Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 23 (8.6.1923)
- Date
- 1923-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b.b s'•יי*• * '0. v *נ י ׳ .* ז C,,JÜDISCHE KORRESPONDENZ«) ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. ' T/v.. r. <*ו 1 Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 13a — Telephon 49 054. 'fsfchfeCho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichteil Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich K 48.000, Ungarn u. K 5000, Tschechoslowakei Kö. 70, Deutschland Mk. 16.000, Schweiz Frcs. 10. Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 40.000. —. Einzelnummer d.-ö. K 1500. Zahlungen für Oesterreich: PostsparkasfienamtWien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.419; für Ungarn: Postsparkassehamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschecho-Slowakei: Postsparkassenamt Prag, konio Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsp.*Amt Agram,Ko, N. 40.217; f. Rumänien: Banca Marmarosch Blanc & Co für Floren. &Co,Bukarest; fürdieSchweiz: Postscheckk. Luzern VII. 1470. Nr. 23 Wien-Bratislava, 8. Juni 1923 .ב^״ה וינה־י&רעססבויג כד׳ סיון תיפ״ג 9■ Jahrg. Berufskrankheiten. Die Fortschritte der medizinischen Wissen- Schaft haben festgestellt, dass gew sse Berufe auch gewisse Krankheitserscheinungen zur Folge haben, die entweder in der Lebensart bei der Berufsaus- Übung bedingt sind, oder mit dem Stoffe zusarnmenhängen, mit denen sich viel und häufig zu beschäftigen der betreffende Beruf zwingt. Dass unsere materielle Zeit Berufskrankheiten nur in den Aeusserungen der Störungen des körperlichen Lebens sucht und erkennt, ist eine Sache für sich; Cs dürfte aber besser um die Welt stehen, wenn man den Berufskrankheiten auch auf dem Gebiete des seelischen Lebens genauer nachginge, dies umsomehr, als auch die Geschichtsforscher immer mehr und mehr sich zu der Methode bekennen, gewisse Erscheinungen des geschichtlichen Werdens auf die seelische Berufskrankheit der Menschen zurückzuführen, welche den Gang der Ereignisse beeinflussen. Wenn nun gar die heilige Lehre selbst uns an einem Schulbeispiel das Entstehen um den Verlauf einer solchen Berufskrankheit darstellt, so ist es geradezu eine Pfitcht, diesen Gedanken klar zu legen. Zum ersten Male in der jüdischen Geschichte waren Männer mit einer Aufgabe betraut worden, die ausserhalb ihres eigentlichen Amtes lag, zum ersten Male war die Verantwortung für die Ge- Haltung jüdischen Geschickes in andere Hand gelegt worden, als in die des vom Allmächtigen erkorenen Führers Moses. Diese 12 Männer waren hochangesehene Menschen, bisher getragen vom Vertrauen des Yr01kes und seines Führers, starke Individualitäten, erprobt in Erledigung schwieriger Dinge. Und doch brachten sie sich und 600.000 Menschen frühzeitigen Tod und verschlossen einer ganzen Generation die Pforte zum heiligen Lande. Dies kam daher, weil sie ihren Auftrag überschritten hatten, weil die Grösse der Aufgabe von ihnen Einiges Uber das Wesen des Chassidistnus. (Schluss.) Nun zu dieser Lehre. Ich verweise noch einmal auf meine obige Behauptung, dass der Chassidismus nur eine Vertiefung der jüdischen Lehre erstrebt, jede prinzipielle Aenderung ihm jedoch fern liegt. Die Grundlage der chassidischen Lehre ist die Kabbala, hauptsächlich aber ihr grösstes Werk, der S o h a r, ״Lichtstrahlen“, ein Werk das ungeanhnte Gedankenfülle enthält, dem jedoch nicht jeder folgen kann, ein Werk der Mystik und Heiligkeit. Von den Gegnern der Chassidim, vor allem wieder Grätz konsequent das ״Lügenbuch“ genannt, geniesst es bei den Chassidim höchste Verehrung. Ein Fehler aber wäre es zu glauben, die Chassidim schöpften ihre