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Jüdische Presse · 1923-04-27 · 17 (27.4.1923) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
17 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 17 JÜDISCHE PRESSE Seite 105 folgende Posten, die als Minimalbeträge anzusehen sind, aufgestellt: Kinderfürsorge . . . $ 1,600.000 Flüchtlingshilfe . . . 400.000 ״ Kulturelle Fürsorge . . 750.000 ״ Russisches Komitee . . 1,500.000 ״ Wiederaufbauarbeiten . 1,000.000 ״ Medizinische Hilfe . . 1,000.000 ״ Administration . . . 200.000 ״ Reserven ... 233.000 Summe . . . $ 6,683.000 Es wären also nach dem Vorhergesagten noch aber 6,000.000 Dollar in der nächsten Zeit aufzubringen, um dem Budget gerecht werden zu können, und das Komitee hofft zuversichtlich, dass die amerikanischen Juden, die für ihre notleidenden Brüder in Europa immer so viel übrig hatten, auch diesmal nicht versagen werden. Wie aus dem Voranschlag zu ersehen ist, sind die Hauptausgaben für Kinderhi 1 fe und für die russischen Institutionen vorgesehen, weil hier die Hilfe am dringendsten nottut. In Russland allein werden zirka 300.000 jüdische Vollwaisen vom J. D. C. erhalten. Hier beginnen die lokalen russischen Institutionen, wie der ״Idgeskom“ u. a. selbständige Tätigkeit zu entfalten und so allmählich den Joint zu entlasten. Was die Flüchtlingsnot anbelangt, ist erfreulicherweise ein kleiner Rückgang zu konstatieren. Jedenfalls scheint die Zeit, in der der Joint an den Grenzen der Randstaaten zirka 3000 Flüchtlinge wöchentlich zu versorgen hatte, von denen viele dazu noch typhuserkrankt waren, wie es anfangs vorigen Jahres der Fall war, eine Krisis gewesen zu sein, die glücklich überwunden wurde. In die Beträge für W i e d e r a u f b a u sind ausser der ökonomisehen Hilfe für die europäischen Juden, deren Güter durch den Krieg zerstört worden sind, die Bauarbeiten in Palästina einbegriffen. Unter der me dizinischen Hilfe ist die Unterstützung der Spitäler und Versorgung derselben mit Medikamenten (hauptsächlich in Russland) zu verstehen. Diese grossartigen Leistungen auf allen Gebieten der Wohlfahrts- und Fürsorgeaktion hat der Joint der einmütigen und solidarischen Unter- Stützung aller Kreise des amerikanischen Judentums zu verdanken. Unsere Brüder jenseits des Ozeans haben tatsächlich ohne irgendwelche Rück־ sichten auf ihre Parteizugehörigkeit am Rettungswerk mitgearbeitet und dieser Umstand1 war wohl der mächtigste Faktor für das Gedeihen des Werkes. Diese Gleichmässigkeit und Unparteilichkeit kam leider in dem Wirken der europäischen Verteilungsstellen des J. D. C. nicht zum Ausdruck, wir dürfen wohl sagen gegen den Willen der Amerikaner. Hier ist es nämlich die Orth0d 0 x i e, die schwer benachteiligt wurde. Kam diese Zurücksetzung der Orthodoxie schon in den obenerwähnten Zweigen des Wohlfahrtswerkes zum Ausdruck, so wirkte sie sich auf dem Gebiete der kulturellen'Hilfe geradezu katastrophal aus. Im Gegensatz zum mustergültigen Zusammenarbeiten der amerikanischen Juden zeigte sich in Europa die ganze Kleinlichkeit der Parteiinteressen!innerhalb des Judentums. Mit allen möglichen Miittelchen und Intrigen wurde die Orthodoxie von der Einflussnahme auf die Verwaltung der kulturellen Fürsorge abgedrängt und die thoratreue Judenheit hatte in religiösen und erzieherischen Fragen, soweit sie der finanziellen Unterstützung durch das J. D. C. bedurften, schwere Enttäuschungen zu erleben. Aus allen Ländern Europas kamen Klagen der orthodox Gesinnten über die Missachtung und Vernachlässigung religiöser Interessen und die verschiedenen Landesorganisation der Agudu mussten gegen ihre Ausschaltung aus der Leitung und Verwaltung ausdrücklichst protestieren. Das Rankespiel der unreligiösen jüdischen Parteien führte schliesslich dazu, dass sich das auf thoratreuem Boden stehende Central Relief Committee, welches in allen anderen Abteilungen mit dem Joint Hand in Hand arbeitete, auf kulturellem Gebiete selbständig machen musste, um den vollauf berechtigten Wimsehen der Orthodoxie, denen die Vertretungen des Joint nicht nur nicht entsprachen, sondern sogar direkt zuwiderhandelten, gerecht zu werden. Diese Aktion des Central Relief Committee erwies sich als Wohltat für die orthodoxe Judenheit und die verschiedenen Institutionen der letzteren blühten erneut auf. Die Amerikaner stellten seinerzeit die Bedingung auf, dass die Juden Europas nach