Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 34 (24.8.1923)
- Date
- 1923-08-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.34 jüDfscar presse Referent bespricht nochmals eingehend alle einzelnen Punkte die er bereits in seinem Referate über Chinuch und Chisuk Hadas am 7. Elul zum | Vortrag gebracht hatte. Hierauf bringt der Referent eine aus 28 Punkten bestehende Resolution ein. (Wir bringen diese Resolution an anderer Stelle.! Nachdem der grösste Dank an das amerikanische Judentum und an das Zentral Relief Comitee ausgesprochen wird, verliest Oberrabbiner S c h a p i r a ein Kol Koire wegen Chinuch, den die Mozes Gedaulo Hathauro erlassen hat. Dieser Kol Koire wird von den Anwesenden stehend angehört. Nachdem Rabbiner Regensburg (Sembrow) noch einige geringfügige Details hinzufügt, wurde eine Pause von 20 Minuten für das Mincha-Gebet eingeschaltet. Nach der Pause ergreift das Wort Rabbiner Blum (Podebice) um die Stimmung, die die Kenessio Gedaulo zwischen der jüdischen Bevölkerung herrorgerufen hat, zu schildern. Hierauf ergreift das Wort Delegierter I. M. Lew in, (Warschau — um im Namen der Zeire Emunei J i s r o e 1 eine Resolution, die vollkommensten Gehorsam und Disziplin gegenüber der Moezes Gedaulo Hathauro ausspricht, zur Kenntnis zu bringen. Ebenso verliest Delegierter Lewin, eine Resolution im Namen der orthodoxen Arbeiterschaft, in welcher vollkommene Unterstellung unter die Befehle des Rabbinischen Rates und die freiwillige Bereitschaft als Vollzugsorgane desselben zu dienen, ausgesprochen wird. Nachdem Delegierter Knoble witsch (Hambürg) über die Ausbildung von Chaluzim und die Ausgestaltung des Buchwesens spricht, ergreift das Wort Delegierter Silberstein (Lodz). Durch die Annahme, der von Delegierten Lewin vorgelegten Resolution, wurde formell die orthodoxe Arteiterorganisation, im Rahmen der Agudas Jisroel, geschaffen. Die kollossale Bedetung dieses Faktums braucht nicht mehr betont zu werden. Der jüdische Arbeiter, bis nun ein Opfer der Ausbeutung durch verschiedene Programme und Schlagworte, befindet sich endlich dort, wohin er seit Jahrzehnten gehörte. Redner gibt der Hoffnung Ausdruck, dass die wirtschaftliche und geistige Lage des religiösen Arbeiters dadurch vielfach verbessert werden wird. Delegierter Silberstein stellt den Antrag für die Schaffung eines Imigrationsfondes für Arbeiter. Es ist selbstverständlich, dass in erster Linien der jüdische Arbeiter für Erez Jisroel in Betracht kommt. Wenn nun ein Fond geschaffen wird, der den jüdischen Arbeiteremigranten die materielle Sicherung der ersten Zeit nach der Ankunft in Erez Jisroel verbürgt, so erhofft der Redner eine starke Emigration, die die notwendigen produktiv arbeitenden Elemente ins Land bringen wird. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Hierauf ergreifen das Wort Delegierter Izkowi ts ch—Kalisch und Delegierter H eber—Kalisch um Stellung zu verschiedenen Detailfragen zu nehmen, Delegierter Izkowitsch verlangt die Schaffung einer Arbeiterliteratur und bittet um die Unterstützung des orthodoxen Arbeiterorganes. Die lange Sitzung hatte sichtlich alle Anwesenden ermüdet und die Verhandlungen wurden in einem ziemlich schleppendem Tempo geführt. Als jedoch der Vorsitzende die Mitteilung machte, dass sich derChofez Chaim zu Worte gemeldet hatte, wurden alle neu belebt. Es half nicht die Drohung, dass der Saal geräumt wird, die Gäste drangen in den Delegiertenraum ein und alles