Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- Sonderausgabe 4 (21.8.1923)
- Date
- 1923-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Sonderausgabe JÜDISCHE PRESSE Seite 267 von welcher aus wir unsere Stimme erheben können, erheben wollen und werden und auch gehört werden müssen. Die Bedeutung der jüdischen manuellen Arbeit wurde bisnun in unseren Kreisen nicht riehtig genug eingeschätzt. So wie unsere Grossen in einer Hand das heilige Buch, in der anderen Hand den Hammer schwangen und so die gewaltige jüdische Kultur geschaffen haben, so müssen wir auch unsere Jugend zurück zur manuellen Arbeit leiten. Aber wir müssen darauf bedacht sein, dass der echte jüdische Geist e/halten bleibt und die jüdische Jugend nicht in die verderblichen Bande des Sozialismus gelangt. Das traurige Beispiel Russ- 1 a n d s zeigt den ungeheuren Schaden, den wir dadurch erleiden können. Die produktive Arbeit ist die Rettung für das jüdische Volk. Wir müssen jedoch mit aller Macht verhindern, dass man in den .Werkstätten die jüdischen Seelen zerstört. Wir müssen alle grossen Institute, wie Joint und Ica, auffordern, ihre bedeutenden Mitteln dem Zwecke der Ueberleitung der jüdischen Jugend in produktive manuelle Berufe, zur Verfügung zu stellen. Einige statistische Zahlen sollen die Wirkung der Arbeit der Agudas Jisroel in Polen bis jetzt beweisen. Wir haben in Polen 140 agudistische Schulen mit 18.940 Schülern. 62 Jeschiwos und Talmud Thoras mit 38.222 Schülern, 18 Bes Jakob-Töchterschulen mit 2340 Schülerinnen und 23 Abendkurse mit 15860 Hörern. Redner legt der Kenessio Gedaulo einige Vorschlüge vor, die eine zentrale Leitung des religiösen Erziehungswesens zum Ziele haben und dadurch eine richtige finanzielle Gebarung ermöglichen werden. Es muss ein G e n e r a 1 f 0 n d für den religiösen Chinuch geschaffen werden unter dem Namen Keren J a b n e. Die ganze jüdische Welt müsste sich au diesem Fonde beteiligen. Davon würden alle grossen religiösen Institute am Dasein erhalten werden können. Die untersten Talmud Thoras müsste jede Stadt aus eigenen Mitteln erhalten. Dagegen müsste dieser Fond für die Erhaltung höherer Schulen und Lehrwerkstätten für grössere Bezirke und für den Lebensbedarf armer Schüler aufkommen. Redner schlägt folgende Punkte zur Aufnähme vor: 1. In jedem Orte Schaffung von Talmud Thoras• 2. In grösseren Städten Gründung von Jeschivvoth. 3. In jedem Bezirkszentrum ein höheres Seminar. 4. Abend- und Samstagskurse. Die Verwaltung des Fondes müsste folgende Institutionen ins Leben rufen; 1. Eine Zeritralleitung. 2. Registratur aller thoratreuen Schulen. 3. Konferenz aller Schulleitungen einmal im Jahre. ׳ 4. Schaffung eines Schulinspektorates. 5. Grosse Propagandatätigkeit für Schulen• 6. Herausgabe einer Schulzeitung. Jedes Land müsste in den Verfügungen für seine Schulen grösste Autonomie besitzen, jedoch sich der oberstenLeitung durch den Rabbinischen Rat unterwerfen. Redner betont die grosse Bedeutung der orthodoxenPresse und orthodoxenLiteratur für die Agudaarbeit. Das religiöse Leben wird durch diese beiden Faktoren ungeheuer unterstützt. Die orthodoxe Presse darf jedoch nicht zu offensiven Zwecken benützt werden und muss sich nur auf die Abwehr beschränken. Das tägliche Organ der polnischen Orthodoxie in Warschau, ״D e r J u d“5j hat auf diesem Gebiete sehr schöne Erfolge erzielen können. Er möge von den anderen orthodoxen Blättern als Muster angenommen werden. Auch die Presse in anderen jüdischen Lagern könnte vieles 1ernen. Redner appelliert an die ״Wiener Morgenz e i t u n g“, am