Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 23 (8.6.1923)
- Date
- 1923-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite’ 146 JÜDISCHE PRESSE Nr. 23 Religion nichts zu tun haben, wird er sich natürlich nicht mengen. Glaubt er auf Grund religiöser Er- Wägungen sich auf scheinbar neutrales Gebiet begeben zn müssen, so unterwirft sich der Zentralrat auch in diesem Falle in unbeschränktem Vertrauen auf die Ehrlichkeit, die Umsicht und den Takt seiner geisdgui Führer deren Entscheidungen. So wird der echte unverfälschte jüdische Charakter der Aguda bewahrt. Niemand in der Welt kann nach unseren holländischen Begriffen etwas gegen die Aguda haben. Ebensowenig wie der liberalste Jude es dem einzelnen Familienvater übelnehmen wird, wenn er seinen Haushalt in streng orthodoxer Richtung leitet, genau so wenig wird er einer Vereinigung dieser Familien das Recht bestreiten können, über die Erhaltung dieser Prinzipien zu wachen. Der Umstand aber, dass die Aguda vielfach in Konflikt kam mit dem Zionismus, der für das politische, nationale und ökonomische Wohl der Juden alles tun wollte, aber dabei die Religion als Privatsache achtete, hat leider schon viel Zwistigkeiten entstehen lassen. Der Glaubenseifer der Aguda sah sich wiederholt gegenüber der tätlichen Missachtung vor Religionsgesetzen, die von dem Zionismus an den Tag gelegt wurde. Dann und wann wurden Versuche angewandt, um die Kluft zu überbrücken, vergebens. Die Ausgangspunkte lagen zu weit auseinander. Wohl sind hunderte von Anhaltspunkten, aber der tiefliegende Gegensatz, ob alles von der Thora beherrscht werden sollte oder nicht, macht ein friedliches Zusammenarbeiten nicht möglieh. Wie man auch über den Anlass und die Absicht der Balfour-Erklärung denken möge, sie war unstreitig ein Erfolg für den Zionismus. Aber auch die Aguda freute sich, dass dadurch auch für ihr Streben in Palästina mehr Hoffnung auf Erfolg entstehen würde. Als aber San Remo die Jewish Agency ins Leben rief, musste die* Aguda wohl verlangen, dringend verlangen, dass sie darin in religiösen Angelegenheiten ihr gijtscheidendes Veto hören lassen konnte. Kein Machthunger oder Eifersucht diktierten dies Anforderungen, sondern ausschliesslich religiöses Bewusstsein. Die Aguda hat hier eine Niederlage erlitten. Man wird abzuwarten haben, was aus der Balfour- Erklärung, was aus dem Zionismus und seiner Palästina-Arbeit sich entwickeln wird, bevor man endgültig die. Beziehungen zur Aguda festlegen kann. Die Aguda beschränkt sich aber keinesfalls nur auf Palästina. Ueberall will sie das uralte Judentum geistig und materiell zum Aufblühen bringen. Die Ketten, worin es durch Unglauben und Antisemitismus geschlagen wurde, will sie sprengen, sie will. jüdische; Kenntnisse verbreiten, zur Betätigung der Thora im Leben anspornen. Einen Bund will sie schaffen, der alle Söhne und Töchter unseres Volkes umschlingen wird, um zusammen die Lasten zu tragen, zusammen die Mühen zu dulden, einander wo notwendig, Hilfe und Stütze zu sein. Damit glaubt sie ein Qott wohlgefälliges Werk zu tun, und auf unser aller Mitarbeit rechnen zu können. A. -A. A. A. A A A, A AAAAAAAA AAAA A A AAAAAAA .