Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 19 (11.5.1923)
- Date
- 1923-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2629891-2629999-2630017--0949-2632660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19 JÜDISCHE PRESSE Seite 121 weniger gibt es aber eine ernste Kampagne. Es handelt sich um Propaganda für die Aguda und insbesondere für die bevorstehende Kenessio Gedaulo, die im grössten Massstabe durchgeführt werden soll. Diese Mobilisierung ist so zu verstehen, dass alle prominenten Mitglieder in der Zeit von Anfang Ijar bis Ab sich bereithalten, in den aktiven Dienst der Aguda zu treten. Anfangend bei den Rabbinern und endigend bei den Führern der Jugendgruppen der Aguda sollen alle Mitglieder verpflichtet werden, in dieser Zeit einige Städte zu besuchen und dort intensiv für die Organisation zu arbeiten. Jede Stadt soll von zwei Agudamitgliedern besucht werden, deren Aufgabe es sein wird, den Mass Haaguda einzukassieren, für die orthodoxe Presse (״Jud“) Abonnenten zu werben und die Liquidation der Trumas C h o w e r-Aktion durchzuführen. Das Zentralbureau der Aguda schickt jedem Führer der Organisation einen Brief, einen Tagesbefehl gleichsam, in dem ihm sein Reiseziel und sein Reisegenosse bekanntgegeben wird und dem eine spezielle Beilage mit Direktiven und Anweisungen beiliegt. Der Empfänger hat seine Zu- Stimmung zur vorgeschriebenen Route dem Zentralbureau umgehend telegraphisch mitzutcilen, worauf dieses die Mitteilung an die betreffende Stadtorganisation weiterleitet. Aufgabe dieser Stadtvertretungen der Aguda ist es dann, den Empfang der Delegierten würdig vorzubereiten und alles anzuwenden, denselben ihre Arbeit zu erleichtern Und am zweckmässigsten zu gestalten. Sie sind verpflichtet, Material zu sammeln und Listen aufzustellen, mit den Namen derjenigen, die die Agudaabgaben (Trummas Chower und Mas Haaguda) zu leisten haben, Abonnenten für die Gesinnungspresse zu werben und eine Vorstandssitzung vorzubereiten. Wo immer nur möglich, sollen auch öffentliehe Massenversammlungen einberufen werden. Schliesslieh sollen sie den Delegierten eine Kommission zur Seite stellen, die ihnen behilflich sein soll, ihre Anweisungen pünktlich und rasch zu lösen. Wie man sieht, eine mustergültige Organisation einer systematischen, grossangelegten Propaganda. Wir können, gestützt auf solche Arbeit, zuversichtlich dem Kongress entgegensehen. Litauische Sorgen. Wie bereits öfter gemeldet, finden in Litauen erbitterte Kämpfe zur Erhaltung der jüdischen Rechte statt. Wir lassen hier einen Artikel des Frankfurter ״Israelit“ folaen, der interessante Aufschlüsse über die litauische Frage bringt. In Litauen haben sich die Dinge in letzterer Zeit nach aussen wie nach innen in einer unerfreulichen Richtung entwickelt. Mit der Anerkennung seines Staatswesens und Vergrösserung seiner Grenzen (Zuerkennung des Memelgebietes) ist leider Litauens Grosszügigkeit den anderen Nationalitäten gegenüber nichts weniger als gewachsen. Unerquickliche Vorgänge der letzteren Zeit, wie Annullierung der jüdischen Mandate, Ablehnung eines jüdischen Mitgliedes im Landtagssekretariat, und in Verbindung damit nicht gleich im Keime erstickte Versuche zu Ausschreitungen gegen die Juden, zeigen den Kurs mit erschütternder. Deutlichkeit an. Dieser Kurs macht ein einheitliches und nach aussen hin geschlossenes Auftreten der jüdisehen Parteien unumgänglicher, als man es in Ländern mit geruhigeren Verhältnissen zu ermessen imstande ist. Auch unsere in der Organisation ״Achduth“ vereinigten Gesinnungsgenossen glaubten unter den ganz eigenen Umständen bei den jetzigen Landtagswahlen auf einen Block und