versuchte näher der Tribüne zu kommen um kein einziges Wort zu verlieren. Tiefste Menschenkenntnis, herrlichste Weisheit kommen in den Worten des Chofes Chaim zum Ausdruck. Aus dem gewaltigen Borne jüdischen Schrifttums schöpft dieser grosse Gelehrte und Moralist im besten Sinne des Wortes, Beispiele und Sentenzen, um sie in genialer Art zu interpretieren und den tiefen Sinn dieser Worte zu enthüllen. Es ist schwer die Worte des Chofez Chaim weiter zu geben. Die herrlichste Bescheidenheit und das tiefe Erfassen mit welchen der Chofez Chaim diese Perlen an einander reiht, sind von einem Zauber umgeben, der nicht wiederzugeben ist. Schlecht wurde es auf der Welt, sagte der Chofez Chaim und jedesmal wird das ärger. Und da gibt es einen Weg zur Rettung, das ist die Rückkehr zu G־tt. Je rascher mit der Busse begönnen wird, desto rascher ist das Ende der Not. Die Thora ü־ttes ist der Puls des jüdischen Volkes. Keine Aerzte und keine Arzneien können dem kranken jüdischen Volkskörper Hilfe bringen, nur die Stärkung und Belebung des Blutumlaufes, der Thora. Die Thora muss man pflegen und hegen mit allen Kräften und mit allen Mitteln und wer dazu nicht fähig ist so möge er es wenigstens den Anderen ermöglichen Thora zu lernen, denn sie ist wie ein Magnet dessen Kraft auf entsprechenden Körper übertragen werden kann. Nicht nur dieMizwos muss man erfüllen. DieMizwos sind wie Lichter. Und was sind die 613 Lichter, im gleissenden, herrlichsten Lichte und Glanze der Sonne, der Thora. Atemlos hörte das Auditorium den Worten des greisen Gelehrten und Führers. Und dankte ihm mit brausenden Jchirufen für diesen herrlichen Genuss und die herzstärkende Belehrung. Da auf der Tagesordnung noch die Beratung über die Satzungen steht, wurde eine Nachtsitzung an geordnet. ״Die elfte Sitz־Lmg•. HST aclxiBltzuzig. Dienstag, den 9. Elul) 11.30 nachts: Den Vorsitz führt Herr Jakob Rosenheini, Frankfurt. Die lange Nachmittagssitzung und die trockenen, äusserst langwierigen Berichte der verschiedenen Kommissionen haben die Delegierten sichtlich ermüdet, und es schien, als ob die Beratungen über die Statuten rasch zu Ende geführt würden. Doch gleich bei Eröffnung der Debatte nach dem Berichte der Statutenkommission durch Herrn Dr. I. Breuer, Frankfurt, entbrannte eine heftige Diskussion über die einzelnen Punkte der Salzungen. Delegierter I. M. Lewin, Warschau, stellte den Antrag einer en bloc-Annahme der ersten drei Paragraphe der Satzungen, doch wurde dieser Antrag nach einer Erklärung des Delegierten Dr. Munk, Berlin, abgelehnt. Nachdem Delegierter Rachelsohn, Frankfurt, sowie Delegierter Dr. B r e s 1 a u e r, Fürth, verschiedene Abänderungsanträge gestellt hatten, wurden die drei ersten Paragraphe der Satzungen mit absoluter Majorität angenommen. In der Diskussion über den Antrag Dr. Breslaue r, Fürth, auf Streichung des Wortes ״Zentrale" in Paragraph 4 nahmen Delegierter Dr. Munk, Berlin, Delegierter Rabbiner Feiwelsohn, Kupiszki, sowie Delegierter Vorsitzender Jakob Rose »heim teil. Der Paragraph 4 wurde mit einer Majorität der Stimmen angenommen. Delegierter Szereszewski stellt den Antrag, im Paragraph 6 das Wort Idee durch das Wort, Ziele zu ersetzen. Der Antrag sowie die Paragraphe 5 bis 9 wurden einstimmig angenommen. Ebenso die Paragraphe 10 bis 12. Ueber die Paragraphen 13 und M entbrannte wieder eine Diskussion, in der c&e Delegierten Gustav P a p p e nh e i m-Wien, Rabb. Dr. Pin ch&as Kohn-Wien und