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Jüdische Presse · 1923-03-30 · 13-14 (30.3.1923) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
13-14 (30.3.1923)
Date
1923-03-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 78 JÜDISCHE PRESSE Nr. 13/14 sondern auch die österreichische Provinz. Wir wollen hier nur auf das Beispiel Badens und Wr.-Neustadts hinweisen. In Baden besteht vor allem das wunderbare Waisenhaus der Agudas Jisroel, wo Waisenkinder förmlich aus höchster Not befreit und in ein traulich jüdisches Heim gebracht wurden, wo sie auch zu thorabeflissenen Jünglingen erzogen werden. Dieses edle Beispiel wirkte auch auf die übrigen Juden in Baden, die für ihre Kinder ebenfalls eine Talmud Thora errichtet haben und jedem, der geschichtliche Ereignisse würdigen kann, ist es eine Freude, daß in Wr.-Neustadt, wo seit Jahrhunderten keine Thora mehr gelernt wurde, jetzt nicht nur die Kinder aus dieser Quelle des Lebens schöpfen, sondern selbst die Erwachsenen in der Ortsgruppe der Agudas Jisroel jeden Tag Gemore lernen. Einen großen Gewinn bedeutet ferner für die österreichische Judenheit der Anschluß des Burgen- 1 an d e s. Somit sind die berühmten sieben Gemeinden an Oesterreich gekommen. Gemeinden, in denen noch G-tt sei Dank die Autorität und das Studium der Thora in voller Blüte stehen. Nebst Talmud Thoras in allen Gemeinden befinden sich in Mattersdorf und Deutsch-Kreuz (Zelem) Jeschiwoth, wo nun nebst den heimischen Kindern auch Jünglinge aus Oesterreich, welche Thora lernen wollen, Aufnahme finden. Wenn wir auch alle unter dem furchtbaren H Druck der wirtschaftlichen Krise stehen, bietet es eine ungetrübte Freude, daß das Schicksal der Thora mindestens in Oesterreich ganz unabhängig ist von dem Schicksale anderer menschlicher Werte. Auf den Ruinen der von Menschen geschaffenen Güter erhebt sich weit sichtbar die Fahne der Thora, die von einigen Starken Hochgehalten wird. Daß sie in ihrer Arbeit nicht ermüden, das gebe G-tt! J. P. „Jüdisches Hilfswerk." Von Univ.-Prof. Dr. Max Eisler. Unsere soziale Fürsorge ist im vergangenen Jahre ein paar gute Schritte vorwärts gegangen. Wir haben den Bau unserer Organisation fundamental erweitern können. Neben das erste, vortrefflich wirkende Kriegswaisenhaus in Baden, Germergasse, ist ein zweites in der Epsteingasse getreten; zur Aufnahme von 120 Mädchen aus dem Pogromgebiet der Ukraine bestimmt, führt es unsere planmäßige Kinderpflege von den Knaben nun auch auf die Mädchen. In Wien, III. Schimmelgasse, haben wir vor wenigen Wochen ein neues Knabeninternat eröffnet, dem schon ein Lehrlingsheim angegliedert ist. Dadurch arbeitet es unserer größten Unternehmung, den „Jüdischen Werkstätten", XII. Edelsingasse, vor, die 1500 schulentwachsenen Knaben — neben der fortlaufenden geistigen und religiösen Erziehung — eine tüchtige technische Unterweisung in den verschiedensten Handwerken bieten soll. Die Tischlerei für 50 Zöglinge ist bereits mit ihrem modernen maschinellen Apparat versehen, die zugehörigen Wohn- und Wirtschaftsräume sind fertig. Das staatliche Gewerbeförderungsamt hat die Beistellung der besten Werkmeister auf sich genommen, unter den Wiener Industriellen ist die Bildung einer Inte,ressentengruppe im Gange, die polnische Gesandschaft hat sich prinzipiell