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Jüdische Presse · 1923-05-18 · 20-21 (18.5.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
20-21 (18.5.1923)
Date
1923-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b.b f <V_t■ יד« ׳״ ' P*** (WSQ (״JÜDISCHE KORRESPONDENZ“) ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12a — Telephon 49 054. Tschecho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Ariikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Füi Oesterreich K 48.000. Ungarn u. K 5000, Tsdu׳cho־Slow״kei Kä. 70. Deutschland Mk. 15.000, Schweiz Frcs. 10 Amerika 2 Dolhr, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 210 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 40.01 0 —. Einzelnummer d.־ö. K 1600. Zahlungen für Oesterteich: Postsparka'senamtWien, Konto Nr. 13.458; fiir Polen• Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.4 9; für Ungarn: Postsparkassenamt Buoapest, konto Nr. 50.170; fiir T.'citecho-Siowakei: Postspai knssenamt Prag, kon'oNr 53.380; fiir Jugoslawien Postspatkassenamt Agrani, Konto Nr. 40.217; für Rumänien. Banca Marmarosch Blanc & Co. fiir |osef Florenz & Co, Bukarest. Nr. 20/21 Wien-Bratislava, 18. Mai 1923 .תיפ״ג p״D גע״ה וינזדםרעסםבורג ג״ 9■ שהעות Panacee. In alten Zeiten hatte man den wundersamen Glauben, es müsse ,irgendwo in der Natur, sei es in dem ,Geäder einer unscheinbaren Pflanze, oder in den Schichtungen verborgenen Gesteines ein Mittel vorhandcn sein, das die Kraft hat, alle Krankheiten zu hei’ien. Dieses geträumte Allheilmittel ■suchte man mit emsigen Bemühen. Man fand es nicht und noch heute slteht in vielen Beziehungen die Wissenschaft der Heilkunde vor,ungelösten Rätseln. Da würde sich doch wenigstens für den g!!äubigen Juden der Versuch lohnen, einmal sich dem Gedanken hinzugeben, den der königliche Dichter ausdrückt in den Worten: ״Es ist die Thora ein Baum des Lebens und eine Heilung für deinen Körper“; es sind die Vorschriften der Thora derart, dass sie richtig befolgt, eine Garantie bieten für den regelmässigen, ungestörten Abauf aller Funktionen des Körpers von der Wiege bis zum Sarge. Umwiewe'imehr aber gilt das für das geistige Leben. Man begreift es, wenn man ■in begeisterten Worten unsere alten Weisen in der Lehre eine Panacee •für die Krankheiten der Seele preisen hört. Aus diesem wunderbaren Gedicht greifen wir nur den Gedanken heraus, des Inhaltes, dass am .Sinai nicht ständen Blinde und nicht Lahme. In der Tat, vieles Irren und viel Unheil: entsteht dann, wenn man das richtige Sehen verlernt hat. Nun sollten wir lernen die Dinge zu sehen wie sie sind, die Menschen zu sehen, wie sie sind und vor allen Dingen unsere Wünsche zu sehen, wie sie sind. Zu dieser Schonung«־ Ijosigkeit!und Nüchternheit bedarf es des Mäss- Stabes der Wahrheilt. In all' den Wirren unserer Zeit, •in der so vieles auf Täuschung berechnet ist, gilt es nüchtern zu sehen und zu prüfen, ob das Gebotene mit der Wahrheit übereinstimmt. Ein Gedanke, eine, Idee, eine Perspektive, die man nicht aufrechten Hauptes in das Licht des Sinaiwortes tragen kann, ist falsch, ist Lüge, ist Täuschung. Wie sehr es auch lackend ruft, das Leben der Stunde, wie rasch das Herz auch schlägt, wenn •man sieht, wie man jüdische Fragen in das grelle Licht des politischen Wollens rückt — die Blitze vom Sinai sind es nicht. Und weil jüdisehe Kinder das richtige Sehen verlernt haben, gelingt ,ihnen auch das Gehen nicht. Wer kennt nicht das tiefergreifende Bild von ■Hirschcnsohn, das Bild der flüchtigen Juden auf schneebedeckter Steppe und voran zieht ein edler Greis mit 'der Thorarolle im Das Fest, das Israel am sechsten und siebenten Tage des Mona'tes Siwan feiert, hat einen doppelten