Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 17 (27.4.1923)
- Date
- 1923-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 104 JÜDISCHE PRESSE Nr. 17 Werkes sein kann. Der Gemeinde selbst aber stehen drei Möglichkeiten offen: die eine verschwommene der Repräsentationsgemeinde wie in London und noch in änderen Grosstädten, die Volksgemeinde wie in Tel-Awiw oder endlich die Kultusgemeinde, wie sie in ihrer Reinheit etwa die sogenannte Austrittsgemeinde aufzeigt. Wir glauben, dass die Kultusgememde, richtig verstanden und richtig geführt, den Sieg davontragen wird. P. K. Zur Kenessio Qedaulo. Bureau der Kenessio Gedaulo in Wien. Um die Vorarbeiten zur Kenessio Gedaulo in der wünschenswerten Raschheit und Genauigkeit durchführen zu können, wurde in Wien unter Leitung des Herrn David Schlesinger, Mitglied des G. A., das ״Bureau der Kenessio Gedaulo“ errichtet. Sämtliche auf die Tagung selbst sowie auf die Wahlvorbereitung bezughabenden Zu- Schriften und Anfragen sind von nun ab an das Zentralbureau der Agudas Jiaroel, Wien, H., Malzgasse 12a, mit dem Vermerk ״Kenessio Gedaulo" zu richten. Rüstungsarbeiten in Polen. Die Orthodoxie Polens, sowohl in den Gross- Städten wie in der Provinz, versteht die Bedeutung des nahenden Orthodoxen-Kongresses vollauf zu würdigen. Die massgebenden ,Kreise sind eifrig bemüht, alle Vorbereitungen zu treffen, um in einer, der hervorragenden Stellung der polnischen Aguda- Organisation entsprechenden, Vertretung bei der Kenessio zu erscheinen und möglichst viele organisierte und zielbewusste Gesinnungsgenossen repräsentieren zu können. Es wird unter ׳der jüdischen Bevöilkerung eine rührige Propaganda entfaltet, um weiteste Kreise der orthodox Orientierten für die Teilnähme ,an der so wichtigen Versammlung zu bewegen und es hat diese Werbetätigkeit schon ausgezeichnete Erfolge gezeitigt. Alle diejenigen, die sich für eine orthodoxe Richtung im Judentum einsetzen, und es ist deren Legion, beeilen sich, ihr .Wahlrecht zur Kenessio durch den Beitritt zur Aguda-Organisation zu sichern. Die ״Trumas Chower-“ und ״Mass- Haaguda“-Gelder fliessen reichlich ein und so wird auch eine ökonomische Grundlage für die bevorstehenden Arbeiten geschaffen. Welchem Interesse der PI!an der Aguda, eine die ganze orthodoxe Welt vertretende autoritative Versammlung einzuberufen, begegnet, bezeugen die ausserordentlich gut besuchten,. von den Stadtorganisationen einberufenen Aguda- Versammlungen. Die ernsten Zeitereignisse sind am keinem spurlos vorbeigegangen. Jeder sucht sich mit ihnen irgendwie abzufinden, zu ihnen Stellung zu nehmen und so wird es allgemein warm begrüsst, dass die Aguda in der Kenessio das Mittel sucht und hofentlich auch finden wird, zu allen diesen brennenden jüdischen Tagesfragen Stellung zu nehmen und ihren Standpunkt von der Warte der thoratreuen Ueberlieferung aus zu präzisieren. In gehobener Stirnmung und mit voller Zuversicht in das Gelingen des grossen Werkes gehen die Juden Polens dfem Kongress entgegen. Wir lassen hier einige Stellen aus einem im Warschauer ״Jud“ veröffentlichten Aufsatz, der sich mit der Kenessio befasst, folgen. Es ist daraus die Auffassung der polnischen Orthodoxen vollauf zu ersehen: In ganz Osteuropa ist ein vollkommener Zusammenbrach des jüdischen ökonomischen Lebens zu konstatieren und demgemäss auch eine furchtbare Schwächung des Rabbiner- und Gemeindewesens, wie des ״Limud Thora“ überhaupt. Das orthodoxe Judentum in Westeuropa wie auch in Amerika kämpft seit langem mit allen Kräften gegen die fremden Strömungen, die in das jüdische Leben eingebrochen sind und es an den Rand des Abgrundes gebracht haben. ׳Es ist schwer zu sagen, weicher Zusammenbruch tragischer ist, der materielle in Osteuropa