bereit erklärt, den Bedarf an Bureaueinrichtungen für die öffentlichen Anstalten in Polen aus unseren Werkstätten zu decken. Aber wir sind noch weit von unseren Zielen. Der Ausbau der „Jüdischen Werkstätten", der ungezählte Millionen erfordert, ist unsere nächste Aufgabe. Wir haben noch kein Säuglings-, kein Rekonvaleszenten-, kein Altersheim. In allen diesen Hinsichten müssen wir den hinderlichen oder gar lähmenden Ballast ambulanter Maßnahmen durch organisierte Einrichtungen ersetzen. Hilfe tut not! Der Kriegswaisenfonds in Zürich, das Kinderkomitee im Haag, die Alliance in Paris haben uns auch im vergangenen Jahre gefördert, die amerikanische Winterhilfe hat sich in dankenswerter Weise diesen auswärtigen Aktionen angeschlossen. Doch all das brachte nur eine verhältnismäßig geringe und gelegentliche Erleichterung. Denn unsere Aufgabe wächst von Tag zu Tag, und die Wirtschaftslage im Ausland ist schlecht. Umso dringender ist die Teilnahme von neuen Gebieten im Westen, aber auch im Osten, auf die wir bisher vergebens gewartet haben. Das Meiste hat auch diesmal unser eigener Kreis in Wien geleistet. Doch auch dieser Kreis hat sich nicht wesentlich erweitert. Noch immer fehlt selbst denen, vor deren Augen unser Werk geschieht, das volle Verständnis und mit dem Verständnis auch der Wille ziir helfenden Tat. Wir brauchen in jeder Hinsicht zu allernächst die Mitarbeit der heimischen Kräfte. Möge dieser Appell sie endlich in unsere Mitte führen! Die Wahlen zum Gesetzgebenden Rat in Palästina. Die letzten Wochen waren für die Bevölkerung Palästinas von> besonderer Bedeutung und spielen auch in der politischen Entwicklung des Landes eine hervorragende Rolle. Es sind nämlich die schon lang vorbereiteten und (von der jüdischen Bevölkerung wenigstens) lebhaft erwüuschten Wahlen zum Gesetzgebenden Rat (Legislative Conncil) bereits durchgeführt worden. Das heilige Land befindet sich seit dem Weltkriege gewissermaßen ohne einheitliche Gesetzgebung und dieser Mangel mußte natürlich aufs Unangenehmste empfunden werden. Der Gesetzgebende Rat, der auf Grund der Balfourdeklaration zusammentreten wird, hat nun die Aufgabe, dem Lande eine feste,, und regelrechte Gesetzgebung zu schaffen und auf diese Weise viele seit Kriegsende schwebende Fragen und Konflikte zu lösen. Die Wahlen sind auf Grund eines Ausscheidungsverfahrens durchgeführt worden, das heißt von einer gewissen Anzahl Urwählern ist durch eine neuerliche Abstimmung eine kleinere Zahl als Mitglieder des Rates gewählt worden. Das Gesamtresultat liegt nun vor, und zwar sind 284 Mitglieder, darunter zirka 90 Juden endgültig erwählt worden. Die Wahl ging aber keineswegs glatt vor sich, sie war von einem erbitterten Kampfe des Großteils der arabischen gegen die jüdische Bevölkerung begleitet. Die Araber hatten hier nur zwei Auswege übrig: Entweder sie nahmen an den Wahlen teil und stellten eigene Kandidaten auf oder sie enthielten sich ostentativ der Stimmenabgabe und machten durch diesen Boykott die Wahlen sozusagen zu einem toten Rennen, das heißt gegenstandslos. Würden sie das erstere tun, so wäre es eo ipso eine Anerkennung der Balfour-Deklaration und dies wollten die Araber, die ja von Anfang an mit Händen und Füßen sich gegen dieselbe wehrten, unter allen Umständen vermeiden. So blieb ihnen