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Jüdische Presse · 1923-05-04 · 18 (4.5.1923) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
18 (4.5.1923)
Date
1923-05-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 114 JÜDISCHE PRESSE Nr. 18 mmm Vom Tage, mm iS Das Ergebnis der Kinderrettungswoche in Wien. Die Sammlungen für die Kinderrettungswoche haben ein Ergebnis von über 1 Milliarde ergeben. An der Spitze der Sammlung marschiert die Leopoldstadt mit ungefähr 70 Millionen, nachher kommt Alsergrund mit 65 Millionen. Die antisemitische, aber auch die bürgerliche Presse schweigen sich über die ganze Sammlung tiefgründlich aus. Die Arbeiterpresse vermerkt es mit Genugtuung, dass die Arbeiterbezirke die Sammlung mit einem guten Ergebnis abgeschlossen haben und buchen es zugunsten der sozialen Hilfsbereitschaft der arbeitenden Klassen, die selbst auf knappe Mittel angewiesen, doch ihre Sparheller für noch Bedürftigere opfern. Wenn man die Statistik der Kinderrettungswoche mit jüdischen Augen betrachtet, so fällt es auf, dass gerade jene Bezirke am meisten zu der Sommererholung von 2500 Wiener Kindern beigetragen haben, die stark von Juden besiedelt sind. Der jüdisehe Wohltätigkeitssinn hat sich hier wiederum betätigt und die Juden Wiens ohne Unterschied der sozialen Schichtung zu reichlichem Beitrag für die armen Kinder Wiens veranlasst. Diese Tatsache verdient festzuhalten werden. Erstens von einem allgemeinen Standpunkte. Wenn wir nach Rasse und Volkszugehörigkeit gezählt, irgendeinen bestimmten Prozentsatz der Wiener Bevölkerung bilden, so wird man leicht herausfinden, mit wieviel über diesen Prozentsatz wir zu allgemeinen Wohlfahrtsaktionen beitragen. Dass die Teilnahme von jüdisehen Kindern an dieser Wohlfahrtsaktion ebenfalls dem Prozentsatz der jüdischen Gelder, welche diese Wohlfahrtsaktion ermöglichten, gemäss geschehen müsste, wäre auch selbstverständlich. Zweitens vom Standpunkte der thoratreuen Judenheit betrachtet, glauben wir, dass wir nicht so bescheiden sein müssten; diese Wohlfahrtsaktion wird ja sicherlich auch' jüdische Kinder umfassen. Ein jüdisches Kind hat aber gemäss seiner Veranlagung und seiner seelischen Konstruktion, nicht nur auf eine körperliche Erholung, sondern auch auf eine seelische Erfrischung Anspruch. Das jüdische Kind aber, das die Wohltaten aus dieser. Aktion empfängt, wird während dieser Sommerfrische weder Sabbat, noch jüdischen Geist, noch jüdische Küche gemessen. Für .viele mag dies nebensächlich sein. Wir behaupten, dass die Vernachlässigung dieser Momente, den lebendigen jüdischen Inhalt aus dem Leben des jüdischen Menschen raubt. Er wird entwaffnet und steht hilflos den Anstürmen des Antisemitismus und Rassenhasse gegenüber. Wenn einmal nun die Welt, die christliche Welt, von diesen wilden Instinkten erfüllt ist, halten wir es für kurzsichtig und unverantwörtlich uns der Waffen zu entledigen, jener Waffen, die wir besitzen, die richtig eingestellt und richtig verwendet, eine heilsame Lehre für unsere Feinde und eine noch heilsamere Wirkung für uns selbst brächten. Die unvereinbarlicheti Gegensätze. Ein Wiener Tagblatt bringt Schilderungen über Palästina. Der Korrespondent scheint kein Jude zu sein, seine Berichte haben für uns trotzdem sehr viel Interessantes. Er sieht nicht mit. jüdischen Augen, doch er sieht scharf. Aus seinen Schilderungen strömt viel Sympathie für das jüdische Palästina. Zwischen den Zeilen kann man deutlich die Bewunderung lesen, mit welcher die aufopferungsvolle Arbeit der Chaluzim und Chaluzoth den Korrespondenten erfüllen. Doch dem scharfen Auge des Beobachters ist eine Tatsache nicht verborgen geblieben. Die Tatsache nämlich, dass diese Chaluzim und Chaluzoth sich in der Nähe der alten Siedelung nicht wohl fühlen. Aber nicht nur in den alten Stätten fromm jüdischer Aufbauarbeit, sondern auch in de^n alten