oder der geistige Ruin des Judentums im Westen und in Amerika. Aber das Tragischeste ist, dass seit einem Jahrzehnt ein langsames Uebergreifen dieses geistigen Verfalles auch auf den Osten zu beobachten ist. Wie kann man an den Wiederaufbau dieses zerstörten Gutes denken, wenn nicht die vereinigten Kräfte aller Teile des thoratreuen Judentums angespannt werden?! Diese Vereinigung ist es, die auf dem allweltlichen orthodoxen Kongress stattfinden soll, und darin liegt seine hohe Bedeutung. Ist es noch nötig, zu sagen, dass es keinen orthodoxen Juden geben darf, der an dieser Arbeit nicht teilnimmt! Die Stärkung dieser jüdischen Vereinigung ist doch die erste Bedingung für die Fruchtbarkeit ihrer Arbeit! Schon der Umstand, dass auf dem Kongress recht viele Mitglieder erscheinen werden, hat eine wichtige Bedeutung. Es wird den Kindern jedes orthodoxen Juden zeigen, ״כי לא אלמן ישרא׳ל־י dass das Judentum nicht ganz verweist ■ ist, dass seine Getreuen noch leben und bereit sind, das jüdische Leben weiter aufzubauen mit ihrer gewohnten Aufopferung.“ Die Vorbereitungen zur Kenessio Gedaualo als Selbstzweck. Ein geistreicher Agudist bemerkte dieser Tage: ״Es wäre am besten, die Vorbereitungen zur Kenessio Gedaulo mit vollem Eifer zu pflegen, dieselbe aber am Vorabend des 4. Eilul abzusagen.“ Sicherlich liegt dieser Aeusserung ein richtiger Kern zugrunde. Es ist ja traurig, dass es erst einer Kenessio Gedaulo bedarf, um die organisatorische Leitung der Aguda aus ihrer Lethargie zu wecken. Die zahlreichen Versammlungen, welche die Aguda allerorten veranstaltet, haben ausschliesslich den Zweck, die Idee der Aguda in die breiten Massen zu tragen und der Aguda auch neue Mitglieder zu werben. Die Versammlungen, die jetzt veranstaltet werden, unterscheiden sich von den meisten bisherigen Versammlungen der Aguda darin, dass die jetzigen Zusammenkünfte organisatorische Ziele verfolgen, während die bisherigen Versammlungen immer einem bestimmten Zweck der Aguda dienten. Ob nun die Fürsorge der ukrainischen Pogromkinder, oder die Einrichtung von Waisenhäusern, oder das Jammergeschrei der Hungernden Russlands? oder die Notwendigkeit der < Palästina-Arbeit, die Führer veranlasst haben, zu den Massen zu sprechen, immer war es nur ein bestimmter Zweck, der den Appell der Führer und die öffentliche Aussprache erheischte. Die Bedürfnisse der 0 r g a n i s at i o n, welche all dieses in sich vereinigt, haben selten die Veranlassung zu grossen Versammlungen gegeben. Erst jetzt, mit dem Breslauer Beschluss zur Einberufung der Kenessio Gedaulo,. ist das Beuwsstsein in uns wachgerufen worden, dass die Aguda als Selbstzweck genügt, um die Berechtigung zu geben, die Masse zum Eintritt in dieselbe zu bewegen. Weil die Aguda nicht nur praktische Einzelaktionen zu führen hat, sondern auch als Verkörperung eines Ideals Macht und Ansehen erstreben muss, tritt die Leitung der Aguda an die Oeffentlichkeit heran, um sie zur Anhängeschaft aufzufordern. Und weil die Kenessio Gedaulo, wenn sie den Willen der Majorität der Jucienheit und der qualitativ stärksten Gruppe des Judentums bekunden soll, zur Vorbedingung hat, dass sich eben diese ganze Gruppe zur Aguda bekennt, ist heute die Propaganda für dH Agutfa als solche Wik dringertden Notwendigkeit* geworden. Es ist fraglich, m die Rphessio Gedaulo schon imstände sein wird, sich als die Vertretung der gesamten Orthodoxie zu erküren, Weil die organisatorische^ Sünden, die in den letzten Jaweh bedangen Wurden, Sich Schwer m wenigen Monaten gut mä#|J1 lassen. Zu dem kommt noch der Umstand, dass Alhetljca auf der Kenessio ueäaulo nicht genügend Vertreten sein wird, und auch das grosse Judenzentrum Russland infolge der politischen Verhältnis'se nicht Imstande