Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 12 (23.3.1923)
- Date
- 1923-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 JUDISCHE PRESSE Seite 71 12. Samstag früh von der Morgendämmerung an bis zum Seder darf keine Mazzoh gegessen werden. 18. Am Samstag dürfen keine Vorbereitungen für den Seder getroffen werden, Ghrausses, Salzwasser, Ei und Zraua müssen daher schon am Freitag vorbereitet werden. Zum Streik der Kultusgemeindebeamten. Seit Dienstagdieser Woche ist die Verwaltung der Kultusgemeinvle stillgelegt, sowie alle Funktionen infolge des Streiks der Kultusgemeindebeamten eingestellt. Trotz dieses Umstandes muß ich bekennen, ist mir der Streik der Kultusgemeindeangcstellten diesmal nicht unsympathisch. Ich stehe dem Streik gegenüber nicht als Steuerträger, dem der Streik neue Lasten bedeutet, sondern als strenggläubiger Judo, der es weiß, daß es nicht leicht ist, Jude zu sein. Ich meine ein streng nach dem Thoragesetz lebender Jude zu sein. Diese Erkenntnis scheint sich nun auch bei den Kultusbeamten durchgesetzt zu haben. Nachdem sie in jahrelangen Kämpfen die Gleichstellung zu den Kommunalbeamten durchgesetzt haben, verlangen sie jetzt einen 3üprozentigen Zuschlag, da das rituelle Leben um diesen Prozentsatz die Lebensführung verteuert. Ich kann mir lebhaft die Konsternation der Gemeindegewaltigen, ich meine der armen Vorstände, vorstellen. Seife die Kultusgemeinde lebt und Beamte erhält, war noch nie der Fall, daß die Angestellten als Grundlage ihrer Forderungen die streng rituelle Einrichtung ihrer Haushaltungen und die Jüdischheit ihres Lebenswandels genommen hätten. In früheren Jahren hat man mit stiller Duldung und mit vernehmlichem Spott von jenen Beamten gesprochen, die in ihrer rituellen Lebensweise die Institutionen der Schiffschul (die infolge ihrer einwandfreien Ritualität die teuersten sind) benutzt haben. Es ist für mich als orthodoxer Jude die befriedigendste Genugtuung, daß nun diese Beamten auf den Schild gehoben werden, sie sind förmlich der Aushängeschild für die Mehrforderung von 30 Prozent. In meiner nicht blutarmen Phantasie sehe ich schon, wie alle Kultusbeamten, um die moralische Seite ihrer Forderung in Ordnung zu bringen, noch in letzter Stunde die Schiffschul (die in diesem Jahre um die ausländischen Hilfsgelder für Mazzoth kam) bestürmen, um ihnen Mazzoth zur Verfügung zu stellen, und in Viererreihen angestellt, sich vor den Schiffschulfleischbänken drängen. Es ist nun allzu selbstverständlich, daß solchen Strömungen gegenüber die derzeitige Majorität des Kultusvorstandes, jene von nationaler Färbung auch zugerechnet, nicht sympahisch gegenüberstehen. Hingegen hoffen wir mit Zuversicht, daß die orthodoxen Vertreter in der Kultusgemeinde diese Wendung der Kultusgemeindebeamten mit Freude begrüßen und sie in der Führung einer streng rituellen Lebensweise mit allen Mitteln unterstützen werden. Der Streit um die Frau. In Jaffa ist es im dortigen jüdischen Gemeinderat zwischen den Rechts- und Linksparteien zu ernsten Streitigkeiten gekommen, deren endgültiger Ausgang nicht vorhergesehen werden kann. Der Kampf" um das jüdische Frauen Wahlrecht wird anderswo bloß theoretisch geführt, in Jaffa hat dieser Streit praktische Formen angenommen. Bei der letzten Wahl wurden trotz aller Proteste der Orthodoxie (Misrachi mit eingeschlossen) zwei Frauen gewählt. Es schien schon, daß der Streit durch die Abdankung der Frauen friedlich gelöst sei, jedoch konnten sich die Frauenrechtler und die Linksparteien zu solch einem großen Gesinnungsopfer nicht verstehen. Sie dankten nicht ab. Ja sie gingen noch weiter. Bevor der Protest und die Berufungen noch vor der höchsten Instanz erledigt worden wären, haben die zwei gewählten Frauen den Beratungssaal betreten, um die Ausübung ihres Mandates in der Tat zu versuchen. Diese Schilderung ist etwas summarisch. Nicht beide Frauen betraten den Beratungssaal. Erst die eine. Da brach eine gewaltige Erregung auf der