Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1923-05-18 · 20-21 (18.5.1923) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
20-21 (18.5.1923)
Date
1923-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2629891-2629999-2630018--0959-2632671
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 130 JÜDISCHE PRESSE Nr. 20/21 Der Frauenkoiigress und das ״Jüdische Hilfswerk“ der Aguda. Die Vertreterin des jüdischen Hilfswerkes, Frau Lilli F i s c 11 e r, hielt am Kongress folgendes überaus sympathisch aufgenommene Referat, das wir im Wortlaut bringen. Das ״Jüdische Hilfswerk“ Wien. Durch den Abbau jener Hinrichtungen, welche während des Krieges die Wohlfahrtspflege für die zugewanderten jüdischen Massen zeitweilig besorgt hatten, war der A u f b a 11 einer neuen Zentralstelle sozialer Fürsorge nötig geworden, die den noch immer sehr beträchtlichen Rest von jüdischem Vojkselend, besonders östlichen Ursprungs, auf sich nehmen musste. Denn die ln erster Reihe für die lokalen Bediirfnisse bestimmten Institutionen der Kultusgemeinde reichten und reichen nicht aus. Der offiziehen Zentrale tra/t eine mit ihr gemeinsam arbeitende offiziöse zur Seite, die ihre Tätigkeit allmählich auf alle Gebiete der sozialen Fürsorge erstreckte. Das ist das ״Jüdische Hilfswerk“. Organisatorisch der ״Agudas Jisroel“ angeschlossen, auf streng religiöser, und ritueller Grundläge stehend und eben deshalb für jedermann zugänglich, führt das J. H. unter dem Zwange der Verhältnisse eine Reihe von Aufgaben: die W ö c 11 - n e r i n n e n -, Säuglings-, K r a 11 k e n - und Kurf ii r s 0 r g e, die Hilfe fiir durchreisende A u swandercr lind die Repatriierung, die ,Stellenvermittlung und G e w e r b e f ö r d er u n g einstweilen noch in a m b u la 11 te r Weise fort und verausgabt hiefiir im Monat durchschnittlich 150 Millionen.. Aber das J. H. stehlt prinzipiell auf dem Standpunkt״ dass jede ambulante Hilfe so bald als möglich durch eine s t ä 11 d 1 g e Einrichtung ersetzt werden muss, sein Ziel ist der planmässige Aufbau gefährdeter jüdischer Existenzen. Diesem hauptsächlichem Zwecke dienen vorderliand das erste Kriegswaisenhaus für 50 Knaben in Baden, Germergasse, dem am selben landschaftlich, und sanitär ausgezeichneten Orte ein bereits angekauftes, in Einrichtung begriffenes Waisenhaus für 100 Mädchen aus den Pogromgebieten zur Seite steht, ferner das Knabeninternat und Lelirlingslieim in Wien, Schimmelgasse und endlich die auf einem Areal von 20.000 Quadratmetern angelegten ״Jüdischen Werkstatten“ im 12. Wiener Gemeindebezirk, Edelsinngasse, bestimmt für 300 Waisenknaben, die hier — ausser ihrer vollständigen Verpflegung und religiösgeistigen Erziehung — in den verschiedensten Handwerken unterwiesen werden sollen. Der Betrieb der Tischlerei ist bereits aufgenommen worden. Wie dieser, sollen auch alle übrigen unter der Leitung staatlich anerkannter Werkmeister nach dem staaltliehen Lehrpläne durchgeführt werden. v Das alles ist ein Werk von nur drei Jahren, geleistet durch eine Reihe freiwilliger Hilfskräfte; das Zentralbureau beschäftigt nur eine bezahlte Sekretärin, und einen Diener. Von einer Gesamtausgabe von rund 250 Millionen im Monat, betragen die Brief aus dem Burgenland. Mattersdorf, im Siwan. Die .burgenländischen jüdischen Schulen haben eine schwere Krise durchzumachen. Wie ich bereits in meinem jüngsten Briefe geschrieben habe, hat die Abbaupoliitik der Landesregierung die jüdischen administrativen Spesen — einschliesslich der drei Anstaltsleiter, ihrer Gehalte und der Verpflegskosten fit; sie und ihre Familien, sowie fiir das Dienstpersonal — nur 5 Prozent. Die Eabriksanlage der Jüd. Werk- Stätten mit den Wirtschaftsgebäuden und dem freien, für Schrebergärten bestimmten