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Jüdische Presse · 1923-03-23 · 12 (23.3.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
12 (23.3.1923)
Date
1923-03-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 70 JUDISCHE PRESSE n Nr. 12 Schritte bei der Staatsgewalt unternehmen... Gar mancher zionistische Skribler wird bei der oberflächlichen . Lektüre der unterstrichenen Stellen seine Feder gespitzt, mancher Misrachist sein Sprachinstrument mit Unflat gefüllt haben, um auf seine Weise zu den Anordnungen Stellung zu nehmen, die eine rechtmäßig gewählte religiöse Körperschaft der slowakischen orthodoxen Gemeinden — denn nur eine solche wird der zionistisch geschulte Geist unter der ,.... leitung" vermutet haben — im Interesse und zum Schutze des überlieferten religiösen Judentums'zu treffen für nötig gefunden hat. In Wirklichkeit sind die angeführten Sätze wörtliche Zitate aus den Statuten des zionistischen „B 1 a u - W e i ß- B ü n d e s" und die Allgewalt übe r jüdische Kinder, die sich einmal in ihrer Unerfahrenheit der Organisation angeschlossen hatten, wird keinem anderen als der Bundeslei.tung" des „Blau-Weiß" eingeräumt. Der Frankfurter „Israelit", dem wir diese Zitate aus der „Verfassung" des „Blau-Weiß- Bundes" entnehmen, stellt Vergleiche an über „Befehlen und Gehorche n", wie es iiier zum Ausdruck kommt, und wie wir die Autorität der Thora und ihrer Träger in jüdischer Lehre und jüdischem Leben wirken sehen. Diese neuen „Grundgesetze des Bundes" fordern in der Tat zu solchen Gegenüberstellungen heraus. Das Resulat einer solchen Gegenüberstellung dürfte gerade jetzt unserer slowakischen jüdischen Jugend und vielleicht auch denjenigen unter den älteren Leuten zur Lehre dienen, die immer noch nicht sehen wollen, wo der Weg der „Loslösung von der Autorität" mündet, auf den das gesamte jüdische Leben in Gemeinde und Haus, in Vereinen und Organisationen durch die zionistische Propaganda geführt wird. Man kennt nunmehr auch den Inhalt des „Issur" der autorisierten Vertreter der jüdisch-religiösen Interessen in der Slowakei, nämlich der Plenarsitzung der orthodoxen Rabbiner des Landes, gegen die zionistische Organisation und gegen den unter der Marke „Misrachi" vertriebenen Zionismus. Auch diese Kundgebung wendet sich an die Bekenner eines bestimmten „Grundgesetze s". Dieses Gesetz ist zwar nicht unter „Hedad"-Rufen uiid, Schwenken blau-weißer Stofflappen auf Schloß Prunn, sondern unter Donnergetöse und Blitzesleuchten bei JJÖWI W3 -Rufen auf dem Berge Sinai gegeben worden. Die Autorität der slowakischen Rabbiner beruft sich auch nicht auf den „harten Glauben an den Sieg der K r a f t", sondern auf das biblische TlDn Gebot und auf die Stimme des jüdischen Gewissens, die in jedes Juden Brust aufschreit, ging, alle die ihn begegneten, Juden wie Christen, stehen blieben und es kaum wagten, ihm vor ehrfurchtsvoller Scheu in das Antlitz zu sehen. Dabei war dieser große Gelehrte von einer geradezu grenzenlosen Bescheidenheit. Als klassisches Zeugnis hiefür sei hier die Mitteilung angeführt, die wir einem der berühmtesten Schüler Rabbi Mordechai Benets, dem Rabbi Jehuda Aszod, danken. Er war der Liebling seines großen Meisters und erregte dadurch den Neid einiger mißgünstiger Kollegen in solchem Maße, daß sie nicht davor zurückschreckten, eine Schmähschrift gegen ihn zu verfassen, in welcher sie ihn beschuldigten, er maße sich an, eigenmächtig eine Jeschiba zu halten; er erdreiste sich, an dem Vortrag Rabbi Mordechai Benets zu nörgeln und wage es, trotz seiner Jugend sich mit der Kabbalah zu beschäftigen. Diese Schmähschrift wurde dem Rabbi in den Talmudfolianten gelegt, den er beim „Schuir" aufschlug. Nachdem er sie