Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 18 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 JÜDISCHE PRESSE Seite 113 orgai.isieren, und wie hoch sich die erforderlichen Küsten belaufen mussten. י^ו Die Hilfsaibeit der Aguda konzentriert sich hauptsächlich auf das Versorgen von Waisenk i 11 d e r n, Kindern, deren Ehern verschwunden oder deren Mütter oder Väier vermisst werden, und werdender Mütter, weiche hilflos und verlassen dastehen. Es wird auch armen Handwerkern Unter- Stützung geboten. Flüchtlinge werden in ihre ehemaligen Wohnorte zurückgeschickt. Kranke und Hilflose mit allem Nötigen versehen. Vielen Pogromopfern wurden neue Wohnstätten zugewiesen. Kinder werden prinzipiell nicht eher entlassen, als bis sie imstande sind, durch ein Handwerk ihr Brot selbständig zu verdienen. Ueberflüssig ist es zu sagen, dass das Heim der Aguda den modernsten hygienischen Anforderungen entsprechend geführt wird. Den Kindern wird eine streng rel׳giö?e, wie auch allgemeine jüdische Erziehung zuteil. Ausserdem gemessen sie einen den Staatsgeselzen entsprechenden Unterricht in weltlichen Fächern. die Erziehung eine jüdische war. Die Aguda unterhält auch grosse Werkstätten *in Meidling, einer Vorstadt von Wien, wohin viele der Kinder, wenn sie ein Alter vön 14 Jahren erreicht haben, zur Erlernung eines Hand- Werkes geschickt werden. Ich habe diesen Platz besucht, und fand, dass er alle erforderlichen modernen Einrichtungen besitzt und mit einem anderen Kinderheim verbunden ist. Die Knaben werden dort zu Tischlern, Drechslern, Schusfern, Metallarbeiter, Mechanikern, Elektrikern, Schmieden, Schlossern und Goldschmieden angelernt. Den Werkstätten schliessen sich grosse Gärten an, in welchen den K’ndern im Sommer Gelegenheit geboten wird, Bodenkultur zu betreiben. Ich habe auch das Waisenhaus der Aguda Bisnun waren viele jüdische Kinderzum Teil auch nichtjüdischen Privatpersonen zur Pflege übergeben worden. Viele Kinder wurden ^u Bauern aufs Land geschickt und man kann sich leicht denken, dass weder die Behandlung daselbst eine ideale, noch in Baden, dem berühmten Kurort, besucht. Das Haus steht inmitten von Weingärten und Wäldern. Die Anstalt . ist schon seit 272 Jahren in Betrieb. Als ich im Waisenhaus war, wurde dort gerade eine Feier abgehalten. Die Kinder rezitierten Gedichte und führten ein jiddisches Stück auf. Ich muss gestehen, dass diese Aufführung auf mich einen tiefen Eindruck gemacht hat. Die Tragödie dieser Pogromwaisen ist in ihren Augen zu lesen. Ein kleiner Waisenknabe hat ein Gedicht über einen Pogrom aufgesagt. Die Tränen würgten seine Stimme. Er hat das Gedicht miterlebt. Auf die Zuhörer machte der Kleine einen tiefen Eindruck, und Wenigen blieben die Augen trocken. Das Waisenhaus in Baden ist ein Musterbeispiel der Reinlichkeit, Ordnung und Bequemlichkeit. Der Verwalter ist der Anstalt mit Leib und Seele ergeben. Die Kinder werden natürlich in allen jüdischen Fächern unterrichtet. Wenn sie 14 Jahre alt geworden sind, werden sie in die Wiener Werkstätten geschickt, um ein Handwerk zu erlernen. Selbstverständlich j war es mit grossen Schwierigkeiten verbunden, die Existenz der Anstalt zu sichern. Wie schwer aber auch diese Arbeit im Anfang war, den Waisen hat es nie an etwas gefehlt, ln der jüngsten Zeit haben die Agudamitglieder in der Schweiz eine grosse Summe für das Waisenhaus aufgebracht, neue Häuser wurden gekauft, um die Anstalt zu vergrossem und noch 100 Kindern die Aufnahme zu ermöglichen. Die neuen Gebäude sind