Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 13-14 (30.3.1923)
- Date
- 1923-03-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 80 JÜDISCHE PRESSE Nr. 13/14 NACHRICHTEN. DctmcDöitcrrcicD. Die Pessachaktion der Wiener Orthodoxie. Das Befreiungsfest, das Jisroel aus Jahrhunderte währender Sklaverei erlöste, um es seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen: Durch die Offenbarung des G-ttesgesetzes, durch das Eindringen in den Geist der Thauroh, durch die Annahme dieses G-ttesgesetzes zum Diener G-ttes, zum Propheten des Volkes zu werden. Seit Jahrtausenden ist Jisroel G-ttes Volk, besitzt es die höchste Ethik, ist sein soziales Gesetz — z. B. Sabbatruhe, Pflicht des Aufbaues des wankenden Nächsten, Sorge für den Unterricht, Fürsorge, den derzeitigen fortgeschrittensten Nationen weit voraus. Moral, Sittlichkeit, Mäßigkeit, Wohltätigkeitssinn, Familiensinn, all das sind jüdische Kardinaltugenden, in denen Jisroel aller Welt voraus ist. Das sind die Früchte der Erziehung durch die Thauroh. Das Pessachfest wird glücklicherweise nicht nur von orthodoxen Juden gefeiert. In vielen unreligiösen Familien bildet es das einzige Bindeglied mit. der jüdischen Religion. In der Orthodoxie ist dies die Zeit des aufs Höchste angespannten Bedarfes und zugleich der intensivsten Betätigung der Bruderliebe. Was auf diesem Gebiete in Wien geleistet wird, übersteigt alles Denkbare. Leider liegen uns Daten nur von den Instituten vor, die von dem Schiffschul- und Agudakreis geleitet werden. Die Adas Jisroel braucht für Gratis-Mazzos zur Mittelstandsbeteilung viele Dutzende Millionen; Frauenhilfe derselben, Einheit, Tomech Ewjonim, Krankenhausverein, Mensa academica rit,ualis u. a. haben alle Millionenbudgets. Aguda hat für Verteilung nur beschränkte Mittel zur Verfügung, weil deren Waisenhaus und Internat alle Mittel dieses Kreises binden und die Einrichtung des zweiten Waisenhauses und der Lehrwerkstätten deren ganze Kraft absorbieren. Die zur Adas Jisroel gehörenden auf Koscher reflektierenden Juden Wiens, bilden den vierten Teil der rituell lebenden Juden Wiens, deren Leistungen auf dem Gebiete der Aufrichtung wankender Existenzen, der Unterstützung in allen Formen, der weitestgehenden Fürsorge nach jeder Richtung erfordern Unsummen, die gerne aufgebracht werden. Dabei ist nicht außer Auge zu lassen, daß die Adas Jisroel zur Erhaltung ihrer rituellen Einrichtungen, ihres ausgedehnten Schulwesens ein Budget hat, das dasjenige mancher Mittelgemeinde überragt. Wir müssen alle Freunde des religiösen Judentums dringend auffordern, die Institutionen der Adas Jisroel und Agudas Jisroel großzügig zu fördern. Das ist echte Wohltat und Erhaltung des echten und rechten Judentums. Es ist schon zum Ueberdruß klargelegt, worden, daß das Feldgeschrei unserer Gegner: „Adas und Aguda haben soviel Geld, daß man ihnen keines zu geben braucht", nur eine Waffe gegen uns sein soll. Wir haben viel Geld, weil unsere Anhänger und. Freunde riesige Opfer bringen, wir erliegen aber unter der Last der gewaltigen Aufgaben, denen wir uns unterziehen und die wir, wenn wir die ausreichende materielle Unterstützung edler Menschen finden, noch ausdehnen wollen. Bar-Mizwali in dem Aguda-Waisenhaus Baden. Schabbos Hachodesch wurde ein Zögling des Aguda-Waisenhauses in Baden H156Ö