Lebensweisheit nur aus der Kabbala. Nein, nicht am trockenen Buchstaben klebt diese Lehre, sie schöpft aus der Fülle des Lebens. Hierin hinkt übrigens auch der obengeführte Vergleich mit den Essäern. Denn während diese ein lebensverneinendes, asketisches Dasein führten, wirkt sich der Opitimismus der jüdischen Religion und Weltanschauung im Chassidismus doppelt so stark aus. Froh und unbekümmert soll der Chassid durchs Leben schreiten, denn Gott ist mit ihm und hält schützend seine Hand apsgebreitet. Ueberhaupt ist die F r e u d i g k e i t, PESSL'S nicht ertragen wurde, vielmehr in ihnen das Selbstbewusstsein über jedes erträgliche Mass hinaus gesteigert hat. Dies War die Quelle des Unglücks. Man lese nur die Geschichte von den Kundschaftern nach und verfolge genau, wie sich der erste Ver* such einer nicht ganz objektiven Berichterstattung bis zur Entartung in die Form einer grotesken Lüge gesteigert findet. Das aber wird zur Berufskrankheit aller derjenigen, die zu dem Amte eines Führers berufen werden, ohne die nötige Charakterstärke des Erkennens der bescheidenen Grenze des eigenen Könnens mitzubringen. Nicht umsonst, so bemerkt freisinnig ein alter Erklärer, geht.der Erzählung von den Kundschaftern fast unmittelbar voraus die Fest- Stellung, dass der vom Allmächtigen erkorene Führer bescheidener war, denn alle Menschen auf der Erde. Kein Erlebnis wirkt so verführerisch auf den Mensehen, als der Besitz irgend einer Macht. Kein Bewusstsein ist so sehr geeignet den Träger selbst zu täuschen, als das Machtbewusstsein. Ihm zu erliegen, ist die Berufskrankheit der Mächtigen und Starken, enge verwandt mit dem sogenannten Beziehungswahnsinn, wie die Wissenschaft einen Zustand kennt, in dem man alles Geschehene und alle Erscheinungen nur nach dem Werte der Be- Ziehungen zu sich misst. Für einen solchen Kranken verschwinden alle anderen Interessen; und so wie es den Kundschaftern picht darauf ankam, das ganze Volle unter dem Ätv^bot aller Waffen einer ift sich unwahren Demokratie gegen die Autorität aufzuhetzen, genau so wäre mit Leichtigkeit festzustellen, dass fast alle inneren Katastrophen der jüdischen Gesamtheit auf diese Berufskrankheit der mit der Führung Betrauten zurückzuführen sind. Der Spruch unserer Weisen, dass die Ehrsucht den Menschen aus der Welt treibt, gilt auch für die Menschen, die unter der Last einer falschen Führung erliegen. Am gefährlichsten ist die Berufskrankheit, wenn sie unter der Maske einer falschen Beschei־ denheit auftritt, wenn man von sich behauptet, man käme sich wie kleine Heuschrecken vor, allerdings nur den Fremden gegenüber; den Glaubensgenossen gegenüber, und sei es auch ein Mann wie Moses, findet man andere Töne, da tobt man sich aus. Man prüfe unsere Zeit an der Richtschnur dieser Gedanken, so wird man unendlich viel verstehen, wird auch begreifen, an welchem Motiv so vieles scheitert. Es ist Aufgabe der Kenessio Oedaulo, mit dieser Berufskrankheit endgültig aufzuräumen. P. K. Agudas Jisroel. Von Oberrabbiner A. S. Onderwyaer in Amsterdam; (Schluss.) Dass Palästina bei all diesem nicht vergessen wurde, war selbstverständlich. Seine glühende Begeisterung für das heilige Land äussert der orthodoxe Jude bei allen Gelegenheiten. Sein Nationalismus Ist rlenn auch ein Stück Religion, genau wie die Beschneidüng und die Sabbatfeier für ihn ideale Werte hat. Die Agudas Jisroel stellte also nicht pur, durch Zeit- Verhältnisse gezwungen, sondern auch zur Befolgung einer religiösen Vorschrift auf ihr Programm: Aufbau von Palästina, Förderung von Emigration und von Handel und Industrie in Palästina. So wurde die Agudas Jisroel. Von diesen Vor- Sätzen beseelt, fing sie ihre Arbeit