Kolonien, wie Pessach-Tikwoh nicht. Steht doch im Mittelpunkt dieser alten Kolonien das Bethaus, der Beth Hamidrasch. Sind doch daselbst viele Kolonisten, die für Talmud schwärmen und die frommen Lebenswandel für Gott gefällig erachten. Nicht so bei den Chaluzim und Chaluzoth. Ihre Liebe zum Lande ist gross. Die Opfer, die sie hiefür bringen, noch grösser. Aber ihre Weltanschauung ist dem heiligen Lande fremd und daher befürchten wir es, dass sie nicht in detfi heiligen Lande bleiben können, dass sie das heilige Land nicht aufbauen können, weder im Scharon-Tal noch in Galil. ©ie Woche. Die Landesorganisation der Aguda in Palästina hat in Jaffa ein eigenes Informations- und Korrespondenzbureau für wirtschaftliche Interessen der Orthodoxie in Palästina eröffnet. In Tel-Aviv ging der Fleischladen, der an die jüdisehen Arbeiter trefa Fleisch verkaufte, ein, weil er der Konkurrenz der daneben befindlichen koscheren Fleischbank nicht standhalten konnte. Die orthodoxe Bevölkerung begrüsst darin ein erfreuliches Symptom. Am 27. Mai 1923 finden in den ganzen Vereinigten Staaten die Wahlen zum amerikanisch-jüdischen Kongress statt. In Palästina wurde eine neue amerikanisch-jüdische Versicherungsgesellschaft m. b. H. ״Jeliuda“ registriert. Wie die Spitalsleitung des jüdischen Spitals in Subatica meldet, wird das Dr. Singerische jüdische Spital in Subotica am 4. Juni, am Jahrestage des verstorbenen Rabbiner Dr. Singer, eröffnet. Laut der Belgrader Zeitung ״Wreme“ gibt . es in Serbien zirka 30.000 Juden, von welchen 7000 in Belgrad leben. Fiume. Am 10. April fand die Generalversammlung der Fiumanqr orthodoxen Gemeinde statt. Gleichzeitig wurde auch die Wahl der Bethausvorsteher (Herr Wetzler und Herr Kurz), des Kontrollors (Herr Grauenfels) und der Beiräte (die Herren Kugler , Lager, W. Lipschitz, Ph. Weiss und Herr Weiss) vorgenommen. In mehreren jüdischen Palästinakolonien wird über den Misstand geklagt, dass die Polizei hauptsächlich aus Arabern besteht, was die jüdische Bevölkerung sehr unangenehm empfindet. Leider erfahren wir, dass der Oberrabbiner von Hornel von der Sowjetregierung gefangen gesetzt wurde. Es schwebt gegen ihr! das Verfahren wegen gegenrevolutionärer Bestrebungen, wahrscheinlich, weil er es mit den Pflichten der religiösen Führung ernst nahm. Das jüdische theologische Seminarium in New York hat mit Hilfe von jüdischen Philanthropen die berühmte Blbliohtek von Adler, die 30.000 Bände und 4000 hebräisehe Manuskripte umfaßt, käuflich erworben. Mit dem schon gesammelten Material hat das Seminar jetzt eine Bibliothek von 70.000 Exemplaren und ist die größte jüdische Sammlung der Welt. Im Städtchen Kosice, Tschecho-Slowakei, sind anlässlich des Pessachs wieder Ritualmordhetzereien aufgetreten, die ein energisches Einschreiten der Behörden zur Folge hatten. Die Berliner Reform-״Juden“ unternehmen Schritte bei der preussischen Regierung, um eine Erlaubnis zur Gründung einer eigenen Gemeinde zu erlangen. Lord Beaverbroomk hat behauptet, dass ihm ein Komitee angesehener britischer Juden bekannt sei, welches für seine Politik in Palästina einträte. Nach einer ziemlich unerfreulichen Zeitungspolemik hat nun Alfred Mond dies energisch widerlegt. In einer Sitzung der Deputierten der englischen Judenheit wurde mitgeteilt, dass seitens der Behörde eine stille Obstruktion Platz gegriffen hat gegen Naturalisation von Juden. Gegen die religiöse Verfolgung in Sowjet-Russland hat die englische Geistlichkeit einen Protest erlassen. Unter den Unterzeichneten befindet sich auch der Chief Rabbi von England. Durch die neuesten astronomischen Ereignisse findet die wissenschaftliche Theorie von Professor Einstein eine neue Bestätigung. Die christliche Bevölkerung von Brusilow hat unter Zusicherung der absoluten Sicherheit die Juden gebeten, sich wieder in Brusilow niederzulassen. Die jüdischen Bolschewisten