Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1923-04-13 · 15 (13.4.1923) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
15 (13.4.1923)
Date
1923-04-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2629891-2629999-2630013--0915-2632622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 15 JÜDISCHE PRESSE Seite 91 tagen zurückzuziehen. Den judischen Schulern wird nunmehr gestattet werden, an den jüdischen Neujahrstagen sowie am Versöhnungstage der Schule ganz fernzubleiben. An anderen jüdischen Feiertagen sollen sie von jetzt ab zu den schriftlichen Arbeiten in der Schule nicht mehr angehalten werden. EeUland. Agudt-Konferenz dor lettischen Orthodoxen. Am 25. Februar fand in Riga eine Konferenz der „Zirei Agudas Isroel" statt, zu der Delegierte sämtliche»: orthodoxen Gemeinden entsendet wurden. Herr Winterberg eröffnete die Konferenz mit einer Ansprache, in der er als Zweck der einberufenen Versammlung die Rüstung zur Kenessio Gedaulo erklärte, zu der die lettische Orthodoxie organisiert und arbeitsfähig erscheinen soll. Es werden dann Berichte über aktive Aguda- Arbeit, Vereinsschulen-, Bächereigründungen usw. verlesen. In der Debatte wird speziell die Stellung der Orthodoxie zur Palästinaarbeit behandelt. Es wird beschlossen, die lettländische Palästinazenlrale zu reoi'gahisieren und sie zur Arbeit für „Beth wenachloVund „Binjau Haaretz" zu veranlassen. Von den Mitgliedern soll ein „Ercz-Isioel-Schilling* als Beisteuerung zum Palästinabudget erhoben werden. Citaucn. Der Kampf ums jüdische Ministerium. Der Plan, das jüdische Ministerium überhaupt aufzulösen, ist nach langem Kampf fallen gelassen worden. Wenn die Juden Litauens aber glaubten, jetzt sich freuen zu können, so war dies ein großer Irrtum. Jetzt sind sie nämlich erst recht vom Regen in die Traufe gekommen. Zum Minister für jüdische Angelegenheiten ist ein Herr bestimmt worden, der sich weder zum Minister eignet, Doch von jüdischen Angelegenheiten etwas verstehen dürfte. Dieser Herr, ein gewißer Bernard Friedmann, steht sowohl der Orthodoxie als auch den Nationalen vollständig fern. Gegen diese Bestimmung von „oben" kämpfen jetzt fast sämtliche jüdischen Parteien aufs schärfste und der jüdische Minister wird vollkommen desavouiert. Trotzdem verbleibt Herr Friedmann in seinem Amt und hat einen scharfen Kampf gegen seine politischen Gegner angesagt. Als er bei der ersten -Sejm-Sitzung mit ausgestreckter Hand auf die jüdischen Abgeordneten zuging, wandten diese ihm den Rücken zu, was ihm um so peinlicher war, als auch mehrere seiner litauischen Kollegen im Saale zugegen waren. Es ist dies wohl ein einzigartiger Fall, daß ein Minister aufgestellt wird, den keine ^artei unterstützt und der eigentlich richtiger Minister gegen jüdische Angelegenheiten heißen sollte. Rußland. Aus dem ukrainischen Hungergebiet liegen wieder grauenhafte Mitteilungen vor. Zwei Millionen Kinder sind vom Hungertod bedroht. Die ausländische Hilfe, die ihr möglichstes tut, ist nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Das Elend nimmt immer mehr überhand. Außerdem ist der orthodox-jüdischen Bevölkerung in den bolschewistischen Religionsgegnern ein unerbittlicher Feind erstanden. Die religionslose Erziehung der heranwachsenden Jugend ist eines der Hauptpunkte des bolschewistischen Programms und die Vertreter gegenteiliger Ansichten werden rücksichtslos verfolgt und unschädlich gemacht. Rumänien. Die Rechte der jüdischen Gemeinden. Der