Beispiel des ״ Jud“ zu lernen, wie eine jüdische Zeitung auszuschauen hat. Zur Stärkung des religiösen Lebens muss noch eine ganze Reihe von Institutionen geschaffen werden, die unbedingt notwendig sind und deren einige in Vorschlag gebracht werden. Eine S c h m i r 0 S c h a b b 0 s - K 0 m m i s s d 0 n, eine Kommission, die die Erschaffung von rituellen Bädern zur Aufgäbe haben soll. Eine Äguna-Kommission, die sehr viel Erspriessliches leisten könnte. Durch den Krieg sind mehrere Tausende Frauen unglücklich geworden und können nicht errettet werden. Eine solche Kommission könnte durch Herbeiziehung der Presse viele jüdische Existenzen vom Untergang retten. Es muss ein Fond geschaffen werden, der die Arbeiten all dieser Kommissionen finanziereil würde unter dem Namen ״C11 i s u k Hadas-Fon d“. Redner schlägt folgende Resolution von: Die Kenessio Gedaulo betrachtet jeden Angriff auf den Glieder seitens eigener und fremder Feinde als einen Angriff auf den Lebensnerv des jüdischen Volkes und einen Pogrem der jüdischen Seele. Ohne Thora gebe es kein Judentum. Die Kenessio Gedaulo möge bestimmen, dass an jedem Tage von Rosch Hasohano angefangen, als Schir Hajom ein bestimmtes Blatt Gemaro gelernt werden soll und dieses soll das Ab- Zeichen eines jeden Agudisten bedeuten. Da dieses J .11Ü.UJ1.J.allr i s. t, s o, w. e r. d: g ji^wj r mit G־ttes Hilfe den Sijum in Jerusalem feiern können. Den Ausführungen dieses, den besten Rednern der Kenessio Gedaulo angehörenden Delegierten, folgte die Kenessio Gedaulo mit grösster Aufmerk־ samkeifc und belohnte ihn, für seine zweieinhalb Stunden währende Rede, mit stürmischem Beifall. Oberrabbiner Sejmdeputierter Lewin begrüsst im Namen der Kenessio Gedaulo den von den Anwesenden mit herzlichen, stürmischen Je 11 ir׳ufen empfangenen Czortkower Rabbiner Friedmann, der sich zu Worte meldet, um einige Worte an die Keneisio Gedaulo zu richten: Ebenso wie Mosche Rabbenu ein Sprachrohr des Volkes gewesen ist, des Volkes, das ihn mit der Kraft und dem Recht ausstattete, im Namen des Volkes zu G-tt zu sprechen, ebenso erlaubt er sich im Namen der Kenessio Gedaulo zu sprechen. Das jüdische Volk empfing die Verheissung, dass es sich wie der Sand am Ufer des Meeres und wie die Sterne am Himmel vermehren soll. Doch jeder Wind könne den Sand in alle Teile der Welt verstreuen, weil die Kraft des einzelnen Sandkörnchens sehr schwach ist. Anders aber die Sterne. Die grossen Planeten ziehen die kleineren an und so können dieselben in festen sicheren Bahnen wandeln. Die grossen Planten sind die Weisen und Gelehrten. Von ihnen muss die Anziehungskraft für das ganze Volk a u s g e 11 e n. Sie müssen sich zu den kleinen darniederbeugen und auch ihren Weg bestimmen. So nur kann das jüdische Volk in alle Ewigkeit fortdauern und den ihn bestimmten Weg bis zum herrlichen Endziel du r chm essen. Durch Einigkeit unter den Teilnehmern der Kenessio Gedaulo könne die Hilfe für das jüdische Volk erreicht werden. In atemloser Stille lauschte die grosse Versamm- Jung den Worten des grossen Weisen und dankte durch lebhafte Jchirufe für den in den herrlichen Worten und Beispielen erteilten Trost. Nachdem der Vorsitzende ein Entscbukligungsschreiben des Rabbiners von Brody zur Kenntnis gibt, wird die Sitzung um halb 3 Uhr nachmittags geschlossen. ZDie sealxste SitzuLmg*. Sonntag den 6, Elul 5 Uhr nachmittags• Den Vorsitz führt Delegierter Vizepräses Wreschner aus Frankfurt. Das Wort wird erteilt Rabb. Dr. Munk Berlin zu einer sachlichen Berichtigung. Das Wort ״Langmuth" d^s der Redner in der Vormittagssitzung