ו» A-A Jfc •<fc. Gedenket der Waisenkinder! Spendet für die Waisenhäuser der Aguda Jisroel Sekretariat: Wien, II. Malzgasse Nr. 12a. 3 Zur Kenessio Gedaulo. Rüstungsarbeiten in Oesterreich. Schon die Vorarbeiten zur Kenessio Gedaulo gestalten sich zu einem Sdegeszug des Agudagedankens, der alle Erwartungen weit hinter sich zurücklässt. Täglich finden Versatftmlungen, Besprechungen und Konferenzen statt, die überall begeisterten Anklang finden und es ist geradezu erhebend wie jede Besprechung für die Arbeiten der Agudas Jisroel neue Kräfte zutage fördert. Es hat sich eben erwiesen, dass jene Recht hatten, die behaupteten, dass die gesteigerten Anforderungen auch die Begeisterung und Arbeit steigern werden. Eine der erfreulichsten Erscheinungen, die wir in Oesterreich zu verzeichnen haben, ist, dass jede der neugegründeten Bezirksgruppen eine selbständige Trägerin und Kämpferin für die Idee der Aguda geworden ist. Dies gilt insbesondere von unserer neugegründeten Bezirksgruppe XX-, deren Jugendgruppe eifrig und mit Erfolg in jenen Kreisen des XX. Bezirkes, in denen die Agudaidee bisher ohne organisatorischen Ausdruck gelebt hat, arbeitet. In den letzten Tagen fanden in mehreren Bethäusern Versammlungen statt, die überall Begeisterung für die Idee der Aguda weckten und sowohl materielle ais auch moralische Erfolge zeitigten. Belser Klaus. Sonntag den 23. Mai fand in der ״Bels er Klaus“ eine überaus zahlreich besuchte Versammlung statt. Herr Moses Blech referierte in hinreissender Rede über Agudas Jisroel und die Aussichten und Aufgaben des ersten orthodoxen Weltkongresses der ״Kenessio Gedaulo“. Unter lebhaftem Beifall schloss Redner seine Ausführungen, mit der Aufforderung, die lückenhaften Reihen, insbesondere die der Ostjuden, auszufüllen, was mit,dem Beitritt fast sämtlicher Anwesenden beanwortet wurde. Talmud-Thora. Am gleichen Tage fand im Bethause der Talmud-Thora, Wien, II. Malzgasse 16, eine Versammlung der Mitglieder dieses Bethauses statt, in der Herr Rabbiner H. Schenk die Anwesenden in einleitenden Worten über die Wichtigkeit der Teilnahme eines jeden orthodoxen Juden an den Arbeiten der Agudas Jisroel auseinandersetzte. Herr Rabbiner Doktor Pollak entwarf dann ein anschauliches Bild über die bisherige Tätigkeit und wie sich dieselbe den gesteigerten Anforderungen entsprechend in der Zukunft gestalten werde. Die Ausführungen klangen in die begeisterte Aufforderung aus, dass jeder thoratreue Jude seinen Platz in der Organisation einnehmen müsse, wenn er sich nicht mit einer schweren Verantwortung belasten will.- ■- - ■ . - : . Redner erntete reichert Beifall und fst es zu hoffen, dass auch dieses Bethaus von nun an eine Pflegestätte für unsere grosse Idee sein wird. Brne hagolel, II. Stuwerstrasse. Sonntag den 27. v. M. fand i!m obgenannten Bethause eine überaus zahlreich besuchte und glänzend verlaufene Versammlung statt. Der Erfolg bi diesem Bethause ist umso höher zu bewerten, als seitens zionistischer junger Leute eine Störung der Versammlung versucht wurde, was aber an der einmütigen Entrüstung aller anwesenden Bethausbesucher scheiterte; Herr Moses Blech berichtete in kurzen hinreissenden Worten über die Aufgaben der Agudas Jisroel und über die Ziele des ersten Weltkongresses der orthodoxen Judenheit and ermahnte In logischer, durch reiche talmudlsehe Zitate geschmückte Rede seine begeistert lauschenden Zuhörer zur Pflicht, an dem Bau der Kenesses Jisroel al pi thauras Jisroel mitzuarbeiten. Der nächste. Redner, Herr Qrünberg, der die orgarüsatorischen Fragen in geistreicher Rede behandelte, erntete den ungeteilten Beifall aller Anwesenden, die, soweit sie nicht bisher schon Mitglieder und Arbeiter der Agudas Jisroel waren, der Organisation beitraten. Montefiore, II .Taborstrasse. Ueber Ersuchen des Bethausvorstandes sprach Donnerstag den 1. d. M. Se. Hochwürden Herr Rabbiner Dr. Joel Pollak im obgenannten Bethause über die ״Kenessio Gedaulo". In herzergreifenden Worten schilderte der Redner, wie Agudas Jisroel auf dem Trümmerfeld des europäische» Zusammenbruches unter den schwersten Voraussetzungen zu bauen begann. Ob es die verwaisten