jüdische Senator Dr. Weisselberg hat im Senat gegen den Regierungsbeschluß, den jüdischen Gemeinden das Besteuerungsrecht zu entziehen, Protest eingelegt. Durch idiesen Beschluß würden die Gemeinden ihrer Existenzfähigkeit beraubt, da sie ihre religiösen und kulturellen Ziele nur dann erreichen können, wenn ihnen das Recht, ihre Mitglieder zu besteuern, offen stellt. England. Die Aguda in England. In Rücksicht auf die bevorstehende Kenessio Gedaulo, hat die englische Aguda beschlossen, sich vollständig zu reorganisieren. Ein neues Zentralkomitee wurde gewählt und alle Zweigorganisationen in London auf eine neue gesunde Basis gestellt. Vom „Board of Deputies". In der letzten Sitzung des „Board"' wurden auch die jüngsten Exzesse in Deutsch-Oesterreich, Ungarn, Rumänien und Polen besprochen. Es wurde der Vorschlag eingebracht, die Aufmerksamkeit des Völkerbundes auf die antisemitischen Ausschreitungen in obenerwähnten Ländern zu lenken. In Sache der Reimlosen in Polen und Rumänien hat das „Board T mit teilweisem Erfolg interveniert. Die Konferenz beschäftigte sich eingehend mit den Religionsverfolgungen in Rußland und beschloß ein diesbezügliches Memorandum zu veröffentlichen. Ferner wurde ein Subkomitee ernannt, dem die Aufgabe zuteil wird, gegen die in letzter -Zeit in England sich mehrenden antisemitischen Hetzpamphlete aufzutreten. Es wurde beschlossen, im Sinne einer Gegenpropaganda einige Broschüren zu drucken, die zur Aufklärung der Massen über das wahre Wesen des Judentums dienen sollen. Auch gegen die in einigen Zeitungen aufgetretene Propaganda gegen die Schechitah wurde energisch Stellung genommen. Orthodoxie im Oberhaus. Im englischen Parlament wurde eine Anfrage an den Kolonien-Minister gerichtet, in der um Auskunft über die Zahl der Immigranten, die allmonatlich nach Palästina eingelassen werden, sowie der Orthodoxen, die an der Einwanderung teilnehmen und ob eine große Zahl der sogenannten jüdischen Kolonisten überhaupt keiner Religion angehören, gebeten wurde. Ormsby Gore erwiderte, der monatliche Durchschnitt für 1922 sei 654, die Gesamtzahl der Kolonisten in Palästina im Februar 1923 sei 25.000. Was die letzte Frage anbelangt, könne er keine präzise Antwort geben, glaube aber nicht, daß irgend ein Jude nach Palästina auswandern würde, wären nicht religiöse Motive mitbestimmend, wenn er auch nicht orthodox sein müsse. Amerika. Das „Jüdische Licht". Unter diesem Titel erscheint in Amerika seit Mitte Schwat eine von Herrn Rabb. Dr, Leo Jung (New York) redigierte ausgezeichnete Wochenschrift in englischer und jüdischer Sprache. Herr Rabb. Dr. Leo Jung, der seit ungefähr einem Jahr in New York die bedeutendste orthodoxe Rabbinerstelle bekleidet, hat nun nebst seiner ausgedehnten Tätigkeit seinen alten * Lieblingsplan, nicht nur mit Wort, sondern auch mit Schrift für die orthodoxe Idee zu kämpfen, verwirklicht. In der kurzen Zeit seiner Existenz hat das „Jüdische Licht" verstanden, die bedeutendsten othodoxen Schriftsteller Amerikas zu sammeln. Die äußere Form des Blattes, das 10 Gent kostet, entspricht seinem gediegenen Inhalte. Agudaleben in Amerika. Die amerikanischen Jugendgruppen haben in Verbindung mit der New Yorker Ortsgruppe in New Grand Street 410 ein neues Agudaheim eröffnet, welches in Anwesenheit vier Delegierter feierlich seiner Bestimmung übergeben wurde. New York. Eine seltsame Geschichte hat sich in Amerika abgespiet. Weizmann hielt eine Konferenz im