Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 15 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 JÜDISCHE PRESSE Seite 89 schungsdrang zurückgestoßen werden nur darum, weil sie Juden sind. Und Bewunderung und Verehrung ist diesen Menschen zu zollen, die sich nicht unterkriegen lassen, die immer wieder anfangen sich das Wissen trotz allen Schwierigkeiten und Hindernissen anzueignen, die in ihren heiligen Schriften, in der Thora und im Talmud, unversiegbare Quellen der Wissenschaft und Geistigkeit suchen und rinden und mithelfen den jüdischen Namen stark und berühmt zu machen. Zu bewundern sind sie, die auf des Allmächtigen Hilfe bauend, ihren Feinden trotzen und immer und immer wieder in diesem Zeichen siegen. Von einem Akademiker. Die Jeschiwa alsErziehungsanstalt. Die in den letzten Jahren auf dem Gebiete der Reorganisation des modernen Schulwesens vielfach angestellten Versuche und teilweise auch Neuerungen haben, soweit sich bisher die Sachlage überblicken läßt, ungünstige Ergebnisse gezeitigt. Die Ursache dieses Mißerfolges, den nun selbst auch die Vertreter des Schulreformgedanken langsam einzusehen beginnen, liegt darin, daß; die erste für die gedeihliche Entwicklung der Schule unerläßlich notwendige Vorbedingung „die Stärkung des innerlichen Zusammenhanges zwischen Haus und Schule" in den meisten Fällen nicht erreicht wurde. Es hieße aber auch anderseits den bestehenden Tatsachen in jeder Hinsicht Abbruch tun, wollte man die hier schwer ins Gewicht fallende Tätigkeit der Elternvereinigungen niedrig einschätzen oder sich gar etwa von der Nutzlosigkeit derartiger Institutionen überzeugen lassen. Denn die von den Elternvereinigungen im Laufe eines Zeitraumes von beinahe drei Jahren auf den verschiedensten Gebieten pädagogischer, sozialer und humanitärer Natur geleistete vielseitige Arbeit hat gewiß unsere Schule um ein großes Stück auf der Bahn moderner Entwicklung weitergebracht, zugleich aber in deutlicher Form bewiesen, daß diese Tätigkeit, sofern sie auch vom allgemein pädagogischen Standpunkte immerhin begrüßenswert erscheinen mag, bloß den allgemeinen Verhältnissen Rechnung getragen hat, die speziellen Bedürfnisse einzelner Kreise und Schichten jedoch gänzlich unberücksichtigt ließ. Die durch das gemeinsame Zusammenwirken zwischen Elternschaft und Jugendbildnern gebotene Erziehungsarbeit dürfte zwar wohl weiteren Kreisen die harmonische Vollendung ihrer erzieherischen Aufgaben bedeuten, keineswegs aber in der gegebenen Form den berechtigten Wünschen und Erwartungen der breiten Schichten der jüdischen oder vielmehr auch jüdisch denkenden Elternschaft entsprechen. Selbst die konfessionelle Schule, das Ideal der jüdischen Zukunft, das heute bei uns durch den Druck der Verhältnisse leider bloß zu einem Abstraktum gestempelt ist (von den vereinzelt dastehenden konfessionellen, Schuleinrichtungen sei hier abgesehen), würde trotz Aufbietung aller zu Gebote stehenden Mittel, trotz Anspannung aller Energien, bei weitem nicht imstande sein, die schweren Wunden, welche die allgemeine Schule im Laufe der Entwicklung am Körper des jüdischen Volksganzen geschlagen hat, vernarben zu lassen, geschweige denn auf Grund solcher Voraussetzungen es zu Wege bringen, die jüdische Jugenderziehung auf eine derartige Basis, zu stellen, welche die konsequente Durchführung aller sich aus der Bejahung des streng .traditionellen Standpunktes ableitenden Fragen mit den Grundprinzipien moderner Pädagogik in harmonischen Einklang bringen ließe. Der einzige, hinlänglich mögliche Ausweg aus diesem Dilemma der schädigenden allgemeinen Schule und mangelhaften konfessionellen. Schule ist und bleibt — die Jeschiwa. Die Lösung dieses heute nicht minder aktuellen Problems, von der pädagogischen Seite aus beleuchtet, zu skizzieren,, sei in folgenden an Hand einiger historischer Bemerkungen in großen Umrissen versucht. Der Jeschiwa-Gedanke ist alt. Schon im alten Israel, in den ersten Epochen des Babylonischen Exils sehen wir ihn bereits greifbare Formen annehmen. Die Jeschiwa ist vor allem Schule. Schule in des Wortes schönster Bedeutung. Zentrum aller nach dem geistigen Mittelpunkte des jüdischen Volkes, der Thora, gravitiei enden Bestrebungen, Ausgangspunkt der sich über den ganzen Erdkreis erstreckenden, großen, weltgeschichtlichen Berufung des jüdischen Volkes unter den übrigen Nationen.