gebraucht hat, wurde missdeutet. Redner empfahl nur deswegen Geduld und Milde, weil die Feinde der Agudas Jisroel immer vom frischen behaupten, dass die Agudas Jisroel nicht tolerant sei und nur für die Orthodoxie und nicht für das ganze Volk Interesse habe. ׳ Geradezu entgegengesetzt ist der Fall und man. müsse gegen solche Komentierung, energischen Protest einlegen. Man müsse immer genau zwischen dem Objekte und Subjekte einen Unterschied machen. Objekt ist in diesem Falle der Personenkreis auf den sich die Agudas Jisroel erstreckt. Dieser ist unbegrenzt. Je grösser aber dieser ist, umso grösser muss die Vorsicht bei der Wahl der Subjekte der Anschauungen, der Agudas Jisroel herrschen. Der Ruf nach Frieden ist unangebracht, weil Frieden nur zwischen Menschen und nicht zwischen Prinzipien und W e 11 a nschauungen herrschen kann. Wir wollen keine unwürdige Polemik, aber einen ehrlichen Kampf um unsere Ideale und Prinzipien. Wir beharren fest bei den Primat der Thora auf allen Gebieten auch auf dem Gebiete der Politik. Wir haben nicht anderes zu tun, als dem Befehl G-ttes zu gehorchen. Duplizität von Ideen ist verständlich, jedoch für Agudisten eine Unmöglichkeit. Der angekämpfte Paragraph der Satzungen ist sehr weitherzig, weil es sich in diesem Falle um die Thora und das jüdische Volk handelt. Das Wort ergreift hierauf Rabb. Epstein Slobotka, um die Vorwürfe des Sejmdeputierten Rabb. Schapiras gegen das Central Relief Comitee zu widerlegen. Als der grösste Ruin die ganze jüdische Kultur bedrohte, gab es nur einen Retter aus der Not und dieses war das Central Relief Comitee. Auch die grosse Jeschiwah in Slobotka würde ohne der Hilfe des Central Relief Comitees, dem Untergange geweiht sein. Selbstverständlich kann das Central Relief Comitee nicht das ganze Budget dieser grossen Jeschiwa decken, da derselbe 3000 Dollar im Monat ausmache. Doch mit den 1000 Dollar die das Zentral Relief Comitee der Jeschiwa zuführt, wird eine feste Stütze für die Finanzgebarung geschaffen. Dafür müsse man dem Central Relief Comitee den herzlichen Dank aussprechen. Es sei wohl möglich, dass in gewissen Ländern Unregelmässigkeiten bei der Verteilung der Gelder Vorkommen, dies dürfte aber hauptsächlich auf die Unkenntnis der Leitung des Relief Comitees über den Sachverhalt zurückzuführen Sein. Es wäre das Ratipnelste, wenn man eine Zentralstelle schaffen würde, der sämtliche Leite! der Schulen angehören würden. Hierauf ergreift das Wort Rabb. Horowity aus Jerusalem um die Begrüssung der Kenessio Gedaulo durch den Highkommissär Sir Herber( Samuel zu übermitteln. (Wir bringen die Rede Rabb. Horowitz ausführlich an anderer Stelle.) Die Kenessio Gedaulo beschliesst ein Dank« telegraipm an Sir Herbert Samuel ab« zusenden. Der Vorsitzende der Palästinasekfion in Frankfurt Dr. S. Ehr mann ergreift das Wort zu einem Referate über die Aufgaben der gesetzestreueri Judenheit in Erez Jisroel. (Wir bringen das glänzende Referat im genauen Wortlaute an ander«? Steile.) Zu einer persönlichen Berichtigung ergreift das Wort Oberrabbiner Hirschler, Bratislawa. Der Sanoker Rabbiner behauptete in seinen Aus« führungen, dass die Slowakei vom Zentralrelief־ komitee gehörig unterstützt wurde. Dies entspreche nicht den Tatsachen. Die slowakischen Jeschiwoth bekamen lange Zeit keinen Cent, in einer Zeit wo die Studentenorganisationen in Prag Zehntausende von Dollars erhalten haben. Es musste nun lange pertraktiert werden bis die Jeschiwah in Kolta 100 Kronen erhalten hat. Erst nach Einsetzung durch Hrn. Moris Engelm ann begannen die