Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 13-14 (30.3.1923)
- Date
- 1923-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 76 JÜDISCHE PRESSE Nr. 13/U aus der Wüste in das verheißene Land finden, wenn das Gesetz nicht ihrem Wege Ziel und Richtung gibt. Es wird uns zur religiösen Pflicht gemacht, die Tage vom Feste der Freiheit bis zum Feste der Gesetzgebung zu zählen, denn Freiheit und Gesetz muß sich verschmelzen zu untrennbarer Einheit. Die Sehnsucht nach Freiheit und Befreiung glüht in allen Menschenherzen und jede Nation erhebt sie zu ihrem Panier. Doch die nationale Freiheit Israels offenbart sich durch das bindende und ge- K,mdene Gesetz unserer Thora! Durch die Wüste zum Sinai, aus der Wüste mit dem Gesetz und durch das Gesetz in das verheißene Land unserer Freiheit! 0. N. Was ist Agudas Jisroel? Agudas Jisroel ist der Weltverband jener Juden, welche die Lösung der Judenfrage und aller jüdischen Fragen im Geiste der Thora und überlieferten Tradition erstreben. Die Idee der Agudas Jisroel ist demnach nicht neu. Sie will aber nicht nur vererbt werden. Um si« zu besitzen, muß man sie in jedem Zeitalter neu erwerben. Dies ist die moralische Aufgabe, die jedes Mitglied der Agudas Jisroel an und in sich vollziehen muß. Noch in jedem Zeitalter sind falsche Propheten erstanden, die dem Judentum einen fremden Sinn und der Judenheit eine fremde Aufgabe geben Wollten. Um den unverfälschten, einzigartigen, ewigen Charakter des Judentums zu erhalten, muß man es gegen umstürzlerische Versuche verteidigen. Dies ist die Abwehrpflicht, der sich jedes Mitglied unterziehen muß. Man wird dieser Pflicht am ehesten gerecht, wenn man die wahre Tdee des jüdischen Volkes verbreitet, wenn man über sein wahres Wesen jeden Juden belehrt. Das Wesen des jüdischen Volkes soll aber auch vor den übrigen Völkern nicht verheimlicht werden.. Man verständigt sich besser, wenn man einander versteht. Agudas Jisroel will das jüdische Volk nicht in den engen Rahmen einer Konfession im kirchlichen Sinne hineinzwingen. Sie verwirft aber auch, das jüdische Volk als Nation, wie die übrigen Nationen hinzustellen. Agudas Jisroel erkennt das jüdische Volk als Volk G-ttes, mit allem Vorzug und mit aller Bürde dieser Erkürung. Die Judenheit ist demnach kraft der göttlichen Verfassung, die am Sinaitage gegeben und in der * Thora niedergeschrieben wurde, ein Volk. Sie bleibt insolange ein Volk, insolange diese Verfassung ihre Volksorganisation bildet. Für Agudas Jisroel ist daher Judenheit und Judentum identisch. Diese Verfassung, die g-ttlichen Ursprungs und daher ewig ist, gibt dem jüdischen Volke Anspruch auf das Heilige Land, dessen Besitz ihm zu einem von der Vorsehung bestimmten Zeitpunkt, seine Verfassung in allen ihren Teilen wird aufleben und sie ganz auswirken lassen. Das Heilige Land ist der Boden, auf welchem das jüdische Volk seh\ wahres Wesen voll entfaltet, indem es ganz nach seiner heiligen Thora lebt. Es sichert dann nicht nur sein eigenes Glück, sondern fördert das Wohl aller Völker. Agudas Jisroel kündet demnach, daß die Thora das jüdische Volk über seinen Ursprung, über seine Aufgaben und über seine Bestimmung belehrt. Sie macht uns zu einem Volk, für sie sind wir ein Volk. Sie gibt uns Anspruch auf unser Land, sie soll in unserem Landedie Herrscherin sein. Sie zu lehren, sie zu fördern, für sie zu leben und ihren Glanz neu erstrahlen zu lassen, ist die heilige Aufgabe, die Agudas Jisroel sich gesetzt hat. Dies ist der Sinn, wenn wir sagen, Agudas Jisroel hat sich