rechten Seite los und sie forderte stürmisch vom Präsidenten die Entfernung der Dame, die vom Tatendrang getrieben, die endsrültige Entscheidung dieser heiklen Frage nicht abwarten konnte. Kaum hatte der Vorsitzende die Gemüter insoweit beruhigt, daß die Verhandlungen weiter fortgesetzt werden konnten, betrat unglückseligerweise die zweite Dame, die scheinbar den vereinbarten Zeitpunkt um eine halbe Stunde versäumt hatte, den Beratungssaal. Da half nunmehr keine Autorität, keine Diplomatie, links und rechts entstand solch ein Tumult, daß die Sitzung geschlossen werden mußte und sowohl die Linksparteien drohten mit der Sprengung des Gemeinderates falls die Frauen tfun nicht angehören würden, wie die Rechtsparteien im gegensätzlichem Falle. Diese Geschichte kommt uns in Anbetracht der großen wirtschaftlichen und politischen Krise in Erez Jisroel scheinbar wie ein Idyll vor. Tatsächlich ist sie nebst .der wirtschaftlichen und politischen Krise ein ernstes Zeichen des Kulturkampfes, der mit der zunehmenden Profanierung des Heiligen Landes immer schärfere Formen annehmen muß. Die (Uoche. mmm® Das Bildungsministerium Lettlands befaßt sich jetzt mit der Forderung eines Teiles der Studentenschaft nach Einführung des „numerus clausus", wobei der Minister und der Universitätsrektor eine scharf antisemitische Stellung einnehmen. Die mitteleuropäische Kultur macht Schule! Donnerstag, den 8. März, wurde in Kowno von einigen faszistischen Gruppen ein Pogrom veranstaltet. Jüdische Geschäfte wurden ausgeplündert. Es herrschte ungeheure Panik. Polizei vertrieb schließlich den Pöbel und nahm einige Verhaftungen vor. Der angerichtete Schaden ist sehr groß. Die „Joint'-Exekutive veröffentlicht einen Bericht, wonach seit 1921 für Unterstützung der russischen Hilfsbedürftigen 17 Millionen Dollar, wovon 12 Millionen der jüdischen Bevölkerung zugute kamen, ausgegeben worden sind. Am 15. April wird auf dem Kannelberge bei Haifa ein jüdisches Sanatorium eröffnet, das den modernsten hygienischen und klinischen Ansprüchen genügt. Es ist ein sehr glücklicher Gedanke gewesen, das angenehme und gesunde Klima für diesen Zweck auszunützen. In der letzten Sitzung des jüdischen Nationalrates in Litauen wurde wieder die Ministerfrage erörtert. Der Rat nahm eine ungemein scharfe Resolution an, in der Bernard Fridmann als Feind des Judentums gebrandmarkt wird. Die preußischen Gemeinden haben die Schaffungeines Landes* Verbandes beschlossen. Es soll dies ein Anfang sein zur Gründung eines deutschen Reichsverbandes jüdischer Gemeinden. Bei der letzten Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde wurde die Notlage der bedeutendsten Gemeinden erörtert und in schwärzesten Farben geschildert. Mehrere große Gemeinden stehen vor dem finanziellen Zusammenbruch. Die Jerusalemer „Regierungszeitung" veröffentlicht die Registrierung einer Reihe neuer jüdischer Gesellschaften mit einem Gesamtkapital von zirka 20.000 engl. Pfund. Die rumänischen antisemitischen Studenten gründen jetzt Propagandastellen in den beßarabischen Dörfern, um ihre Hochschulideale der Judenhetze auch unter die bäuerliche Bevölkerung zu tragen. Die Partei des Ministerpräsidenten Pasic" hat auf ihrer Kandidatenliste für die Skuptschina auch einen jüdischen Kandidaten aufgestellt. Dieser Beschluß wurde motiviert mit der Dankbarkeit des serbischen Volkes für die heldenmütige Haltung der Belgrader Juden während des Weltkrieges. In Jerusalem ist ein Prozeß gegen den Juden David Beer, der beschuldigt wird, einen arabischen Polizeiinspektor ermordet zu haben, angestrengt worden. Gewisse arabische Kreise bemühen "sich Beweise beizubringen, daß es sich um eine weitangelegte jüdische Verschwörung handelt. Das polnische Unterrichtsministerium hat im Verordnungswege die Befreiung der jüdischen Schulkinder vom Besuch der jüdischen Volksschulen an Samstagen und jüdischen Feiertagen dekretiert. Ferner wurde den Schulen die Erlaubnis erteilt, am Sonntag Unterricht zu