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Jüdische Presse · 1923-05-18 · 20-21 (18.5.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
20-21 (18.5.1923)
Date
1923-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE Nr. 20/21 Seite 128 Im Gegensatz zu den falschen Propheten betonen wir. die trotz jahrtausendelanger V׳erbannung den heiligen Boden unseres Landes lieben und seine Lebenbedingungen erforschen und die Ur- Sachen seines Bliihens und seines Welkens zu erkennen trachten, wir betonen an unserem Feste den Tag von Mattan Thora. Den Tag der Offenbarung, den Tag der Uebernahme der Thoraverpflichtung und Thoraverheissung, die uns das Land zusprach, die uns die ewigen Gesetze seines Gedeihens verkündete, die uns die Hoffnung liess, bei treuer Beachtung dieser Gesetze einst unsere Zukunftssehnsucht erfüllt zu sehen. P—k. Rückblick und Ausblick. Wie weit hat es die Menschheit schon gebracht, wenn wir rückwärts blicken, und wie weit sind wir noch vom Ziele entfernt, wenn wir vorwärts schauen! Die ersten Blätter der Mcnschheitsgeschichte erzählen uns von dem Nomadenleben unserer Urväter. Aus dieser primitivsten Stufe heimatlosen Umherwanderns entwickelte sich der Ackerbauer. Jeder bebaute sein Feld, lebte von dessen Ertrage, unabhängig von seinen Nebenmenschen. ״Dem dunklen Schoss der heilgen Erdev vertrauen wir der Hände Tat, vertraut der Sämann seine Saat und hofft, dass sie entkeimen werde, zum Segen nach des Himmels Rat.“ Aus diesen schlichten Anfängen der menscliliehen Gesellschaft erblühte im Laufe der Jahrhunderte das vielgestaltige Wirtschaftsleben. Wohl sät und erntet der Landmann noch wie. einstens. Doch die Weltwirtschaft schafft, die internationale Organisation befruchtet Handel und Wandel, sichert den Absatz, regelt Verladung und Verschiffung, baut Fabriken, gründet Industrien, belebt Handel und Verkehr. Der ganze komplizierte Apparat der Welt- Versorgung mit Getreide und Nahrungsmittel ist so vollkommen organisiert, dass der Landmann selbst scheinbar ganz in den Hintergrund rückt. Wenn auch der gläubige Jude bei dem Genuss des Brotes seinen Schöpfer preist, der das Brot aus der Erde wachsen lässt, und in seinem Tischgebet freudig und dankerfüllt erkennt, dass eine gütige Vorschling das Weltall mit Speise versorgt; dennoch setzt sofort die Hungersnot ein, wenn die Organisation versagt oder aufhört. Wohl sehen wir auf lieb- ,liehen Landschaftsbildern den Bauern, wie er pflügt, säet und erntet, doch kaum denkt heute der moderne Grosstädter noch daran, dass es der* Bauer ist, der all diese Nahrungsmittel produziert. Aus dem Bauer von einst ist der Agrarier geworden, und wir alle fühlen es am eigenen Leib, dass dieser auch Politik treibt. Er kämpft für sein Recht und seine Rechte auch im Parlament; und wir alle ahnen es: ״Der Bauer ist kein Spielzeug“ . . .׳. Keine Religion ist inniger verknüpft mit dem Ackerbau als die jüdische, und fast alle religiösen Festtage stehen nicht nur kalendarisch, sondern auch in geistiger Beziehung in Zusammenhang mit Saat, Reife und Ernte. Jahrtausende sind über das Judentum hinweggeschritten. Vieles hat sich unter geänderten Verhältnissen und Bedingungen gewandelt, nur der betende und ״lernende“ Jude, der 'Freue bewahrte seinem Volke, seinem Glauben und seinem Religionsgesetze, hat alle diese Zeiten unverändert durchwandert. Sein Glaube war sein Stab, die Sonne der Thora sein Wegweiser. Sein Haus war seine Welt, der kleine Kreis Gleichgesinnter sein ausschliesslicher Umgang. Er kannte keinen Kampf für sich selbst, sondern sein Gottvertrauen liess ihn ahnen, dass seine Bestimmung eine höhere sei. Nicht Streiter wollte er sein für Menschenrecht, sondern Gotteskämpfer für Gottes Recht. Sein Leitmotiv war das Prophetenwort ״lan bechajil welau bekauach ki im beruchi, omar Haschern zewoaus,“: ״nicht mit Gewalt und nicht mit Kraft, M-ndern mit meinem Geist, spricht der Herr der Heerscharen.