Zede׳rba«um-Ladz sich betei* ligten. Schliesslich wurden beide Paragraphe 13 und 14 ohne Aenderung, einstimmig angenommen Bei der Beratung über die Paragraphen *5, 16 und 17 stellte Sejmdeputierter Oberrabbiner Lewin-Sambor den Antrag den Paragraph 17 zu streichen, da der Inhalt desselben bereits in einem anderem Paragraph enthalten ist. In der Diskussion über diesen Punkt beteiligten sich Dr. 1. Breuer- Frankfurt, Dr. P. Kohn-Wien, Delegierter I. M. Lew 1 n-Warschau, Dr. Hildesheimer-Berlin, Dr. Bresslaue r־Führth, sowie Delegierter Heber- Kalisch. Der Antrag zur Streichung des Paragraphen 17 wurde hierauf angenommen. Die Paragraphe 18—21 wurden hierauf mit geringfügigen stilistischen Aenderungen, die der Redaktions-Kommission übergeben worden sind, einstimmig angenommen. (Wir bringen die angenommenen Satzungen an anderer Stelle). Rabb. Dr. K o h n macht hierauf Mitteilungen über die Verhandlungen mit der ungarischen Delegation. Es besteht alle Hoffnung, dass die 230.000 Seelen zählende orthodoxe Judenschaft Ungarns, sich der Agudas Jisroel korporativ anschliessen wird. Da dieser Eintritt einen gewissen Zusatz zu den Satzungen beanspruchen wird, entstand über diesen Punkt eine Diskussion, in der sich ausser dem Referenten Rabb. Dr. Kohn die Delegierten F r ä n k e 1, Oberrabb. W e i s s, Rabb. Feiwelsohn, Dr. Breslauer, Rosen he im und W o i k beteiligten. Hierauf wurde der Eventualantrag angenommen. Schluss der Sitzung 2 Uhr nachts. “Die :z-wölfte Sitz;־u.:n.g\ "Vorsitz ftiibrt Senator Ziralaohn. Die Sdilussitzung der Kenessio Gedaulo. In diesein Augenblicke, in dem zu der letzten Aktion der Kenessio Gedaulo geschritten wird, erfüllt den Saal eine festliche, ernste Stimmung. Auf den Gesichtern der Delegierten liegt der Ausdruck des Schmerzes ob der Nähe der Stunde des Abschiedes. Gleichzeitig aber Freude und Genugtuung ob der geleisteten Arbeit. Wie bei der Eröffnungssitzung ist auch jetzt der riesengrossc Saal, sowie die Galerien ganz ausgefüllt. Delegierter Wrcsctinc r bringt im Namen des Permanenzaussditisses die Liste des vorgeschlagcuen Geschäftsführendeu Ausschusses zur Verlesung. (Wir bringen die Liste an anderer Stelle.) Delegierter Rosenheim macht darauf aufmerksam, dass Bedenken gegen die Geschäftsfähigkeit eines so grossen Ausschusses vorhanden sind. Hierauf wird die Wahlliste mit grossem Beifall aufgenommen. Delegierter Wrcschnc r teilt die die Zusammensetzung der Exekutive in London mit, die ebenfalls einstimmig angenommen wird. Der Exekutive in London gchören folgende Herren an: W. Schiff, London, Harry G 0 d m a n 11, London, Oberrabbiner Weil, Colmar, Saly G 11 g g e n h e i m. Basel. Ein fünfter Herr wird später kooptiert werden. Es liegt ferner ein Vorschlag vor, eine Expositur'zur Geschäftsführung in Amerika in Leben zu rufen. Da in Zukunft die amerikanische Tätigkeit mehr ausgebaut werden soll, ist die Schaffung einer solchen Expositur notwendig. Diese Expositiur, deren Sitz in New York sein wird, wird alle amerikanischen Angelegenheiten bearbeiten und die Aguda in Amerika nach Aussen und Innen vertreten. Vorgeschlagen werden: Rabbiner Dr. Rosenberg, Rabbiner N. G a r f u n k e 1. Herr A. ü 0 1 d s t c in, R. L u n ־ z c r und Dr. .1 o 11 a s S i in o n. Delegierter E is stellt den Antrag, die Wahl hier nur im Prinzip zu besehUcssen und die Wahl selbst der amerikanischen Landsmannschaft zu überlassen. Nach einer kleinen Diskussion über diesen Antrag wird d»'r Antrag W reschncr