gelesen, rief er Judah Aszod zu sich, ergriff seine Hand und sagte '— mit einem scharfen Blick auf den Bachur, den er für den Anstifter der Schmähschrift hielt — zu ihm beiläufig: „Fürchte nicht und schrecke nicht! Wenn sie dich anklagen, du habest dir eine besondere' Jeschibah gegründet, so sage ich, du mögst noch weitere 50 Schüler unterrichten. Daß du an meiner Vortragsweise Kritik übst, will ich zunächst nicht glauben, ist es aber wahr, so erkläre ich, wer so in die Tiefen des Wissens gedrungen wie du, dem räume ich das Recht „ein, meine Worte zu überprüfen. Und was die Anklage betrifft, daß du Kabbalah lernst, so erteile ich dir hiemit die Erlaubnis dazu. Forsche, denn dir ziemt zu forschen." Der Herausgeber der Responsen „Juda Jaaleh" von Rabbi Juda Aszod erzählt in dem Vorworte diesen Zug, der sowohl für R. Mordechai Benet wie für R. Juda Aszod charakteristisch ist. In der Biographie, die ein Enkel des Letztern verfaßt, findet sich noch eine zweite gleichfalls für beide Männer charakteristische Anekdote, die aber recht heiter annmutet. wenn der Abfall sich in die Gemeinden Israels, in die jüdischen Häuser und Familien einschleicht und wenn der geheiligte Boden Erez Jisroels durch Sabbatentheiligung und Gesetzesübertretung verunreinigt wird. — Dort wird b efohlen und Gehorsam gefordert; hier werden Tatsachen, traurige, herzbeklemmende Tatsachen festgestellt und zur Einsicht und Umkehr gemah nt ( mniHI) Dort wird der Unhold, der von der „Fahne des stolzesten Bundes" (nämlich des „Blau-Weiß"!) abfällt, zur ewigen Verdamnis verurteilt (wörtlich: „Wer ihr dient, ob als Führer, ob als Soldat, ist tief geborgen und schreitet dem Leben zu, wer von ihr abfällt, wird zum Feind und stirbt unter den Bürgern a b!"); hier wird^die religiöse Zuverläßlichkeit in religiösen Dingen, solchen religiösen Funktionären auf Grund des R e 1 i g i o n s gesetzes abgesprochen, die in Auflehnung gegen religiöse Entscheidungen durch Anschluß an die zionistische Organisation an der B a g a t e 11 isierung der jüdischen Religion innerhalb der jüdischen Gemeinschaft persönlich etwa mitwirken sollten und somit an dem religiösen Amte Verrat üben, dem sie aufrichtig und unzweideutig als Führer und Wegweiser zu dienen berufen wären. Sowohl die Zionisten als auch die Rabbiner fordern D i sz i p 1 i n und Konsequenz der T a t. Die Rabbiner: Disziplin der idealen Hingebung an einen heiligen Beruf, der nach jahrelanger seelischer und wissenschaftlicher Ausbildung und Rüstung in reifem erwählt wurde und Konsequenz einer harmonischen, von innerer Wahrhaftigkeit beherrschten und vorbehaltlos in die praktische Tat umgesetzten Weltanschau u n g. Vom Blau-Weiß: Disziplin des blinden Gell o r s a m s unreifer, in Nachahmung fremde r Lebensart erzogener Jünglinge gegen Autoritäten aus eigener Machtvollkommenheit und K o nsequenz des sklavisch eh Kraftmaiertums unter Aufgabe jedes eigenen Denkens und Wollens. Unsere Rabbiner sprechen eine Sprache der Sanftmut, aus der man den Schmerz herausempfindet, der dem Vater das Herz bedrückt, wenn er sein Kind Irrwege wandeln sieht. Das zionisistische Statut leuchtet in ein Seelenleben des grenzenlosen Uebermutes hinein, der von einer Zeitströmung hingerissen, von den HZ"J? VT den Triumph seiner eigenen Ideale*erhofft. Aus der Kundgebung unserer Rabbiner hören wir die Sprache der jüdischen Ewigkeit mahnend, wamsend, flehend, fordernd, gebietend und ermunternd und aneifernd zugleich in unser Innerstes dringen. Unsere religiösen Führer kennen die Seele des Juden und wissen, daß sie das große Ideal einer g-ttergebenen Volksgemeinschaft ihr zutrauen dürfen. Sie wissen, daß die Bereitschaft für Erez J i s r o e 1 unser Bestes einzusetzen nur dann der Ausfluß wahrer, aufrichtiger j ü d i s c h e r Gesinnung ist, wenn sie mit der Heiligkeit des Landes im Einklang steht. Siekennen die historischen Wurzeln unseres Seins und Sollens besser, als alle Palästina- Eiferer nationalistischer Mentalität, wenn sie in schlichten Worten uns auffordern, für das Heilige Land und dessen Besiedlung einzustehen. _ J. Chiskisah. Verhaltungsmaßregeln für Erew Pessach der auf Sabbat fällt. I. Die Bechorim — Erstgeborenen — fasten in diesem Jahre am Donnerstag, den 12. Nissan. 