Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- Sonderausgabe 4 (21.8.1923)
- Date
- 1923-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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U*«S:; Sogar das Waisenhaus, das zu Ehren Oberrabbiners I.!. Diskin seinen Namen führt und wo 200 Waisenkinder zu frommen Handwerkern ausgebildet werden, wird unterdrückt. Das Relief Comitee gibt dafür keinen Cent. Als man eine kleine Unter- Stützung gewähren wollte, nahm Rabbiner Diskin die Hilfe nicht an, weil er dafür einen gewissen Einfluss auf das Er2iehungsprogramm hätte gewähren müssen. Jetzt wird aus orthodoxem Oelde ein neues Waisenhaus gebaut, das 80.000 Pfund kosten wird. Jerusalem verlangt Hilfe, wir müssen retten, solange noch Rettung möglich ist. Delegierter Katzenellenbogen teilt mit, dass der Gerer Rebbe durch seinen Namen die Kenessio Gedaulo bitte, das orthodoxe Organ in Erez Jisroel ״Kol Jisroel״ zu unterstützen. Der nächste Redner, Rabbiner Jadler aus Jaffa, übergibt die Grüsse der Oberrabbiner Chaim Sonnenfeld und I. I. Diskin und den Gruss der Jerusalemer Gemeinde der Kenessio Gedaulo. Alle Anwesenden danken mit stürmischen Ichirufen für den Segen der Jerusalemer Rabbonim. Das Land Erez Jisroel ist herrlich und gross. Wir haben den festen Willen, uns für das heilige Land zu opfern, wir. wolle;♦ es bauen und verschönern. Wenn wir uns heute Kritik erlauben, so ergeht es uns sowie dem Hausherrn, der mit einem kleinen Lichtstumpf vör Pessach den Chomez in den kleinsten Spalten sucht. Auch wir wollen in dem herrlichen königliehen Saale alle Spalten von Schmutz reinigen. Leider ist in mancher Hinsicht sehr arges geschehen. Die neuen Kolonien auf dem Gebiete von Emek Jisroel, die 300.000 Dunam gross sein sollen, haben Kein einziges Bethaus, keinen einzigen Schochef und kein einziger Schabhos wird dort gehalten. Die Kenessio Gedaulo muss helfen. Man muss Schochtim hinunterschicken, Bethäuser und rituelle Bäder in den Kolonien bauen und die Hindernisse, die sich auftürmen, unbedingt aus dem Wege räumen. Redner verlangt vollkommene Autonomie für die sephardisehen Gemeinden in Jerusalem. Die im heiligen Lande geborenen Juden wollen unter keiner Bedingung unter der Herrschaft der Mchilel Schabbos-Gemeinde stehen. Die glänzende Rede wurde vom Auditorium freundlichst aufgenommen und dem Redner mit lautem Beifall gedankt. Der nächste Redner, Doktor Auerbach, Petach Tikwa, ergreift das Wort zu einer Berichtigung. Redner war jahrelang selbst der Leiter der Schulen in Petach Tikwah und hatte die Gelegenheit, zu konstatieren, dass die Misrachi in Erez Jisroel vieles geleistet haben. Wenn die Uebergriffe, des thorafeindlichen Geistes in Erez Jisroel so grosse Dimensionen angenommen haben, so sind die Misrachi daran nicht schuld. Man dürfe nicht beim Aufbau ■ des heiligen Landes an den neuen Jischuw vergessen. Rabbiner Dr. B10 c h aus Strassburg begrüssst im Namen der französischen Orthodoxie die Kenessio Gedadlo. Die Lage der Juden in Frankreich ist schlecht. Um den vollkommenen Verfall des religiösen Judentums in Frankreich aufzuhalten, wurde die ״Gesellschaft• der Freude der jüdischen Tradition" gegründet, die sich bestrebt, den thoratreuen Geist bei den wenigen Juden Frankreichs zu erhalten, Delegierter Gibert aus Riga teilt mit, dass bei der letzten Sitzung der Palästina-Kommission bereits 2000 Pfund gesainmelt worden sind und der Bau von 5 Häusern zur Steuerung der schrecklichen Wohnungsnot beschlossen wurde. Man müsse mit einem grossen industriellen Programm die Auf־ bauarbeit beginnen und eine rege Pröpagandatätigkeit in den Weg leiten. Rabbiner