ausserordent-!ich schön und bequem, von Blumen und Gärten umgeben. Laut einem Bericht, den mir Wiener Agudaführer vorgelegt haben, hat die Organisation in der Zeit vom 15. Juli bis 15. September 1922 eine Summe von 18 Millionen K. für die Hilfsarbeit ausgegeben. Zirka .1500 Personen sind durch die Aguda unterstüzt worden. Von diesen Geldern wurden 8 Millionen K.für Hilfszwecke in andere Länder geschickt. In dieser Summe sind auch die für die Hungernden Sowjet- Russlands angewiesenen Beträge inbegriffen. Durch die Vermittlung der amerikanischenHilfsadministration sind an die leidenden Juden in Russland Lebensmittelpakete geschickt worden. Nicht weniger als 1744 solcher Pakete, deren jedes 10 Dollar wert ist, sind durch die Aguda nach Russland über־' wiesen worden. Die Aguda hatte auch eine Volksküche in Kiew eröffnet gehabt. Die erforderlichen Mittel wurden vom Zentralbureau der Aguda in Wien und auch von den Agudaorganisationen anderer Länder beigesteuert. Der Talmud Thora schulverein, welcher in Verbindung mit der Aguda erhalten wird, existiert schon seit 80 Jahren. Das ist die einzige jüdische Elementarschule für Knaben und Mädchen. Den armen Kindern werden hier Mahlzeiten geboten. Sie werden auch mit Kleidung versehen. Die Ausgaben der Schule belaufen sich auf 25 Millionen K. monatlich. Die Aguda könnte noch mehr erspriessliche Arbeit leisten, wenn ihr die nötigen Fonds zur Verfügung stünden. Zu diesem Zwecke appelliert die Aguda an die amerikanischen Juden, hauptsächlich an die Orthodoxie, ihr zu Hilfe zu kommen. Wenn man den rein menschlichen Charakter der Hilfsarbeit berücksichtigt, müsste man erwarten, dass die Aguda hierin nicht nur von den orthodoxen, sondern von allen jüdischen Kreisen unterstützt wird. genossen gerichtet wird. Dieser Appell schien aber den amerikanischen Wohlfahrtsarbeitern nicht zu genügen, tun die Gebefreudigkeit zu heben, haben sie allen amerikanisehen Juden eine originelle Hagadali zugeschickt. Eine Hagadah, die sicli wohl an die Erzählung des Auszuges aus Aegypten anlehnt, aber hauptsächlich das tieftraurige Schicksal der heutigen Judenheit originell und ׳mit einem kernigen Galgenhumor behandelt. Wir lassen hier einige Proben dieser jiddisch-englischen Hagadah folgen: Ma nischtaneh: Warum ist diese Nacht anders als alle Nächte des Jahres? Warum ist die Lage der Juden in allen anderen Ländern anders als die der Juden in Amerika? Warum haben wir sowohl Choinez wie Mazzo, während unsere Brüder jenseits des Ozeans weder das eine noch das andere besitzen? Warum sitzen wir fröhlich und guter Dinge, während unsere Brüder Tränen der Todesangst vergiessen? Warum haben wir um unseren Tisch unsere Lieben versammelt, während unsere Brüder ihre Väter und Mütter, Brüder und Schwestern beweinen? Awodiin hojiuu: Auch wir waren Knechte in jenen Ländern der Verfolgung und Unterdrückung, und hätte uns nicht des Allmächtigen Hand hielier, ins Land der Ereiiieit, ins glückliche Amerika gebracht, müssten wir jetzt das Los unserer Brüder teilen. Esser Makous: Die folgenden sind die zehn Plagen, die über unsere Brüder in den Ländern des U11gliieks gekommen sind: Goluth, Pogrome, Hunger. Kälte, Ungeziefer, Epidemien, Blosse, Verwaisung, Heimlosigkeit, Tod. Dajenu: Wenn die amerikanischen Juden nur Brot den Hungernden geben, ist es nicht dajenu (nicht genug). Wenn wir nur Kleider den Nackenden geben, ist es nicht dajenu. Wenn wir nur den Waisen helfen, ist es nicht dajenu. Wenn wir** nur Hilfe den verarmten Kaufleuten zukommen lassen, ist es