Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 13-14 (30.3.1923)
- Date
- 1923-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. JUDISCHE PRESSF („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. *> A Redaktion and Administration: Wien, n., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreichs48.000, Ungarn K 1600, Tschechoslowakei Kc. 70--, Deutschland Mk. 5000«—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000*—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, £6.1*50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkasse Nr. 13.458; fSr Polen: Ptstsparkassenant Hr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt * Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Poatsparkru Konto Nr. 53.388; für Jugoslawien: Postsparkasse-. Konto Nr. 40.817; für Rumänien: Banca Xarmarosch. für Josef Florens A Co., Bukarest Nr. 13/14 Wien, 30. März 1923 jrsnr\ p'Jr nm ,tj» I 9. Jahrg> G=^3=E^ Der Reiz der Frage. Die Frage ist der Beginn des Denkens, das Nichtfragen ein Symptom der Gleichgültigkeit. Das Fragen ist Ausdruck der Sehnsucht nach Klarheit, das Nichtfragen kann auch für Verstocktheit zeugen. Das Fragen, wenn es in taktvoller Weise erfolgt, ist Freude und Stolz für den, von dem man Antwort erwartet, ist ferner, wenn die Frage aus dem Munde eines Kindes an die Eltern ergeht, ein Zeichen der Liebe und des Vertrauens. Die Frage kann auch aufs tiefste verletzen, wenn sie als Zeichen der Ueberhebung in sarkastischen Tönen gerichtet wird. Und darum sind die vier fragenden Kinder der Pessach-Hagadah ein Bild des Lebens. Sowie die Kinder dem Feste und den Erscheinungen desSederabends gegenüberstehen, so stehen wir alle dem Leben gegenüber. Menschen gibt es, denen das Leben tierhaft verläuft, sie haben keine Fragen an 'das Leben zu stellen, für sie ist es des Genießens und des Vergehens ewig gleichgestellter Uhr. Es ist immer -die Schuld der Zeitgenossen, wenn solche •Menschen verkommen. Wir sind es ihnen schuldig, so zu leben, (daß sich ihnen wenigstens eine Ahnung des Geheimnisses, eröffnet, welche aus jedem Menschenleben eine Fülle von Fragen gestaltet, die mit ernsten Willen zureichende, und beglückende Antwort finden. Menschen wiederum gibt es,' die von einer in zarten Anfängen nicht ganz verstandenen Sehnsucht erfüllt sind, ihren Tagen auf Erden einen höheren Inhalt zu geben, und sie bitten uns mit einer leisen, kaum gehauchten Frage, ihnen den Weg zur Erfüllung dieser Sehnsucht zu weisen. Dies sind zumeist Menschen unserer Tage, die aus all dem Wust der Täuschungen sich doch nach der Stunde sehnen, in der sie ihr Leben von einem Schimmer der Unsterblichkeit umwoben sehen. Menschen wiederum gibt es, die von höheren Zielen wissen, welche unseren Tagen gesteckt sind, und die mit klarem Blick erkannt haben, daß etwas Edles, Gutes, Wahres als Bestimmung das Dasein der sterblichen Menschen vergeistigt. Aber mit tausend Fäden an die Scholle gefesselt und vom Erdgeruch betäubt, vermögen sie es nicht die Harmonien zu erzeugen, welche das" Leben zu einem Gesang zu Ehren G-ttes gestalten. Und deshalb grollen sie denen, =^55^fn ds J^a^L welchen dieses große Werk gelingt und suchen sie spottend und fragend zur Erde herabzuziehen. Dies ist der Bösewicht der Hagadah, dies ist der Materialist unserer Tage. Ferner gibt es Menseben, die nach dem Höchsten streben, sich ständig veredeln und vervollkommnen und alle Gaben, die ihnen verliehen sind, in den Dienst der Absicht stellen, das Ewige in ihrem Leben zu verkörpern und das Leben an den Allmächtigen zu fesseln. Auf dem Weg erkennen sie, wie vielgestaltig das Leben ist und wie es in jedem Augenblick in anderen Tönen zu uns spricht, andere Fragen uns entlockt. In diesem Reiz der Vielgestaltigkeit suchen sie das Einheitliche und führen alle Gesichte des Lebens äuf eine Quelle zurück. Das sind die großen