“ ÄDas gesetzestreue Judentum war sich stets bewusst, mit solchen Gedanken in der Minorität bleiben zu müssen, und war gewohnt, sich in allen Schiebtungen und Richtungen isoliert zu fühlen. Denn ein Religionsgesetz war zugleich die Mauer nach aussen. Jeder Einzelne war sich seiner Kraft bewusst, die er schöpfte aus dem Born der Ueberlieferung. Die Thora war das einigende Band, das alle umschloss, im Westen und Osten, im Norden und Süden. Die Riehtlinien ihres Lebens und ihrer Lebensauffassung waren festgelegt in den Lehren der Altvordern, nur der Zusammenschluss fehlte! Jedes Jahrhundert brachte neue Ideen, mit immer neuen Lockungen: Aufklärung, Humanität, Freiheit, Gleichheit, Rationalismus, Nationalismus! Und jede Zeit war erfüllt davon, die richtige Lösung gefunden zu haben. Nur die Judenfrage blieb ungelöst, weil man sie tosen will wie die Probleme aller anderen Völker, und das Judentum selbst, bei welchem Religion zur Privatsache des einzelnen herabsank, sich seiner Mission nicht mehr bewusst zu sein scheint. Welche Verwunderung ,erregt es, selbst im eigenen Lager, dass auch das gesetzestreue Judentum sich sammelt, und zusammenschliessen will zu einem untrennbaren Ganzen, dass die Ueberzeugung jedes Einzelnen zum Bekenntnis der Gesamtheit wird. Nicht das Land und nicht die Sprache, nicht der Druck von aussen, ist es, was uns eint und vereinen soll, sondern der Segenspruch, den der einzelne der Thora weiht, bleibt unser unentwegtes Programm, ״ascher bochär bonu mikol hoamim. wenossan lonu es t a u ross a“, unsere Eigenart und unsere Einzigartigkeit ist im Nationalschutz unserer Thora begründet und gegrtindet. A g u d a s J i s r o e 1 ist keine politische Partei, sie will nichts Neues und nicht Neuartiges, sie will nicht die dumpfe Masse erobern oder durch Schlag- Worte gewinnen. Sie kämpft für alte Ideale, die sie mit aller Kraft verteidigt, wie sie nur die Ueberzeii״ gung eingibt. Auch das gesetzestreue Judentum darf und kann auf intern ä t i 011 a 1 e O r g a n i s a t i o n nicht verzichten. Die ״K e n e s s i o G e d a u 1 o 11“, die noch im Sommer dieses Jahres in Wien stattfinden wird und wozu bereits alle Vorbereitungen getroffen werden, soll die Heerschau bilden! Der betende und ״lernende“ Jude will sich keinen ״Platz an der Sonne“ erkämpfen, sondern durch seine Organisation, der Sonne seiner Lebensanschauung, der Thora, den ihr gebührenden Platz erobern. 0. N. Toriov T unseres Blattes üWv/1 bevorzugt bei Einkäufen die Firmen, die hier annoncieren, und beruft sich bei Bestellungen in seinem und unserem Interesse auf die ,Jüdische Presse6 Zur Kenessio Oedaulo. Die Kenessio Gedaulo und die Jugend. Eine Behauptung, die in national-jüdischen Kreisen immer wieder auftaucht und ein beliebtes Argument gegen die Orthodoxie bildet, ist die, dass die Aguda eine Partei für alte Konservative ist, in deren Lager aber die Jugend fehlt. Daraus wird die Konsequenz gezogen, dass die Aguda eine veraltete Institution mit veralteten Ideen ist, also gleichsam auf das Aussterbeetat gesetzt und keinen Nachwuchs zu erwarten hat. Die Gegner der Aguda suchen diese so ein bisschen als