seht wird, veHretungfeh gär Kenessio Gedaulo zu entsenden. Aber wenn aucn die Kenessio Gedaulo nicht in allem vollkommen sein wird, so werden wir derselben zumindest das danken, dass die Vorarbeiten zu derselben endlich energisch in die Hand genommen sind. Aber die Kenessio Gedaulo wird mit Gottes Hilfe stattfinden, und es wird der überwiegende Teil der orthodoxen Judenschaft für sie arbeiten. Sie wird in erster Reihe dem Waad Gedaule Hathauro zur Konstituierung verhelfen, und so wird uns Gelegenheit gegeben, die Ansicht unserer geistigen Führer ascher mipihem onü chaim und ihre Ratschläge zu hören. Das allein erfüllt uns mit Befriedigung und ist Grund genug, uns der Werbearbeit mit voller Hingebung zu widmen. G. Der Stand der Arbeiten des ״Joint Distribution Committee“. Im März 1. J. veröffentlichte das Joint Distribution Committee im Anschluss an einen warme» Appell an die amerikanischen Juden, die Wohlfahrts* aktion weiter zu stützen, einen Bericht über seine Tätigkeit in den acht Jahren seines Bestehens und ein Programm für die weitere Arbeit. Der Joint wurde im Jahre 1914 als Kriegsopferhilfe gegründet und es müsste folglich, drei Jahre nach Friedensschluss, seine Tätigkeit abgeschlossen werden. Die amerikanischen Menschenfreunde, die das ungeheure Werk bewältigten, sind sich aber dessen vollauf bewusst, dass ein plötzliches Einstellen der verschiedenen von ihnen ins Leben gerufenen Institutionen ein furchtbares Unglück für Tausende und Abertausende, deren Existenz von dieser Hilfe abhängt, bedeuten würde. Sie suchen nun eine allmähliche Liquidation"des J. D. C. anzustreben, indem die Leitung des gigantischen Hilfswerkes nach und nach den europäischen Juden übergeben werden soll. Dies wird aber, mit Rücksicht auf die derzeitige traurige wirtschaftliche Lage der meisten europäischen Länder, erst nach einer gewissen Sanierung derselben möglich sein und bis dahin wird das J. D. C, seine edle Arbeit fortsetzen. Um nun dies zu ermöglichen, müssen die Reserven des Joint, die fast erschöpft sind, aufgefrischt werden. Es ist zu bewundern und es kann unseren europäischen wohlhabenden Juden nicht oft genug vorgehalten werden, welche Opferfreudigkeit unsere amerikanischen Brüder zeigen. Nachdem sie im Laufe der acht Schreckensjahre die auch für amerikanische Begriffe horrende Summe von 55,000.000 Dollar aufgebracht haben, gehen sie nun, da dieser Betrag fast zur Gänze seinen Zwecken zugeführt worden ist, daran, eine neue Kampagne einzuleiten, um den Bestand ihrer Wohlfahrtsaktion für die nächsten zwölf Monate zu sichern. Im Voranschlag sind sehen Soldaten der Leutnantsrang unerreichbar war, Juden, die sich mit stolzer Treu als Juden bekannten, zu Generalen zu ernennen, ist doch eines erspart geblieben: er hat, obwohl er ein hohes Alter erreichte, nicht den Sturm erlebt, der sein Reich zertrümmerte. Er starb als Fürst auf dem Thron und an seiner Bahre erscholl die Klage aller seiner Völker.. . . Doch kehren wir von dieser unchronologischen Abschwei- Jung wieder zu Rabbi Juda Aszöd zurück. Wir halten erst bei dem Rabbiner von Rethe. Vier Jahre verblieb Rabbi Juda Aszöd in Rqthe und so klein auch dieser IRabbinatssitz war, verbreitete sich von dort aus der Ruf seiner grossen Gelehrsamkeit in ganz Ungarn. Als im Jahre 1835 nach dem Tode des Rabbi David Deutsch die Gemeinde Vag-Ujhely, die damals eine der grössten und angesehensten im Lande war, einen Nachfolger für ihren berühmten Rabbiner suchte, fiel die Wahl auf Rabbi Juda Aszöd. Doch als die Deputation der Gemeinde bei ihm erschien, um ihm feierlich den Rabbonis-Brief zu überbringen, war diese picht wenig verblüfft, von ihm zu hören, dass er nicht in der Lage sei, der für ihn ebenso schmeichelhaften als ehrenden