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Jüdische Presse · 1923-08-21 · Sonderausgabe 4 (21.8.1923) · page 6

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
Sonderausgabe 4 (21.8.1923)
Date
1923-08-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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270 JÜDISCHE PRESSE 4. Sonderausgabe gearbeitet. Man dringt in die Synagogen hinein und vertreibt die Andächtigen. In Ostasien ist man in die :Synagogen eingedrungen und hat die Thora zerrissen. Aber noch mehr. Lächerliche schmähliche Komödien werden auf geführt. Es werden gegen die geheiligten Begriffe, Prozesse geführt, man ernennt einen Präsfdenten, den Staatsanwalt, den Verteidiger, und klagt den lieben G־tt selbst an. In einer Zeitung habe ich gelesen, dass ich bei einem solchen Prozess als Verileidiger funktioniert habe; das ist natürlich nicht wahr, so etwas ist eine lächerliche Lüge. Ich will nicht untersuchen, wer in letzter Linie die Schuld trägt an diesen Dingen. Ich weiss nicht, ob die Sowjetregierung daran schuldig ist. Tatsache aber ist, dass davon unsere jü- :dischen Brüder am meisten betroffen sind. Und die!Schuldigen sind ebenfalls unsere Brüder. Vielleicht!kann man sie unsere Brüder nicht mehr nennen, aber :jedenfalls sind sie Sölme unseres Volkes. Wenn aber auch* die Urheberschaft dieser Tatsachen auf die Sowjetregiennig zurückzuführen ist, so glaube ich jedenfalls, dass keine besser veranlagten Mitglieder dieser Regierung mit diesen Ausschreitungen einverstanden sind, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein geistig gebildeter Mensch an solchen Torheiten, an einem solchen Wahnsinn, Gefallen finden könnte. Er muss einsehen, dass man den Glauben an G־tt njeht . mit Gewalt austreiben kann. Die Führer dieser Bewegung gruppieren sich in einer eigenen, sogenannten jüdischen Sektion — Jawsektia genannt. Diese Sektion war. ursprünglich allmächtig in Russland. Sie bekam Geld von der Regierung und hat damit getan was .ve wollte. Dann kam ein anderer Wind, vielleicht hat sich die Regierung auch geschämt und die Gelder wurden der Sektion entzogen. Dafür bekamen sie aber aus Amerika die Geldmittel und mit dem Gelde der jüdischen amerikanischen Juden wurden Verfolgungsaktionen der Sektion bezahlt. Der Joint ist dagegen nicht eingeschritten. Ich hoffe aber, wenn der Joint darauf aufmerksam gemacht werden wird, er dagegen emschreiten wird. Man ist sogar am Pessach abends in die jüdischen Häuser eingedrungen und da waren es gerade die christlichen Arbeiter, welche die Juden gegen diese Sektionsmenschen in Schutz genommen haben. ׳ Das erste Gefühl beim Empfange soldher Nachrichten ist das Gefühl der tiefsten Beschämung darüber, dass so etwas in unserem Volke möglich ist. Es ist gestern hier von der Abstellung des Echo gesprächen worden. Ich möchte sagen, das Echo dieser Sache ist für unser Volk viel gefährlicher, Man schiebt itns ohnedies den ganzen Bolschewismus in die Schuhe. Mit Unrecht wie jedfer weiss. Aber diese religiösen Verfolgungen in Russland sind geeignet, 1111s e r e n R u f in der Welt vollständig zu zerstören. E_s gilt unseren Ruf zu retten und das ist vielleicht der Hauptgrund, warum ich heute diese Recle halte. Wir sind hier eine Weltversammlung der orthodoxen■ Juden und wir wissen, dass wir den grössten Teil des jüdischen Volkes, siebzig bis achtzig Prozent aller Juden hier vertreten. Die'Welt aber hat ein anderes Urteil. Ich habe dieses Urteil von einem hervorragenden Menschen, der kein Antisemit ist, ge-' hört,'und der sägte: D i e J u deiis in d das ir r e 1 igiös.este Volk der Welt. Verstehen Sie, was