkern. Deshalb wurde dieses 'Geschenk gerade dem jüdischen Volke gegeben. Dieser Tag ist nun der Gradmesser der Lebenskraft des jüdischen Volkes geworden. Stand er im Glanze da, geheiligt, geliebt, verehrt, so war das jüdische Volk auf der Höhe, innerlich gefestigt, geschützt gegen die Kümmernisse des Alltags und gegen die Gehässigkeit der Umgebung. Als ־der Zerfallprozess infolge moderner Einflüsse grosse Teile des jüdisehen Volkskprpers ergriffen hat, war dieser Verfall äusserlich aj) Sabbathtage erkenntlich. Je tiefer der Verfall, desto» weniger Respekt vor der Weihe dieses Tages. Doch das jüdische Volk ist unverwüstlich. Nach der Destruktion kam der neue Qeist, der einem gesunden Selbsterhaltungstrieb entsprungen, überall zur Einkehr mahnt und die historische Tatsache verkündet, dass nur ein, seiner Thora treu ergebenes Judentum einer Zukunft würdig ist. Als Zeichen dieses Gesundungsprozesses ist der lebendige Kampf zu werten, der jetzt überall um den Sabbath geführt wird. So traurig es einerseits erscheinen muss, dass jetzt selbst in Erez Israel Schomre Schabbos Vereine gegründet werden müssen, andererseits können wir froh sein, dass die thoratreue Judenlieit soviel frische Kraft in sich hat, um für ihre heiligsten Güter zu kämpfen. In Mitteleuropa selbst hat das moderne Wirtschaftsleben Verwüstungen angerichtet, die kaum sobald gutzumachen sind. Wenn wir unsere Stadt Wien nehmen, so ist die Zahl der Sabbathhütenden, obwohl ein grosser Teil des Handels in jüdischen Händen ist, äusserst gering. Wenn wir die Zahl der״ Wiener jüdischen Familien mit 50.000 veranschlagen, so werden nach ungefährer Schätzung kaum 5000 Familien, also 10 Prozent, hievon Sabbath halten. Die schädliche Einwirkung der unjüdischen Aussenwelt beginnt schon im zartesten Alter. Von allen jüdischen Kindern, die vom 6. Lebensjahre an eine öffentliche Schule besuchen müssen, und bis zum 14., aber oft bis zum 18. Lebensjahre, ihren Lehrgang fortsetzen, sind in ganz Wien kaum 5000, die noch den Sabbathtag heilig halten, also ganz treue Söhne ihres Volkes sein würden. Angesichts dieser Tat- Sachen eröffnet sich für die Organisationen der thoratreuen Judenheit, vor allem aber für Agudas J i s r o c 1 ein Arbeitskreis mit einer gewaltigen Perspektive. So wie Agudas Jisroel überall die .schhimmernden Kräfte der Orthodoxie geweckt hat, und die vorhandenen Keime zu mächtigen Zentren einer wahrhaft jüdischen Lebensbetätigung entfaltet hat, so winkt ihr auf diesem Gebiete die Aufgabe, alle jene Versuche, die überall in der Welt von jüdischer Seite um die Rettung des bedrohten Sabbathtages unternommen werden, zu einer einheitlichen grossen Aktion zusammenzufassen, damit das einzigartige ewige jüdische Volk sein einzigartiges, ewiges Oharakteristikon, den Sabbathtag im alten Glanze, in alter Weihe erhalte. In Wien selbst arbeitet von jeher so ein Schomre Schabbos-Verein, der in jüngster Zeit der Aguda angegliedert wurde. Der Aufschwung der Aguda wird hoffentlich den Arbeiten dieses Vereines neuen Schwung geben. Wie wir erfahren, hat sich ein Komitee gebildet, mit den Herren Rabbinern Benzion Katz, Abraham Heschel, Josef Baumgarten an der Spitze. Das Komitee hat in den jüngsten Wochen bereits mit schönem Erfolg gearbeitet, besonders im 20. Bezirk, wo mehrere Geschäftsleute zur Sperrung ihrer Läden am