denn nichts anderes übrig, als einen allgemeinen Wahlboykott durchzuführen und die arabische Exekutive in Palästina gab. die Anweisung zum Boykott als Parteiparole aus. Die genannte Körperschaft, deren Seele der bekannte Abdul-Kadir, der größte Feind der Errichtung eines jüdischen Nationalheimes in Palästina, ist, setzte nun einen mächtigen Propagandaapparat in Bewegung, um die Boykottierung, beziehungsweise Sabotierung der Wahlen durchzusetzen. Die arabische Delegation in London suchte alles mögliche anzuwenden, um zu ihrem Ziele zu gelangen und die arabische Presse Palästinas führte den Kampf mit allen erlaubten Mitteln. Der Generalgouverneur erließ eine Anzahl Verfügungen zum Schutze der Wahlen und setzte große Strafen auf die Sabotierung derselben. Er erklärte kategorisch, daß das Resultat der Wahlen unter allen Umständen als rechtsgültig erklärt werde, auch wenn kein einziger Araber sich beteiligt haben würde. / Teils.'durch die keineswegs angenehme Aussicht, einen Gesetzgebenden Rat de facto zu bekommen, in dem kein Vertreter der arabischon Sache sitzen würde, eingeschüchtert, teils aus persönlichen Gründen, ist nun ein» Teil (allerdings eine Minderheit) der Araber doch zur Urne geschritten und hat dadurch die einheitliche arabische Front gebrochen und empfindlichgeschwächt. Gegen diese „Abtrünnigen" speit die arabische Presse Feuer und Schwefel und betrachtet sie als Feinde der nationalen Sache. Obwohl gegen diesen Wahlkrieg nicht sehr in die Wagschale fallend, hat doch auch im Schöße der jüdischen Partei ein Kampf um die Kandidaten stattgefunden. Die jüdische Bevölkerung hat wohl ziemlich korporativ sich an den Wahlen beteiligt. Die Agudas Jisroel hat in verschiedenen Wahlbezirken eigene Kandidatenlisten aufgestellt und einen verhältnismäßig guten Erfolg zu verzeichnen. Gewählt 9ind von dieser Partei die Herren Jodulowitz, Bernstein und Lewin. Nicht geringen Verdruß bereitete es den Zionisten, daß der von ihnen kandidierte Relakteur des „Doar Hajom", Itmar Ben-Abi, im sogenannten „ungarischen" Wahlbezirke, der der Aguda nahesteht, glatt durchgefallen ist. Das Blatt sucht alle möglichen Gründe für dieses Fiasko anzuführen und nimmt es dem „Waad Leumi" sehr übel, daß er Ben-Abi, der ein bekannter Freidenker ist, im ungarischen Wahlbezirke kandidiert hat, wo eine Blamage vorauszusehen gewesen sei. Die Wahlen sind nun vollzogen und der Rat wird zusammentreten. Allerdings kann nicht gesagt werden, ob er seiner Aufgabe unter diesen widrigen Verhältnissen wird gerecht werden können und insbesondere ob er tatsächlich als berufener Vertreter der Bevölkerung gelten darf, da ja schließlich die überwiegende Mehrheit der Araber ihre Stimme nicht abgegeben hat. Es ist nicht zu leugnen, daß wenn wirklich die ganze Bevölkerung an den Wahlen teilgenommen hätte, diese auch nicht annähernd ein für die Juden so günstiges Ergebnis gezeitigt hätten. Und die Araber sind so siegesgewiß, daß sie den 14. März, den Stichtag der Wahlen als Nationalfeiertag betrachten, da es ihnen gelungen sei, den Schlag der Jüdischen Eindringlinge" gegen die arabische Selbständigkeit abzuwehren. Jedenfalls beginnt der Rat seine Tätigkeit unter sehr ungünstigen Auspizien und es steht zu befürchten, daß er keine sehr ersprießliche Arbeit wird leisten können. Treue