Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 13-14 (30.3.1923)
- Date
- 1923-03-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 82 JÜDISCHE PRESSE Nr. 13/14 Wesenheit auf dem Kongreß zugesichert haben, um die in ihre Kompetenz fallenden Fragen der Delegierten sofort zu beantworten. Die Arbeit der Agudas Jisroel-Jngendgrnppe in Palästina Aus dem Berichte der palästinensischen Jugendorganisation der Agudas Jisroel entnehmen wir, daß in der Berichtsperiode, die eineinhalb Jahre umfaßt, mit schwachen materiellen Kräften viel geleistet worden ist. Vor allem gelang es der Jugend ein Wochenblatt unter dem Namen „Kol Jisroel" zu gründen und herauszugeben. „Kol Jisroel8 erfreut sich der größten Beliebtheit, sowohl i%Erez Jisroel wie überall, wo es gelesen wird. Es ist nun zu bedauern, daß „Kol Jisroel" in der Diaspora mehr. Leser als Abonnenten besitzt. Viel hat die Jugend mitgewirkt bei der Regelung der Mädchenerziehung, die heute unter dem Protektorate von Rabbi Chaim Sonnenfeld auf gute Erfolge hinweisen kann. Für die Hungernden in Rußland wurden über 1000 Pfund gesammelt. Es gelang der Aguda-Jugendgruppe sich überall Gehör zu verschaffen und zu erzwingen, daß die selbständige Orthodoxie überall als ernster Faktor genommen Werde. Der Bericht selbst ist mit diesen. Leistungen nicht zufrieden, denn die Führer der Jugend sind der Ansicht, daß die palästinensische Orthodoxie noch bedeutend Größeres zu leisten imstande wäre, besonders wenn der stetige richtige Kontakt zwischen der allweltlichen Orthodoxie und Erez Jisroel geschaffen werden könnte. Rabbi Salman Schapira. Die palästinensische thoratreue Judenheit und mit ihr das ganze jüdische Volk, hat durch das Ableben des großen Gaon Rabbi Salman Sender Kahane Schapira, das am 29. Schwat Vortags erfolgte, einen herben Verlust erlitten. Er ist im Jahre 5611 in Rußland geboren als Sohn von Rabbi Jakob und als Urenkel des berühmten Rabbi Chaim Wolozin. Er hat selbst seine großen- Thorakenntnisse auf der Jeschiwoh in Wolozin erworben. Im Jahre 5645 ist er von Kobrin aus nach Solacz als Rabbiner gekommen, wo er 13 Jahre später eine berühmte Jeschiwoh gegründet hatte. Er hat dann noch in mehreren Staaten die Rabbinerwürde bekleidet, bis er im Jahre 5681 nach Palästina kam, um seinen Lebensabend im heiligen Lande zu verbringen. Er führte hier ein zurückgezogenes, ausschließlich dem Thorastudium gewidmetes Leben; nur einmal, bei der Gründungsversammlung der Agudas Jisroel, erschien er. vor der Oeffentlichkeit, um seine Sympathie für die Idee und für ihre großen Träger in Palästina, Rabbi Chaim Sonnenfeld urid I. Idiskin, zu dokumentieren. Die letzte Ehre wurde ihm unter ganz besonderer Teilnahme und Trauerkundgebung der thoratreuen Judenheit in Jerusalem erwiesen. In der großen Synagoge Meo Scheurim betrauerte ihn der Rabbi Chaim Sonnenfeld. Ihm folgten dann auf der Straße Rabbi Kuk, Abramowitz, Jodler, Epstein und mehrere andere. Auch nach Ablauf der Schiwoh wurden nach ihm in allen Bethäusem Trauerandachten veranstaltet. Mit ihm verliert die thoratreue Judenheit einen, der noch von den alten berühmten Gaonim die Thora übernommen, mit den eigenen Geistesschätzeh bereichert und mit gediegenen Charaktereigenschaften ihr Geltung verschafft hat. Dürre in Palästina. Da der größere Teil der Regenperiode vorüber ist und noch kein Regen fiel, wurden in allen Bethäuser Fasttage und Bittgebete für Regen angeordnet, die nicht unerhört blieben; denn noch während des Gottesdienstes am Montag, den 13. Schewat, fiel reichlich Regen. Infolgedessen sind die Wasserpreise stark zurückgegangen. Die Krise in Palästina. Die unregelmäßigen und nichtausreichenden Keren Hajessod-Eingänge haben die zionistischen Institutionen in Palästina in eine schwierige ökonomische Situation gestürzt,, Das von der Karlsbader Jahreskonferenz festgesetzte Monatsbudget beträgt ungefähr 40.000 Pfund. Die Einnahmen des Keren Hajessod bleiben aber wesentlich hinter diesem Betrage zurück. Die Ausgaben des Keren Hajessod in Palästina betrugen (die Ziffern sind abgerundet) im Juli 18.000, im August 24.000, im September 25.000, im Oktober 25.000, im November 28.000, im Dezember 19.000 Pfund.