Josef Löw, Warschau, betont die Notwendigkeit weniger Politik und mehr praktische Arbeit in Erez Jisroel zu leisten. Die Einigkeit und der Friedenswille muss in den Statuten der Agudas Jisroel betont werden. Delegierter I. L, Kahane, Saffet, macht aufmerksam, dass der heutige Augenblick der letzte ist, In welchem die Arbeit begonnen werden muss, Redner schildert die Bedeutung der Stadt Saffet im Geistesleben des jüdischen Volkes und versichert, dass man wegen der Erhaltung des thoratreuen Lebens in Erez Jisroel nicht allzu sehr besorgt sein muss,' Reale Hilfe auf wirtschaftlichem Gebiete ist j die Notwendigkeit des Augenblickes, Nachdem Rabbiner F e i w e 1 s 0 h 11, Kupjszki, Oberrabbiner Reich, Baden und Delegierter I. M. Lewin zu den verschiedensten Problemen der Erez Jisröel-Arbeit Stellung genommen haben, wurde die Sitzung um 1/aKMJhr. abends geschlossen. Di© säebexxt© Si־tsu.2xg\. Montag den 8. Elul* — Beginn 1/all Uhr vormittags. Die Beratungen und die Debatten verlieren langsatn den grossen Schwung und treten in das Bett ruhiger, aber langwieriger Kleinarbeit, wie dies bei so lange dauernden Kongressen gewöhnlich der Fall ist. Die Generaldebatte über die Statuten wird fortgesetzt und die weiteren Tätigkeitsberichte und Rererate abgehalten. Den Vorsitz führt Sejmdeputierter• Kirsch braun, Warschau. Der Saal ist nicht mehr so dicht besetzt, weil unaufhörlich die Kommissio- JÜDISCHE PRESSE_ nen tagen und die Gäste wieder zu ihrer täglichen Arbeit zurückgekehrt sind. In der Debatte ergreifen das Wort: Delegierter M a I k o w (Jaffa) sowie Rabbiner Feiwelsohn (Kupiszki), die zu den verschiedensten Detailfragen des Erez-Jisroel-Programms Stellung nehmen. Oberrabbiner Perl mutter (Warschau) spricht über die schlechte Lebenslage der jüdischen Jugend und seiner Erziehung in Polen. Im Laufe seiner Ausführungen lässt sich der greise Mann soweit hinreissen, dass Üim die Kräfte versagen und er aus dem Saale getragen werden muss. Nach kurzer Zeit konnte der Vorsitzende die erfreuliche Mitteilung machen, dass sich Oberrabbiner Perlmutter bereits ganz wohl fühlt. Rabbiner T w e r s k y (Kielce) nimmt von der Kenessio Gedaulo Abschied und wünscht die Erstarkung des geistigen Lebens des jüdischen Volkes durch die Agudas Jisroel. Hierauf ergreift das Wort Delegierter Schwab aus Halberstadt, um den Tätigkeitsbericht über die Waisenfürsorge und den Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel zu erstatten. In einem Zeiträume von nicht ganzen zwei Jahren wurden fünf Waisenhäuser geschaffen, die eine grosse Anzahl von Waisenkinden nicht nur am Leben erhalten, sondern auch zu produktiven frommen jüdischen Menschen erziehen. Ebenso wurden in Polen, Galizien, Litauen, Oesterreich und Deutschland eine ganze Reihe von Instituten geschaffen, die auf allen charitativen Gebieten Erspriessliebes geleistet haben. Es wurden in der Schweiz, in Holland und in Skandinavien Hilfskomitees gegründet, die einerseits die Gelder sammeln sollen, anderseits auch in diesen Ländern soziale Fürsorge für die jüdische arme Bevölkerung ausüben. Referent appeliert an die jüdische Gesamtheit, die Waisenfürsorge der Agudas Jisroel in •jeder Hinsicht zu, unterstützen. Rabbiner B a k s c h t, Suwalki, führt in äusserst temperamentvoller Art den ganzen Schwindel der modernen europäischen Demokratie und des modernen Zeitgeistes vor. Die jüdischen Eltern haben sich vön den Schlagworten verführen lassen und so ihre Kinder unglücklich gemacht. Durch die Entfernung der Kinder vom Geiste der Thora entfremdeten diesfc unglücklichen, verführten Eltern ihre eigenen Kinder von denen sie heute mit Recht