eine vereinigte Wahlliste mit den Assimilanten auf der einen und Zionisten auf der anderen Seite nicht verzichten zu dürfen. Der Wahlkampf in Kowno ist, nachdem der alte Sejm, man darf sagen G. s. D., aufgelöst ist, in vollem Gange und der eng geschlossene Ring der nationalen Partei lässt wiederum einen grossen Erfolg der Reaktion befürchten .Dass bei solcher Perspektive Leute von Verantwortungsgefühl nient das Odium der Zersplitterung und Zertrümmerung der ohnehin bescheiden genug bezifferten jüdischen Vertretung im Landtage auf sich nehmen wollen, ist mehr als verständlich. Allein, was für Uneingeweihte fast unglaulich erscheint, wir aber schon längst wussten und voraussagten, ist eingetroffen. Die Gegenseite, die sich nicht genug tun kann in Einigkeits- und Friedenshymnen, sie ist es, die den Einheitsblock zerstört und zertrümmert mit einer Politik, die nach innen so unehrlich ist, wie sie nach aussen hin falsch ist. Um der Welt gegenüber die Schuld von sich zu wälzen, spricht man für den Block, stellt aber Bedingungen, von denen man weiss, dass sie die Orthodoxie nicht erfüllen kann, wollte sie nicht anders ihre Ehre preisgeben und sich selbst aufgeben. Ein Block ohne Rachmilewitsch! Der gemeinsame Hass der Nationalen und Assimilanten richtet sich angeblich nicht gegen ״Achduth“, sondern gegen diesen seinen Hauptkandidaten. Dr. Rachmilewitsch gehört aber zu den wenigen verdienstvollen Männern, die die litauische Judenheit durch die schweren Uebergangsleiden des Weltkrieges und der neuen Staatsgrün־ düng mit einer Tatkraft und Selbstverleugnung geführt haben, die ihresgleichen sucht. Ein Kenner der Verhältnisse uncl wohlvertraut mit Sprache und Allüren seines Landes, auf der anderen Seite ein Mann von Takt und europäischer Bildung, scheint er geradezu prädestiniert für die ihm von der orthodoxen Seite zuerkannten Führerrolle. Aber gerade diese Prädestination scheint den Jüdischnationalen gefährlich. Nicht nach aussen. Den Nutzen der Mitwir- Marke Hirsch reinigt und schont zugleich Ehre werivoHe Wäsche! kung einer solchen Persönlichkeit für die Wahrung und Sicherung der jüdischen Rechte werden auch Sie nicht bestreiten wollen. Umso gefährlicher scheint ihnen diese Kandidatur für die eigene Parteisache*, die man über das Gesamtwohl stellt. Möglich, obwohl noch nicht sicher, dass man sich auf der Gegen-• seite in Wirklichkeit mit dem Einheitsblocke abfinden würde, wenn man die Gewähr dafür hätte, dass der orthodoxe Flügel nur ,,mitmacht“, stumm mitgeht, sich in seinem Hörigkeitsverhältnis wohl geborgen fühlt und die Arbeit der grossen Herren von der Art der Rosenbaum und Soloweitschik nicht stört. Rachmilewitsch, das geben wir gerne zu, bietet diese Gewähr nicht. Ein Mann dieser Art ist für die Vasallenrolle wenig geeignet. Er wird, was von seinen Wählern auch unerbittlich verlangt wird, nicht nur die Aussenfront im Auge haben, sondern auch im Innern, innerhalb des Blockes, den eigenen Glaubens- und Unglaubensgenossen gegenüber das wahrhaft jüdische Recht wahren und die in Thora und Tradition verbürgten jüdischen Interessen schützen und zur Geltung bringen. Das ist‘s, was auf der linken Seite von ihm mit Recht befürchtet wird. Darum will man Rachmilewitsch nicht, darum schreit man nach dem Einheitsblock ohne Rachmilewitsch und verschreit man die Gesetzestreuen, weil sie darauf nicht eingehen und just mit diesem Kandidaten sich ihre Stellung und Aktivität im Landtag, wie im Block selbst sichern wollen, als Störenfriede und Zertrümmerer des Einheitsblockes. In Litauen selbst werden die orthodoxen Wähler in Stadt und Land diese Taktik leicht durchblicken und als Protest, noch mehr