in Witebsk hielten, unter Verhöhnung aller religiösen Gebräuche, einen bolschewistischen Seder mit einer ״roten“ Hagada ab. Die Sowjet-Regierung beschloss, in Hornel ein Drittel der Synagogen für Arbeiterklubs zu konfiszieren. Die jüdischen Kommunisten in Poltawa und Berditschew stellten an die Zentrale in Moskau das Ersuchen, sämtliche Synagogen für Arbeiterklubs requirieren zu dürfen. Dem Ersuchen wurde stattgegeben. Der Index in Palästina ist seit Dezember um 2,5 Prozent gefallen. Dies bedeutet natürlich eine Verbilligung der Lebensmittel. NACHRICHTEN. VIV V1V D«ut$cbö$umicb. Nur noch drei Monate! Das Wolffsche Bureau veröffentlicht folgende Notiz: ״Die Lage im russischen Hungerg e b i e t. Moskau, 30. März. Die Lage in dem Hungergebiet stellt sich folgendermassen dar. Die Zahl der Notleidenden im Gebiete der Wolga und der Krim beträgt 5 Millionen. Die Zahl derer, die von der Regierung unterstützt werden, überschreitet eine Million. Die ausländischen Hilfs- Organisationen verteilen bis zwei Millionen Tages- Portionen, es verbleiben daher ungefähr zwei Millionen, die der Hilfe bedürfen, um die Zeit von drei Monaten bis zur neuen Ernte, die sehr günstige Ergebnisse verspricht, zu überstehen.״ Dass unter den Leidenden die Mehrzahl unsere Glaubensgenossen sind, darüber sind wir ausserdem von privater Seite genau unterrichtet. Für diese drei Monate bitten, nein, fordern wir eine letzte Anstrengung unserer Gesinnungsgenossen' für die Hungernden in Sowjetrussland. Jetzt, da die Menschen daran denken, in der Sommerfrische sich auszuruhen, jetzt denket bei der Sorge für Euer Wohl an die Weinenden und Verhungernden. Noch drei Monate und man kann dann wenigstens die Beruhigung haben, dass wir alles',aufgeboten haben, um vor dem Hungertode bewahrt zu haben. Leset diese Zeilen auch Eueren satten Kindern und fraget sie, ob sie nicht etwas zugunsten der Hungernden geben wollen. Wandelt Euer Brot zum Segen! Die Stumper-Synagoge war Mittwoch, den 16. Ijar (2. Mai) der Schauplatz einer imposanten Kundgebung für Agudas Isroel. Die Bezirkssektion für den VI. und VII. Bezirk veranstaltete einen Kenessio-Gedaulo-Abend. Obmann M. Felsenbürg eröffnet die Versammlung und begrüsst die erschienenen Rabbiner. Zuerst spricht Rabb. M. Flesch, Raw des Bethauses, begeistert und begeisternd. Er entwickelt mit glänzender Beredsamkeit die Ziele der Aguda. Danach folgt Rabb. A. Weiss von der Storchen-Synagoge im XIV. Bezirk. Er betont die Wichtigkeit der Erez Isroel-Arbeit. Herr Rabb. Dr. P. K o h n ergreift mit dem tiefen sittlichen Etnst, der seinen hüchfliegenden Gedanken entströmt, die in weihevoller Andacht lauschenden Zuhörer. Er spricht von der religiösen Bedeutung der Aguda nach innen und von ihrer moralischen Wirkung nach aussen. Zuletzt sprach Rabb. Dr. Pollak von der Aguda und Kenessio Gedaulo in ihrer Bedeutung für die thoratreue Jugend. Herr Obmann M. Felsenburg schloss mit innigen Dankesworten die würdige, weihevolle Ver- Sammlung. Die ganze Synagoge schloss sich hierauf der Aguda an. Die neugewonnenen Anhänger versprachen eifrig für die Kenessio Gedaulo zu arbeiten. Eröffnung eines Aguda-Heimes im zwanzigsten Bezirk. Sonntag den 20. Ijar 5683 (6. Mai 1923) eröffnet die Agudas Jisroel-Jugendgruppe Brigittenau ihr neues Heim XX., Bäuerlegasse 20. Hervorragende Persönlichkeiten der Orthodoxie haben ihr Erscheinen zu dieser Feier zugesagt. Die Leitung erlaubt sich alle Gönner und Gesinnungsgenossen zur Eröffnung einzuladen. ״Jüdische Lehrwerkstätten." Die Leitung des ״Jüdischen Hilfswerkes“ der ״Agudas Jisroel" gibt bekannt, dass sich alle Knaben, die sich zur Ausbildung in einem Handwerke vormerken Hessen, unverzüglich im Sekretariat Wien, II., Malzgasse 12a, zu melden haben. En detail En gros י■**■, י*^ Ck ' Sauergewellte Perücken Othmar Schiff Wien, I«, Kärntnerring 6 (gegenüber dem Hotel Bristol) Die