3yteVl ri|*5',*lS-Aufsuchen des Chomez — findet in diesem Jahre am Abend vor dem 18. Nissan, also Donnerstag abends, statt. Es werden wie in anderen Jahren alle Räume durchsucht und man sagt — wie sonst — die ,1313 und nach der Bedikoh Kol Chamiroh. Das Chomez, das m,an noch für Freitag, Freitag abend und Sabbat morgens nötig hat, lege man auf eine Stelle zusammen und sorge dafür, namentlich wo kleine Kinder sind, daß nichts von diesem Chomez verschleppt wird. 3yftft TlJTD Das Verbrennen des bei der Bediko gefundenen Chomez geschieht Freitag vormittags, eine Stunde später als die für Achilas Chomez am Sabbat festgesetzte Zeit, in Wien um 10 Uhr, in Bratislava um 9.45 Uhr vormittags. 4pttn rPTOIÜ Der Chomez-Verkauf hat am Freitag vor sich zu gehen. Man behalte nur so viel Chomez in seinem Besitz, als man für die Mahlzeiten bis einschließlich Sabbat früh nötig hat. 5. Man darf für diesen Sabbat Für die Chomez-Mahlzeiten am Freitag abend und Samstag früh keine Chomez-Speisen kochen, die irgendwie an dem Geschirr kleben bleiben könnten. Am besten ist es, wenn man die Speisen so kocht als ob sie schon für Pessach wären. 6. Aus dem Jom-Tov-Geschirr, in welchem auf dem Herd gekocht wurde, darf nichts direkt ins Chomez-Geschirr geleert werden. Man gieße daher das im Jom-Tov-Geschirr gekochte, also Suppe, Kaffee, Milch usw. zunächst sorgfältig in ein kaltes Jom-Tov-Geschirr und aus diesem mit gröBter Sorgfalt in das Chomez-Gefäß, ohne daß beide Gefäße miteinander in Berührung kommen. Feste Speisen kann man vorsichtig mit einer Pessachgabel auf Chomez-Teller oder dergleichen legen. 7. Chomez-Geschirr, das für Freitag abends und Samstag früh noch benötigt wird, stelle man außerhalb der gereinigten Küche, damit dies mit dem Jom-Tov-Geschirr nicht in Berührung komme und darf selbstverständlich auch kein Jom-Tov- Geschirr auf den Tisch oder sonst wohin, wo Chomez ist, gestellt werden. 8. Besondere Vorsicht ist geboten bei Bereitung der Speisen am Freitag, da an diesem Tage für Samstag schon Pessachkost gekocht werden muß. Ehe man mit dem Kochen für Samstag beginnt, muß die Küche für Pessach vollkommen instandgesetzt sein und muß der Ofen schon am Freitag wie sonst am Erev- Pessach gekaschert (geglüht) sein. 9. Am Freitag erkundige sich jeder Hausherr sorgfältig, ob man in seinem Haushalte von den Sabbatbroten die Chaloh abgesondert hat, da eine Hinterlassung derselben viele Schwierigkeiten bieten würde und muß in jedem Falle eine Schaloh gemacht werden, weshalb genaue Vorsicht diesbezüglich geboten ist. 10. Samstag, also amErev-Pessach, darf Chomez-Speise in Wien nur bis 9 Uhr, in Bratislava bis 8.45Uhr früh genossen werden. Nach dieser Zeit wird das Chomez- Geschirr rein abgespült, das Tischtuch von Chomez tüchtig ausgeschüttelt und zum Chomez-Geschirr gegeben, II. Ist etwas Chomez nach dem Speisen übrig geblieben, schenke man es einem nicht zum Haushalte gehörigen Nichtjuden. Das Zimmer, in welchem Chomez gegessen wurde, ist sorgfältig zu fegen. Es war vor dem Sabbat-Hagadol, für den R. Mordechai Benet seine Derascha über ein sehr schwieriges Thema angekündigt hatte*. Der Rabbi war in tiefes Sinnen versunken in das Beth-Hamidrasch