Namen ־und eine doppelte Bedeutung. Schewuoth heisst es nach den Wochen, die der Jude von einer Ernte bis zur anderen zählte, solange Israel auf , eigenem Boden Feste feiern konnte. In dem Lande, das durch das Vermächtnis der Väter und durch das Gesetz der. Thora, aber auch ,-,;,ייvc;h die Arbeit seiner Bewohner geheiligt war, zählte der Landmann in ■sehnsuchtsvoller Erwartung die Tage und Wochen, die ihm noch von dem weihevollen Augenblick trennten, da er die Erstlinge seiner Händearbeit in bescheidenem Stolz Gott darbieten sollte. Nicht allzulange blieb diese an die Scholle ge- ■bundene Bedeutung des Festes. Nicht allzulange hatte Israel das Glück, dass sein ganzes Leben, auch sein Leben der rauhen Alltagsarbeit vom Geiste der Thora erhoben und geadelt wurde. Israel wurde vom heiligen Lande vertrieben, da die Heiligkeit aus seinem Tun und Lassen geschwunden war. In fremden Landen sehnte sich das jüdische Voiljk nach der einstigen Natürlichkeit und Unmittel־ ßarkeit seiner Feste. Noch immer zählte es getreulich Tag für Tag, aber ,die einstige Hoffnungsfreudigkeit war einem schmerzlichen Bangen gewichen, der ungestillten Sehnsucht nach der eigenen Scholle, die Israel immer schmerz'iich vermisste, seitdem es nicht mehr die Früchte seiner Arbeit, sondern nur mehr Hass und Missgunst seiner Feinde einheimst. Je mehr aber dieser erste Sinn des Festes bloss Erinnerung oder Zukunftshoffen ward, umsomehr gegestrafften Arm. Da fragt man nicht wohin, man fragt woher. Und solange Juden auf die letztere Frage antworten können, dass der Weg geradlinig zum Sinai zurückfiihrt, so lange mag man sich über das Wohin keine Sorgen machen. Klare Erkenntnis der Ziele islt e«, was uns nottut. Vom Sinai nach Zion. Anders ■nicht. P. K. wann der zweite Sinn unseres Festes Bedeultung und lebendige Kraft. Sein ■Land hatte Israel verloren, aber die Thora ׳blieb ihm und mit ihr . . . sein unversiegbarer Lebensquell. Je mehr sich Erez Israeli in sehnsuchtsvoller Erinnerung verlor, umsomehr klammerte sich das Volk an seine Thora, dem einzigen Gut, das ihm geblieben ward. Jedes Sohewuoth-Fest wurde ein Hochzcits't׳vg, an dem sich das jüdische Voijk seiner Thora vermählte, jeder Schewuoth-Tag eine neue Befestigung des Gelöbnisses, dass Israel und seine Thora eine untrennbare Einheit bilden. So wurde Schewuoth, das Fest des Ackersegens, zum Jom Maittan-Thora, zum Fest der feierliehen Verkündigung von Israels Verbundenheit mit Gottes Lehre. Lange ■blieb es so. Bis dem Volke falsche Propheten entstanden, die ihm die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit seiner Thoraseele streitig machten. Und so kam eine Generation, die weder Land noch Thora •hatte, der das Fest, das wir dieser Tage feiern, zur Gänze bedeutungslos geworden war. Weder Schewuoth noch Mattan Thora. Dann kamen wiederum andere Propheten, die das geheiligte Band zwischen Land und Thora zerrissen, die wohl das jüdische Volk in der Erde festgewurzelit sehen wollten. In der Erde des jüdischen Landes. Sie ve'rgassen, dass diese Erde ■in dem Augenblicke kahl und unfruchtbar geworden war, da man ihr die Säfte der Thora entzog. ScliewuLotli — DVEattaxa-Tiiora.