Unterstützungen reichlicher einzufiiessen. Rabb. Epstein habe dem Zentralrelief komitee den grössten Dank ausgesprochen. Wir schliessen uns selbstverständlich dieser Kundgebung an, müssen jedoch feststellen, dass auch wir Wertvolles gegeben haben. Neues Leben erblühte in der sehr viel durch den Krieg leidenden Slowakei und auch die starke Emigration unserer Menschen nach Amerika, be- , wirkte die Stärkung des jüdischen Lebens in Amerika. Rabbiner Morgenstern aus Sokolow wendet sich gegen die Förderungen nach Frieden. Wir dürfen nicht Kompromisse machen un£l müssen mit den Verleumdungen den Kampf aufnehmen. Schweigen heisst nicht tolerant sein. Solange wir geschwiegen haben, sind in Erez Jisroel alle mögliehen modernen Institute und Schulen entstanden, die nicht nur nichtnachdenGesetzenderThora geleitet und geführt wurden, sondern im Gegenteil' die Thora schädigen wollen. Und deswegen müssen wir mit uns sprechen. Wir sind nicht Gesetzgeb er, nur Erfüller einer seit Jahrtausenden bestehenden! Gasetzes, der Thora. Toleranz heisst nicht, wenn jeder das machen kann was er will. Wir haben; kein Recht auf den Ehrentitel Zadik, wenn unserd eigenen Brüder Sünder sind. Die Aguda muss in Erez Jisroel eine Neuordnung schaffen und die gesunkene Autorität der Thora im heiligen Lände auf das ihr entsprechende hohe Mass hinaufbringen. Nach der eingeschalteten Pause von 20 Minuten für das Minchagebet, ergreift das Wort Delegierter Katzenellenbogen Jerusalem, um! das Referat über den Chinuch in Erez Jisroel ztt halten.! Trotz des vielen, was über den Stand der Dinge in Erez Jisroel gesprochen und geschrieben wird, ist noch immer keine klare Gewissheit bei den entsprechenden Faktoren vorhanden. Die Zahlen׳ können am besten den ganzen Ausmass der Katastrophe bezeichnen.!2000 Kinder besuchen: fremde oder freie Schulen, nur 3000 Kinder werden! in den orthodoxen Schulen erzogen. Jeder, der nutj im Rufe steht orthodox zu sein und ein religiöses Leben zu führen, wird vom Central Relief Komitee! nicht unterstützt. Und doch, wen heute Jerusalem! nicht so ausschaut wie Jaffa, so ist es das der Ver-: dienst der grossen Rabbiner. Oberrabbiner Chaim; Sonnenfeld wollte auf keinen Fall die Leitung und! gleichzeitig die Sorge für die orthodoxen Schulen den' Zionisten üb.ergeben und antwortete auf die dies^ bezügliche Forderung Dr. Weitzmanns, dass er nur der rohen Gewalt weichen werde. Diesem grossen! Manne verdanken wir es, wenn heute in Jerusalem: noch eine kleine Anzahl von orthodoxen Schulen: vorhanden ist. Die orthodoxen Melamdim und: Rabbiner werden von niemanden unterstützt und ihre missliche Lage wird ausgebeutet um ihren' Uebergangin das andere Lager dadurch zu erzwingen. Die misrachistische Schule, die höchstens 100 Kinder erzieht, und derer Leiter selbst den Bankrott zugab, wird mit allen Mitteln am Leben erhalten und erhält vom Relief Comitee 300 Pfund monatlich.; Das orthodoxe Ejz Chaim, das 350 Schüler hatj bekommt ebenfalls 300 Pfund. Wer zu Agudas Jisroel gehört, wird unterdrückt. Ein Diener der zionistischen Schulen bekommt 15 Pfund monatlich, ein Lehrer der orthodoxen nur 2 Pfund im Monate. Noch ärger ist die Situation der Sephardischen Juden. Einer ihrer Führer; erklärte, dass sie nie mehr Rabbonim und Schoftim haben werden, weil kein Geld für die sephardischen' Schulen vorhanden ist. Die Chinuchfrage in Erez Jisroel!st das• wichtigste Problem im heiligen Lande. Was der Kampf auf diesem Gebiete bedeutet, sieht man am besten in Jaffa. In Jaffa ist kein Kampf gewesen, aber es existiert dort auch keine einzige Talmud Thora.