die Lösung aller Tagesfragen im Geiste.der Thora zu ihrem Losungswort gemacht. Die Kenessio Gedaulo. Dieses Programm wurde vor zehn Jahren festgesetzt und Agudas Jisroel hat während der zehn Jahre ihrer Existenz seine Verwirklichung in Angriff genommen, aher bloß unvollkommener Weise lösen können. Nicht alle, welche nach der Idee zu ihr gehören, haben den Weg zur Agudas Jisroel gefunden; nicht alle, die in der Organisation waren, haben ihre Idee ganz begriffen und sich von ihr ganz erfassen lassen. Die Kenessio Gedaulo, die s. G. w. im Elul dieses Jahres in Wien zusammentreten soll, wird Wandel schaffen, sie soll die Aufgabe der Agudas Jisroel noch einmal allen Thoratreuen ins Herz rufen. Sie wird all jene aufrufen, die überzeugt sind, daß nur die Zusammenfassung im Zeichen der Am 3. Nissan 5682 /begann der Zentralrat der Agudas Jisroel seine Hilfstätigkeit für die in Sowjetrußland Hungernden. Nur zag ging man an dieses Werk. Denn es ist leider eine durch Erfahrungstatsachen belegte Erscheinung, daß solches Elend, das nicht unmittelbar in blutenden Wunden zu den Augen, in verzweifeltem Notschrei und Todesröcheln zu dem Ohre spricht, im Mitleid der Menschen nicht immer den Widerhall rettender und erhaltender Tat findet. Ist doch jedes Wort, selbst der Bericht des Zuschauers, der das Grausige miterlebt, selbst die Feder des Dichters zu schwach, um ein Bild des Jammers auf der einen Seite, der Größe, der sittlichen Höhe der Leidenden auf der anderen Seite wiederzugeben. Deshalb fürchtete man, daß nach dem ersten Impuls das Hilfswerk bald ins Stocken geraten möchte. Es genügte deshalb nicht, an das mitfühlende Herz zu appellieren, vielmehr mußte die Erkenntnis der Pflicht geweckt werden. Es mußte dafür gesorgt werden, daß den Glücklichen bei jedem Bissen Brot die Frage vor die Seele sich drängte, ob §r der Hungernden gedachte, daß ferner jede Mutter, welche die zarten Glieder ihres Kindes in die schützende Hülle des wärmenden Kleides barg, an die armen, armen Kinder dachte, die dort im Osten brotlos und hüllenlos verschmachten und vergehen. Darum bat man nicht, sondern bot sich nur als Vermittler an, um der erfüllten Pflicht zu möglichst segensreicher Bewährung zu verhelfen. Ein ausgedehntes Netz,, von Beziehungen zu unbedingt guverlässigen Vertrauensmännern in Sowjetrußland gab und gibt die Gewähr, daß die Gaben nach bestem Wissen» und Gewissen verteilt werden. Wäre Gelegenheit geboten, so wären bereits eine Reihe von Dankbriefen veröffentlicht, er- Thora das Heil des jüdischen Volkes bringen kann. Die Vorbereitung zur Kenessio Gedaulo soll allen, die überzeugt sind von der Richtigkeit .des Weges, den Agudas Jisroel gezeigt hat, den Anlaß geben, sich zu prüfen und festzustellen, ob sie ihr bestes Können für das Ebnen dieses Weges hergegeben haben, denn wahrlich, dieser Weg, der Weg der Thora, der Weg G-ttes auf Erden kann nur mit den besten Kräften aller gebaut werden. Diese Vorbereitung, diese Selbstprüfung ist schon ein großer moralischer Gewinn, den die Kenessio Gedaulo bedeutet. Der Erfolg wird aber noch größer sein, wenn all jene, die dieser Prüfung standhalten, zusammentreten und die Führung jener übernehmen, welche eine Sehnsucht haben zur Stärkung des Thorawillens, zur Sammlung des jüdischen Volkes, zum Aufbau des Heiligen Landes. Also wird die Kenessio Gedaulo die Treuen zusammenführen und für all jene, die noch den Weg suchen und schwanken, der Leuchtpunkt werden, nach dem sie sich richten können. Jüdische Brüder, bereitet euch vor und sorget, daß