nicht dajenu. Eines ohne das andere ist nicht dajenu. Pesach su: Dieser Pesach und diese Mazzo die wir essen, sind Zeichen unserer Freiheit und Wohlhabenheit. Moror su: Die Biberkräuter, die wir gemessen, sollen uns an die bittere Lage unserer Brüder jenseits des Ozeans erinnern, deren Leben durch Plagen, Verfolgungen und Goluth verbittert wird. Der beste Dank für unser Wohlergehen ist es, einen Scheck auszufüllen und ihn an das jüdische Relief Committee (Park Avenue 103) einzuschicken um so an der Rettung von Tausenden notleidenden Juden mitzuarbeiten. (Trinket den ״Kos“ aus und gelobt dabei, dass ihr auch weiterhin mit offener Hand und ganzem Herzen geben werdet!) P. Gedanken über eine Parte. Von Wilhelm Eckfeld. Schwarz umrahmt mit einem grossen Kreuz in der Mitte war in den letzten Tagen in den Wiener Tages- Zeitungen eine Todesanzeige zu lesen, in der die Angehörigen einer Dame das Ableben derselben der Oeffentlichkeit mitteilen. ״Die irdische Hülle der teuren Verblichenen wird in der Kapelle des Döblinger Friedhofes aufgebahrt . . .“ ״Die heilige Seelenmesse wird in der Stadtpfarrkirche zu St. Augustin gelesen werden.“ So hiess es zum Schlüsse dieser Parte. Was ist besonderes daran? so wird man fragen. Das ist doch etwas Alltägliches. Gewiss ist dies die alltägliche Formel der christlichen Todesanzeigen, aber besonders und bemerkenswert macht sie nur der Namen der Verblichenen: Josefine Edle von Wertheimstein. Welcher Kenner der Geschichte der Juden Wiens erinnert sich da nicht sogleich an den fortschrittlichen Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Edlen von Wertheimstein, der im achtzehnten Jahrhundert in der hiesigen Judenschaft eine solche hervorragende Rolle gespielt hat? Und nun wird die irdische Hülle seines Nachkömmlings in der K a p e 11 e des Döblinger Friedhofes aufgebahrt und ״die heilige Seelenmesse-wird in der Stadt- Pfarrkirche zu St. Augustin gelesen werden.“" ' - Das frivole Witzwort eines modernen Juden kommt mir in Erinnerung, der mir einmal sagte: ״Von mir. und meinein Enkel weiss ich bestimmt, •was wir sein werden, icli werde Jude sein und mein Enkel Christ. Nur was mein Sohn sein wird, darüber bin ich mir noch nicht im Klaren.“ So lehrt uns die tägliche Erfahrung, wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben und im Leben Rückblick halten, dass die Abkömmlinge aller derjenigen jüdischen Persönlichkeiten, die öffentlich nur für ein Judentum ohne Frömmigkeit eingetreten sind, wie dürres Laub vom Baume des Judentums abfallen. Ein modernes Aufputzjudentum ohne Anlehnung an das Alte, predigte Dr. Adolph J e U in e k. Seine Söhne Hessen, sich taufen. Der Oberrabbiner tt 11 0 r i n in Arad war ein leidenschaftlicher Vorkämpfer des religiösen Fortschrittes, der im vorigen Jahrhundert den glaubenstreuen orthodoxen Juden Ungarns gar manche böse Stunde bereitet hat. Sein Sohn ist der bekannte Finanzpolitiker Franz C h 0 r i 11 — ein Meschumed. — Nicht viele werden wissen, dass der Vater des ehemaligen ungarischen Handelsministers Baron Joef S z t c r e 11 y i, der erst kürzlich im ungarischen Parlamente seine Zugehörigkeit zur evangelischen Konfession nachdriicklichst hervorhob, Rabbiner und reformatorischer Heissporn gewesen ist. Und so liessen sich ähnliche Beispiele aus allen Ländern und Zeiten bis ins Unendliche anführen. Das Judentum ohne Religiosität ist eben nichts anderes jils das berühmte Messer ohne Stiel und Klinge. SCHICHT-SEI FE Harke Hirsch reinigt und schont zugleich liire wertvolle Wäsche!