nur Vorwürfe empfangen. Die jüdische Moral und Sitte hat durch den Krieg ungeheuer viel gelitten und die Rückkehr zur Religion ist die einzige Rettung aus dieser Not Im Namen der orthodoxen Arbeiterverbänäe ergreift das Wort Delegierter S i 1 b e r s t e i q, Lodz. Redner schildert zuerst die Lage der jüdischen religiösen Arbeiter in Russland, die von eigenen Brüdern und Arbeitern auf das Grausamste unterdrückt werden. Die jüdischen Arbeiter die ihr Volk nur deshalb verlassen haben, weil sie ökonomischen Schutz im Lager der sozialistischen Gewerkschaften! finden wollten, sind aufs blutigste enttäuscht worden. Um solche Enttäuschungen in Zukunft zu vermeiden, sei es ein dringendes Gebot der Zeit und der Umstände, eine spezielle Gewerkschaft orthodoxer Arbeiter im Rahmen der Agudas lisroel zu schaffen. Diesbezügliche Organisation in Polen besitzt bereits 9000 Mitglieder und der Hauptsitz ist die grösste Industriestadt Polens, Lodz. Trotzdem ist die Situation für den jüdischen Arbeiter in Polen noch immer sehr schlecht. Diejenigen Arbeiter, die den Schabbes hüten wollen, finden immer noch keine Arbeit und müssen deshalb blutenden Herzens das Religionsgesetz übertreten. Man müsse daher an sämtliche jüdischen Indostriellen und Gewerbetreibenden einen Appell richten, ln erster Linie die religiösen Arbeiter vorzuziehen und durch das von der Organisation, der orthodoxen Arbeiter in Polen geschaffene Stellenvermittlungsbureau, Arbeit für die Arbeitslosen zu beschaffen. Als nächster ergriff das Wort Dr, Nathan Birnbaum zu einem Referate über die Lage der luden in Russland. (Wir bringen dieses äusserst wichtige Referat in seinem ganzen Wortlaute an anderer Stelle). Die durch Dr. Nathan Birnbaum eingebrachte Protestresolution gegen die Verfolgung der Gläubigen aller Religionen und Konfessionen in Sowjetrussland wurde von der Kenessio Gedaulo einstimmig angenommen und vom Präsidium an den entsprechenden Bestimmungsort weiter geleitet. In der Debatte nahmen Rabbiner Dr, Altman, Trier, Rabbiner Weis, Gross Topolcsany sowie Delegierter Sienkiewicz, Warschau und Sejmdeputierter Kirschbraun, Warschau zu den verschiedenste Problemen Stellung, worauf die Sitzung um halb 2 Uhr nachmittags geschlossen wurde, X)±e SLairte Sitsxxxxg•- Montag 9. Elul Vs5 Uhr Nachmittag: Vorsitz führt Sejmdeputierter Rabbiner Lewin. Die Ermüdung und deshalb auch die Nervositat der Delegierten wird sichtbar. Die tagelangen Plenarsitzungen und nächteiangen Kommissions־ Beratungen haben müde gemacht und dem grossen Elan der ersten Tage, eine gewisse Entspannung 4. Sonderausgabe folgen lassen. Die Debatter kommen in schier endj loser Reihe auf die Tribüne, um sie jedoch bald verlassen zu müssen, da die Rednerzeit auf füiti Minuten beschränkt werden musste. Der Präsei muss mit jedem einzelnen Redner einen Kampi ausfechten und sich in Verhandlungen wegen Ver* längerung der Redezeit einlassen, besonders da jeder Sprecher, die ״besonders grosse Wichtigkeit* speziell seiner Ausführungen betont. Das Plenum begleitet diese Petraktionen mit lebhafter Parteinahme und humoristischen Zwischenrufen. Der Vorsitzende erteilt das Wort Del. Rab« biner Altmann, Trier zu einer Berichtigung, die eine Polemik mit den Ausführungen des Sejmdel Kirschbraun enthäit. Redner ist unbedingt füi die Verständigung mit den anderen, auf den Boden der Thora stehenden Parteien. Zu einer weiteren Berichtigung ergreift das Wort Rabbiner Katz, Nyitra um die Verhältnisse in der Slowakei zu beleuchten und den richtigen Sachverhalt an den Tag zu bringen. Der Kamp! der gegen die Orthotoxie geführt wird, Ist ebenso , hässlich w,e die Mittel