Grundstück ist eine Schenkung von drei Wiener Wohltätern, Auch sonst sind die fundamentalen Bedürfnisse bisher aus Wiener Spenden gedeckt worden. Aber schon die bisherige Arbeit wäre ohne die gelegentliche Hilfe des Auslandes — besonders von Holland. Belgien, der Schweiz und Frankreich, wozu in den letzten Monaten die Wiiiteraktion des Joint hinzukam - nicht möglich gewesen. Denn ׳entgegen! einer in Umlauf gebrachten Nachricht, verfügt das J. H. über keinerlei feste Eimiahinstiuclien, sondern muss, was es zur Erhaltung des schon Bestehenden und zum Ausbau eines Planes, braucht, durch fortwährende Samlungen im In- und Am Undc aufbringen. Dieser Plan will das verlassene, verwahrloste und verwaiste Kind bis zum produktiven jüdischen Handwerker heranbilden — ihm selbst zur Rettung, dem Antisemitismus als wirksamste Gegen- Waffe, dem Judentum zur Ehre. Das J. H. steht seit seinem Bestände untter der Leitung des Wiener Universitätsprofessors Dr. Max Eisler. :1: Der Weltkongress der jüdischen Frauen dauerte vom 6. bis 11. Mai und hat sowohl einen würdevollen Verlauf gehabt* wie die Grundsteine zu einer gedeihliehen Arbeit gelegt. Allgemein überrascht es, mit welcher Sachlichkeit und Gründlichkeit die Fruaen arbeiteten. Die leitenden Persönlichkeiten des Kongres׳ses waren die amerikanischen lind die deutschen Damen, die ihre langjährige Erfahrung auf dem Gebiete der Frauenarbeit in den Dienst des Kongresses gestellt haben. Die Hauptprobleme des Kongresses bildeten die Bekämpfung des Mädchenhandels, die Ueberwachung der Emigration und der Schutz der Jugend, Erhebende Momente des Kongresses waren die einmütige und begeislterte Friedensre solution der Frauen wie ihre Bereitschaft für Palästina zu arbeiten, wobei es betont wurde, dass diese Arbeit kein politisches Gepräge haben darf. Gegen den Antisemitismus zu protestieren unterliess der Frauenkongress in der wohlbegründeten Annahme, dass das Zustandekommen des Kongresses und seine sach'iiche, konstruktive Arbeit der beste Protest gegen den Antisemitismus sei. Entsprechend der feierlichen Eröffnung an welcher der Bundespräsident Dr. Michael Hainisch und seine Mutter, Frau Marianne Hainisch, teilnah men, trug auch die Schlussitzung einen feierlichen Charakter. Die Ansprachen der führenden Frauen Amerikas und Deutschlands wie das überaus sympathische Schlusswort von Frau Regina Uli mann Wien, haben in. ihrer schlichten Rührung jeden ergriffen und bewiesen, dass die zukünftigen Arbeiten der Frauen von jenen religiösen Gefühlen und jener echt jüdischen Menschlichkeit geleitet werden werden, die die jüdische Frau von jeher ausgezeichnet haben. Schulen des Burgenländes vor neue Schwierigkeiten . gestellt. Der Abbau allein war aber nicht der schwerste Schlag, der gegen die jüdischen Schulen des Burgenlandes seitens der Landesregierung geführt wurde. Es erschien im Landesgesetzblatt jüngstens eine Verordnung über die einheitliche Regelung der schulfreien Tage. Diese Verordnung mutet den jiidischeu Schulen nicht weniger zu, als dass sie statt Samstag, den Sonntag als allwöchentlichen Ferialtag begehen sollen. Ferner sollen die christlichen Feiertage auch an den jüdischen Schulen als Ferialtage gelten. Andererseits sollen die jüdischen Feiertage nur vormittags den Kindern eine Schulfreiheit bringen. Diese Verordnungen sind krasse Beweise der Unkenntnis, mit welcher bei der Landesregierung jüdische Angelegenheiten behandelt werden. Jedoch wäre es verfehlt, die ganze Schuld der Landesregierung zuzuschreiben. Von jüdischer Seite hat man der Sache nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und sich nicht rechtzeitig darum gekümmert. Es fehlte wohl nicht an mahnenden Stimmen, welche die einzige legitime Vertretung der burgenländischen