aber getrieben vom Willen zur Gerechtigkeit und Selbsthilfe, dem Wahlaufruf des ״Achduth“ in solchem Masse folgen, dass ihm vieleicht doch noch der Erfolg beschicken ist. Ist dieses nicht der Fall, das heisst reichen die Stimmen für einen eigenen Wahlsieg nicht aus, so ist doch nichts verloren. Die Orthodoxie muss sich vor Augen halten: besser im Landtag gar nicht vertreten sein, als dort innerhalb eines Blockes zur Untätigkeit und zum blossen Mitmachen verurteilt sein, woraus noch die Nationalen, zum Schaden für das gesamte gesetzestreue Judentum, eine Koscherreklame für unjüdische. Handlungen und Unternehmungen beziehen könnten.. Es kann der litauischen Orthodoxie der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass sie allzulange auf dem Ruhekissen schöner Vereinigungsillusionen in süssen Träumen versunken *war, indes die anderen wach und wirksam waren. Sind ihr aber jetzt endgültig die Augen darüber aufgegangen, wohin sie gehört und wessen ihre Aufgabe ist, so ist es sicherlich noch nicht zu spät. Gedenket bei allen Anlässen den Anmen in Enez Jisnoel! In keinem Hause fehle dl@ מאיר ב:<ל הנם Buchse! dame aus den Reihen des Vorstandes über die Fortschritte der Schützlinge zu vergewissern und darauf zu achten, dass dieselben in den jeweiligen Lehrstellen zu ernster gewerblicher Tätigkeit verhalten wurden. Jene Mädchen, welche sich infolge geringerer Begabung für gewerbliche Berufe weniger geeignet erwiesen, wurden in der Haushaltung zu Köchinnen oder Stubenmädchen, als Stütze der Hausfrau etc. ausgebildet. Auch in dieser Richtung haben wir sehr zufriedenstellende Erfolge zu verzeichnen. Die rege Nachfrage von Arbeitgebern aus den verschiedensten Berufskreisen nach den durch unseren Verein ausgebildeten Arbeiterinnen, Erzieherinnen und Beamtinnen ist ein untrüglicher Beweis für die unserer Institution allgemein gezollte Anerkennung. Von der richtigen Erkenntnis ausgehend, dass nur ein gesunder Körper arbeitsfähig und arbeitsfreudig sein könne, hat der Vereinsvorstand sein Augenmerk insbesondere auf die körperliche Pflege seiner Schützlinge gerichtet, und mit wahrer Freude können wir darauf hinweisen, dass alle unsere Schützlinge, von denen so manche infolge des Elends, in welchem sie seit ihrer frühesten Jugend gelebt, oft in geradezu verwahrlostem Zustande in unserem Heime Aufnahme gefunden haben, sich schon nach kurzer Zeit in erstaunlicher Weise körperlich und geistig entwickelten. Hiezu trug in erster Linie die geordnete Lebensweise im Heime bei, regelmässiges Turnen, Baden, die von Zeit zu Zeit unternommenen gemeinsamen Ausflüge und endlich die Befolgung der im Heime eingeführten hygienischen Massnahmen. In gleicher Weise wie der körperlichen Ausbildung wurde auch der geistigen Entwicklung unserer Schützlinge sowie der Hebung und Festigung ethischen Empfindens und sittlichen Gefühles die vollste Aufmerksamkeit zugewendet. Unter der Leitung und Mit- Wirkung der Schriftführerin wurden im Heime belehrende' und unterhaltende Vorträge abgehalten, denen unsere Mädchen mit grossem Interesse folgten und die auf ihre Charakter- und Herzensbildung den wohltuendsten Einfluss übten. Auch eine Bibliothek guter Jugendschriften wurde im Heime angelegt, welche unseren Schützlingen in den freien Stundeq zur Verfügung steht. Um das traurige Los unserer leider allzu zahlreichen Kriegswaisen nach Möglichkeit zu verbessern und an-deren Fortkommen in entsprechender Weise mitzuwirken, hat der Vereinsvorstand im Jahre 1917 auf Anregung des Vereins- Präsidenten beschlossen, seine Tätigkeit auch der Fürsorge für Kriegswaisen zuzuwenden. Zu diesem Zwecke wurde durch Ankauf des an das bestehende Heim anstossenden Nachbarhauses, II.