angenommen. Hierauf ergreift das Wort Präsident Senator Z i r e 1 s 01111, um sich von der Kenessio Gedaulo zu verabschieden. Er vergleicht die Stimmung, die alle beherrscht, mit der Stimmung am Ausgange des Versöhmmgstages. Doch kann die Kenessio Gedaulo mit ihrer Leistung zufrieden sein. Denn der B e- Schluss einer guten T a t öffnet die Tore zum Himmel. Trotz des Kampes, der auf der Kenessio Gedaulo um einzelne Anschauungen und Meinungen geführt wurde, beherrscht vollkommene Einheit die Agudas .Jisroel. Redner appelliert an alle Delegierten, es möglich zu machen, die Beschlösse zu realisieren. Senator Zi r eis oh 11 dankt 1111 Namen aller Delegierten der Exekutive für die Vorbereitung und Leitung der Kenessio Gedaulo, besonders den Herren Rabbiner Dr. Kohn, Jakob Rosen heim, Direktor Schlesinger und W 0 1 ז P a p p e 11 11 e i m. Ferner wird der Dank für die Teilnahme an der Kenessio Gedaulo dem G e 1־ c 1־ R c b b e, dem Chofez C 11 a i m und dem Czortkower R e b b e ausgesprochen. Mit einem herzlichen Neujahrswunsch an alle Delegierten verabschiedet sich hierauf d e r erste Präsident der Kenessio G a da u10 Senator■ O'berrabbi.nerZirelsohn von der Kenessio Gedaulo. Die Delegierten bereiten ihrem äusserst beliebten Präsidenten herzliche Ovationen. Delegierter W reschncr teilt den auf Anregiiiig der österreichischen Landsmannschaft ׳ vorliegenden Presseantrag mit. Der Antrag wird zur Kenntnis genommen und weitergeleitet. Delegierter Rabbiner Schapira ergreift das Wort zu einer Richtigstellung, ln der ״Jüdischen Presse“ wurde bei Wiedergabe seines, in jüdischer Sprache gehaltenen, Referates über den Chinuch das Wort ״Jeschiwah Gewoah“ mit dem deutschen Worte Seminar falsch wiedergegeben. Da dieses Wort missdeutet und missverstanden werden könnte, bittet Oberrabbiner Schapira um eine Richtigstellung in dieser Hinsicht. Den Vorsitz übernimmt Rabbiner Doktor Kohn. Es wird hiemit zum feierlichem Schluss der Sitzung geschritten. Es sprechen Rabbiner Morgenster u aus Sokolow, Oberrabbiner Perlmutter aus Warschau, Rabbiner Chaim Ojscr Grodzenski-Wilna, und Rabbiner L einer, Radzin. Alle Redner betonen und konstatieren die ungeheure Bedeutung der Kenessio Gedaulo für das jüdische Volk. Ein W e n d e p unkt ist in der Geschichte des j ii d i s c h e n Volke s eilige treten. Ein Wendepunkt, der zur Hoffnung berechtigt, dass von nun an die Lage des orthodoxen jüdischen Volkes eine bessere werden wird. Hierauf ergreift Delegierter Jakob Rose nheim das Wort zu folgender Ansprache: Verehrliclie Kenessio Gedaulo! Ein jeder von uns fühlt wohl in dieser Stunde das Bedürfnis, einen kurzen Rückblick zu werfen auf das, was in diesen acht Tagen geleistet wurde. Eine verwirrende Fülle von Eindrücken ist es, die in diesen acht Tagen an. uns heranstürmen. Wenn ich die Absicht hatte, Ihnen aufzuzählen, was in diesen acht 'Lagen gearbeitet und was an Selbstbesinnung erreicht worden ist, so muss ich sagen: Ich kann das nicht! Ich kann aus der grossen Fülle mir einiges Wenige herausschöpfen, vielleicht mir Einzelheiten, aber auch die sagen, was die Kenessio geleistet hat. Unsere Brust ist geschwellt von dem, was kommen wird, und wenn ich G-lteswort m Beginn unserer Tagung aufschlug und mir ein Satz eiitgegenleuchtete, der mir unsere Tätigkeit wie ein Schicksal schilderte, so ־war dies ein Trost für mich. Wir waren ein lebendiger Körper, mit einer Seele und vielen Händen, mit emem Gfcftirn und vielen Köpfen. 1