Zentralhotel. Vor der Ankunft des Gastes entstand eine heftige Diskussion,'ob man ihm eine solche Anfrage wegen der Verletzung des jüdischen » Religionsgesetzes in Palästina stellen soll. Nachdem die Diskussion zu dem Punkt gelangt war, daß man einen Gast mit solchen Fragen nicht behelligen dürfe, erschien Weizmann. Die Diskussion wurde unterbrochen und nicht mehr aufgenommen. Verein der Preßburger in New York. Unter dem Vorsitze Samuel Bettelheims hat in .New York ein KoTnitee getagt, welches die Gründung eines Vereines: „Preßburg and vicinity" beschlossen hat. der nicht allein aus Leuten aus Preßburg und Umgebung bestehen, sondern auch gewesene Preßburger Bachurim zu Mitgliedern haben wird. Zu den Initiatoren des Vereines zählen noch der Assistent general attorney Dr. Büchler, Rabbi Neulander, Rabbi Schachter, Fabrikant Alfred A. Frankl, der Arzt Dr. Weiß, Rabbi Leborus und andere. TSCHECHOSLOWAKEI. Freudenpforten. (Das Maggidus-Werk des „Schewet Sofer".) Von Jacob Joel Braun. Ein stattlicher, mehr als 700 Seiten starker Band liegt vor uns. Er trügt in schönen Goldlettern den Titel nhÖtt? "HJ^ an der Stirn und Rabbi Simchoh B u n o m Schreiber der „Schewet Sofer" ist sein Verfasser. Die Pietät des Sohnes und Amtsnachfolgers in der Preßburger Rabbinerwürde hat damit einen kostbaren Schatz, den sie bisher liebevoll gehütet, dem ganzen jüdischen Volke zum Geschenke gemacht, auf daß es sich sonne an seinem Glänze und sich erwärme an der Feuerglut der Thora, die von ihm ausströmt. .,Pforten der Freude" nennt der Herausgeber das Maggidus-Werk seines großen Vaters in. Anlehnung an den Namen des Verewigten. Pforten der Freude sehen wir aber auch deswegen in ihm, weil darin Seite um Seite Avahre, innige Freude an der Erforschung des Thorawortes aus seinem goldenen überströmenden Herzen emporquillt. Diese Pforten sind nun weit geöffnet und ein jeder, der schlürfen will aus der „Quelle des Lebens" mag eintreten und in vollen Zügen genießen. * „Maggidus" ist jene Gattung unseres reichen Schrifttums, die neben dem Geist, dem gründlichen Wissen, der tiefen Frömmigkeit und dem unbeirrbaren W a h r h e i t s d r a n g auch die seelische Struktur, das G e m ii t, die ganze Lebensstimmung des Verfassers deutlich offenbaren läßt. Sie versteht es — ist sie auf der Höhe ihrer Aufgabe — an der Hand des Bibeltextes und der Lehren unserer Weisen im Wege des „Derusch" uns in den Bann des Verfssers zu ziehen, unser Denken u n d Fühlen zu umfangen und mit wunderbarer Gestaltungskraft in uns die gleiche Stimmung zu wecken, die den „Maggid" beherrschte, als er sich in seinen Text versenkte und ihn auf sich wirken ließ. Deshalb auch sind Chiddusche Agodoh die Erfüllung von Ben Bagbags Forderung: J"Q ^SUl PD *j£n |"Q PDD*! (Wende das Thorawort und wende es immer wieder, denn alles ist in ihm enthalten). Kein Gebiet jüdischen Wissens, jüdischen Wollens, jüdischenSollens, jüdischer Freude, jüdischen Leids, jüdischen Denkens und jüdischen Fühlens, das nicht durch das Medium des Maggidus, der ewigen Erneuerung der Agodoh, der PffJK ,tynrf' seinen Ausdruck fände, seine Verliefung und Erweiterung erführe. Betrachtet man' die großen halachischen und talmudischen Werke der ragenden Geister unserer Literatur, wie leicht könnte man da in den Irrtum verfallen (wie es zum Beispiel Grätz, Loew und selbst Lunz ergangen ist) in den großen Männern des Judentums zwar Gelehrsamkeit und Scharfsinn, Verstandesgaben und Ideenreichtum zu