Judenheit, nämlich den Verband der aut. orth. israel. Kultusgemeinden des Burgenländes zu grösserer Aktivität anspornten. Scheinbar waren es Hindernisse und Hemmungen, welche in der unsicheren Lage der Geineindeu ihre Wurzel haben. Jedoch freut es mich, beichten zu können, dass seit kurzer Zeit eine wesentliche Besserung eingetreten ist. Die Verbandsleitung, . vornehmlich Herr Oberrabbiner Simon L ö w y, Frauenkirchen, Oberrabbiner Samuel► E h r e n f e 1 d, Mattersdorf, Oberrabbiner Dr. Joel Pollak, der als Rabbiner der benachbarten Gemeinde Wr. Neustadt seine wertvolle Kraft in den Dienst der guten Sache gestellt hat, lind Herr Gemeindepräses Emil Spitzer Eisenstadt, entfaltet seit einigen Wochen eine rührige Tätigkeit, die fast die gesamte burgenländische Judenheit aus ihrer Lethargie geweckt hat. Binnen kurzer Zeit wurden in Lackenbach, Eisenstadt und Frauenkirchen und nun auch am jüngsten Sonntag am Sitze der Verbandsleitung in Mattersdorf Versammlungen veranstaltet, an denen klein und gross teilnalirnen. Die Versammlungen haben bewirkt, dass die burgenländische Judenheit sich der Bedeutung bewusst geworden ist, die sie in dem neuen Staatsverbande beanspruchen kann. Die historischen Gemeinden stehen alle auf orthodoxer Grundlage, besitzen selbständige jüdische Schulen, ausserdem noch Talmud Tlioras, einige von ihnen, wie Mattersdorf und Deutschkreuz Jeschiwoth, die heute eine neue Blüte erleben. All diese Schätze und echt jüdische Kulturgüter können nur dann gehalten werden, wenn diese Gemeinden, die durch die Zerrütung der letzten Jahre wirtschaftlich gelitten haben, sich zusammenschliessen und nach einem einheitlichen Plan für ihren Fortbestand sorgen. Sowohl aus der erschöpfenden Dar- Stellung des Herrn Oberrabbiner Löwy, Frauenkirchen, der als ersterRedner in derMättersdorferVersammlung auftrat, wie aus den Ausführungen des Herrn Oberrabbiners Dr. Pollak hat man die beruhigende Gewissheit gewinnen können, dass die Verbandsleitung die nötige Umsicht und Energie, besitzt, sowohl der Regierung gegenüber, wie nach ihnen die Sache der burgenländischen Gemeinden erfolgreich zu vertreten. Die Landesregierung selbst scheint 111m, nachdem sie die Proteste der einzelnen Kultusgemeinden wie die schriftlichen Vorstellungen der Verbandsleitung erhalten hat, einzusehen, dass es ein schwerer Missgriff war, eine so tief einschneidende Verordnung wie den Abbau der konfessionellen Schulen und die Feststei־ lung der Ferialtage ohne vorherige Einigung mit der legitimen Vertretung der burgenländiischen Judenheit zu erlassen. Wir glauben aber, dass noch grösser als dieser Erfolg das Erwachen der burgenländischeh Judenheit selbst ist. Die beste, Quelle aller jüdischen Institutionen und der jüdischen Gemeinde ist und bleibt das lebendige Interesse der Juden selbst. Die Ver- Sammlungen haben die überraschende Tatsache gezeigt, dass die burgenländische Judenheit noch immer über genügende moralische und materielle Mittel verfügt. Sache der Leitung ist, diese Kräfte zu wecken und in den Dienst der heiligen Sache zu stellen. Es ist Israels wahres Wesen. Eine Betrachtung zum Wocherfeste. Von Cand. jur. Gerhard Kanter, Zwittau (Mähren). Das Fest der Gesetzgebung am Sinai wird von allen Konfessionen, wenngleich aus verschiedenem Grunde, gefeiert. Besonders wir Juden haben Anlass und Grund genug, diesen Tag festlich zu begehen, denn unsere •heilige Thora, die wir am Sinai empfingen, sie ist unser kostbarstes Gut, das wir aus allen Gefahren und Nöten, Kämpfen und Stürmen siegreich gerettet haben. Sie ist Geist von unserem Geiste, ihr opferten Tausende und Abertausende freudig ihr Leben, in ihr sind auch die erhabensten Lehren und Vorschriften enthalten, Gesetze und Gebote, die die Grundlage