Asyl für die von ihrer (im Vergleich zu den hehren Idealen der Moderne lädier- ,!ziehen) Anschauung Unheilbaren darzustellen und lassen grossmü'tig die in ihrer Ueberzeugung ergrauten Menschen in ihrer Ueberzeugung ihren Lebensabend verbringen: sie seien ja doch nicht mehr zu bekehren. Hingegen die Jugend, ja da denken die Herren Assimilanten einerseits und die Herren Nationalen andererseits leichtes Spiel zu haben. Die jiidisehe Jugend wird, so denken sie, nicht so verstockt sein, an alten, veralteten Prinzipien, an ״unzeitgemässen“ Anschauungen kleben zu bleiben, ohne Bedenken, ja mit Begeisterung wird sie die Uebei - lieferimg als lästiges Hindernis abstreifen und in die offenen Arme der Demagogen stürzen. Ein Lächeln, höchstens ein Mitleid für den überwundenen religi- Ösen Standpunkt der älteren Generation übrig haben. So glatt scheint die Sache aber doch nicht gegangen zu sein. Trotzdem e׳s den Volksverblendern leider gelungen ist, einen Teil der Jugend durch Vor- Spiegelung falscher Tatsachen und Versprechen von goldenen Bergen irrezu,,:eiten, so hat doch die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Jugend standgehalten und ׳sich um das unerschütterliche Banner der Thora gesammelt. Und viele von denen, die im ersten Rausch die neuen Schlagworte als Erlösung empfunden hatten und den neuen Idealen gefolgt waren, kehrten enttäuscht und eines Besseren belehrt, reumütig zurück. Sie hatten eingesehen, dass sich hinter den Schlagworten kein Inhalt barg, dass sie Götzendienst getrieben und ihre jugendliche Begeisterung auf dem A,!!tar einer Wahnidee geopfert hatten. Sie haben eingesehen, dass sich Gesetze, die Tausende von Jahren galten, dass sich die Lehre, die durch alle Gefahren und Finsternisse das Judentum geleitet und daraus gerettet hatte, auch jetzt bewährt und als einziges Heiligtum der Juden gezeigt hatten. Sie hatten begriffen, dass ׳es besser ist, auf die Hilfe der Macht zu bauen, die uns durch alJife Stürme der Geschichte als einziges au׳s ,jener Zeit überlebendes heimatloses Volk bewahrt hätte, als sich auf die Versprechen befrackter und höflicher Diplomaten zu verlassen, die prinzipiell auf der Zunge anderes haben als im Herzen. Sie verstanden dies alles lind kehrten zurück zur Ueberlieferung ihrer Väter, zum Vermachtnis ihrer Ahnen. Doch טוב תורד! אם דרך ארץ man musste einsehen das’s auch die Zeit ihre Forderungen stellte, dass man nicht ohne weiteres an den gewaltigen Veränderungen, die die Welt in den letzten Jahrzehnten er- ,1litten hatte, Vorbeigehen konnte. Die jüdische Orthodoxie war gezwungen zu den sich überstürzenden Ereignissen Stellung z!u nehmen, den grossen Um- Wälzungen und Zeitforderungen Rechnung zu tragen. Und so entstand die Agudas Jisroel, deren Ziel und Motto es ist, alle jüdischen Zeitfragen im Sinne der thoratreuen Ueberlieferung zu lösen. Für die jüdische England durchschnittlich wohlhabend und der Keren Hajessod hätte — ginge es mit rechten Dingen zu — ]eicht das Zehnfache d.essen einbringen können, als was ihm tatsächlich gelungen ist. Aber er ist hier nicht populär; denn der englische Jude, er sei welcher religiöser Meinung immer, Ultrareformer, liberal, United Synagogue-Mitglied oder Machsik-Hadas, immer ist er konservativ, und für keine Gemeinde in der Welt ist Heines Wort ״Wie es sich christelt, so judelts sich“ so angebracht, wie für das englische Judentum. Der Engländer ist sehr konservativ veranlagt, er gewöhnt sich schwer an neue und umstürzlerisehe Gedankengänge. Genau so der englische Jude. Es