bewundern, indessen jede Äbrundung einer geschlossenen Persönlichkeit, jeden Zauber einer. verinnerlichten Eigenart, das Herz hinter dem Kopfe, den xMenschen hinter dem Geiste zu vermissen, die Poesie über, die Forschung zu übersehen, die Melodie über den Text zu überhören, den Sabbat über den Alltag zu vergessen. H a 1 o c h o h und die Novellistik der Halochoh-Forschung, das C h a r i f u s, sind eine Wissenschaft strengster, absoluter Objektivität. Sie stehen gesondert und ganz unabhängig von der Person des' Denkers da. Sie verzichten auf alles Beiwerk und setzen sich über jede kunstvolle Formengebung hinweg, wenn der Denkstoff sie nicht von selbst aus sich heraus diktiert. Sie kennen nur eine Kritik, eine Gewalt, der sie sich willig beugen: den E m e s, die Logik des möglichen Eines. Agodoh und. ihre Novellistik, das M a g g i d u s, sind leichter geschürzt, sind anpassungsfähiger und lassen der S u b j e k t iv i t ä t einen sehr breiten Geltungsraum. Sie werden Ausdrucksform des thoragesättigten Geistes, wenn er Flügel bekommt und in Regionen umherschwebt, wo das G-tteswort in tausend Farben schillert. Sie tragen das ganze Gepräge der Persönlichkeit an sich, zeigen uns deutlich, was ihn anregt, was ihn innerlich bewegt und setzen uns in nahe Beziehungen zu der Welt, die i n i h m lebt und schafft. Ihr Kriterium ist die Wahrhaftigkeit der Gesinnung, die fromme G-ttesfurcht, die sich mitteilen will und die Schönheit der Form, die um unser Wohlgefallen wirbt. Was Halochoh und Charifus aus dem G-ttesAvovt ergründet und erforscht haben, das führen uns Agodoh und Maggidus nahe ans Herz heran und lassen es auf unsere Impulse wirken. So ergänzen beide Offenbarungsarten einander und vereinigen sich in der Person des jüdischen Geistesfürsten und in seinem literarischen Schaffen zu einer unteilbaren Einheit ,von vollendeter Schönheit. Wollen wir aber unsere großen Wegweiser ganz verstehen, so müssen wir außer ihren objektiven Lebenswerken in den meerestiefen Schächten der Halochoh auch ihr geistiges Schaffen auf den Schwingen der Agodoh in uns eindringen lassen. Wie Großvater und Vater, der Chasam Sofer und der K e s a w Sofer iriit ihren unvergänglichen Werken auf dem wogenden „Meere des Talmud" und der Responsenliteratur dem Enkel als leuchtende Vorbilder vorangegangen waren, wie sie es nicht verabsäumt hatten, in phänomenalen Agodoh-Werken uns Einblick in ihre Seelenwelt zu gewähren, so hat auch der Enkel der Schewet Sofer, neben umfangreichen talmudischen Werken und zahlreichen halachischen Responsen, in dem vorliegenden Chibbur einen Teil dessen schriftlich niedergelegt, was er im Anschluß an biblische und midraschische Stellen seinen Zeitgenossen und der Nachwelt mitzuteilen hatte. Freilich bedeutet das nunmehr aus seinem Nachlasse veröffentlichte Werk gewiß bloß einen geringen Bruchteil der Chiddusche Agodoh, die er in den Jahrzehnten seiner Geistesarbeit ersonnen und öffentlich vorgetragen hat. Mit Recht weist der Herausgeber in seiner schönen Vorrede darauf hin, daß es geradezu erstaunlich sei, wie der Verfasser bei seiner ausgedehnten Lehrtätigkeit an der Jeschiwa, der er vorstand, und bei der regen Anteilnahme an den aufregenden Kämpfen seiner Zeit zur Wahrung der Interessen des Judentums, noch Zeit und geistige Spann- Thopatreue Juden _ Tretet der Agudas Jisroel als Mitglieder bei sichert cacr Wohlrcdif zur Kenessio Cedanlo ■ \ h TtkJ f;j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.