unseren Toten! Eine Betrachtung zum Pessachfeste von cand. jur. G. Kanter. Als Israels Befreiungsstunde in Aegypten geschlagen hatte, als Moses den schönsten Triumph, den Israel sich nur wünschen mochte, über Pharao feierte, da, so erzählt uns die Heilige Schrift (£. B.,. M. 13, 14), nahm er einzig und allein einen Sarg mit, jenen Sarg, der die Gebeine Josefs enthielt. Ist es nicht ein geradezu herrlicher Beweis für das edle jüdische Herz, das mitten im Freudentaumel die Pflicht der Pietät nicht vergißt? Treue den Toten, das ist, worin unser großer Lehrer Moses dem befreiten Volke in einem edlen Beispiele voranging, und Treue unseren Toten, das wollen auch wir an diesem Befreiungsfeste näher erörtern. Zur Ehre unserer Glaubensbrüder sei hervorgehoben, daß jene äußerliche, sich in Worten, Werken, Tagen und Bräuchen offenbarende Treue fortbesteht in unseren Tagen und selbst, da der heilige Väterglaube immer mehr an Anhängern verliert, hoch gehalten wird; anders steht es aber in vielen Kreisen mit jener, welche Herzen verbindet, Geister eint, uns durch die heiligsten Gefühle mit der Vergangenheit verknüpft. Treue unseren Toten heißt in allererster Linie Treue ihrem Glauben. G-tt zu dienen, wie sie getan, Ihn anzurufen in Leid und Freud, mit seinem heiligen Namen alle Werke zu beginnen, alle Vorsätze zu fassen, alle Gebote und pesetze unserer erhabenen Religion gewissenhaft zu beobachten, das heißt das Andenken unserer teuren Heimgegangenen ehren. Namentlich an den Gattinnen und Müttern in Israel ist es, den heiligen Väterglauben dem Hause als Stempel aufzudrücken, ihn in das zarte, edle Herz ihrer Kinder einzupflanzen, auf daß nicht ein Geschlecht heranwachse, das in sich und mit sich zerrissen und zerklüftet ist. , Treue unseren Toten heißt ferner Treue ihrem heiligen Streben. Weil unsere Väter den Wahlspruch hatten: „G-tt mein Freund und ich sein Eigentum, Er mein G-tt und ich sein Volk ..." kannten sie auch kein höheres Streben-» als Ihm zu dienen „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele". Wenn es die Sache des Judentums galt, da liefen sie schnell wie ein Hirsch, da standen sie auf der Höhe der Tatkraft und Ausdauer. Es gab unter ihnen auch reiche, angesehene und vornehme Männer, Männer von hoher Begabung und ausgezeichneter Bildung; ihren Reichtum, ihre Bildung, ihr Ansehen, ihre gesellschaftliche Bevorzugung gebrauchten sie nur als Mittel zur Förderung jüdischer Zwecke. Hierin müssen wir den Toten Treue zollen. Unser Rechtsverhältnis zum Staate, unsere Beziehungen zu allen Fragen der Gesellschaft öffnen uns neue Wege, bieten uns geeignete Mittel für die Geltendmachung all des Großen, Hohen und Herrlichen und an den Reichen in Israel ist es, den Ueberfluß, den der Allmächtige ihnen verliehen, so zu benützen, daß Israel einst mit Stolz auf sie hinweisen könne als auf Männer, welche durch ihre Stellung und ihre Verdienste auf den mannigfachen Gebieten des Staatslebens, der Wissenschaft und der öffentlichen Wohlfahrt das Judentum ehren und auszeichnen. Auch in unserer Mitte sollen die gerissen hast, daß du als reich giltst, dann bist du geehrt und geachtet und kannst sorglos genießen! Mitten in diesem heißen Kampf aller gegen alle, tritt der Friedensbote, der von G-tt gesandte Sabbat. Er will den Kämpfenden den