Sabbathtage veranlasst wurden. Wir hoffen, dass man mit den Erfolgen des Anfangs sich nicht zufrieden geben wird, sondern die Arbeiten mit Energie, Geschicklichkeit und Begeisterung fortgesetzt werden. P. Die Juden und der Bolschewismus. Eine grauenhafte Stille senkte sich über das Riesenreich des roten Sternes. Die offiziellen Mitteilungen sind spärlich, die unoffiziellen Nachrichten falsch und erlogen. Die Reiseberichte entweder tendenziös gefärbt, oder von gegnerischem Parteihader diktiert. Bei alledem ist man der ganzen Saahe müde, das fortwährende Klagegeheul einerseits und die schmetternden Siegestrompeten andererseits machen keinen Eindruck mehr. Europa findet sich langsam mit den nackten Tatsachen ab, will sich an diese offene Wunde gewöhnen, will — da es ohne Russland unmöglich f»n normales Leben führen kann — über die unangenehme Staatsfomi des Riesenreiches hinwegkommen, um auf irgendwelche Art die reiahen Quellen, sowie das grosse Absatzgebiet Russlands eigenen Interessen dienstbar zu machen. Die papierenen Proteste und wortreichen Drohungen werden nur der Form zu liebe vom Stapel gelassen, ln dem Bewusstsein, dass dieselben weder ernst giemeint, noch erfolgreich sein können. Inzwischen soll sich in Russland eine neue Form und ein neueT Inhalt des Lebens entwickeln und jede fremde Einmischung wird als überflüssig und störend betrachtet So Europa. In Russland lebt ein grosser Teä des jüdischen Volkes. Trotz Jahrhunderte langer Qual und Pein, trotz Unterdrückung und Knechtung, Ausnahmegesetz und Pogrom trotz seelischer und körperlicher Marter, lebte der russische Teil des jüdischen Volkes und widerstand jedem Ausrottungs ve rsuche. Wiedertand und blühte. Während der letzten Jahrzehnte gab das russische Judentum den grössten Teil, der zur Wiederbelebung notwendigen geistigen und körperlichen Kräfte, hatte den Löwenanteil an der Aufbauarbeit des ganzen Volkes und wurde von diesem als dessen Hauptpfeiler und Kräftereservoir betrachtet. Bis dann der grauenhafte Zusammenbruoh ein trat, Pogrom auf Pogrom folgte und in den letzten Monaten ein Kampf einsetzte, der zum Ziele die vollkommene Vertilgung des Volkes hat Was der Krieg übrig Hess, soll der Kampf gegen die einzige, heute das russische Judentum erhaltende geistige Kraft den jirdischen Glauben, vollenden. Mag nun Europa auf dem Standpunkt beharren, dass der russische Bolschewismus einzig und allein Sache Russlands und der Russen sei, und jede Einmengung als unberechtigt betrachten, das Judentum darf diesen Stand- Punkt auf keinen Fall einnahmen. Unter der Herrschaft der Sowjets lebt ein Grossteil des jüdisohen Volkes, ein Teil an dem das ganze Volk immer seine grösste Sorge, aber auch seine besten Hoffnungen hatte. Was mit Russland geschieht, geschieht aiioh mit dem russischen Judentum. Soll Russland zugrunde gehen, so wird auch das russische Judentum verderben. Soll aber sich Russland erheben, wird eine Neuordnung dem heutigen Systeme folgen, so wird das russische Judentum neue Qualen, neue Verfolgungen, neue Pogrome zu gewärtigen haben, welohen es wie wir befürchten, doch gelingen körmte, den Todesstoss diesem, dem Verderben geweihten Teile des jüdischen Volkes, zu versetzen. Die heute alle Kreise erfassende Schlaffheit, die sich breit machende philiströse Opportunität, betrachtet derartige Schlussfolgerungen