Berufung Folge zu leisten. Er gab auch offen den Grund an: Ein Traum war es, allerdings unter ganz merkwürdigen Umständen, in welchem ihm sein verstorbener Lehrer, Rabbi Mordechai Benet, erschienen war und ihn beschworen hatte, diese Stelle nicht anzunehmen. Wenige Tage, später erhielt Rabbi Juda Aszöd die Berufung nach Szenitz, einer grossen Gemeinde, die seit vielen Generationen die hervorragendsten Männer unter ihren Rabbinern zählte, eine namhafte Jeschibahs unterhielt und unter deren Gemeindemitgliedern sich zahlreiche Talmudgelehrte befanden. Während Rabbi Juda Aszöds Wirksamkeit in Szenitz war die Jeschibah regelmässig von mehr als hundert Jüngern frequentiert, die den Ruhm ihres Lehrers und Meisters in die Welt hinaustrugen. Wie gross und allgemein anerkannt bereits damals die Autorität Rabbi Juda Aszöds war, dafür sprechen die in seinem Responsenwerke veröffentlichten Zuschriften, die von weit und breit an ihn gerichtet wurden. Mit ehrfurchtsvollem Staunen nimmt der Leser wahr, dass an den noch im jugendlichem Alter stehenden Rabbi berühmte, im Studium und Lehren ergraute. Männer fast in demutsvoller Bescheidenheit herantreten, um von seinem Munde Belehrung und Bescheid in schweren Fragen zu erbitten. Aber mit ehrfurchtsvoller Bewunderung ersieht der Kundige auch aus den Antworten des gefeierten Mannes dessen unermessliche. Gelehrsamkeit, den tiefgründigen Forschergeist und nicht zuletzt auch die Weisheit, die aus jeder seiner Zeilen leuchtet, und die Bescheidenheit, die den frommen Mann bei aller geistigen Ueberlegenheit davor bewahrte, jemals auch nur einen Schatten eitlen Stolzes oder gar verletzenden Hochmuts zu verraten. Mit wahrhaft bezaubernder Liebenswürdigkeit schreibt er vielmehr oft und in seinen Antworten auf Anfragen bedeutender Männer, er begreife nicht, wie er dazu komme, dass eine solche rabbinische Grösse an ihn um Rat und Auskunft herantrete. Mit der geistreichen Anwendung des Satzes: ״Heil dem Zeitalter, in welchem auch die Grossen das Wort der Kleinen beachten“ versucht er oft die ihm erwiesene Auszeichnung in eine Huldigung für den ihn Ehrenden umzuwandeln. Seltsam aber mutet es an, dass sich unter die Korrespondenten, die an Rabbi Juda Aszöd mit einer rituellen Anfrage hcrantraten, einmal auch Dr. Adolf Jellinek, der Prediger der Wiener Kultusgemeinde, verirrte. Die Anfrage Dr. Jellineks bezog sich auf den Fall eines ihm verwandtschaftlich nahestehenden Mannes, der als Kohen eine ״Chaluzah“ ehelichen wollte und die Erlaubnis zu dieser religionsgesetzlich unerlaubten Verbindung durch die Drohung erzwingen wollte, er würde sich sonst, samt seiner Braut, um die Trauung zu ermögichen, taufen lassen. Dr. Jellinek Hess in seiner Anfrage unzweideutig die Meinung durchleuchten, es wäre ratsam, um diesen Abfall zu verhüten, die Uebertretuhg eines rabbinischen Verbotes zu gestatten. Rabbi Juda Aszöd aber gab neben der schlagenden Widerlegung der anderen Argumente Jellineks mit noch grösserer Offenherzigkeit der Ueberzeugung Ausdruck, dass bei einer solchen Auffassung rabbinischer Gebote jedermann unter der Androhung der Taufe den Erlaubnisschein zur Uebertretung eines Issur erpressen könnte. Er empfiehlt schliesslich dem Dr. Jellinek, dem jungen Mann ins Gewissen zu reden, sollte dieser nicht darauf höre» und sich vom Judentum lossagen, nun — so trage er selbst vor Gott die Verantwortung dafür. Interessanter als die vom religionsgesetzlichen Standpunkte aus nur selbstverständliche Antwort Rabbi Juda Aszöds ist aber die äussere Form derselben, in der Takt und Höflichkeit mit der Wahrung des eigenen religiösen Standpunktes vereingt erscheinen. (F. f.) «tyft <fa<jQfgewftl|tem hfl*״* unldtte Tragoäf uff««* k 1. BeilrHi Kgr*t«UM>s«t»3i4 8 CDer