Schweiß vom göttlichen Antlitz trocknen, die Furchen in der Stirne glätten, ihnen Ruhe und Frieden bringen, indem er auf G-tt, der ihn gesandt, hinweist, in dessen mächtiger Vaterhand doch allein Leben und Tod, Reichtum und Armut ruht. Er verlangt Einstellung aller Tätigkeit, während die Zeit laut die rastlose Anspornung aller Kräfte fordert. Er weist den Menschen von der Beherrschung der Natur, nachdem er sie sechs-Tage sich untergeordnet hatte, zurück und verlangt durch Einstellung jeder produ-. zierenden Tätigkeit in G-ttes Welt die Anerkennung G-ttes als Schöpfer und Eigner vom Himmel und Erde. Aber die Gegenwart in ihrer wilden Jagd nach Erwerb und Genuß findet diesen Ruf immer unbegreiflicher und maßt' sich an, in ihm eine unberechtigte Zumutung zu erblicken. Da gehört Mut dazu, unter diesen' geräuschvoll auftretenden und so selbstverständlich scheinenden Ansprüchen des täglichen Lebens, dem älteren Anspruch G-ttes und Seines sanften Friedensboten nicht nur Gehör zu schenken, sondern ihm willigen, freudigen Gehorsam entgegenzubringen. Es gehört Mut dazu treu und fest in seiner von den Vätern überkommenen Ueberzeugung auszuharren, wo dieselbe so schroff mit der ganzen Strömung kontrastiert, und diese Ueberzeugung nun in der Erziehung der Kinder, in der Führung seines Geschäftes entschieden zum Ausdruck zu hringen. Wer dieses irQWÜ rOttf Jl^lj?» d,eses Opfer, welches jeder Sabbat neu verlangt, freudig bringen will, der muß sich von den Götzen unserer Zeit emanzipieren, der muß den Mut haben, sie nach dem leuchtenden Vorbild unserer Väter, angesichts ihrer Verehrer zu binden, wenn er das große Wunder auch an sich erfahren will, dessen Gedächtnis der Sabbat Haggadol verewigt. Die Götzen, denen die alten Aegypter huldigten, die Götter, denen die Kinder unserer Zeit alles hingeben, diese gerade opferte und opfert der Jude seinem G-tte. Freilich knirschten und knirschen die Priester und Verehrer aller Götzen hierüber die Zähne, aber sie bekunden damit nur ihre Machtlosigkeit und die ihrer Idole. Erst wenn die Götter überwunden sind, wird Ruhe und Friede im Kreise der Menschen heimisch werden. Dieses tröstliche Bewußtsein veranschaulichten unsere Ahnen, indem sie das Opfer, das sie G-tt mit den gefesselten Götzen ihrer Zeit brachten, an ihre Ruhestätte banden. Die entfesselten Götter verwandeln unsere Ruhestätten in ein Pfühl voll Unruhe und Sorgen, aber daß unsere Lagerstätten uns wirklich Ruhe und Befriedigung hringen, dafür gibt es keine bessere Garantie, als die Fesseln, die wir den Dämonen der Habsucht und Genußsucht anlegen. Das war das große Wunder des Sabbat Haggadol. — Diese Gesinnung und diese Tat, machten den Sabbat groß, der sie zum ersten Male lehrte, und stellen noch heute diejenigen, die sich von ihnen durchdrungen wissen, hoch über das niedere Weltgetriebe, das keine höheren Ziele als Ervverb und Genuß kennt. Mit diesem Geist möchte uns der sinnige Brauch der Väter ausrüsten, wenn er uns alljährlich erinnert, daß nur er zum Feste unserer Freiheit führt, daß erst der Sabbat Haggadol vorangegangen sein muß, wenn Pessach folgen soll. Aniwuth. (Eine Pessach-Erzählang-.) Einen so bescheidenen, demütigen Mann, wie den Borinower Rabbi, hatte es noch nicht gegeben. Er war ein „Anuw" in des Wortes tiefstem Sinn. Nie nahm er