Morgens wurde er im Tempel Ttöött aufgerufen, er trug die Haftorah korrekt und so geläufig vor, wie man es nur von einem Kinde' erwarten kann, das eine gute jüdische Schule besucht, bei dieser Gelegenheit spendete Herr Ghaskei Ingwer, Holzhandlung in Baden, ein Onkel des Bar Mizwoh, außer großen Spenden für andere Institutionen, für das Waisenhaus eine Million Kronen. Nach Mincha versammelten sich alle Vornehmen der Kultusgemeinde Baden, an deren Spitze der Oberrabbiner im Aguda-Waisenhaus, um. an der schönen mipD teilzunehmen. Herr Ingwer sorgte für eine solenne Mahlzeit, alle Zöglinge des Waisenhauses wurden mit Fischen, Bäckereien und Obst bewirtet, auch die Gäste ließen es sich gut schmecken, da es auch an verschiedenen Getränken nicht fehlte. Als erster Redner sprach der Bar Mizwoh; mit aufrichtigen, kindlichen Worten dankte er der Aguda, die ihm Gelegenheit geboten, eine echt jüdische Erziehung zu erhalten und sich im jüdischen Wissen zu vervollkommnen, er versprach seine Lebensbahn im Sinne der Anschauung der Aguda einzurichten. Hierauf sprach Herr Direktor Friedmann einige gewählte Diwre Thora, worin er dem Zögling nahelegte, das hier im Hause Erlernte, im ernsten Leben in die Tat umzuwandeln und auf diese Weise als Zögling des Waisenhauses, den Ruhm und die Ehre der Aguda noch mehr zu vergrößern. Dann sprach Oberrabbiner Reich, der nicht genug Lobesworte über den Erfolg der Waisenkinder sprechen konnte. Den Schluß der Feier bildeten die von allen Kindern, welche in bester Laune gewesen, vorgetragenen DITÖT; kurz vor Nacht schloß die schöne Feier, die allen Besuchern stets in angenehmer Erinnerung bleiben wird. Unter den Gästen waren zu sehen die Herren: Alexander Braun, D. Daniel, Adolf Raab, D. Schey, J. Grünwald, Gh. Ingwer, B. Löwy u. a. m. Das jüdische Taubstummeninstitut in Wien, III., Juchgasse 22, besteht schon seit 1844 und hat schon Plünderte gehörloser Kinder redend gemacht. Es erzieht die tauben Knaben und Mädchen zu einem selbständigen Erwerb. Es ist streng koscher, hat sein eigenes Beth hakneseth und die Zöglinge beten gut. Die Kost ist gut und reichlich. Professoren und Dozenten der Wiener Universität führen die ärztliche Aufsicht. Aufgenommen werden Knaben und Mädchen vom 6. Lebensjahre an. Je früher, desto besser. Aufnahmsgesuche für das im September 1923 beginnende neue Schuljahr sind mit Geburtszeugnis, Heimatschein, ärztlichem Zeugnis und Impfzeugnis bis 15. Juni an die Direktion zu richten. Jeschivo-Arbeit. Das gemeinsame Jeschivo-Komitee des Tiferes Bachurim-Vereines und der Agudas Jisroel-Jugendgruppe versendet einen warinen Appell an alle jüdischen Eltern zur Anmeldung ihrer Kinder für Jeschivoth, den wir an anderer Stelle veröffentlichen. Gleichzeitig gibt das genannte Komitee bekannt, daß das Verhören der von den Jeschivos zurückgekehrten Bachurim Mittwoch, am zweiten Tag Chol Hamoed (Pessach) unter Leitung Sr. Ehrw. Herrn Oberrabbiner Fürst in der Agudas Jisroel- Jugendgruppe um 4 Uhr nachmittags stattfindet. Schabbos Farschos Wajikro. Schabbos Parschos Wajikro fanden heuer anstatt-am Schabbos Hagodo], der an Erew Pessach fällt, die traditionellen Deroschoth statt, welche allenthalben in den Ruf zur Stärkung des Gedankens des thoratreuen Judentums ausklangen. Während in den Bethäusern der Kultusgemeinde infolge des