- Londoner Brief. - Die Stellung der englischen Juden zu den jüdischen Weltproblemen. Der grosse Krieg, der seinen Stempel Allen, den Kriegführenden und Neutralen, den Siegern , und Besiegten, Juden und Nichtjuden!unauslöschlich aufgedrückt hat, brachte eine Umwälzung auch in den wohlorganisierten jüdischen Gemeinden der ganzen Welt. Die jüdischen grossen, geistigen und politischen Zentren in Osteuropa wurden zerstört, ihre Bewohn er mit Sack und Pack vertrieben, ihre Schulen und Bethäuser dem Erdboden gleichgemacht. Die Türen Westeuropas, das Ziel und die Hoffnung vieler Wanderer wurden von den Ruhesuchenden belagert und einst belanglose Gemeinden wurden von wesentlieber Bedeutung im Leben der Weltjudcnheiit. Keine Gemeinde hat aber vielleicht einen solchen Wechsel durchgemacht wie diejenige der Londoner Juden. Die englischen Juden, die vor dem Kriege nur eine kleine Rolle im politischen und geistigen Leben der Gesarntjudenheit spielten, fanden sich plötzlich auf einem exponierten und verantwortungsvollen Posten; denn hier in London pulsierte die grosse politische Schlagader der Welt und vor allem war für die Juden London das neue Jerusalem. Hier war L'ioyd George und Balfour, hier der Völkerbund und hier die Hoffnungen der Minoritäten. Die grossen jüdischen Organisationen konzentrierten ihre Energien auf London, Zionisten und Agudisten, Aliance und Ica. Für all diese und viele andere war London der Ort, in dem die Lösung zahlloser Probleme gefunden werden sollte. Leider muss -gesagt werden, dass dieser grosse Augenblick eine schwache Generation der englischen J'udcnheit vorfaral, eine Generation, die nicht auf der Höhe der Zeitforderungen stand. Sowohl die Zionisten als auch die Agudisten sandten ■beide ihre Zentralbureaus nach London und sandten beide Arbeiter vom Auslande, um in einem sonderbaren Land mit sonderbaren■ Gebräuchen aufs neue aufzubauen. Denn der englische Jude ist wie sein nichtjüdischer Landsmann ruhig und phlegmatisch, kühl und nicht begeisterungsfähig. Es scheint, dass die insulare Lage Englands alle die in seinen Grenzen wohnen angesteckt hat und auch das orthodoxe Judentum hatte diesen Fehler des Isoliertsein. Die 'rausende und Aber- (tausende der polnischen und russischen Juden, die in jüngster Zeit nach England kamen, waren a'ile bereit, für eine jüdische Sache sich führen zu lassen. Aber an diesen Führern mangelte es; denn die Orthodoxie in England ist in einem traurigen Zustande. Seit der Abreise des Rabbiners Kuk nach Palästina und dem Tod des unvergesslichen Rabbiners Dr. Jung ist das jüdische London ohne geistige Führer geblieben. Die ökonomische Lage ist eine derart kritische, dass die Unterhaltung einer Organisation für die Orthodoxen heute lediglich eine ״Business“-Frage ist unü Gemeindearigelegenheiten in die Hände eines Sir Robert Wallay Cohen und ähnlichen Neoorthodoxen der United Synagogue gelegt werden. Eine starke Strömung nach. links ist festzustellen und die fortgesetzten Kompromisse des Chief Rabbi, seine Bemiihungen, es dem rechten Flügel von Whitechapel und dem linken des Westends rechtzumachen, haben ihm das Vertrauen beider entzogen und er steht nun wie ein Hirt ohne seiner Herde da. Ein interessantes Zeichen der Zeit islt das Einbringen von 35.000 Pfund für eine neue liberale Synagoge an einem einzigen Abend, anlässlich eines Bankettes. Die liberalen Juden in London ■sind in einer verschwindenden Minderheit und weit zerstreut, aber es scheint, dass sie bereit sind, ihre Pläile־finanziell zu stärken. Das Ergebnis dürfte ein noch viel bedeuteuderes sein, wenn die orthodoxen Juden mit ebensolcher Energie arbeiten würden. Die ״Morning Post“ zieht eine Paralelle zwischen dieser Summe und dem finanziellen Ergebnis des englischen Keren Hajessod, der seit Anfang seiner Tätigkeit auch nicht die Hälfte des obenerwähnten Betrages zusammengebracht hat! Es scheint überhaupt, dass es mit dem Keren Hajessod in England nicht recht klappt. Die englische Judenheit ist keinesfalls eine reiche Gemeinde zu nennen. Es dürfen schwerlich mehr als zehn wirklich reiche Juden ihr angeboren und die Wohltätigkeit dieser wird sehr oft in Anspruch genommen. Dagegen ist aber der Mittelstandsjude in

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