« Wohl hat das jüdische Volk während seiner 2000jährigen Goluswanderung Schule genug gemacht, seinen heiligen Erziehungsjdealen hat es aber immer unverbrüchliche Treue bewahrt. Durch die finstere Nacht des Mittelalters bis an die im Glänze der aufgehenden Morgensoane anbrechende Neuzeit. Und hat auch die Neuzeit in ihren späteren Entwicklungsphasen unter dem Eindrucke der mächtig anschwellenden Reformbewegung die altehrwürdigen Pflegestätten jüdischen Wissens teilweise veröden lassen und dem alt überlieferten Judentume seine Lebensbedingungen abzuschneiden gesucht, so ist es einzig und allein dem energischen Auftreten der sich des Ernstes der Situation bewußten Bannerträger des glaubenstreuen Judentums zu danken, daß das von den Reformen schon längst totgeglaubte orthodoxe Judentum sich in voller Blüte entfalte und das alte Reis in Israel, seine unvergängliche Lehre, von neuem wieder aufsproßte. Für Dezenien haben diese Hüter der Tradition in weiser Voraussicht der kommenden Dinge vorgesorgt, die Erkenntnis, daß die Jeschiwa einen wichtigen Lebensnerv in der Konstellation des jüdischreligiösen Lebens bilde, praktisch in die Tat umgesetzt, die Jeschiwa zu einem festen Horte des wahren Und unverfälschten Judentums ausgestaltet. Erst der Weltkrieg hat wieder in dieses Bollwerk jüdischer Lebensauffassung eine Bresche geschlagen. Wiederum mußten die Hallen, in denen G-tteswort verkündet wurde, ihre Pforten schließen. Erst die große Katastrophe des Jahres 1918 und die darauffolgende Nachkriegsperiode haben die ungeheure Notwendigkeit der Jeschiwa wieder in das rechte Licht zu rücken gewußt. Es erübrigt sich noch heute in unseren von den hochgehenden Wogen der Zeit stürmisch umbrandeten Tagen, in denen unter dem Eindrucke der Nachkriegserscheinungen, die Demoralisation ungeheure Kreise zieht, in denen die Areligiösität und Unkenntnis des Gesetzes innerhalb der jüdischen Jugend nie geahnte Dimensionen annehmen, in denen unzählige, unschuldige, junge, jüdische Menschen schon der erschwerten Lebensbedingungen halber rücksichtslos der Erziehung der Straße überantwortet werden, noch näher den hohen moralischen Wert der Jeschiwa zu betonen. Die Jeschiwa ist nicht bloß alleiniger Konzentrationspunkt' intensivsten Studiums, sie hat auch den Erfordernissen der Zeit Rechnung tragend, dem brennendsten Punkte in der Entwicklung der heranwachsenden jungen Generation, der Erziehung weitgehendste Aufmerksamkeit zugewendet. Sie, die in dem dumpfen Alltagsgetriebe der an Gefahren und Versuchungen reichen Großstadt bloß den geringsten Teil des Tages der Obhut ihrer Eltern anvertraut sind, stehen hier während ihrer ganzen Beschäftigung unter der wohlwollenden Beaufsichtigung ihrer verehrten Meister. Auch sie, die tagsüber über die großen Follianten sitzen, kehren nicht weltfremd ins Leben zurück. Auch sie verstehen es, den großen Ernst und die zahllosen Bitternisse der menschlichen Erden wallung vollauf zu begreifen. Sie kehren zurück, geläutertem Herzen, seelisch gefestigt, als aufrechte und gesinnungstüchtige Menschen und nicht durch die ungesunde Atmosphäre verkümmerte Geschöpfe. Den Jeschiwa-Gedanken in die breiten Massen zu tragen, ihn volkstümlich und zum Gemeingute des. gesamten glaubenstreuen Judentums zu machen, das wäre wohl eine der Aufgaben unserer nächsten Zukunft. S. Der derzeitige