grösste internationale Kun»twerkstiitte für Perücken, Scheitel und Tra siormationen Liefert seit mehr als anderthalb Jahrzehnten den vornehmsten orthodoxen Damen aller Länder Perücken. Spezialist in Braut-Scheiteln. Di״*e werden der Mädchenfrisur mit verblüffender Täuschung nachgemacht. Um vor Irreführung zu schützen, bit.e den Vornamen und die Adresse genau zu beachtin] Verein ״Mechisch Esra“ Schnelle Hilfe. Wien XX., Es ist notwendig von Zeit zu Zeit die Auswirkungen der humanitären Bestrebungen der Brigittenauer Judenschaft einer weiteren Öffentlichkeit kund zu tun, um Förderung und Unterstützung zu erlangen, die es ermöglichen sollen, den grossen Anforderungen selbst nur teilweise gerecht werden zu können. Der breite Strom, der Flüchtlinge, der Armen der Aermsten, die aus der gälizischen Hölle mühselig das nackte Leben retten konnten, ergoss sich über diesen Elendbezirk. Und trotzdem ein teilweiser Abfluss durch Rücktransporte seither vor sich gegangen ist, sind doch viele an der Wiener Scholle haften geblieben, weil sie Haus und Herd, Existenz und Ernährer in ihrer früheren Heimat eingebüsst haben. Die Brigittenau beherbergt heute mehr als sechzigtausend jüdischer Seelen, von denen ein grosser Teil auf öffentliche Hilfe angewiesen ist. Die Bodenständigen, vielfach selbst einen harten Existenzkampf führend, sahen sich schon während des Krieges vor der Notwendigkeit gestellt, eine intensive charitative Tätigkeit zu entfalten, um das furchtbare Elend zu lindern, ja selbst soziale Komplikationen zu verhüten. Man muss verstehen, was Mangel an den primitivsten Lebensbedürfnissen, unzulängliches, vielfach sanitätswidriges Obdach und Hunger, ja Hunger bedeutet. Nicht alle Menschen denken über dieses Problem so eingehend nach; ihre eigenen Sorgen bedrücken sie allzusehr, als dass sie noch genug Spannkraft für soziales Uebel, für die Not der Gesamtheit übrig hätten. Andere wiederum, obwohl selbst durchaus nicht mit Glücksgütern gesegnet, verkörpern gleichsam das öffentliche Gewissen. Sie können nicht ruhen noch warten, wenn sie sehen, dass ihre Glaubens- und Stammgenossen dem bittersten unverschuldeten Eiend preisgeben sind. So, aus diesem Drangsal heraus quasi, entstand, in der Brigittenau die ״Schnelle Hilfe“. Ihr Name drückt treffend ihre Tendenz aus: Die Hungernden, die Kranken und Siechen nicht erst mit Versprechungen und Vertröstungen abzuspeisen, sondem rasch zu helfen. Dazu gehören aber vor allem grosse, ausreichende Geldmittel, viel Tatkraft und ein wahrhaft guter Wille, der alle Faktoren beseelen muss. Der Verein hat seinen Sitz XX. Bez., Klosterneuburgerstrasse 10 und steht unter der Aegyde des Herrn Wilhelm P e t y a n, von dem der Schreiber dieser Zeilen in landläufiger Weise bloss sagen möchte; ״hoch klingt das Lied vom braven Mann“, um nicht in Sentimentalität verfallen zu müssen. Ihr zur Seite steht ein dreissiggliedriger Ausschuss, durchwegs Kleingewerbetreibende; was aber diese schlichten Männer an Opferwilligkeit leisten, davon sollen die nachstehenden Daten eine Probe bieten: Im abgelaufenen Vereinsjahre sind an 500 Gesuche mit mindestens K. 50.000 pro Fall erledigt worden. Zum verflossenen Pessachfeste wurden mehr als 1000 Personen mit Mazzes, Fett, Fleisch und Erdäpfeln beteilt, worauf ungefähr 25 Millionen verwendet wurden. Im Genüsse regelmässiger Unterstützungen stehen derzeit etwa 100 Personen, beziehungsweise Familien mit K. 20 bis 40.000 monatlich. ״ Ein wahrhaft erschreckendes Bild überhandnehmender Verarmung in den jüdischen Massen. Es ist sonach heilige Pflicht aller jüdischen Kreise sich dieser Tragweite voll und ganz bewusst zu werden und unentwegt helfend einzugrejfen. Ist es doch ein beschämender und tiefbetrübender Zustand, dass soviele Greise, Frauen und Kinder die schwersten Entbehrungen erdulden müssen.

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