- Im ganzen ergibt sich also, daß in dieser Zeit der Keren Hajessod nur etwa die Hälfte der in Karlsbad vorgesehenen Beträge aufbringen konnte. Von der Arbeiterkonferenz in Tel Awiw. In Tel Awiw folgte vom 8. Februar an bis vor kurzem die allgemeine Arbeiterkonferenz, die die gesamte organisierte Arbeiterschaft Palästinas vertrat und die sie interessierenden Fragen besprach. Die Eröffnung ging in feierlicher Weise vor sich, mehrere angesehene Persönlichkeiten (unter ihnen auch der berühmte Gelehrte Prof. Einstein) waren zugegen. In der Konferenz wurde nach langer Debatte der Anschluß an die Amsterdamer Internationale beschlossen. Es wurden dannvnoch allgemeine Arbeiterfragen debattiert, Gründung von Arbeiterschulen, -Heimen und landwirtschaftlichen Ärbeiterbetrieben vorgeschlagen. Ferner wird eine Delegation gewählt werden, die die Aufgabe haben soll, in den Ostländern die Pro-Palästina-Bewegung zu stärken und zu fördern und hauptsächlich aus der Ukraine und aus Polen einen Massenzuzug jüdischer Arbeiter nach Palästina zu ermöglichen. Auch die schwere ökonomische Krise der letzten Zeit kam zur Sprche und eine' erregte Debatte entspann sich über die Schuldfrage. Von mehreren Delegierten wurden scharfe Angriffe gegen die Leitung der Finanzierungsinstitute, besonders auch des Nationalfonds erhoben und eine Reorganisation derselben verlangt. Die Zahl der von diesem Kongresse vertretenen organisierten jüdischen Arbeiterschaft des Heiligen Landes beläuft sich auf knapp 10.000. Die Palästina-Centrale der Agndas Jisroel hat in Jerusalem ein Konto bei der Banco cli Roma errichtet, und zwar auf dem Namen: Palästina- Centrale of Agudath Jisroel. Es wird empfohlen, alle Zahlungen für Palästina auf diesen Konto einzuzahlen und aber jedesmal eine Mitteilung an die Palästina-Centrale davon zu machen, in welcher Höhe und zu welchem Zwecke diese Summen eingezahlt wurden. Es ist dringend wünschenswert, daß sofort alle Gelder, die zur Verfügung stehen, sowohl zum Bodenkauf als auch für Schulzwecke sofort dort eingezahlt werden, damit dort praktische Arbeit geleistet werden kann. Adresse ist: Bancq di Roma, Jerusalem. Im Begleitschreiben an die Banco di 'Roma muß stets bemerkt werden, daß die Gelder für die Palästina-Centrale der Agudas Jisroel eingezahlt sind. Eine Erklärung des Emir Abdullah über seine Unterhandlungen mit Dr. Weizmann. (J. C. B.) Der Redakteur der arabischen Zeitung „Palestin" veröffentlicht ein Interview mit dem Emir Abdullah von Transjordanien, laut welchem sich der Emir über seine Besprechung mit dem Präsidenten der zionistischen Organisation folgendermaßen geäußert haben soll: „Als ich in London war, habe ich Dr. Weizmann bekannt gegeben, daß eine arabischjüdische Verständigung möglich wäre, falls in Palästina eine arabische Regierung errichtet werden wird. In diesem Falle würden wir die Balfour- Deklaration in die Tat umsetzen, ohne daß dabei die Rechte der arabischen Bevölkerung beeinträchtigt werden sollen." Dr. Weizmann hat sich einverstanden erklärt, aber hinzugefügt, er möchte vorher die amerikanischen Zionisten diesbezüglich befragen. Dr. Weizmann und das Projekt einer arabischen Föderation. (J. C. B.) In einem Gespräch mit dem Vertreter der Londoner J. C. B.-Redaktion hat der Präsident der zionistischen Weltorganisation Doktor Ch. Weizmann eine erschöpfende Erklärung betreffend verschiedene Mitteilungen abgegeben, in welchen sein Name mit einer Bewegung in Verbindung gebracht wird, die die Schaffung einer arabischen Staaten-Föderation unter Einschluß Palästinas erstrebt. Die Frage wurde anläßlich der Veröffentlichung eines Interviews mit Emir Abdullah in der Jaffaer arabischen Zeitung „Palestin" angeschnitten. Bekanntlich hat Emir Abdullah erzählt, er habe während seines Aufenthaltes in London eine Unterredung mit Dr. Weizmann gehabt und dieser habe sich für eine arabische Regierung in Palästina ausgesprochen, wobei er allerdings seinem Wunsche Ausdruck gegeben hat, sich vorher mit den amerikanischen Zionisten zu verständigen. Dr. Weizmann erklärte dem J. G. B.