Massgabe ihrer Wohlhabenheit die Hälfte der Beträge aufbringen sollten, die der Joint dem Hilfswerk zur Verfügung stellte. Diese Bedingung wurde von der Orthodoxie restlos erfüllt, ja sogar noch übertroffen. Wir brauchen da nur auf die Institutionen der Aguda in Wien hinzuweisen, die mustergültigen Talmud-Thora-Schulen, das Knabeninternat, die eine soziale Wohltat darstellenden Werkstätten und Waisenhäuser, die die Bewunderung jedes Besuchersauslösenmüssen. Wir hoffen jedoch bestimmt, dass der Joint, der ja zweifellos von den besten und edelsten Absichten geleitet wird und dessen hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der Wohlfahrt wir restlos aner kennen, in Hinkunft auf die berechtigten Wünsche der Orthodoxie entsprechend Rücksicht nehmen und die Misstände bei der Verwaltung beseitigen wird. Es wäre zu schade, die vorbildlich unparteiische Arbeit der amerikanischen Menschenfreunde durch kleinliehe, zersetzende Intrigen der Gegner der Orthodoxie verkleinern zu lassen. Die thoratreuen Juden Amerikas, die so viel für das Hilfswerk geleistet haben, dürfen verlangen, dass den Wünschen ihrer Gesinnungsgenossen in Europa vollauf Rechnung getragen wird, umsomehr als diese, voran die Aguda, durch ihre unermüdliche Tätigkeit auf allen Gebieten der Wohlfahrtspflege, besonders der Jugend- und Waisenfürsorge, einer Unterstützung sicherlich würdig sind. Brief aus dem Burgenland. Die politischen Verhältnisse, — Die Loge der jüdischen Gemeinden. — Der Abbau des konfessionellen Schulwesens. Die Jeschiwoth. Vor einigen Wochen haben im Burgenland die Geipeinderatswahlen stattgefunden. Alle in Betracht kommenden Parteien des Burgenlandes waren diesmal mit eigenen Listen auf den Plan getreten. Die bürgerlichen Parteien haben, da sich die Wahlkampagne in ruhigen Bahnen bewegte, in günstiger Weise abgeschnitten. Von unserem Standpunkte aus betrachtet, mag wohl das Wahlergebnis von untergeordneter Bedeutung sein, doch dürfte es nicht unangebracht sein, in einigen kurzen Bernerkungen die durch den Ausfall der letzten Wahlen neugesohaffene Situation unter spezieller Berücksichtigung des jüdischen Standpunktes zu beleuchten. Der letzte Wahlausgang, der die von vielen an den Tag gelegte Skepsis unbegründet erscheinen Hess, hat nun endlich der jüdischen Bevölkerung in den öffentlichen Verwaltungskörpern eine legitime Vertretung gebracht. Zwar wurden die jüdischen Mandatare grösstenteils auf Grund des liberalen;, oder besser gesagt• bürgerlichen Programms gewählt, doch ist es immerhin ein Zeichen der Zeit, dass die jüdische Bevölkerung hach so vielen Jahren künstlich geknebelter Meinungsäusserung und politischer Abstinenz wieder einmal die hohe Notwendigkeifeingesehen hat, dem Zustande des passiven Gehenlassens ein Ende zu bereiten und selbst aktiv zur Wahrung : der jüdischen Interessen an der Ausgestaltung ihres engeren Heimatskreises mitzuwirken. Die Wahlen haben aber auch nach einer anderen Seite eine gewisse Klärung gebracht. Sie haben bewiesen, dass das burgenländische Volk in seiner überwiegenden Mehrheit weit davon entfernt ist, das Politische zu einem Kard&nalpunkt der künftigen Aufbauarbeit zu machen, sondern dass es von dem ehrlichen und gewiss nachahmenswerten Bestreben geleitet ist, allfällig auftauchende Fragen wirtschaftlicher oder administrativer Natur aus dem Machtbereiche der politischen Sphäre auszuschalten und es im gegenseitigen Einverständnisse einer gedeihlichen Lösung zuzuführen. Daher ist es auch leicht begreiflich, dass im Burgenlande vondem infernalen Glaubens- und Rassenhass, wie er in den übrigen Bundesländern nach bewährtem Münchner Vorbild seine Neuauflage erlebt, keine Rede sein kann. Hier leben die Vertreter der verschiedensten Bekenntnisse, unbeschadet ihrer politischen Gesinnung, friedlich nebeneinander, ohne dass das gütliehe Einvernehmen aller beteiligten Kreise in -Vf3״•% •vT. 