das heisst? Wir, die wir zuerst G-tt erkannten und ihn der anderen Menschheit brachten, wir, das Volk der Erkenntnis G־ttes, wir werden beschuldigt, dass wir ein areligiöses Volk sind. Der grösste Teil* des heutigen Antisemitismus ist auf solche Urteile zurück- Zufuhren. Schaffen wir diese Tatsachen aus der Welt, damit die Leute nicht glauben, wir seien irreligiös und der Antisemitismus wird erträglich werden. Man hat' der Welt gesagt, und sie glauben lassen, dass die Juden ungläubig seien, und daher stammt die Feindsebaft auf die Juden. Darum ist es notwendig, dass wir vor aller Welt einen lauten Protest gegen diese Dinge erheben, die sich in Russland abspielen und unsere Entr ii s t u'11 g a u s s p r e c 11 e n. Nicht allein über das, was uns dort angetan wird, sondern was allen glaubig en Menschen in Russland geschieht, denn hier hört jeder Unterschied auf. Wenn ein Mensch, er mag glauben was er will, in seiner Seelensehnsucht nach G-tt und G-ttesdienst, gehindert wird, so tut ihm das genau so weh, wie es Uns wehe tut. 'Ich scliliesse mit einem Appell. In erster Linie an die Regierung von Sowjetr.ussland, sie möge der Stimme der Scham, die wahrscheinlich auch in ihrem Herzen vorhanden ist, Gehör schenken und diese Skandale abschaifen. Wenn sie sich nicht um den letztem Rest ihres Rufes bringen will. Wir müssen auch im Verein mit der ganzen Menschheit, insoterne sie an G-tt glaubt, unserem Schmerze über dieses Geschehen Ausdruck verleihen. Einen Bestand werden ja diese Verhältnisse nicht, haben. Denn es gibt kein Auflehnen gegen G-tt und wenn die Leute gjauben, dass das Einsperren von Juden, Christen und Mohammedaner ihnen etwas nützen wird, und wenn sie eine neue Generation erziehen wollen, die an G-tt nicht glaubt, so wird doch der Tag kommen, an dem in diesen jungen Leuten, die Sehnsucht nach G-tt entstehen wird und sie sich an die Lehrer mit der Frage wenden werden: Was habt ihr uns getan, was habt ihr uns genommen! Die ewige Sehnsucht und der; Glaube an G-tt, die Notwendigkeit der Menschen, ihm zu dienen und alles nach ihm einzurichten, lassen sich nicht unterdrücken. In diesem Empfinden bitte ich Sie, mit mir übereinzustimmen in dem Gedanken, dass alle Mensehen, die an G-tt glauben, nicht weiter unterdrückt wer den dürfen. Im Vertrauen darauf, dass diese Leiden bald ein Ende finden ,werden, finden wir unseren Trost E8S3E8 Vom Tage S383SB Der Kenessio-Sabbath. Der älteste Rabbiner Polens, Oberrabbiner Perlmutter, hat sich trotz seines hohen Alters zum Worte gemeldet. Er hat sich verpfliohtet gefühlt, vor dem Plenum den Dank aller Gäste für den wunderbaren Sabbath auszusprechen, den die Wiener Allen geboten ■haben. Wir sagen die Wiener, weil es den Familien, die kein Opfer gescheut haben, um den hunderten Rabbinern, die diesen Schabbos in Wien verbracht haben, zu zeigen, dass sie es wissen, was das thoratreue Judentum auch in Wien den Thoragrössen des Ostens verdankt, widerstreben würde, ihren Namen hier gedruckt zu sehen. Die Protokolle der Kenessio werden sie verewigen, weil Oberrabbiner Perlmutter mehr von inneren Gefühlen geleitet war und nicht aus Rücksichten, die wir zu wahren haben. Die innere Annäherung zwischen Ost und West wurde bei den Sohabbos-Mahlzeiten, an welchen ein Ghofez Chaim, der Gerer Rebbe, Rabbi Ojser Grodzenski, der Sokolower lind der Lubliner teilgenommen haben, mehr gefördert als mit so und so viel Resolutionen und Artikeln, die am Papier bleiben. Wir hoffen, dass die erste Kenessio Gedaulo auch auf diesem Gebiete Schule machen wird. Es waren die exponiersten Agudiisten, die auch bisher für die Aguda die grössten Opfer