Stand des Jüdischen Hilfswerkes der Agudas Jisroel. Seit zwei Jahren glaubte man täglich die höchste Stufe des jüdischen Elends in Wien zu sehen. Doch bedauerlicherweise erfahren wir immer am nächsten Tag, daß es noch viel ärgeres gibt. So hat gerade heute das Elend solche Formen angenommen, wie es sich kein Mensch je vorher gedacht hat. Wohl handelt es sich nicht um solche hilflose Massen wie man sie in den Kriegsjahren sah, aber gerade damals war es leichter, helfend einzugreifen, weil es sich nicht um verborgene, sondern klar zutage liegende Fälle handelte. Jetzt ist das Elend vornehmlich dort eingezogen, wo man noch vor kurzer Zeit Wohlstand sah und die Fälle mehren sich, daß man allgemein von solchen Unglücklichen annimmt, sie leben in guten Verhältnissen, während nur die Eingeweihten von deren Hunger und entsetzlichen Entbehrungen etwas wissen. Es liegt naturgemäß im Wesen der Sache, daß hier die offene Fürsorge ein viel schwierigeres aber um so berücksichtigenswertes Gebiet hat. Die' individuelle Methode zur Linderung dieser versteckten Not, stellt an das Taktgefühl der für das Fürsorgeamt des Jüdischen Hilfswerkes verantwortlichen Personen hohe Anforderungen, da der persönliche Kontakt im gewissen Sinne bei einer Massenaktion in den Hintergrund gedrängt wird und der Amtscharakter vielfach unvermeidlich erscheint. Nicht minder einfach gestaltet sich die Jugendfürsorge. Insbesondere in diesen Fällen, wo es sich wegen Platzmangels nicht um solche Kinder handelt, die der ständigen Obr sorge von einem der Waisenhäuser anvertraut sind. .Die Krankenfürsorge ist in dieser Hinsicht wesentlich primitiver, während anderseits bedeutend größere Belastung der finanziellen Mittel zutage tritt. Das Gros der in Wien weilenden Juden, beziehungsweise die Zu- und Durchreisenden müssen als Angehörige fremder Staaten täglich Spitalskosten von zirka K 100.000 tragen. Bei Eintritt müssen sie für einen Monat vorauszahlen und man stelle sich die verzweifelte Situation eines Kranken vor, der vom Professor, der in jedem Spital kostenlos untersucht, als hoffnungslos bezeichnet wird, falls er nicht einer sofortigen Operation unterzogen wird. Jedermann weiß, welch unaussprechliche Tragik solch ein ärztlicher Ausspruch auslöst und man wagt es gar nicht, sich vorzustellen, zu welchem Martyrium so ein Unglücksmensch verurteilt ist, der nicht K 100.000, geschweige denn die enormen Monatsgebühren zu erlegen hat. Die offene Fürsorge ist nichtsdestoweniger der kleinere Teil der Leistungen des Jüdischen Hilfswerkes, da man sich in der Leitung bewußt ist, daß diese Art Wohltätigkeit nicht sanieren kann und daß nur Institutionen von bleibendem sozialen Wert bahnbrechende Aenderungen schaffen können. Die erste Stufe bilden die Waisenhäuser, von welchen das in Baden, Germergasse 48, schon des öfteren an dieser? Stelle rühmlich genannt wurde. Es beherbergt derzeit 50 Knaben, die in jeder Hinsicht dank aufopferungsvoller Pflege prächtigst gedeihen. Das Erzherzog Rainersche Wirtschaftpalais in Baden, Epsteingasse 10, wird binnen kurzem baulich soweit renoviert sein, daß an die Belegung mit Waisenmädchen geschritten werden kann. Vorderhand sollen 150 Betten aufgestellt werden. Das Internat für verlassene Knaben, Wien, III., Schimmelgasse 6, verdient wegen seiner besonderen Eigenart ganz exzeptionelle Würdigung. Sowohl die transitorische als auch stationäre Frequenz desselben beweist am sinnfälligsten seine eminent wichtige Bedeutung für die Erziehung der in Verwahrlösung geratenen Jugend. Die Tendenz, in erster Reihe zu produktiver Arbeit fachmännische Ausbildung zu geben, kann zweifellos als die glücklichste Idee hervorgehoben werden, die schon bei der Leitung des Jüdischen Hilfswerkes der Agudas Jisroel selbst Schule gemacht hat. Es wurden nämlich nicht nur die Jüdischen Lehrwerkstätten in Angriff