Streiks aller Angestellten hiezu befähigte Baale Batim die kantoralen Funktionen vergehen mußten, verlief der Tag in den orthodoxen Bethäusern in gewohnter Weihe. In der Schiffschul sprach Sr. Ehrw. Herr Oberrabbiner S. Fürst zu den in gedrängten Reihen lauschenden andächtigen Zuhörern zuerst scharfsinniges Charifuth in der Sugje „Chodoscb", um dann zum Magidus überzugehen. Nach Erörterung der zeitgemäßen Dinim von Pessach forderte der ehrwürdige Redner die Anwesenden eindringlichst auf, mit ganzen Kräften an dem Aufbau des orthodoxen. Schulwerkes, der Mikwah und allen sonstigen orthodoxen Institutionen mitzuwirken. Im gleichen Sinne sprachen Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Schenk in der Talmud Thora-Schule, Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Pinchas Kohn in der Rembrandschul, ferner in den äußeren Bezirken Herr Rabbiner M. Flesch in der Stumpergasse, Herr Rabbiner Weiß in der Storchengasse und schließlich die Ehrw. Herren Rabbiner Fleischmann und Benedikt im IX. Bezirk. In Wr.-Neustadt erfuhr das junge orthodoxe Gemeindeleben mächtige Impulse durch die eindringliche Deroschoh Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Joel Pojlak, deren nachhaltiger Eindruck aus. den dortigen Berichten hervorgeht. Aus dem Burgenland einlaufende Nachrichten zeugen ton dem würdevollen Verlaufe des Tages, an dem überall durch die Ehrwürdigen Herren Rabbiner Deroschoth gehalten wurden, die allenthalben belebend auf das zum Teil erst in der jüngsten Zeit neuerwachte jüdische Gemeindeleben wirkten. Aus Budapest kommt die Nachricht, daß dort der greise Oberrabbiner Koppel Reich zur freudigen Ueberraschung seiner Gemeinde 65 Minuten lang in voller geistigerundkörperlicherFrischeseineDeroschohhielt. Vortrag Dr. P. Kohn. Sonntag, den 8. Nissan, hielt Herr Rabbiner Dr. Pinchas Kohn im Turnsaale der Talmud Thora-Schule einen Vortrag über die „Bedeutung der konfessionellen Schule". Der Vortragende hat meisterhafter Weise sowohl die politische wie pädagogische, besonders aber die soziale und religiöse Seite dieser Frage erörtert. Der Vortrag hat einen nachhaltigen Eindruck gemacht: es wäre noch zu wünschen, daß er in Druck gelegt, auch einem weiteren Kreise zugänglich gemacht werde. Vortrag Dir. Dr. Deutsch aus Budapest. Herr Dir. Dr. Deutsch, Leiter des orthodoxen Schulwerkes in Budapest, weilt während des Pessachfestes in Wien. Das rührige Komitee zur Förderung der Talmud Thora-Schule hat ihn zu einem Vortrag gewonnen, Der Vortrag findet Sonntag, den 8. Tag Pessach, nachmittags um 5 Uhr, im Turnsaale der Talmud Thora über die Bedeutung der jüdischen Schule für die jüdische Zukunft statt. Akademie zugunsten der Talmud Thora-Schule. Sonntag, den 18. März, fand im Turnsaale der Talmud Thora-Schule eine von der Beamtenschaft der Firma Jakob Neurath veranstaltete Akademie zugunsten der Talmud Thora-Schule statt, deren Reinertrag über 4. Millionen betrug. „B"-Gruppe der Agudas Jisroel-Jufrendgruppe Wien. Am Schlüsse des Wintersemesters' veranstaltete die B-Gruppe der Agudas Jisroel Wien am Sonntag, den 18. März 1923, im großen Vortragssaale einen Vortrag des Herrn Moritz Spitzer aus Trnava über das Thema: Geist und Schrifttum des Judentums zur Zeit der Entstehung des.Karüer. Von der Feststellung ausgehend, daß die seitens der Gegner vielfach