gebracht haben, die ihre Häuser weit und breit für die Aufnahme der Gäste geöffnet haben. Nicht alle Agudisten int Wien haben sich so sehr beeilt, um ihre Pflicht zu erfüllen upd jetzt haben sie das Nachsehen, denn das soll doch zu ihrer Ehre gesagt werden, die grossen Führer der Orthodoxie, die Heroen der sThora würden sie gerne zu ihren Gästen gezählt haben. Wir wissen nicht, wo die nächste Kenessio Gedaulo stattfinden wird. Doch möge die Lehre, die die Wiener gewonnen halben, auch für jene zugute kommen, die die zweite Kene-ssio ,Gedaulo zu beherbergen die Ehre haben werden. Mitteilung der Redaktion. Durch ein Missversländniss wurde die gestern veröffentlichte Liste der gewählten Delegierten als Präsenzliste betitelt. Die Liste, ist nur die Liste der gewählten Delegierten und nicht der * an der Kenessio Gedaulo teilnehmenden Delegierten. Der Notschrei aus dem Rheinlande. Die Bedrängnis der orthodoxen jüdischen Institutionen in Deutschland hat durch den rapiden Marksturz eine weitere Verschärfung erfahren. Wir veröffehtliehen nachfolgend abermals den Notruf des Rheinländischen Vereines und erklären uns bereit, eingehende Spenden ihrer Bestimmung zuzuführen. _A_־u.fr־ULf I Infolge der katastrophalen Geldentwertung, unter welcher wir in Deutschland zu leiden haben, sehen wir uns gezwungen, an unsere Glaubensgenossen im Ausland mit der Bitte heranzutreten, unsere Vereinskasse zu unterstützen. Der Zweck unseres, seit über 20 Jahren segenjsreich wirkenden Vereins ist die Erhaltung des traditionellen Judentums im Rheinland. :Wir haben zwei Rabbiner angestelit, die ׳unausgesetzt im Sinne des gesetzestreuen Judentums wirken. Wir leisten den kleinen Landgemeinden ideelle und finanzielle Beihilfe, wo solche erforderlich ist. Wir sorgen dafür, dass die notwendigen Gemeindemstitutionen errichtet und erhalten bleiben, wir sorgen ferner dafür, dass die Jugend auf dem Lande Religionsunterricht erhält. Wir geben Stiper!- dien zur Vorbereitung auf jeglichen Beruf. Kurz, unser Verein leistet für jüdische Gemeinden und einzelne dasjenige, was zur Erhaltung der jüdischen Institutionen nötig ist Unsere literarische Tätigkeit, durch die wir den ethischen und religiösen Inhalt des Judentums zu verbreiten suchten, müssten wir i bereits aus Mangel an Mitteln eingehen lassen. Ein Altersheim für die Rheinprovinz konnte infolge der Geldentwertung nicht errichtet werden. Glaubensgenossen! Wir stehen am Ende unserer finanziellen Leistungsfähigkeit und müssen unsere Beamten entlassen, wenn uns nicht vom Valutastarken Ausland Hilfe wird. Helft uns unsere idealen Ziele zu verfolgen!! Spendet reichlich! Spendet schnell! Der Vorstand des Vereines für jüdische Interessen Rheinlands, Köfp, Hohenstaufenring 14. M. L. Munk, Vorsitzender. S. Griinfeid, Rendant. י Obigen Aufruf empfehlen wärmsfens aflen Glaubensgenossen. Bratislawa, 1. Tamms 5683. Für die orthodoxe Landeskanzlei Oberrabbiner Koloman Weber, Präses. Oberrabbiner Simon Hirschler, Vizepräses. Die Administration der ״Jüdischen Presse“ In Bratislawa nimmt Spenden für obigen Zweck gern entgegen. IfacliRIflnge 00m Badener Sammeltag. Eiieser, der Rabbi, verteilte früher Almosen, dann ־erst zum Gebet hob er die' Hände empor. (Talmud.) Der am Sonntag den 29. Juli fn Baden be! Wien zugunsten der Pogromwaisen veranstaltete Sammeltag bewies, dass der elementare, nie versiegende Quell der jüdischen Wohltätigkeit, den religiösen und nationalen Boden unseres auserwählten Volkes für ewige Zeiten fruchtbar erhalten, nnsere Zukunft für Ewigkeit sichern wird. Der Sammeltag für die jüdischen Waisenkinder In Baden gehört zweifellos zu den rühmlichsten