Lebensfrager mit der Weisheit des Geistes und der Weisheit des Herzens. Mit dieser Weisheit ausgerüstet, werden die jüdischen Kinder unvermerkt aus fragenden Menschen belehrende Führer für fragende Geister des Lebens. P. K. Zum Feste der Freiheit. Soziale und nationale Umwälzungen geben unserem Zeitalter sein neues, charakteristisches Gepräge. Das. Motiv des Weltkrieges syxr gekennzeichnet durch wirtschaftliche Momente. Es war der Kampf ^der Großmächte um Vorrang und Geltung. Der Krieg wurde geführt für G-tt und Recht, für Kultur und Zivilisation, und sein trauriges Ergebnis war, daß die Welt g-ttloser und rechtloser wurde und Kultur und Zivilisation zu Tode gehetzt wurden. Auch die Sieger konnten sich ihrer Erfolge nicht freuen. Erst der Kampf der Nachkriegszeit galt der Freiheit. Die Fesseln des Militarismus wurden abgeworfen. Die Ketten der bestehenden Gesetze durchbrochen. Jeder Einzelne wollte die Freiheit für sich erkämpfen. Ein Umsturz alles Bestehenden war das Programm jeder Partei. Herdenmenschen wollten Herrenmenschen sein. Kein Dienen und Unterordnen, keine §chranken zwischen Dein und Mein, kein Hoch und kein Nieder, nur die Kraft und die Leistung sollten gelten, ohne Vorrecht und Vorurteil. Die dienende Klasse sollte sich in die herrschende verwandeln. So wurde der Begriff der Freiheit verzerrt, zu einem Schlagwort der herrschenden Klasse und der Klassenhaß hineingetragen in die Masse der Gasse. Auf diese Weise mußte dieser Klassenkampf um die Freiheit zur Niederlage des Freiheitsgedankens führen, weil die autoritative Kraft fehlte, die auch die Freiheit beherrschen muß, wenn Freiheit nicht zur Gesetzlosigkeit herabsinken soll. Und wieder wird das Dichterwort zum Wahrwort: »Was Menschenhände bauten, können Menschenhände stürzen, das Haus der Freiheit hat uns G-tt gegründet." Auch wir Juden, dieses entrtchtetste Volk der Erde, feiern alljährlich das Fest unserer Freiheit. Und sonderbar und wunderbar, kein Fest ist durch Gesetze verschiedenster Art gebunden, als das Fest unserer Freiheit. Unsere nationale und soziale Freiheit ist verankert in unserem Gesetze, das zu kennen nicht der Vorrang der Recjitsgelehrten ist, sondern Gemeingut sein muß des ganzen Volkes. In der unwandelbaren Autorität unserer Lehre liegt das Geheimnis-unserer inneren Freiheit, die uns niemand zu rauben vermag, trotz allen äußeren Druckes, und aller Unterdrückung trotzend. Die Geschichte unseres Volkes weist uns den Pfad, den wir gehen müssen, um nicht den Weg aller anderen Nationen zu wandeln. Der Weg von der Befreiung vom Sklavenjoch zur wahren Freiheit ist ein Leidensweg durch die Wüste. Rasch verstummen die Freiheitslie.derv und die niedrigsten Instinkte gewinnen die Oberhand, welßt^Tier hungrige Magen* nach Breit, die dürstenden Lippen nach Wasser rufen.. Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Aegyptens ist mächtiger, als der Gedanke der wieder gewonnenen Freiheit. Durch die Wüste zum Sinai! Erst das Gesetz soll die befreiten Menschen zu freien Bürgern machen. Und aus der Wüste durch Sein Gesetz in das verheißene Land! Das Gesetz sollte wie eine Wolke bei Tag und wie eine, Feuersäule bei Nacht die jüdische Völkerwanderung begleiten! Und wenn wir uns in diesem Jahre aufs Neue die oftgefragte Frage stellen: „Mah nischtänoh Haleiloh hase mikol haleilauth?" Was unterscheidet unsere Goluthnacht von allen andern Nächten der Goluthzeit, so will es uns scheinen, daß wohl all' unsere Brüder die Freiheit und die Befreiung im Herzen fühlen und tragen, doch daß der Weg durch die Wüste nicht über das Hochland des Gesetzes, den Berg Sinai führt. Niemals werden sie den Weg Rabbi Mordechai Benet s. z. 1. (SchlnJ.) Die asketische Lebensweise R. Mordechai Benets, zu der sich ein unsäglicher Fleiß gesellte, hatte schon früh die Gesundheit des einst sehr kraftvollen Mannes erschüttert. Er