besondere Ehren für sich in Anspruch, jeder Auszeichnung ging er aus dem Wege. Er wollte nicht mehr als seine Chassidim gelten, für den ärmsten, niedrigsten unter ihnen hatte er jederzeit ein warmes, brüderliches Wort übrig, ja er ließ ihn fühlen, daß er ihn als sich überlegen, als denjenigen betrachtete, der Gott besser, inniger diente als er, der heilige Rabbi von Borinow. Keinen Heller verwendete er für sich oder seinen Haushalt von den Geldern, die die reichen »Baalebatim" ihm zufließen ließen, alles wurde unter die Armen und Bedürftigsten verteilt. Er selbst besuchte die armen Viertel, verweilte oft stundenlang im dürftigen Hause eines jüdischen Handwerkers, erkundigte sich eingehend nach seinen Verhältnissen, seiner Lebensweise und half dann nach Möglichkeit. Die ärmeren Juden verehrten ihn auch innig und überall war er geliebt und gepriesen. Die Baalebatim sahen, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zwar nicht sehr gerne diese „Erniedrigung" ihres Rabbi und sie betrachteten das ganze ein bischen als Marotie, aber was der, Rabbi tut ist heilig und so bemühten sie sich, ihm nachzustreben und gleichzutun. Und wenn auswärtige Chassidim an den ^Hof" des Rabbi kamen, so staunten sie nicht wenig über die Gleichheit die da herrschte, wie an den Feiertagen nicht den reichsten Baalebatim auch die fettesten und vielumstrittensten „Alijos" zufielen und wie beim Verteilen der „Schirajim" auch die Batlonim und Schnorrers auf ihre Rechnuug kamen. Am stärksten kam diese Gesinnung des Rabbi an den Pessachtagen und ganz besonders beim Seder zum Ausdruck. Während alle andern an diesem Abend sich besonders, fein und als Könige in ihrem Hause vorkamen, stolz und behaglich in ihren Kissen am Ehrenplatz der prächtig geschmückten Tafel lehnten und mit wohlwollend-herablassenden Mienen die „Orchim" betrachteten, die sich aus den ärmeren Schichten rekrutierten, ging es beim Rabbi ganz anders zu. Zwar war auch hier festliche, gehobene Stimmung, auch hier prächtig gedeckter Tisch, aber obenan thronte nicht der Rabbi, sondern ein alter, armer Holzfäller, der das ganze Jahr mühsam arbeitete, um sein Stückchen Brot zu verdienen und zum „Lernen" sehr wenig oder gar keine Zeit übrig hatte. Mit diesem Mann hatte, es überhaupt eine seltsame Bewandtnis. Der Rabbi behandelte ihn nämlich besonders auszeichnend, schaute zu ihm gleichsam wie zu seinem Meister hinauf und ehrte ihn wo er nur kounte. Seit Jahren war es nun Sitte, daß er am heiligen Sederabend an des Rabbis Tisch den Vorsitz führte. Und die biederen Baalebatim wunderten sich und schüttelten die weisen Häupter. „A. Zaddik" hieß es schließlich, kann man verstehen, was ein Zaddik tut? Gewiß weiß er es am besten! Und nur die älteren Chassidim, die sich noch an den jungen Rabbi erinnerten, an den selbstbewußten und stolzen Mann, der er vor Jahren, bei Antritt seines Amtes gewesen, erlaubten sieh im geheimen ein stilles Lächeln. Sie begriffen diesen Umschwung nicht. Nicht, daß der Rabbi in jüngeren Jahren nicht ein guter und g ttesfürchtiger Mann gewesen wäre. Cholilo! Aber es war damals doch ein gewisses kleines „Vonoben-herab* in seiner Güte, ein bischen Selbstzufriedenheit nach einer vollbrachten Wohltat. In jener Zeit sah er es gerne

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