-Vertreter, daß während des Aufenthaltes des Emir Abdullah von Transjordanien in London die Frage der Zukunft Palästinas tatsächlich, und nicht allein mit ihm, Dr. Weizmann, erörtert worden sei. Von einer arabischen Regierung in Palästina war aber gar nicht die Rede. Es wurde einzig, von einer nationalen Regierung in Palästina gesprochen, die auf demokratischer Grundlage aufgebaut werden soll. Dr. Weizmann sagte, er persönlich stehe diesem Gedanken mit Sympathie gegenüber, er müsse aber vier präzise Vorbedingungen stellen. Erstens darf das Mandat nicht beeinträchtigt werden, zweitens muß das Einverständnis Großbritanniens eine Voraussetzung dieses Planes sein, drittens muß die ungehinderte Entwicklung des jüdischen Nationalheims in Palästina vollständig garantiert sein, viertens muß Dr. Weizmann vorher persönlich die Meinung der Zionisten in den verschiedenen Weltteilen einholen. Dr. Weizmann hatte hinzugefügt, er beabsichtige demnächst nach Palästina und darauf nach Amerika zu reisen und werde nachher versuchen, diesbezüglich mit den Zionisten in den verschiedenen Ländern in Verbindung zu treten. Aufruf! Seit mehr als anderthalb Dezennien sind wir bemüht, den Armen und Bedrängten durch unsere Ausspeisun« zu helfen. Alle wirtschaftlich schwachen Arbeiter, Angestellten, Klein-* gewerbler, Arbeitsunfähige und Arbeitslose, Studenten und Kinder kommen zu uns. Seitdem die wirtschaftliche Not eingesetzt hat, nehmen Familien, insbesondere aus der Mittelstandsküche Essen nach Hause. Wir können darauf hinweisen, daß wir nicht nur reichliches und billiges Essen geben, sondern daß wir, wo es not tut, auch Ermäßigung gewähren und den ganz Armen unent-. geltlich zu essen geben. Was wir alltäglich üben, wollen wir zu PeBsach in erhöhtem Maße durchführen, damit kein Armer, der den Pessach halten will, hungere. Weiters halten wir es zu Pessach von jeher als unsere besondere Aufgabe, Kranken und Armen, die nicht zu uns kommen können, den bei Behörden befindlichen Personen, die auf Pessachkost reflektieren, das Essen zuzusenden. Aber unsere Leistungen erfordern in dieser Zeit der Teuerung große Ausgaben, die wir nur dadurch zu tragen vermögen, daß wir große Unterstützung erhalten. Darum richten wir an alle, die geben können, den Hilferuf: Helfet uns, helfet uns ganz besonders zu Pessach, damit wir allen, die uns brauchen, beistehen können! Der Vorstand* des Vereines „Einheit". Bernhard Hofbauer, Obmann. Adolf Fischer, Oekonom. Dir. Dr. S. Krenberg er, Schriftführer. Die Sonntagsruhe in der Slowakei. Die Frage der Sonntagsruhe in Bratislawa und in der ganzen Slowakei greift tief in das jüdische Leben hinein. Sie ist eine jener Probleme, deren Lösung neben genauer Sachkenntnis viel guten Willen von allen Beteiligten und Interessenten erheischt und ein sehr hohes Maß von Gerechtigkeitssinn bei beiden sich bekämpfenden Parteien voraussetzt. Auf der einen Seite wird die Einführung eines allgemeinen, obligatorischen, vollständigen Ruhetages für das gesamte Erwerbsleben aus sozialen, hygienischen, kulturellen und zum Teil aus kirchlichreligiösen Motiven herausgefordert. Auf der anderen Seite wird aus eben denselben Gründen die Berechtigung der Forderung auf das entschiedenste bestritten und unter Hinweis auf wichtige wirtschaftliche und entgegengesetzte religiöse Interessen die Beibehaltung der gegenwärtigen beschränkten Sonntagsruhe als geboten betrachtet. Die städtischen und staatlichen, Instanzen, die darüber zu entscheiden haben, müssen hiebei auch manche politische Strömungen in Betracht ziehen und bei der Beurteilung der Detailfragen — abgesehen von allgemeinen politischen Grundsätzen — auch noch die moralische Stärke besitzen, sich über persönliche Stimmungen und Anschauungen im Interesse des Gemeindewohles hinwegzusetzen. Menschen — auch Staatsmänner und Sozialpolitiker — sind keine Maschinen und wenn sie in höherem Sinne Kulturmenschen sein wollen, dann