erteilen, vorausgesetzt, daß nicht andersgläubige Lehrer herangezogen werden und sich die Schule nicht in unmittelbarer Nähe einer Kirche befindet. (!) Nach einer Mitteilung des Moskauer Oberrabbiners Maso sind in letzter Zeit 367 Christinnen zum jüdischen Glauben übergetreten, um Juden heiraten zu können. Die Bolschewiken führen einen erbitterten Kampf gegen religiöse Eheschließungen m.d schließen jeden, der dem religiösen Ehezeremoniell sich unterzieht aus ihrer Partei aus. Aber .sie scheinen nach dieser Nachricht nicht sehr viel Glück zu haben. Dcut$cbo$tcrrcicb. Streik der Wiener Kultusgemeindeangestellten. Wir erhalten folgendes Gommunique: Der Verband der Angestellten der Israelitischen Kultusgemeinde, welchem im Vorjahr die Angleichung an die Bezüge der städtischen Angestellten der Gemeinde Wien bewilligt wurde und dem seither die nach der Indexziffer variablen Bezüge in gleicher Höhe wie den städtischen Beamten ausbezahlt wurden, hat beschlossen, ab Dienstag, 6 Uhr früh, in den Streik zu treten, weil der Kultusvorstand die erhobene Forderung auf Besserstellung gegenüber der Beamtenschaft der Stadtgemeinde Wien durch eine 30prozentige Bezugserhöhung keine Folge gegeben hat. Der Vorstand der Kultusgemeinde begründet seine Ablehnung damit, daß die Finanzläge der Kultusgemeinde, die bekanntlich eine sehr prekäre ist, eine derartige Erhöhung der Bezüge nicht zulässig erscheinen läßt, zumal bereits der gegenwärtige Gehaltsetat einen unverhältnismäßig großen Teil der gesamten Einnahmen konsumiert. Da die Streikbewegung sich nicht nur auf Verwaltungsbeamte, sondern auch auf die rituellen Funktionäre, wie Rabbiner, Kantorenusw., erstreckt und das Streikkomitee der Angestelltenschaft sich auch bemüht, das Pflege- und Wartepersonal des Spitals der Israelitischen Kultusgemeinde sowie des Versorgungs- und Siechenhauses zum Anschlüsse zu bewegen, sind die rituellen Funktionen bei Leichenbegängnissen, Trauungen und Gottesdiensten usw., sowie die Aufrechterhaltung des Betriebes in den Sanitäts- und Wohlfahrtsanstalten in Frage gestellt. Adas Jisroel (Schiffschul). Es wird zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß die Delikatessen- und Lebensmittelhandlung des Herrn Markus Eckerling, Wien, IX., Liechtensteinstraße 117, niemals unter der rituellen Aufsicht (nmwi) des gefertigten Rabbinates stand. Die nrWWI bezieht sich nach wie vor aifsschließlich auf den Verschleiß vpn rohem Fleisch, dessen Verkauf nur in Anwesenheit und unter Kontrolle des bestellten mt&Ö (Aufsichtsperson) erfolgen darf. Wien, am 21. Adar 5683. Das Rabbinat der Adas Jisroel. Vortrag Oberrabbinar Seidel in Wien. Anläßlich seiner Anwesenheit in Wien hielt Seine Ehrwürden Herr Oberrabbiner Seidel, Galanta, Schabbos P. Ki Sisso im großen Vortragssaale der Agudas Jisroel- Jugendgruppe einen Vortrag. Lange vor Beginn war der große Saal und alle Nebenräume von den ungewohnt zahlreich erschienenen Zuhörern gefüllt, die alle gekommen waren, dem gefeierten Gaste und Redner zu lauschen. Ausgehend von einem Midrasch zum Wochenabschnitt, erläuterte der Ehrwürden Redner die Pflicht eines jeden wahren Juden und insbesondere eines jüdischen jungen Mannes dem Thora-Lernen zu obliegen und häuptsächlich jeden Tag kowea Itim Letauroh zu sein. Daß dies nur durch den Zusammenschluß aller Gleichgesinnten unter Führung der wahren Führer des Judentums möglich ist, das bewies der gefeierte Gast an Hand einiger Gemoros mit zwingender Logik. Daß solche Worte nicht ohne Wirkung bleiben, zeigte die einmütige Begeisterung aller Anwesenden. Verein der Preßburger in Wien. Der Verein der Preßburger in Wien hält seine gründende Generalversammlung- Dienstag, den 27. März, um halb 8 Uhr abends, im Cafe Prückl, Wien, I. Stubenring, ab. Das vorbereitende Komitee bittet alle Preßburger an der gründenden Generalversammlung bestimmtest teilzunehmen. Tomech Ewjonim. Der Verein Tomech Ewjonim erläßt' einen Aufruf, in welchem er seine Freunde bittet für die großen Aufgaben, die der Verein anläßlich des Pessachfestes zu lösen hat, mit den heutigen Zeitverhältnissen entsprechenden Summen beizutragen.' Spenden sind an den Vereinskassier Geza Braun, II. Herminengasse 16, zu richten. 