die Kenessio Gedaulo die groß© Versammlung werde, die die Krone der Thora, die Krone des jüdischen Volkes, die Krone G-ttes im neuen Glänze wird erstrahlen lassen. P-k. schlitternd in den Einzelheiten, mit denen das Elend dargestellt wird, rührend im schlichten Wort des weinenden Dankes, verpflichtend zur weiteren, unermüdlichen Arbeit. Schon schien es, als ob die Not um etwas gemildert wäre, als ob die Gequälten etwas aufatmen könnten, da trat ein neues, schreckliches hinzu. Zum Leid des Körpers kam die furchtbare Pein der Seele. Die in ihren Grundsätzen religionsfeindliche Innenpolitik des Sowjetstaates wendet sich natürlich auch gegen die Juden und leider gegen die Juden in erster Reihe, weil jüdische Beamte des Sowjetstaates es für ein sehr billiges Ding erachten, ihr Mütchen tunlichst an ihren Glaubensgenossen zu kühlen, die sie mit dem verächtlichen Haß des gewissenlösen Renegaten verfolgen. Und nun bitten die Hungernden um ein Gebetbuch, bitten die Darbenden um einen Ziegelstein zutn Wiederaufbau der frevelhaft niedergebrannten Synagogen und Lehrhäuser. Wir können nur die Frage wiederholen, ob wirklich jeder, welcher dazu in der Lage ist, seine Pflicht erfüllt hat, oder ob er glaubt, durch eine einmalige Gabe genug getan zu haben, ISPach diesen einleitenden Worten lassen wir die Zahlen sprechen. Es sind eingegangen, bei der Zentralstelle in Wien: Dollars 8929-64, Reichsmark 1,627.343, österreichische Kronen 54,062.312, tschechische Kronen 80.270*08, Polenmark 500.000, ungarische Kronen 64.300, schweizerische Franken 715, englische Pfund 221,10",14", Dinare 695, Lire 225, holländische Gulden 12, Lei 2540. Hierzu wird bemerkt, daß unsere deutsche Landesorganisation die bei ihr eingelaufenen Gelder meistens sofort in Dollarwährung umwechselte und uns die Dollarschecks überwies. Ein ernster Jahrestag. (Ein Jahr rassischer Hilfsaktion.) einst gewünscht hatte — zur ewigen Ruhe gebettet werden. Ein pietätvoller Wettstreit zwischen Lichtenstadt, Nikolsburg und Prag entbrannte um die Ehre, den Leichnam des geliebten Landesrabbiners zu bergen. (Prag kam dadurch in Betracht, weil der Rabbi bei eventueller behördlicher Weigerung zur Ueberführung nach Nikolsburg, seinen Wunsch nach Beisetzung in Pragausgesprochen hatte.) Nach der erfolgten behördlichen Bewilligung zur Ueberführung der Leiche, fand auch eine von mehreren Rabbinern gepflogene Diskussion über die Zulässigkeit der Ueberführung von religions-gesetzlichen Standpunkte aus statt, die durch Rabbi Moses Sopher s. z. 1. (s. Teschuwo. 37 im VI. Teile seiner Responsen) zugunsten Nikolsburgs entschieden wurde. In dieser Teschuwo führt R. Moses Sopher eine ganze Reihe von Punkten an, die maßgebend für seine Entscheidung waren, daß in diesem Falle das Oeffnen „des Grabes des G-ttes-, mannes" gestattet sei. Nach einer beglaubigten Tradition soll R. Moses Sopher überdies noch ein 1 Moment, zwar nicht schriftlich, wohl aber mündlich angeführt haben. R. Mordechai Benet sei ihm im Traume erschienen und habe ihm erklärt, er wünsche in Nikolsburg zur ewigen Ruhe bestattet zu werden. Sein Wille wurde erfüllt. Am 12. Adar 1830 wurde der dreifache Sarg mit der sterblichen Hülle R. Mordechai Benets in Nikolsburg zum zweiten Male zu Grabe getragen. Die Leichenfeier dauerte nahezu einen ganzen Tag, da sieben hervorragende Rabbinen Trauerreden hielten. „Es war" — so zitiert der Nikolsburger Rabbiner, Dr. M. Lewin, gelegentlich seiner ausgezeichneten Denkrede, die Aeußerung eines Zeitgenossen über die Gefühle der Trauerver-" samlung