unserer Zeit. Mit der ersten Morgendämmerung sah man bereits Gestalten durch die Gassen Badens huschen; im stolzen Bewusstsein der jüdischen Bürgerpflichterfüllung eilten sie Alle, Gross und Klein, der Zentrale ftn Tempelgebäude, Grabengasse, zu. Hier herrschte seit Stunden eine fieberhafte Tätigkeit. Die Komiteemitgiieder, von denen das Fräulein Cesarsky, Herr Affenkraut, Herr Perlstc^i, Herr Dr. Spitzer, Herr B. Hirscliler und viele andere rühmliehst zu erwähnen wären, haben schon wochenlang Vor dem entscheidenden Tage eine aufreibende Propaganda für die heilige Sache betrieben und ermüdeten auch heute nicht, die Leitung des straff organisierten Sammelapparates in den Händen zu behalten. Aber auch die Sammler entledigten sich der freiwillig übernommenen Pflichten überaus gewissenhaft. All die Damen und Herren, die Grossen und Kleinen, die Einheimischen und die auf den Notruf der heimatvertriebenen Waisen zahlreich Zugereisten, all’ die waren sich ihrer heiligen Aufgabe bewusst und gewachsen. Die Kleinen sammelten für die Kleinen, die Kleinen spendeten für die Kleinen! /Ein herziges Buberl übergab mir ek.3n grösseren Betrag und lehnte grossmütig die ihm dafür angebotenc Blume ab, ein junges, reizendes Mädchen (Fri. Hajnsi Baruch, wie ■ich später den Namen ermittelte) fiel mir durch besondere Rührigkeit auf; todmüde und doch freu destrahlend übergab es mir zuletzt eine bis auf den Rand gefüllte Büchse. . ■ . / Das Publikum zeigte für unsere Aktion ein besonders warmes Interesse, doch war es nicht Immer das ״Autopublikum“ beim ״Sacher“ das die grössten Beträge spendete; die Minderbegüterten zeigten zumeist mehr Mitgefübl mit ihren־ so schwer geprüften Glaubensgenossen. Aber nicht nur die Juden, sondern auch viele edelgesinnte Nichtjuden bekundeten in Wort und Tat, dass ihr Herz den gehetzten Waisenkindern nicht verschlossen blieb. Ein Herr, der sich mir als amerikanischer Vizekonsul vorstellte, meinte, die gesamte Menschheit habe die heilige Pflicht, das zu heilen, was die Unvernunft und blinder Hass verbrochen. Die fieberhafte, rastlose Arbeit wurde nur für kurze Zeit durch die offiziell^ Besichtigung des Waisenhauses in der Germerstrasse teilweise unterbrochen. Den Kulmünatianspunkt dieses so ereignisvollen ■ Tages bildetet das prächtige Fest in dem neuerrichteten ■ Waisenhause in der Epsteingasse. Die zahllose Menschen-; menge lauschte mit eingehaltenem Atem den Rezitationen' der ergreifenden Lyrik Birnbaums und drückte ihre auf-i richtige Begeisterung im lauten Beifall aus. Dann kam der Film; ״Opfer des Hasses" lautete sein Titel. Die ersten zwei Akte sfnd so ergreifend, dass kein Auge der •Tränen, keine Brust der Seufzer sich enthalten konnte. Und doch waren es nur Schattenbilder der grellen Wirklichkeit! Die mächlsfcen zwei Akte zeigen die segensreiche Arbeit des ״Jüdischen Hilfswerkes“ und der ״Talmud- Thoraschule“, man sieht, wie die armen, gehetzten, wundbedeckten Waisen, seelisch und körperlich geheilt, zu freien, braven jüdischen Bürgern erzogen werden. Und neue Hoffnung steigt in unsere Herzen, getrost schauen wir der Zukunft unseres Volkes entgegen. ״Wenn der Tag noch nicht gekommen Der uns unsere Fesseln bricht Wenn noch immer nicht entglommen Reiner Liebe mildes Licht; Zagt nicht, ■lasst uns fort nur schreiten Gott wird streiten.“ Dr. Michael Thalheiiu. ־׳TWW’ Leset und verbreitet die ״Jüdische Presse“! Brautausstattungen Billigste Einkaufsquelle in Leinenupd Daniastwaren, Chiffone, sowie in Taschen* und Tischtüchern etc. Leopold Lederer tstiege 5 (nächst Salzgries), Telephon 65-3*71

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