an. Diesen Gedauken ist noch immer ihr Streben geweiht. Ihre zahlreichen, mit feurigem Enthusiasmus arbeitenden Orts- und Jugendgruppen sind alle aufgebaut auf dem in Kattowitz gelegten Fundamente: Für Judentum und Judenheit nach Thorageist. Die Beantwortung der * Frage, was ja oder nicht ndch jüdischem Geiste ist, hat die Aguda von Anfang an nicht Laien überlassen, sondern in die Hände der einzig dazu Berufenen, einen Rat jüdischer Thoragelehrten gegeben. Das Urteil dieses Rates ist endgültig. In Angelegenheiten, die mit mit der die Chassidim dem Gottesdienst obliegen, für die Bewegung äusserst charakteristisch. Viele chassidischen Sitten und Gebräuche, die den Westjuden ubegreiflich, ja direkt abstossend erscheinen, sind in diesem Lichte zu würdigen. Die Freude an Gottes Werk, am Gottesdienst ist eine deT hervorragendsten Eigenschaften des Chassid. Hand in Hand damit geht das Hislahawuth, ohne das jedes Gebet undenkbar und sinnlos erscheint. Nichts verabscheut der Chassid so sehr, als das mechanische Herunterleiern der Gbete. Mit seinem ganzen Herzen, mit allen seinen Gliedern will er Gott dienen. Er gerät in helle Verzückung beim Gebet, kommt seelisch in direkte Berührung mit Gott. Die den kühl und ernst betenden Juden der nichtchassidischen Gemeinde manchmal peinlich berührenden Gebärden und Tanzbewegungen des Chassid, sind nichts als der äusserliche Ausdruck dieses inneren Feuers. Von einem Chassidimrabbi wird erzählt, dass er beim Schmone Esre am Roschhaschana bei den Worten: ״Und jedes Geschöpf wird einsehen, dass es Dein Geschöpf ist“, in eine derartige Verzückung geriet, dass er vom Betpult eine Latte losbrach und unaufhörlich den Satz wiederholend, sie wie ein Schwert in der Hand schwang und an der Stelle noch verharrte als der Vorbeter sich schon anschickte das Gebet laut vorzutragen. * Als zweite unerlässliche Bedingung für das Gebet betrachten die Chassidim die K a w w a n a, das heisst die Andacht und das Hereinlegen eine bewussten Absicht in den gegebenen toten, Text. Ein Gebet ohne Kawwana ist ein Körper ohne Seele. Kawwana ist überhaupt das Höchste auch ganz losgelöst vom Gebet. In den chassidischen Geschichten und Legenden, deren es Legion gibt, und hinter denen sich immer ein herrlicher Gedanke findet, spielt die־ Kawwana eine grosse Rolle. Ich will hier nur ein dem inneren Sinne nach wundervolle Geschichte erzählen, die sich in ״Klaus“ des Baal Schern zugetragen haben soll. Da war einer seiner Chassidim, der einen einfaltigen und fürs Thorastudium unbegabten Sohn hatte. Dieser streifte am liebsten den ganzen Tag im Wald herum, auf einer kleinen Pfeife, die er sich geschnitzt hatte, spielend. Da der Junge nicht einmal hebräisch lesen konnte und aus Angst davor, dass er ihm Schande antun könnte, nahm ihn der Vater nie zum Gottesdienst mit. Doch als Jom Kippur herankam, und alle in das Bethaus des Baal Schern eilten, nahm er auch den Sohn mit und hoffte, dass ihm vielleicht die Gegenwart eines solchen Zaddiks wohltätig beeinflussen würde. Der Knabe aber, der nicht beten konnte, stand neben seinem Vater und allmählich begann es ihm zu gären und inbrünstig aufzuwallen. Da erinnerte er sich an das Pfeifchen in seiner Tasche, und gerade beim Schmone ßsre- Gebet zog er es hervor um darauf zu spielen. Eiitsetzt hielt der Vater im Gebet inne und verbot dem Knaben aufs strengste, solchen Unfug zu treiben. Dieser steckte die Pfeife wieder ein und stand ruhig weiter da. Der Baal vSchem aber war 1h gedrücktester Stimmung. Mit Schrecken bemerkten seifte verschönern j ©de Frau Sie sind unkenntlich im Tragen, aus feinstem Naturhaar 11. von hochwertiger Qualitätsarbeit Pessl, Wien, I«, Kärntnerstf. 28