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Die neugeschaffenen Wirtschaftliehen Verhältnisse haben es bedingt, dass ein Grossteil der Bevölkerung der erschwerten Erwerbsmöglichkeiten wegen in die Grosstadt oder in die benachbarten wirtschaftlichen Zentren abwandert, ein Umstand, der gewiss lähmend und zersetzend auf die Fortbildung des Gemeindelebens wirkt. Diese immer weiter abwärts schreitende Entwicklung hat bereits heute solche Fortschritte gemacht, dass das Gros der jüdischen Gemeinden, die einst tonangebend waren, heute dem gänäliehen Verfalle entgegengehen. Diese traurige Tatsache kam zum krassen Ausdruck anlässlich der allgemeinen Abbaupolitik der Regierung. Der Abbau trifft fast das einzige Gut, das die burgenländischen jüdischen Gemeinden aus der guten alten Zeit noch gerettet haben, nämlieh ihre jüdischen Volksschulen. Tief verwurzelt mit einer unverfälschten jüdischen Weltanschauung, waren sie der Wichtigkeit einer richtigen Erziehung der Jugend sich bewusst. Selbst die kleinsten Gemeinden haben ihre eigene Volksschule gehabt, die selbstverständlich nur durch die staatliche Unterstützung existieren konnte. Auch der österreichische Staat hat als Rechtsnachfolger der alten Hoheitsvnrwaltung diese Pflicht übernehmen müssen. Infolge der allgemeinen Sparmassnahmen stellt aber Oesterreich an die weitere Erhaltung dieser Schulen Bedingungen, die durch die abnehmende Zahl der Gemeindemitglieder nicht erfüllt werden können. Die Besucherzahl dieser Schulen erreicht nicht die Höhe, welche der Österreichische Staat als Voraussetzung für die Erhaltung einer Schule beansprucht. Somit stehen die burgenländischen jüdischen Gemeinden vor einer Krise. Bedauerlicherweise sind die Organasationsbestrebungen der Einsichtigen im Burgenlande noch nicht mit vollem Erfolg gekrönt worden. Es ist aber zu hoffen, dass die einzige umfassende Organisation, der ״Verband der aut. orth. israeJ. Kultusgemeinden des Burgenlandes“, in Anbetracht der drohenden Gefahr eine energischere Tätigkeit als bisher beginnen und in den Gemeinden selbst eine erspriessliche Propaganda zur Entfachung einer begeisterten Arbeit für die Erhaltung der wichtigsten Gemeindeinstitutionen entfalten wird. Dass durch energische Arbeit noch so manches zu retten ist, beweist der Umstand, dass die Jeschiwoth im Burgenland nicht nur nicht eingehen, sondern glücklicherweise in stetigem Wachsen begriffen sind. Mit Beginn des Sommersemesters haben die verschiedenen Jeschiwoth — die bedeutendste von ihnen ist in Mattersburg — in vollem Umfange ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Die in dem letzten Halbjahre gezeitigen guten Ergebnisse haben wesentlieh zur Propagierung des Jeschiwah-Gedankens beigetragen, woraus die diesmal verhältnismässig grosse Frequenz von Bachurim leicht erklärlich ist. Schwierigkeiten macht lediglich die Frage der Unterbringung der zahlreichen, meist minderbemittelten Bachurim, ״ein Problem“, das man aber in -Kürze 'durch das Entgegenkommen der jüdischen Bevölkerung zu lösen hofft. Eine Entgleisung. Wenn heutzutage jemand in Bezug auf Judenfrage folgendes schreiben würde: ״Ich erinnere mich jetzt noch an zwei verschiedene Auffassungen der Fragen und ihrer Lösung, die ich im Verlauf dieser Jahre hatte. Vor ungefähr zwei Jahren wollte ich die Judenfrage mit Hilfe der katholischen Kirche wenigstens in Oesterreich lösen. Ich wollte mir Zutritt zum Papst verschaffen, nicht ohne mich vorher des Beistandes österreichischer Kirchenfürsten versichert zu haben, und ihm sagen: Helfen sie uns gegen die Antisemiten und ich leite eine grosse Bewegung des freien und anständigen Uebertrittes der Juden zum Christentum ein. Frei und ansändig dadurch, dass die Führer dieser Bewegung — ich vor allen — Juden bleiben und als Juden den Uebertritt zur Mehrheitsreligion propagieren. Am hellichten Tage, an Sonntagen um 12 Uhr, sollte in feierlichen Aufzügen unter Glockengeläute der Uebertritt in der Stefanskirche stattfinden. Nicht verschämt, wie es einzelne bisher getan, sondern mit stolzen Gebärden. Und dadurch, dass die Führer Juden blieben, das Volk nur bis zur Kirchenschwelle geleiteten und selbst draussen blieben, sollte ein Zug grosser Aufrichtigkeit das Ganze aussieht.“ Wir Standhaften hätten die Grenzgeneration gebildet. Wir blieben noch beim Glauben unserer Väter. Aber unsere jungen Söhne sollten wir zu Christen machen, bevor sie ins Alter der eigenen Entscheidung kämen, wo der Uebertritt wie Feigheit oder Streberei aussieht. Was würde man dazu sagen? Aus dieser Frage allein kann der unbefangene Leser entnehmen, welch furchtbares Verbrechen gegen das Andenken von Theodor Herzl es ist, dass die Herausgeber seiner Tagebücher nicht auch diese Stelle, wie manche andere (vergleiche Vorwort, Zeile 6 bis 8), durch Punktreihe ersetzt haben. Mehr ist darüber zunächst nicht zu sagen.

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