Thorastätten de* Osten oder die mangelhafte Tihorakenntnis im Westen, ob es die erbärmlichsten Opfer der ostjüdischen Pogromwiaisen waren oder sonst irgendwelche Situation sich ergab, die Hilfe erforderte, allüberall war es ״Agudas Jisroel“,die helfend eingriff. Dem hat es uiisereOrganisatio« zu verdanken, dass sie in den kurzen Jahren des Be- Standes zu einem Faktor im jüdischen und darüber hinaus im weltpolitischen Leben geworden ist. Unter dem ungeteilten Beifall schloss Redner sein* Ausführungen mit der Aufforderung zur Mitarbeit and zum Beitritt, der alle Anwesenden ausnahmslos entsprachen. Schomre Hadas, XX. Othmargasse. Die nettgegründete Jugendgruppe im XX. Bezirk, Bäuerlegasse, erfüllt hervorragend ihre Pflicht. Die täglich steigend• Zahl ihrer Mitglieder beweist, mit welcher Sympathli die orthodoxe Judenheit dieses Bezirkes ihre zielbewusste Arbeit verfolgte. Eine Bestätigung dieser Gefühle war der beispiellose Erfolg der ersten Versammlung im XX. Bezirk, die Donnerstag den 31. Mai im Befchause Schomr« Hadas, XX. Othmargasse 36, stattfand. Herr Grünber! eröffnete die Versammlung in einer Ansprache, in der er auf die Bedeutung der bisherigen Tätigkeit der Aguda- Jugend verwies und zeigte, wie die Idee sich als tragfähig nicht nur für die konservativen älteren Elemente erwies, sondern unserer Jugend neue Wege dm alten Geiste unserer Väter zeigte. Die Begeisterung, mit der die Ausführungen dieses Redners aufgenommen wurden, steigert# sich, als Herr Moses Blech in gewohnt vollendeter Weise über die Bedeutung der Zusammenfasung aller Gleichgesinnten im Lager der organisierten Orthodoxie sprach. Redner verwies darauf, dass, während alle Parteien der Judenheit und der Welt, ihre Kräfte sammeln und bis aufs äusserste anspannen, die Orthodoxie durch ד . •lange/Zeit. .in ,frpyelhafter Lethargie‘verharfte. 'fWÄs''eiir in der Vergangenheit gesündigt haben, wallen und müssen wir ln der Zukunft mit Haschems Hilfe durch Eifer und Begeisterung gutmachen. Der Beitritt aller Anwesenden lohnte die begeisterten Ausführungen der beiden Redner, die gebeten wurden, in 14 Tagen in einer entsprechend vorzubereitenden Versammlung nochmals zu sprechen. ״Zanser Klaus“, II. Flossgasse 9. Eine über aß• Erwartungen schön und erfolgreich verlaufene Versammlung fand in der ,Ganser Klaus", II. Flossgasse 9, stafjf. Nachdem der erste Redner in begeisterten Worten die Ziele und Zwecke der ״Agudas Jisroel“ unter lebhafter Zustimmung aller Anwesenden auseinandersetzte, sprach dann der Obmann der Wiener Jugendgruppe, Herr David Baumgarten über die ״Kenessio Gedaulo“. Bet Chassidim dies, denn sonst pflegte er in heiterster Laune Gott anzurufen. Und als Mussaf gebetet wurde und die Inbrunst der Betenden immer stärker wurde, da griff der kleine Junge wieder nach seinem Instrument. Wieder bemerkte es der Vater und hielt nun seine Hand auf die Tasche des Sohnes, um ihm die Herausnahme der Pfeife unmöglich zu machen. Und das Gesicht des Baal Schern verfinsterte sich immer mehr, qualvolles Schluchzen entrang sich seiner Kehle, hilfeheischend wandte er sein Gebet zu Gott empor. Die Erregung der Gemeinde wuchs und wuchs. Und bei Neiio kannte sie keine Grenzen mehr. Auch der Kleine konnte nicht mehr an sich halten. Mit aller Gewalt stiess er den Vater von sich, riss das Pfeifchen aus der Tasche und herein in das Flehen und Weinen der Gemeinde gellte auf einmal der sohrille Pfeifenton. Entsetzt und verwirrt hielten die Betenden inne, empört über die frevelhafte Entweihung. Doch über das Antlitz des grossen Zaddik Kings wie ein Aufleuchten. Tränen der Erleichterung stürzten aus seinen Augen und er rief den Erstaunten zu: ״Wisset, der Pfiff dieses kleinen Jungen hat im Himmel mehr ausgerichtet als Eure und meine Gebete. Diese hatten sich aufgestaut und fanden den Weg nicht, dieser Pfiff aber drang geradeswegs vor den Ewigen und schaffte auch unseren Gebeten freie Bahn.