getreten um eine Stelle in einem Buche nachzuschlagen und hatte nicht bemerkt, daß der junge Judah Aszod in einem Winkel des Saales bei einem Buche saß und auch - nicht wahrgenommen, daß er beim Eintreten des Rabbi ehrfurchtsvoll sich vom Sitze erl>oben hatte. Der Rabbi, der sich allein glaubte, murmelte während des Studiums halblaut vor sich hin: „Wenn aber Judah Aszod s o einwenden wollte, werde ich ihm dies antworten; solte er aber das fragen, will icli ihm wieder so entgegnen." Plötzlich läßt sich eine Stimme aus dem Hintergrunde des Saales vernehmen: „Wie aber, wenn Judah Aszod weder s o noch s o, sondern so fragen wird'?" Rabbi Mordechai Benet, der so bescheiden gegenüber einem jungen Bachur war, konnte auch, wenn es sich um ein religiöses Gebot handelte, den Mut der Ueberzeugung an den Tag legen, der kein Ansehen der Person kennt. Im Jai re 1819 hatte der Kronprinz Ferdinand anläßlich seines Aufenthaltes in Nikolsburg seinen Besuch der Synagoge am zweiten Neujahrstage 'äu einer bestimmten Stunde angemeldet. Die Gemeindemitglieder mit dem Rabbiner an der Spitze warteten lange, aber der Erzherzog kam nicht; er hatte sicli bei den Audienzen, die er erteilte, verspätet. R. Mordechai Benet war eben iin Rezitieren der Tefilla begriffen als der Erzherzog mit seinem Gefolge die Synagoge betrat. Der Rabbi aber ließ sich nicht stören, er setzte sein Gebet andächtig fort und erst nach Beendigung desselben wandte er sich um und begrüßte den Erzherzog feierlich mit dem vorgeschriebenen Segen. Angstvoll mochte wohl manches Gemeindemitglied gedacht haben, der Erzherzog werde dieses deutliche Bekenntnis zu dem Grundsatz: G-ttesdienst geht vor Herrendienst, übelnehmen. Aber der Erzherzog zeigte durch die außerordentlich huldvolle und ehrerbietige Art, in der er R. Mordechai Benet für seinen Segensspruch dankte, welch großen Eindruck die imponierende Erscheinung des Rabbi auf ihn geübt, hatte. In hohem Ansehen stand der Landesrabbiner auch bei den Behörden, die seine segensreiche Tätigkeit für die Juden in Mähren kannten und würdigten. Wiederholt wurde er von Kaiser Franz I. in Audienz empfangen, der sich stets gnädig gegenüber seinen Bitten erwies. So war es auch nur R. Mordechai Benet zu danken, daß auf Grund einesvon ihm erstatteten Gutachtens das Verbot der Drucklegung des Talmuds aufgehoben wurde. In der Familie R. Mordechai Benets hat sich — wie der Schreiber dieser Zeilen von einem Abkömmling desselben vernommen — die Tradition erhalten, daß der Monarch den Landesrabbiner in den Adelsstand erheben wollte, eine Auszeichnung, die dieser jedoch in seiner Bescheidenheit aus mehrfachen' Gründen ablehnte und von der er auch in der. Oeffentlichkeit nichts verlauten ließ. Die allgemeine Vereinimg, die R. Mordechai Benet noch ganz besonders in Nikolsburg genoß, wuchs im Laufe der Jahre derart, daß die sagenbildende Phantasie des Volkes — man kann sagen ohne Unterschied der Konfession — sich seiner Gestalt'bemächtigte, die heute noch von dem Glorienschein des Wunder wirkenden Heiligen umflossen, im Gedächtnis der Nachgeborenen lebt. In Nikolsburg kann man zum Beispiel auch von Nichtjuden denen es von ihren Eltern und Großeltern erzählt wurde — hören, der Rabbi habe einst einem christlichen Einwohner, der sich bei der Aufstellung des Eruw der jüdischen Gemeinde gegenüber gefällig erwiesen, die Segensworte gespendet, sein Haus werde vor Feuersgefahr bewahrt bleiben und dieser Segen sei in Erfüllung gegangen. Ais einer verheerenden Feuersbrunst in Nikolsburg zahlreiche Häuser zum Opfer fielen, sei dem Brande just bei dem von R. Mordechai Benet gesegneten Hause Einhalt geboten worden. (Schlul folgt.)

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