die zur Anwendung kommen, Man operiert mit lebensgefährlichen Verleumdungen. So auch mit der Denunziation des Staatsverrates. Deshalb muss man unerbittlich sein und den Kampf aufnehmen. Rabbiner Lewitan, Christiania, übergibt die Grüsse der wenigen nordischen thoratreuen Juden. Redner schlägt eine Konferenz vor die gemeinsam mit Misrachi die Einigkeit im strenggläubigen Lager herbeiführeri soll. Präsident Senator Zirelsohn vergleich! die Ursache der Feindschaft unter den frommen Juden mit der Ursache der Zwietracht unter den Söhnen Jakobs. Das seidene Hemdchen, das dann in Blut getaucht wurde war und ist es. Neid, Missgunst und Zwietracht ruinieren das Volk' und drohen ihm mit Verderben. Deshalb müssen wir absolut zum Frieden kommen. Sejmdeputierter Oberrabbiner Schapira, Sanolc, ergreift das Wort um Klärung der Situation in Bezug auf die Mitarbeit anderer Parteien zu bringen. Man hat diese aussenpolitische Angelegenheit zu breit behandelt und ihr eine Bedeutung zu gemessen, die ihr absolut nicht - zukommt Die Kenessio Gedaulo hat hauptsächlich inner politische Angelegenheiten und ,Probleme zu debatieren und zu lösen. Praktische Arb eil im Golus und Erez Jisroel ist die beste Antwort auf alle Vorwürfe und Verleumdungen. In AgudasJisroel selbst h e r r s c h t vollkommenste Harmonie zwischen der Moezes Gedaulo Hatauroh und den Mitgliedern, zwischen der Leitung und den ausführenden Organen, zwischen dem alten und dem jungen Geschlechte. Diese Einigkeit in den Zielen und den Mitteln muss nur in die rieh־ tigen Tätigkeitsbahnen gelenkt zu werden und sie kann das grosse Werk der Agudas Jisroel mit grossem Erfolge krönen. Jede eingehende Beratung über die Mitarbeit mit Misrachi ist nicht am Platze, da erstens die Vertretung der Misrach nicht anwesend ist und eine längere Debatte, über diesen Punkt missdeutet werden könne. Die Statuten haben die Aktivität und Passivität in Agudas Jisroel genau festgesetzt, Viel wichtiger ist es, die Elemente, die noch mehr Rechts stehen, für die Mitarbeit zu gewinnen. Die־ selben nehmen eine zuwartende Stellung ein und wollen zuerst das Programm der Agudas Jisroel sehen, das die Kenessio Gedaulo aüsarbeiten wird, Sie wollen sehen, ob die Agudas Jisroel ihren Weg mehr nach Rechts oder mehr nach Links nehmen wird. Nach der Kenessio Gedaulo wollen sie ihren Entschluss fassen und wir wollen hoffen, dass sie diesbezüglich vollständige Sicherheit durch die Kenessio Gedaulo gewinnen und zu uns kommen werden. Unsere Bedingungen sind der Misrachi bekannt: Misrachi muss in allen Entschlüssen ebenso selbständig und frei sein wie Agudas Jisroel. Sie darf keiner fremden Majorität untergeordnet sein. Bis nun ist Misrachi nichts als eine Kampf♦ Organisation. Sie kämpfen mit den Zionisten und kämpfen mit uns. Produktiv kann ihre Arbeit nicht sein. In Debatten über unser Grundprinzip lassen wir uns nicht ein, Denn es ist das Heiligste was wir und das jüdische Volk besitzt — die Thora, Jede Diskussion über die Thora ist fi£ sie selbst und uns entwürdigend. Wir verlangten von Misrachi immer nu! eines: Dass sie statt zu einem Kongress unter Welz mann, zu einem Kongress unter Chofez Chaim kommen sollen. Daran haben alle Verhandlungen gescheitert Wir haben ein Gebet für den Morgen und eines für den Abend, für die Dämmeru 11 g( für das Zwielicht kennen wir keines. Die klare prägnante Erklärung Rabbiner Schapiras löste grosse Befriedigung aus und wurde durch starken Beifall quittiert. Die nächstfolgenden Redner, Rabb. Plocld- Ostrow, Rabbiner Spitzer-Kirchdorf und Rabbiner F e 1 w e 1 s o h n-Kupischki nahmen zu den verschiedensten Detailfragen Stellung.