widerstrebt ihm aufs höchste, von der fortwährenden Missachtung der jüdischen Gesetze in Palästina zu hören. Die russisch-deutsche ״Vernunftsreligion“ wird hier nicht anerkannt, hier, wo Palästina noch das heilige Land und nicht den Ort für wissenschaftliche Experimente bedeutet. Jerusalem ist nicht eine Stadt für europäische Zeitungen, moderne Hotels und Automobile, sondern der heilige Boden, auf welchem eins't das Beth Hamikdasch stand, auf welchem noch jetzt der Kossei Maarowi seine ehrwürdigen Steine gegen den Himmel richtet. Ein anderer Grund des Fiaskos des Keren Hajessod ist das Misstrauen zür finanziellen Gebarung derselben. Diese Woche erst kommt ein Bericht aus New York, wo ein spezielles Komitee zur Untersuchung dieses Gebarens eingesetzt und in den Herr Ish-Kishor, Sekretär der B’nai Zion, als Präsident gewählt wurde. Dieser teilt mit, dass allein in New York 43 P r 0z e n t (!) des Einkommens für Administrations- und Sammelspesen a 11 s g e g e. b e n wurde 11. Dabei sind die Lehrer in Palästina seit, sechs Monaten nicht bezahlt. Die englische Judenheit hat versagt. Wenn die jüdische Geschichte der Nachkriegszeit geschrieben werden wird, werden die englischen Juden ihr Haupt vor Schande verhüllen müssen, denn sie haben eine grosse, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit versäumt und all, diejenigen, die von ihnen die Errichtung eines neuen jüdischen Zentrums, das den Platz von Warschau und Wilna, Berlin ׳und Frankfurt einnehmen sollte, erwartet, bitter enttäuscht. Es scheint also, dass dieses grosse jüdiche Zentrum erst gefunden, vielleicht sogar erst errichtet werden muss. Wird es Jerusalem sein? Nur die Zeit kann darauf Antwort geben. England aber muss sich bemühen, an einem anderen Orte das aufbauen mitzuhelfen, was es nicht aus eigenen Kräften errichten konnte. London, im Mai 1923. Chasidische Erzählungen. Von Aron Jeruchem. Rabbi Izchok Drohobyczer. Als Rabbi Izchok aus Drohobycz noch ein Jüngling war, sass^er einst iin Talmudstudimn vertieft da und hörte eine Stimme vom Himmel, die ihm zurief, er möge in eine deutsche Stadt ziehen und dortselbst die Tochter eines Melameds (Talmudlehrer) zur Frau nehmen. Dort angelangt, wurde ihm dieses Mädchen von einem Schadchen angetragen. Vor der Hochzeit sagte Rabbi Izchok zu seiner Braut, er werde bald nach der Trauung in die Ferne ziehen, um die grossen Wunderrabbis aiifzusuchen und seine Kenntnisse zu bereichern. Die Braut war einverstanden. Kaum eine Woche nacli der Hochzeit verliess Rabbi Izchok sein junges Weib. Der Schwiegervater, der den Grund der Abreise nicht kannte, war empört. Als ihm seine Tochter erzählte, dass ihr Mann mit ihrer Zustimmung abgereist war, wies er sie aus dem Hause. Sie zog von Stadt zu Stadt, um ihren Mann zu suchen. Nach monatelangem Suchen war sie eines Tages auf der Landstrasse vor Hunger und Kälte zusammengebrochen. In diesem Augenblicke stand ihr Gatte vor ihr und brachte sie in sein Haus. Dasselbe war damals schon in der chassidischen Welt zu Ruhm und Ehren gelangt und hatte seinen Sitz in Drohobycz. Mittlerweile hatte der Melamed bereut, dass er seine Tochter von sich gewiesen und war um ihr Schicksal sehr besorgt. Seine Freunde rieten ihm, sich an den neuen Harry Aaron Goodmann. —— ■ H aus dauergewelltem Naturft II ft Al f■ nnillVT Wien, I., Kärntnerstrasse 8 haar, garant. unsichtbar Im nlllllllrNliHlrf" {Der Eingang in das Geschäft Tragen, liefert kurzfristig HU MULI UUIIil I um die Ecke.)

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