vor 78 Jahren — „als ob^die Bundestafeln zum zweiten Male zertrümmert würden." Der erste Denkstein, der sich über dem Grabe R. Mordechai Benets in Nikolsbuvg erhob, wurde unter dem Sturm der Zeiten brüchig-und 78 Jahre später erblickte, auf Anregung des schon genannten Rabbiners Dr. M. Lewiii, die pietätsvolle Nikolsburger Gemeinde es als eine heilige Pflicht, dem verehrten Rabbi unter großer Feierlichkeit ein, seines unvergänglichen Andenkens würdigeres, dauerhafteres Grabmal zü errichten. Es war ein ungemein ergreifender Moment als der - Redner, selbst tief ergriffen, daran erinnerte, R. Mordechai Benet habe den Wunsch nach einer , Grabesstätte in Nikolsburg unter anderem auch damit begründet: „Wenn Jemand aus meiner Gemeinde ein Anliegen an G-tt hat, so möge er mein Grab aufsuchen, daselbst sein Herz' ausschütten und ich will sein Fürsprecher sein." Ein eigentümlicher Zufall hat es gefügt, daß in das durch die Exhumierung in Lichtenstadt freigewordene Grab später der gleichfalls den Namen M orde c h a i tragende Rabbiner von Kotel seine le.tzte Ruhe fand. Mag im Laufe der Zeiten aber auch dieser zweite Grabstein verwittert und morsch werden, so hat R. Mordechai Benet schon durch die Werke, mit denen er die talmudische Wissenschaft bereichert hat — hier seien nur seine Hauptwerke „Biur Mordechai", ein Kommentar zu dem Ritualkodex des Mordechai ben Hillel und seine Responsensammlungen genannt —, selbst dafür gesorgt, daß sein Name ruhmvoll und dauernd erhalten bleibe. G. E. Heilige Gestalten. Von Chajim Bloch. 1. Führerschaft. \ Rabbi Nachman von Bratzlaw sprach:' „Es gibt Menschen, denen kein Mittel genug häßlich ist, um die Führerschaft an sich zu reissen. Es sind meist Menschen, die selbst im Wege verirrten, wie können nun Menschen ohne Führung eine Gemeinschaft führen?" Ein andermal sprach er: „Der Satan kann sich nicht bemühen, um die ganze Welt vom Wege der Wahrheit abzubringen, daher stellte er falsche Führer auf, die sein Werk zu vollbiingen bestrebt sind." Wieder sagte er: „Wisset, nicht alles, was glänzt, ist Gold, nicht jede Berühmtheit ist wahrhaft. Der M e n s ch muB streben, die wirklichen Großen zu erkennen." « 2. Die Diebe. Rabbi Nachman pflegte das viele Geld, welches ihm die Chassidim brachten, an die Armen zu verteilen; er selbst lebte in großer Entsagung. Nun waren in und um Bratzlaw viele jüdische Diebe und der Rabbi pflegte auch sie zu unterstützen. Die Jünger warfen ihm das vor. „Es kommt", sprach er, „mal vor, daß die Pforten des Erbarmens geschlossen sind und die Gebete Israels nicht hineinkönnen, da schicke ich meine Diebe und sie erbrechen die Schlösser!14 * 3. Die Hölle und die Leidenschaften. Einst rief Rabbi Nachman: „Herr der Welt! Was willst Du von Deinem Volke Israel? Ich schwöre Dir, daß, wenn ich mit meinen Augen sehe, wie jüdische Kinder gute Werke üben und Deine Gebote erfüllen, ich staunen muß, wie ein Jude in diesem schweren Galuth trotz der bitteren Verfolgungen und entsetzlichen Bedrückungen noch die Kraft habe, auch nur e i n Gebot zu erfüllen. Du hast die verlockenden Leidenschaften und Gelüste vor die Augen der Menschen gestellt, die Hölle aber im Buche Rescbit Chochmah beschreiben lassen. Du hättest das Gegenteil tun sollen: die Leidenschaften und sinnlichen Triebe im Buche Reschit Chochmah schildern, die Geißel aber vor ihren Augen halten, glaube mir, es hätte dann kein Jude eine Sünde begangen. «So aber tanzt der Satan in unserer Mitte!" * Gemeint sind die guten Werke, die er selbst an Dieben geübt hat.