von Recht und Gerechtigkeit, Kultur und Sittlichkeit bilden. Und dennoch'wurde gerade Israel, das solch‘ erhabene Lehren, wie beispielsweise das Gebot: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Leviticus, Kap. 19, V. 2), sein Eigen mit Stolz nennen kann, der Lieblosigkeit bezichtigt. Diese Anschuldigung entkräftet gerade an diesem Feste ani besten der Umstand, dass 'wir die Rolle Ruth verlesen, welche ein uraltes Denkmal jüdischer Duldsamkeit, jüdischer Liebe und Treue ist. Die glänzende Lichtseite des Judentums, die Duldsamkeit gegen andere Religionen, zeigt uns das Buch Ruth, indem es uns in schlichter Weise erzählt, dass Noemi ihren beiden Schwiegertöchtern zuruft: ״Gehet! Kehret um, jeg- | liehe zum Hause ihrer Mutter!“, ihnen, wie dies das jüdische Gesetz verschreibt, dies dreimal zuruft lind keinen Versuch unternimmt, sie der Heimat und dem Elternhause zu entreissen, um sie für den heiligen Glauben unserer Väter zu gewinnen. Das Judentum ist aber auch nicht so י gleichgültig und selbstsüchtig gegen das Heil seiner Mitmenschen, dass es sich um die Ausbreitung und den Fortschritt' seiner Wahrheiten nicht kümmert. 45 Male — bemerken unsere Weisen — schärfte G—tt unseren Vorfahren Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit dem Fremdling gegenüber ein. Eines unterscheidet uns allerdings ganz erheblich von den anderen Konfessionen und auch dies ist, wie die Geschichte lehrt, von den wohltätigsten Wirkungen begleitet, dass wir nämlich uns von allen Bekehrungsversuchen fernhielten und den Tag mit freudiger Zuversicht erwarten, da .die Wahrheit voll und ganz zur Herrschaft kommen, da sie allein triumphieren werde. Wenn wir ein wenig nur!11 der Geschichte des finsteren Mittelalters blättern, so finden wir sofort, welches fürchterliche Unheil die Bekehruugswut über Familien, Völker und Staaten, das ungeduldige Verlangen, das Gebiet der Anerkennung von Religionslehren zu erweitern, über ganze Länder gebracht hat. Wahrlich Israel ward auserwählt vom Ewigen, beispielgebend den anderen Völkern und Religionen zu sein. Darum Ist cs ein weiser Brauch, dass wir an demselben Feste, an welchem wir die Verkündigung der 10 Gebote feiern, das Buch Ruth lesen, das uns Duldsamkeit gegen andere Völker lehrt. Liebe und Treue kennzeichnen das Wesen unserer Thora, die mit einem Werke der Liebe beginn und mit einem Werke der Liebe schliesst und tatenreiche Liebe und Treue atmet auch die Rolle Ruth, die wir. wie Rabbiner Tobias aus Mainz meint, aus diesem Grunde an diesem Feste verlesen. Notwendig ist aber, dass wir mutig und entschlossen die Wahrheit der heiligen Thora verfechten, dass wir ihre erhabenen ethischen Grundsätze befolgen und zur Tat werden lassen, dass Männer in allen Gemeinden sich finden, die ohne Furcht und Zaghaftigkeit den Andersgläubigen, wenn diese Israels Religion als hassend und lieblos bezeichnen, das Gegenteil beweisen. Dann wird die erhaben» Lehre, die der Allmächtige uns am Sinai verkündete, in weiteren Kreisen Wurzel fassen und der Satz in Erfüllung gehen: ״Voll ist die ganze Welt von Seiner Herrlichkeit“, dann wird die Gehässigkeit, die heute noch der so viel gepredigten Völkerversöhnung im Wege steht, * schwinden und alle unser wahres Wesen und den wahren Gehalt unserer heiligen Thora erkennen können. An diesem Tage werden alle Völker in den Jubelhymnus einstimmen: ״Lobet den Herrn, alle Nationen, denn gross ist seine Gnade und ewig ist des Ewigen Lel1re.“:i:) Die Nacht, die uns noch von diesem grossen Tage trennt, sollen wir eifrig dem Studium der Thora und der heiligen Gesetze wjdme» und eine erhöhte Aufmerksamkeit der Lehre zuwenden, der Israels Schicksal liegt. -oo-.- *)Psalm 117.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.