erhobene Anschuldigung, das orthodoxe Judentum stehe den zur Hebung des Interesses für jüdische Geschichte und Literatur gerichteten Bestrebungen antipathisch gegenüber, jeder tatsachlichen Begründung entbehrt, erörterte der Vortragende in längeren Ausführungen den historischen Hintergrund, der für die künftige Gestaltung des Judentums in gewissem Sinne mitbestimmenden Sektenspaltung, welche auf die Literatur jener Zeitepoche befruchtend eingewirkt und zu neuem Denken und Schaffen Anregung gegeben habe und gab dann in ungemein fesselnder Weise an Hand eines reichlich gesammelten und hestimmten Erwägungen gesichteten Quellenmaterials eine treffende Darstellung jener Zeitereignisse, welche sich in dem übrigen kulturellen Leben des jüdischen Volkes wiederspiegelten, um am Schlüsse den Standpunkt des auf Basis der traditionellen Ueberlieferung aufgebauten, die karäeische Weltanschauung negierenden, in dieser Beziehung jede Kompromislösung ausschließenden Judentums in deutlicher Form zu präzisieren. Die Ausführungen des geschätzten Vortragenden, der umfassende Sachkenntnis und kunstvolle Behandlung des ziemlich großen Stoffes zeigte, ernteten den vollen Beifall des zahlreich erschienenen Publikums. Ungarn. Oberrabbiner Josef Altmann. Die orthodox-israelitische Kultusgemeinde in Mezö-Gsat und die ungarische Orthodoxie hat einen großen Verlust erlitten. Am 2. Adar (18. Februar) verschied der als großer Gaon anerkannte Rabbiner Josef Altmann in Mezö- Gsat. Er war der Schwiegersohn und Nachfolger von Rabbiner Tannenbaum, den berühmten Verfasser von »Neta Sorek". Die Bestattung fand am 4. Adar unter ungewöhnlich großer Beteiligung der ganzen Umgebung statt. Die Hespedim dauerten von 8 Uhr früh bis 3 Uhr nachmittags. Deutschland. Berlin. Als Zeichen der Verwirrung, welche die jüngsten Jahre angerichtet »haben, müßte es festgehalten werden, daß der von jüdischnationaler Seite so sehr als Jude gefeierte Professor Einstein aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten ist, da er keinerlei religiöses Interesse habe. So also stehen die „Heroen" des modernen Judentums. Hetze gegen Ostjuden. Die Hetze gegen die Ostjuden in Berlin und im Reich stammt nicht von gestern. Seitdem die ersten polnischen und russischen Juden infolge der Kriegsvrirren nach dem deutschen Reiche verschlagen worden sind, h*t ein wütender Kampf gegen sie begonnen. Selbst vernünftigere Elemente,, die dem deutschen Juden freundlich oder wenigstens gleichgültig gegenüberstanden, verwandeln sich ia judenhasser, sobald von den unglücklichen Flüchtlingen aus den östlichen Ländern die Rede ist. Diese Differenzierung geht so weit, daß viele d;r Ostjudenfeinde sich wundern, wenn die deutschen Juden die Partei ihrer Brüder ergreifen, da die Deutschen im Ostjuden ein ganz fremdes Element sehen, das in keinem Zusammenhang mit „ihren" Bürgern mosaischer Konfession steht. So ist denn die Verfolgung der /Ostjuden eine besonders erbitterte, auch bequemere, da es sich ja um „lästige Ausländer" handelt, die nirgends gern gesehen werden. Es werden also alle möglichen und unmöglichen Argumente ins Treffen geführt, ja es hat sich kürzlich ein Hetzblatt nicht gescheut, das Ritualmordmärchen aufzuwärmen. Die Ostjuden seien (als Thoratnsue ] Tretet der Agudas idicrl euer WaWredtf zur Hcncsslo flcdanlo als PI