gönnte sich kaum vier StunÖen Schlaf und widmete jede Stunde, die ihm seine Wirksamkeit als Rabbiner und Leiter seiner Jeschibah frei ließ, dem Studium, das in erster Linie selbstverständlich den talmudischen Wissenschaften galt, aber auch auf kabbalistische Werke und weitere Wissensgebiete, unter anderem auf hebräische Grammatik, auf religionsphilosophische Werke, wie More Nebuchim, Ikarim, Kusari usw., ja sogar auf Mathematik und Astronomie erstreckte. Er hatte mit scharfem Blicke auch erkannt, daß die stürmischen Wellen einer heranbrausenden neuen Zeitströmung nicht aufzuhalten seien, er wollte aber diese mit klugem Sinn ,so lenken, daß sie nicht die vom Religionsgesetz gezogenen Dämme überfluten. Er wollte den Bedürfnissen und Anforderungen der Zeit Rechnung tragen, soweit er deren Berechtigung anerkennen konnte und er vermied den Kampf, wo er zu vermeiden war. Als auf Befehl des Kaisers die k. k. Studien-Hof-Kommission im Jahre 1810 die Einführung eines .,religiös-moralischen Lehrbuches für die Jugend israelitischer Nation" anordnete, hat der Oberlandesrabbiner-über das ihm im Manuskript vois gelegte Lehrbuch ein Gutachten erstattet, in welchem er betont, daß ihm das Werk mit Befriedigung erfüllt habe, denn die Bejgriffe, welche in demselben, von G-tt, seinen Eigenschaften, von der Bestimmung des Menschen, von der Tugend, der allgemeinen Menschenliebe und allen übrigen menschlichen und bürgerlichen Pflichten, von Strafe und Belohnung, von der Unsterblichkeit der Seele usw., vorkommen, sind n i c h t n u r unserer heiligen Religion v o 11k o m m e n gemäß und in U e b e r e i ritt t i m m u n g m i t den Lehren der heiligen Sc h r i f t, des T a 1 m u d s und aller g r o ß e n' L e h r e r unserer Nation in den alten und neueren Z e i t e n, sondern werden durch die Erläuterung in das hellste und schönste Licht gestellt." Derselbe Mut der Ueberzeugung, der in der Erkenntnis wurzelte, daß die Rabbiner des Judentums, das aus dem Ghetto befreit hervorgeht, nebst den reichen Bildungsquellen, die aus der großen, alten Literatur ihres Volkes strömen, auch auf ein gewisses Maß profanen Wissens angewiesen seien, spricht aus seinem Entwurf einer Studienordnung für Rabbinatskandidaten. R. Mordechai Benet fordert in demselben selbstverständlich den größten Teil der der Ausbildung der Rabbinatskandidaten gewidmeten, für die rabbinisehtheologischen Studien, macht aber darin -der Regierung den Vorschlag, daß die Kandidaten nach Erreichung des achtzehnten Lebensjahres privat die (iymnasialgegenstände studieren und dann nach Ablegung einer öffentlichen Prüfung ihre Studien an einer Universität vollenden. So konziliant der Oberiandesrabbiner in diesen Fragen war, mit so unerbittlicher, jedes Kompromiß ausschließenden Schärfe wendete er sich gegen die aus Deutschland kommende Reformbewegung und er ließ sich auch keinen Augenblick von dem scheinbar talmudischen Mäntelchen blenden, mit dem Chorin und Konsorten ihre destruktiven Bestrebungen zu verhüllen versuchten. Auch da hat sich sein Blick als der richtige erwiesen. Die großen Aufregungen, die mit diesen, gegen die immer weitere Kreise ziehende Reformbewegung geführten Kämpfen verbunden waren, mochten wohl auch dazu beigetragen haben, den Gesundheitszustand des greisen Rabbi noch tiefer zu erschüttern. Wiederholt hatte ihm Karlsbad Linderung für sein Leiden gebracht, aber als er. in seinem 75. Lebensjahr wieder auf Rat der Aerzte Karlsbad aufsuchte, erlag er dort seiner Krankheit und wurde (da in diesem Badeort damals noch kein jüdischer Friedhof war) in dem zwei Stunden von Karlsbad entfernten Lichtenstadt beerdigt. Aber bald trat die Familie R. Mordechai wie auch die Gemeinde Nikolsburg mit dem Wunsche hervor, der große Tote möge in Nikolsburg an der Seite des Rabbi Schmelke Hurwitz — das war die Grabesstätte, die er sich selbst