“ Diese Erzählung ist äusserst kennzeichnend für die Art und Weise, wie der Chossid sich den Gottesdienst vorstellt. Nicht der an Gaben und Wissen Teiche wird zuerst erhört. Der innere, übermächtige Drang eines unwissenden, verlockten Kindes gilt weitaus mehr. Hier knüpft sich der Gedanke der ״Schi fluth“, der Demut und Bescheidenheit an. Demütig soll der Mensch sein, für ein Nichts sich halten. Nicht die pompösen Vertreter der Wissenschaft, nein, die bescheidenen, ja, unwissenden Frommen, haben den Vorrang. Hierin liegt vielleicht das stärkste An- Ziehungsmoment des Chassidismus, die Wirkung, die diese Lehre des Gemütes auf die breite, ungebildete Masse ausüben musste. Es ist dies eine mehr oder weniger bewusste Opposition gegen die Herrschaft des Verstandes, der Gelehrsamkeit. An Stelle einer Gottesverehrung mit dem Verstand soll eine glühende Herzensandacht treten, eine Andacht, die jedem, auch dem Unwissenden zugänglieh ist, ja, diesem sogar noch höher angerechnet wird. Nichts ist eine verwerflichere Eigenschaft als der Stolz. Auch hier mag eine kleine Geschichte als Beispiel dienen, wie denn überhaupt in diesen Geschichten die ganze chassidische Weltanschauung, ein kostbarer Schatz verborgen ist. Beim Baal Schern pflege einer seiner Lieblingsschüler, Rabbi David, an den hohen Feiertagen vorzubeten. Dieser nahm sich einmal vor, mit solcher Glut zu beten, dass Gott den Erlöser senden müsste. Er bereitete sich darauf gebührend vor, kasteite sich und fastete viele Tage. Als der Jom Kippur herankam, fiel es allen sogleich auf, dass der Baal Schern spät und mit sorgenvollen Antlitz und verweinten Augen im Bethaus erschien. Als man daran ging, Mussaf zu beten und David sich anschickte, seinen Vorsatz auszuführen, fragte־ der Rabbi plötzlich: ״Wer wird den Mussaf vorbeten?“ Die Gemeinde verwunderte sich sehr, war doch seit Jahren David der Vorbeter und nun ignorierte 0131 der Rabbi völlig. Als einer die Bemerkung wagte, David sei zum Vorbeten bereit, schrie ihn der Rabbi an: ״David? Wie kommt denn der dazu? Was berechtigt ihn zu solcher Aufgabe?“ David taumelte unter dem unverhofften Schlag. Die anderen wäre® erstarrt. Schliesslich sagte der Rabbi: ״Wenn kein anderer da ist, soll schon David vorbeten.“ Und dieser betete. Aber es war nicht mehr der Mann, der sich vorgenommen hatte, Gott seinen Willen aufzi*■ zwingen — ein gebrochener, in Scham aufgelöster Mensch stand am Vorbeterpult. Sang nicht, sondert weinte. Aus tiefster Seele, aus tausend Wunden stieg sein Gebet zu Gott empor. Doch des Baal Scherns Antlitz strahlte vor Glück. Und als nach dem Gottesdienst David vor ihm hintrat und vor der versammelten Gemeinde um Aufklärung bat, da bat er ihn um Verzeihung für seinen barschen Ton. ״Aber Du warst stolz und hochmütig auf Dein Fasten und Dein Lernen und das ist Gott widerwärtig. Nun, da Du zerknirscht und demütig vor ihm standest, hat er Dein und unsere Gebete wohlgefällig aufgenommen.“ Dies die hohe Auffassung des Chassidismus von der Bescheidenheit und Demut. Es würde hier viel zu weit führen, über die anderen Eigenschaften, über die Geschichte, die Sitten und Gebräuche der Chassidim zu berichten. Ein Wort wäre auch über die weniger sympathischen PERÜCKEN au• dauergewelltem Naturhaar, garant. unsichtbar Im Tragen, lief er* kurzfristig RUDOLF SCHIFF Wien, I■, KSrntnerstrassa I CDer Eingang in das Geschäft um die Ecke.}