erst recht nicht. Sie treten an die Beurteilung von Fragen der Allgemeinheit in der Regel mit Ansichten heran, die sie aus ihrer eigenen Welt gewonnen oder — im besten Falle — aus Grundanschauungen abgeleitet haben, die von Denen, deren Wohl und Wehe von der richtigen Lösung des betreffenden Problems abhängt, nicht oder nicht ganz geteilt werden können. Soziales Menschenwohl und Menschenschicksale sollten aber gerechterweise nicht nach den Gesichtspunkten' des Subjekts sondern je nach den Verhältnissen des Objekts, nach seinen seelischen und materiellen Bedürfnissen, mit einem Worte, aus seiner Lage heraus beurteilt und entschieden werden. So fordert es zumindest oin Sittengesetz des Judentums alter Zeit, ein Gesetz, das vielleicht doch einmal zum Leitmotiv der allgemeinen sozialen Gesetzgebung gesitteter Staaten werden wird., £Jun ist aber auch der Staat als solcher, das heißt der Staat als politisches Gebilde, das seine Stellung als Glied des großen weltpolitischen und wirtschaftlichen Organismus zu behaupten und zu festigen bestrebt sein muß, an der Lösung des Sonntagsruheproblems interessiert. Vom allgemein-politischen Gesichtspunkte des Staates ist eine zufriedenstellende Lösung der Frage insofern von nicht geringer Bedeutung, als seine Stellung in der Welt in manchen Beziehungen davon bedingt ist, ob und < in welchem Maße er sich imstande erweist, seinen nach Innen gerichteten Aufgaben gerecht zu werden, das Wohlergehen seiner Bürger zu fördern, den Wohlstand zu heben, die widerstreitenden ideellen und materiellen Interessen auszugleichen und damit die aufbauenden un d erhaltenden Zellen des Staatsorganismus zu mehren. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet ist die Sonntagsruhe gerade in unserer tschechoslowakischen Republik und ganz besonders in der Slowakei eine Frage allerersten Ranges. Unsere Gesetzgebung ringt noch mit dem schweren Problem ausgleichender Gerechtigkeit unter den Staatsbürgern. Es werben sicherlich noch Jahre dahingehen, bis die Erkenntnis der Möglichkeiten eines praktischen Zusammenwirkens aller aufbauenden Triebkräfte im Staate soweit Allgemeingut der im Dienste des Gemeinwohls tätigen Personen geworden ist, daß eine Entscheidung von solch weittragender moralischer und wirtschaftlicher Bedeutung endgültig und automatisch getroffen werden könnte, ohne die Verhältnisse in Betracht zu ziehen, unter denen ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung lebt und leben muß. Die Einführung einer allgemeinen Sonntagsruhe bildete auch in den Staaten mit längst gebahnten Entwicklungswegen ein Problem, das nicht doktrinär nach einem gewissen Schema gelöst werden konnte. Das Prinzip mußte fast überall mit Rücksicht auf einzelne Berufs- und Erwerbszweige durchbrochen werden. Um so mehr erscheint es für einen jungen Staat aus den manigfachsten Gründen geboten, die wohlmotivierten, Wünsche ganzer Bevölkerungsschichton zu berücksichtigen, will er die kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten in ihrer bisherigen Elastizität erhalten. Was wir damit sagen wollten, ist eine Binsenwahrheit von der größten Selbstverständlichkeit. Sie würde sich auch ohne Zweifel von vornherein durchgesetzt haben, wenn es sich hier nicht um eine gesetzgeberische Frage handeln würde, deren Problemstellung mit 'unserem jüdischen Leben aufs engste verknüpft ist. Diese Tatsache verleitet dazu, die Frage als eine ausschließlich judenfreundliche oder judengegnerische zu behandeln und sie auf ein falsches Geleis zu schieben. Wie die Dinge nun einmal praktisch und realpolitisch liegen, erscheint die Einschränkung der Sonntagsruhe als eine „Judenfrage" für den Staat lange nicht von solch ausschlaggebendem Gewicht wie die Argumente, welche von der gegnerischen Seite für die vollständige Schließung aller Geschäfte angeführt werden. Das Schicksal der Sonntagsruhe hängt, mit offenen Augen betrachtet, von der richtigen Problemstellung ab. Eine Persönlichkeit in hervorragender Stellung unseres Staates äußerte noch vor wenigen Tagen, die Sonntags- /