60. Geburtstagsfeier. Frau Karoline Altmann feierte kürzlich ihren 60. Geburtstag. Sie hat diese Gelegenheit benützt, um der Talmud Thora- Volks- und Bürgerschule neue Beweise ihrer aufmerksamen Fürsorge zu zeigen. An ihrem Geburtstage wurden alle Kinder, welche an der Ausspeisung in der Schule teilnehmen, reichlich beschenkt. Sowohl der Vorstand^ wie der Lehrkörper, haben diesen Anlaß benützt, um Frau , Altmann wie ihrer Familie, die alle für die Erhaltung der Schule so eroße Opfer bringen, ihrer Achtung und Dankbarkeit zu versichern. Die Schulkinder selbst haben Frau Altmann, die mit ihrer Familie bei der Aussneisung erschienen ist, eine ebenso spontane wie herzliche Ovation bereitet. Sonntag, den 8. Nissan (25. März), um halb 5 Uhr nachmittags, im Turnsaale der Talmud Thora-Volks- und Bürgerschule, II., Malzgasse 16 Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. P. Kohn über Die Bedeutung der Konfessionellen Schule. Anschließend Diskussion. Gäste willkommen. ScDweix. Zürich. Der schweizer. Agudas Jisroel- Delegiertentag, welcher vor kurzer Zeit im Volkshaus Zürich abgehalten wurde, war stark besucht. Vertreter waren die Gruppen Basel, Luzern, Baden ganz besonders, und wie nicht anders zu erwarten war, die Zürcher Gruppen. Außerdem haben die Herren Rabbiner Dr. Lewenstein, A. Kornfein und G. Brom an der Tagung teilgenommen. Ferner haben die Herren Zentralräte Dr. Ehrmann, E. Botschko, Montreux und M. Mannes, Wien, der Versammlung beigewohnt. Die Tagung hat einen sehr würdigen Verlauf genommen. Die wichtigsten Tagestraktanden sind sehr sachlich und lebhaft diskutiert worden und es herrschte ein tiefer Ernst bei allen Teilnehmern. Es sind auch sehr wichtige Resolutionen gefaßt worden. Die eine davon war, daß die Agudamitglieder sofort mit einer Geldsammlung allenthalben beginnen müssen, um den armen Eltern derjenigen Kinder, welche von der Aufhebung des Sabbatdispenses betroffen werden, die Möglichkeit zu geben, ihre Kinder in einer Privatschule unterzubringen. Stürmischer E(eifall löste die Erklärung eines L.-Komiteemitgliedes aus Luzern aus, welches sich verpflichtete, Fr. 3000 für diesen Zweck aufzubringen. Die Tagung verlief in größter Harmonie und sie wurde von dem Tagest Präsidenten, Herrn Rabbiner M. Schwarz, Basel, ganz vortrefflich geleitet. Jimerika. Die Jointmlttel erschöpft. Entgegen den Nachrichten mancher Zeitungen, der Joint habe eine Zuwendung von 6,500.000 Dollar anläßlich des 75jährigen Geburtstages von Nathan Strauß bekommen, erklärt der Joint diese Nachricht beruhe auf Unwahrheit und es seien ihm in letzter Zeit überhaupt keine erheblichen Beträge zugeflossen, im Gegenteil es mache sich eine beängstigende Knappheit in den Kassen bemerkbar und es ist nicht unwahrscheinlich, daß in absehbarer Zeit die Mittel erschöpft sein werden, um so mehr als die Besteuerung und Einhebung von Beiträgen mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Die Vorbereitungen zum amerikanischen jüdischen Kongreß. In einer der letzten Sitzungen der Exekutive des amerikanisch-jüdischen Kongresses wurde die Eröffnung des zweiten Kongresses amerikanischer Juden für den 27. Mai 1923 bestimmt. Den Ort der Konferenz soll eine besondere Kommission wählen und er wird erst zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben werden. Die Wahlen werden direkte und allgemeine sein und man rechnet mit einer Beteiligung von über einer Million Stimmberechtigten (bei der letzten Wahl hatten sich 350.000 amerikanische Juden beteiligt). Am Abend vereinigte ein Bankett die zirka 150 Delegierten aus allen Teilen der Vereinigten Staaten, bei welchem beschlossen wurde, Israel Zangwill einzuladen, auf dem Kongreß einen Ueberblick über die Lage der Juden in allen Ländern zu geben.