mit höhnischem Besser wissen. Die Taktile des ״an sich Herankommenlassens“ hat blutige Opfer gebracht, Opfer, die bei einer planmässigen vorschützender Behandlung, sicher nicht dargebracht werden müssten. Dieses ״sich gehen lassen“, diese vollkommene Gleichgültigkeit ]Europas den russischen Verhältnissen gegenüber, rächt sich und wird schwere Folgen haben. Die Unterlassung von Gegemmassregeln, ist in Anbetracht der Wichtigkeit und Notwendigkeit dieser Angelegenheit, eine Unterlassungssünde, die einem nie zu sühnendem Verbrechen gleiohkommt. Das Judentum darf den allgemeinen Standpunkt, der Nichteinmengung in die russischen Verhältnisse schon deswegen nicht einnehmen, weil ein grosser Teil des Volkes dort ärgeren, giftigeren Qualen ausgesetzt ist, als in Mizrajiim. Es gibt aber noch einen viel bedeutungsvoHeren, ausschlaggebenderen Grund für die intensive Beobachtung der russischen Verhältnisse und für die Ergreifung geelgneter Gegenmassregeln. Seit der Entstehung und Ausbreitung des Boisohewismus entstand und verbreitete sich das Märchen — der Bolschewismus wäre eine jüdische Spezialität — der ganz- Billigste Einkaufsquelle Engros En detail Die Chedarim in Litauen. Am letzten Sonntag im Mai gab es eine bewegte Sitzung im Gemeindekomitee, und es sah fast so aus, als galt es, nach russischem Muster über den Cheder zu Gericht zu sitzen. Auf der Tagesordnung standen die Subventionen für die Chederschulen aus den Geldern des Schulbudgets der Gemeinde. Es1 handelt sich um die drei Chedarim der Aguda? Jisroel, des ״Jagdil Thora“ und das Jabne (Slabotko), In diesem Chedarim lernen über 300 Kinder, zumeist aus den ärmsten Schichten, die eine volle Bezahlung nicht aufbringen können. Ohne namhafte Unter- Stützung von Seiten der Gemeinde müssen diese Chederschulen geschlossen werden. Den Antrag be־* ________ gründete *in einer längeren Rede Herr Schmuelowitz. En aros und Erzeuauna!.,Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) Tel. 67-302 Defailverkaufs - Niederlage : I., Graben 28 Filiale: Karlsbad) Alte Wiese. Peizaufbewahrung gegen Versicherung über die Sommermonate DaueroewelUe Perücken Othmar Schiff Wien-, 1*, Kävnfnovvixig 6 (gegenüber dem Hotel Bristol) Die grösste internationale Kunstwerkstätte für Perücken, Scheitel und Transformationen Liefert seit mehr als anderthalb Jahrzehnten den vornehmsten orthodoxen Damen aller Länder Perücken. Spezialist in Braut-Scheiteln. Diese werden der Mädchenfrisur mit verblüffender Täuschung nachgemacht. Um vor Irreführung zu schützen, bitte den Vornamen Othmar und die Adresse genau zu be«ohtenl liehe Ruin Russlands, die bolschewistische Verseuchung Europas jüdischem Einfluss und jüdicher Arbeit zu verdanken. Ein Kampf gegen diese falsche Auffassung, Versuche der Aufklärung über diesen unglaublichen Irrtum, waren und sind aussichtslos. Weder Berichte, noch offizielle Statistik können diesem Uebel abhelfen. Die ganze Hochflut des Antisemitismus in Europa und Amerika ist auf diese Ursache zurückzuführen. Der Antisemitismus brauchte und benützte dieses Blutanklagemärchen des zwanzigsten Jahrhunderts den Jüdischen Bolschewismus“ und dirigierte den Bolschewfetenschreck des europäischen Bürgertums in jene Gebiete, wo er seiner am notwendigsten bedurfte. ״Die Juden werden Europa so weit bringen, wie sie das arme tinuglückselige Russland gebracht haben. In Elend und Not,־ Ruin und jahrzehntelanges Verderben.