• Miesbachgas&e 8, das Heim erweitert. Nach erfolgter Adaptierung beider Häuser sind nunmehr die schulpflichtigen Waisen in dem früheren Heime, die Lehrmädchen und Arbeiterinen in dem demselben angeschlossenem Hause untergebracht. Das nach vielen Mühen und Fährlichkeiten nun eröffnete Kriegswaisenheim soll armen verwaisten Mädchen das Vaterhaus ersetzen. In seinen Räumen werden 150 Waisenmädchen beherbergt werden. Die Kriegswaisen, welche im Alter zwischen 8 und 14 Jahren aufgenommen werden, verbleiben im Heime bis nach zurückgelegter Volks- und Bürgerschule und werden dann in1 das Lehrmädchenheim übersetzt, woselbst sie zu einem ihren Fähigkeiten entsprechenden Berufe ausgebildet werden. Nach zurückgelegter Lehrzeit verbleiben sie als Arbeiterinnen bis zu ihrer vollständigen Selbsterhaltungsfähigkeit im Heime. Die in das Kriegswaisenheim aufgenommenen Mädchen haben sonach die Möglichkeit, von ihrem 8. bis ungefähr 20. Lebensjahre auf Kosten des Vereines in dessen Heim- Stätten zu verbleiben. Dem Vereine steht eine grosse Zahl arbeitsfreudiger Damen und Herren zur Verfügung, welche die Organe des Vereines durch selbstlose, freiwillige Mithilfe in der Erfüllung ihrer Obliegenheiten unterstützen und sich der Aufgäbe unterziehen, die Entwicklung der unserer Obsorge unterstehenden Schützlinge zu überwachen und deren Interesse nach jeder Richtung zu vertreten. Mit Rücksicht auf die verschiedenen Uebelstände, welche dfe Heranblldug unserer Schützlinge in ausserhalb des Helmes befindlichen Lehrstellen und Lehrwerkstätten zeitigte — mangelhafte Ueberwachung und Ausbildung, nicht hygienische Lehrstellen, die unmögliche Einhaltung der Hausordnung, die wesentlichen Unkosten Infolge der fortwährenden Küchenfeuerung und Nichteinhaltung der festgesetzten Speisestunden, Kosten für Tramway, Abnützung der Kleider und Beschuhung etc. etc. — veranlasste seit Jahren den Präsidenten des Elisabethheimes behufs Beseitigung der genannten Uebelstände, den äusseren Unterricht nach innen in das Heim zu verlegen. Die disponiblen Räume des Instituts wurden zu Werkstätten adaptiert und eien vorbildliche Schule für gewerbliche und kunstgewerbliche Frauenberufe gegründet. Durch die Vereinigung von Internat und Schule für theoretischen und praktischen (Werkstätten-) Unterricht in allen Zweigen der gewerblichen Ausbildung wurde der eigentliche Zweck der ״Elisabethina“: Erziehung zur Arbeit und Begründung von Existenzen vollkommen erreicht. Die Ausgestaltung der Werkstätten erhielt durch Beistellung von Maschinen, Lehrperson und Rohstoffen durch Grossindustriellen Herrn Altmann wesentliche Förderung. Die Vertretung der ״Aguda“ hatte in letzter Zeit die Güte durch wirtschaftliche Zuwendungen sowie durch die Ausgestaltung der rituellen Verpflegung im Heim zur Hebung und Belebung der religiös-sittlichen Erziehung der Schützlinge wesentlich beigetragen. Sowohl Herr Altmann als der Vertretung der Aguda, den Herren Pappenheim, Hirschler, Dr. Kohn, Adler und Porges wird der tiefstgefühlte Dank des Vorstandes des Elisabethheims zum Ausdruck gebracht. Durch mehr als 25 Jahre ist es dem Vereine durch Intensive, aufopferungsvolle Arbeit gelungen, die zur Erhaltung des Heimes notwendigen Mittel aufzubringen. Immer schwerer ist der Kampf, immer grösser die Anforderungen, die an die Leitung des Heimes gestellt werden. Der Bestand des Heimes ist eine unbedingte Notwendigkeit und der Vorstand erlaubt sich an alle edlen Menschenfreunde die Bitte um Unterstützung zu stellen. Materialspenden (insbesondere für Wäschekonfektion) für die Werkstätten werden im Heime dankend entgegengenommen. -- OO-