genommen, sondern . auch im Elisabeth-Lehrmädchenheim, das unter mißlichen finanziellen Verhältnissen litt, wurden zwei große Werkstätten errichtet, die nicht bloß Gleichgewicht im Haushalt schaffen sollen, sondern zu handwerklicher Ausbildung der Mädchen dienen. Die Herren Altmann und Schrötter verdienen in diesem Zusammenhange mit Anerkennung und Dank genannt zu werden. Es dürfte von großem Interesse sein, zu hören, daß Hand in Hand mit dieser » Neueinrichtung der Küchenbetrieb radikal umgewertet wurde, indem alles streng koscher und unter Aufsicht des Ehrwürdigen Herrn Oberrabbiners Fürst gestellt wurde. Von der jüdischen kulturellen Bedeutung abgesehen, ist hiedurch . eine breite Basis geschaffen worden, die es jedem Mädchen, selbst' aus der frömmsten Familie ermöglicht, des Segens der Anstalt teilhaftig zu werden. Die Jüdischen Lehrwerkstätten selbst werden'intensiv ausgebaut und erfreuen sich in allen Kreisen der Judenschaft und Behörden Wiens steigenden wärmsten Interesses. St. Roh. Aufgaben der Agudas Jisroel in Erez Jisroel. . Jn einer für Neuschöpfungen nicht eben günstigen Zeit hat gegenwärtig in Erez Jisroel die schwere, aber bedeutungsvolle Arbeit der Neubelebung des Agudas Jisroel-Gedankens, die Organisierung der ghmbenstreuen Juden des alten und neuen Jischuws unter dem Banner der Agudas Jisroel eingesetzt. Unsere Gesinnungsgenossen in Chuz-Laarez können Schwierigkeit und Bedeutung dieser Arbeit nicht genügend würdigen, wenn sie nicht ein getreues, ungeschminktes Bild der gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Lage in Erez Jisroel im allgemeinen besitzen. Wir wollen hier nicht dem Beispiele der Exponenten und Reklameschreiber des jenseitigen Lagers folgen und der jüdischen Welt in Chuz-Laarez eine rosafarbene Brille vor die Augen setzen, durch welche sie die Verhältnisse im Erez Hakdoschah in einer parteipolitischen Färbnng und Aufmachung sehen würden, die den Tatsachen leider nicht entspricht und die nur jene bitteren Enttäuschungen bei gelegentlichen Besuchern und Neueingewanderten zeitigt, unter deren Folgen jetzt der größte Teil der jüdischen Bevölkerung hierzulande so schwer leidet. Unser Situationsbericht fußt auf nüchternen, von allen Eingeweihten festgestellten Daten und Tatsachen. Nie in der neueren Zeit hat Erez Jisroel eine schwerere wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Krise durchgemacht, als es die momentane ist. Geldmangel, Arbeits- und Geschäflslosigkeit lasten schwer auf allen Gebieten des Gewerbes, auf Kaufmannschaft, Unternehmern und Arbeiterschaft, was durch ein panikartiges Gefühl der Unklarheit und Unsicherheit in der äußeren und inneren politischen Lage noch verschärft wird. Der Geldmangel ist zum nicht geringen Teile einer verfehlten, kurzsichtigen Finanz- und Wirtschaftspolitik des gegenwärtig die Zügel haltenden Systems zuzuschreiben. Durch forcierte, spekulative Bodenkäufe, durch mit gewagten Transaktionen durchgeführte fieberhafte Bautätigkeit, die auf einen rapiden Aufschwung der Bevölkerungszunahme und des wirtschaftlichen Lebens in Erez Jisroel rechnete, sind riesige Kapitalien festgerannt, ungeheure Summen in arabische Hände geraten, aus denen das Geld nicht wieder zu Juden zurückkommt. Die Banken haben plötzlich die für Bauten präliminierten Kredite eingestellt, an vielen Orten mußte die Bautätigkeit unterbrochen werden, die Unternehmer haben ihr bereits darin investiertes Vermögen stecken, Arbeiter erhalten seit Monaten keine Löhne und fristen durch verzweifelte Kredite ihr Dasein, Tausende von Handwerkern und Chaluzim treiben sich arbeitslos im ganzen Lande herum, verzweifelt ■■ ^_ aus dauergewelltem NaturnH4lAlf £*rf*ftmifrlr Kärntnerstraße 8 ■JAPilCK611 "aar, garantiert unsichtbares |f|lfl|||| %f1||II (Der Eingang in das » ^1 I Tragen, liefert kurzfristig RUUVI1 t^UMM Geschäft um die Ecke.) i