“ Der Antisemitismus, dieser ״Sozialismus des dummen Kerls“ konnte bis zu solchen Dimensionen, mir kraft der Ausbreitung der früher geschilderten Anschauung gelangen. Es ist hier nicht der Ort über die Ursachen der Genesis, der Lüge vom jüdischen Bolschewismus zu sprechen. Doch eines muss gesagt werden. Wurde früher als Illustration der heutigen Lage des russichen Judentums, der Vergleich mit Mizrajim gebraucht, so muss die Existenz von jüdischen Bolschewiken in leitender Stelle als eine Gscrah bezeichnet werden, wie sie das Judentum noch nie erdulden musste. Noch nie hatte das ganze Judentum so viel Leid durch die Schuld einzelner Individuen zu tragen gehabt. Dazu kommt noch die Pein der allgemeinen Begriffs- Verwirrung und allgemeinen Desorienterung. Was frommt es, dass die als jüdische Bolschewiken Bezeichneten nicht Juden sind, nichts jüdisches haben? Wir wissen es, doch kein Mensch glaubte uns das — bis jetzt Ein Kampf setzte ein gegen die jüdische Religion, gegen die jüdische Sitte, gegen die jüdiisobe Familie, gegen das jüdische Kind, gegen die jüdische Schule —mit einer Intensivität und einer Zerstörungswut, der nur eine.wahnsinnige Horde von sogenannten Mensdhenbeglüokern, fähig ist. Und während ganz Europa gegen die Verfolgung der Kirche wenigstens auf dem Papiere protestierte, tut das Judentum im eigenen Falle nicht einmal das. Tut es nicht, obwohl diese Proteste vom ganzen Judentum erhoben, der Welt vielleicht doch endlich beweisen würden, dass Bolschewismus und Judentum unveTSöhnbare Feinde sind, die bis zum Ende immer und immer wieder sich bekämpfen müssen und werden. Doch warum erfolgt nicht einmal dieser papierene Protest? Warum erbeben die Juden, die doch alle Herren der Presse und Beherrscher der öffenttiahen Meinung gelten, kein einziges Wort der Verwahrung ge^n den Ausrottungskampf der jüdischen Religion und der jüdischen Schule in Russland? Vielleicht deswegen, weil es der jüdische Glaube ist und die jüdische Schule? Oder sehen jene, die sich bis jetzt angemasst haben, Im Namen des jüdisohen Volkes zu sprechen und zu handeln in diesem Ausrottungskampfe keine Gefahr? Keine Gelegenheit zur energischen Verwahrung? So wissen wir die Gegenmassregel, die ergriffen werden müssen, um wenigstens die Folgen dieses Kampfes abzuschwächen. Es ist klar, dass es nur yarschützende Mittel sein könnten. Es muss einleuchten, dass in dem Verfall jahrtausendealter jüdisoher Institutionen, im Verfalle der geistigen Autorität, in dem Verfall der jüdischen Erziehung und Schulung, im Verfalle der Sitte und Tradition eine der grössten Gefahren liegt, die je das 1',׳dische Volk bedrohten. Der kleine weinende Judenjunge, der vom roten Gardisten und jüdischem Volkskommissar mit Bajonett und Nagaika aus dem Glieder getrieben wird, wird Beide überleben und treuer, aufrichtiger jüdischer Mensch bleiben. Derjenige’ aber, der dem Einfluss des absterbenden, faulen, zerrissenen und sinnlosen Europas ohne jeder vor-: schützender Massregel seitens der Familie, Erziehung, Schule und öffentlicher Meinung ausgesetzt Ist, wird nicht nur kein Jude bleiben — er wird ein Schädling des jüdisehen Volkes werden — ein jüdischer Bolschewik. —z. Felzwarenhaus

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