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Jüdische Presse · 1923-03-23 · 12 (23.3.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
12 (23.3.1923)
Date
1923-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ls*~ 9 \ ■ «r. <* U. JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, IL, Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag1. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig-: Für Österreich £ 48.000, Ungarn E 1500, Tschechoslowakei Kc. 70--, Deutschland Mk. 5000--, Schweis Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000-—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, K6.1*50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkaasenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkaasenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkaasenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, .Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banca Marmarosoh Blane * Co. für Josef Florenz tt Co., Bukarest. Nr. 12 | Wien-Bratislava, 23. März 1923 ♦a'snn p-a f nysDDjna - nn m» j 9. Jahrg. Eine Weltschande. Wenn wir auch ganz genau wissen, daß zurzeit in keinem Staate der Welt die Stimme des Rechtes und der Gnade eine Heinistätte findet und die Solidarität des Menschengeschlechtes schon längst einer der Tierwelt abgelauschten Grausamkeit Platz gemacht hat, so fühlen wir uns trotzdem verpflichtet, eine einschlägige Tatsache in diesem Augenblick festzuhalten. Es gab schon in früheren Zeiten Verfolgungen von Religionswegen. Auch aus politischen Gründen werden in manchen Ländern ganze Gruppen von Menschen verfolgt — ohne daß ein anderes Motiv zugrunde^ läge als jenes ihrer Zugehörigkeit zu dieser verfolgten' Gruppe. Aber immer wieder fand sich der oder jeher Staat, welcher den Vertriebenen, den Verfolgten eine Heimstätte bot. Mag dieser Entschluß manchmal auch aus staatspolitischen _ oder wirtschaftlichen Gründen erfolgt sein, im Effekt war es ein Werk der Liebe. Und heute? Heute werden Hunderttausende von Juden verfolgt; ihrer Heimat beraubt, flüchten sie unter Lebensgefahr über irgend eine Grenze, denn in der ganzen Welt hat sich kein Staat gefunden, der ihnen freiwillig die Grenze öffnet. Kein Volk auf dieser Welt steht auf solch sittlicher Höhe, daß es sich zu dem Entschluß durchringen könnte, den Verfolgten und Gequälten Raum zu geben. Seit dem Untergang Sodoms ist eine solche Weltschande noch nicht dagewesen, war ein solch erschreckender sittlicher Niedergang nicht vorhanden, "und diejenigen Staaten, über deren Grenzen die -Armen,geflohen sind, bemühen sich .sorgfältigst sie wieder „abzuschaffen8, wie der schöne Ausdruck lautet, selbst wenn sie wissen, daß sie unmittelbar in ihren Tod getrieben werden. Es ist merkwürdig, gerade an jene Armen versucht man den strengsten sittlichen Maßstab zu legen. Es ist geradezu ekelerregend, wie die Lieblosigkeit der Gesetzgebung ihren schäbigen Mantel der Selbstsucht noch in die Falten sittlicher Entrüstung legen darf. Wahrlich, es fehlt uns ein Jesaia, welcher mit diesen verkommenen Völkern der Jetzzeit, diesen in Materialismus und wirtschaftlicher Betonung erstickten Staatsgebilden sein Masso, den aus dem Sittengesetz mit logischer Notwendigkeit sich ergebenden baldigen Untergang, vor Augen führt. Uns aber bleibt nur eines übrig. Angesichts dieser Weltschande, mag uns doppelter Stolz erfüllen in der Feier der Geburtsstunde unseres G-ttesstaates, wenn wir unsere Kinder lehren zu sagen: „Wer hungrig ist komme und esse mit uns." „Wer in Not ist, komme und feiere mit uns^Pessach." Wird dieser Ruf verstanden, dann mag auch diese mit Schande bedeckte Welt einen leisen Hoffnungsschimmer auf Rettung und Erhaltung erblicken. P. K. Issur und Disziplin. Die Zugehörigkeit zum . . . legt jedem Einzelnen Verpflichtungen auf, die d e n g a n Ken ßerei c h sein o s L e b e n s umfassen. Jeder ... hat mit seine r ganzen Person und mit Hingabe aller seine r K r ä f t e (lern . . . zu diene n. Den Anordnungen der ... leitung- oder der von ihr ermächtigten Körperschaften oder Personen ist Folg e zu 1 e i s t e n. Der ... leitung steht in allen Angelegenheiten persönlicher oder sachlicher Art, die das Interesse des . . . betreffen, die volle Verfügungsgewalt ' ü be r die Menschen des ..,. , zu} ' Die! V*VlH^ sich nicht , nur auf die aktiven Mitglieder des . . . Jeder der die ... trägt, steht zur Disposition der . . . I e i t u n g. ' % Den Erfordernissen des . . . gegenüber hat das persönliche I, nt er e s s e z u r ü c k z u t r e t e n. Der von der ... leitung getroffenen Entscheidung ist u n b e d i n g t Folge zu leiste n. Die Zugehörigkeit eines ... zu einem Verein, einer Partei oder sonstigen Organisation bedarf in* jedem Falle der Genehmigung der . . . leitung. Auf Anordnung der . . . leitung muß der Austritt aus den betreffenden Vereinen, Parteien, Organisationen erfolgen. Die . . . leitung kann den Mitgliedern des . . . Verpflichtungen materieller Art in einer Höhe auferlegen, die der Größe der Aufgabe des . . . entspricht. Jeder ... ist verpflichtet, Anfragen der . . . leitung in diesen Angelegenheiten wahrheitsgetreu zu beantworten und die von ihm geforderten Abgaben pünktlich zu entrichten. Jeder . . ., der die in den Grundgesetzen des . . . ausgesprochenen Forderungen nicht erfüllt, kann von der . . . leitung aus dem . . . ausgeschlossen und zum Ablegen der . . . gezwungen werde n. Die Leser obiger Sätze aus einem Statut mögen einmal versuchsweise die Lücken mit „Orthodoxe Landesorganisation", „Agudas Jisroel" oder einfacher mit „Orthodoxes Judentum" ergänzen und dann in Gedanken sich eine Vorstellung davon machen, wie solche Bestimmungen von unserer jüdischen „Oeffentlichkeit", von unseren eingeschworenen nationalistischen Demokraten, namentlich aber von den prädestinierten Wächiem,wte geistige „Selbstbestimmungsrecht" jedes jüdischen Schulknaben — den zionistischen Zeitungen und erst gar wie sie von unseren „gesinnungsverwandten" Misrachisten aufgenommen würden. Wie würde man da über diesen „Issur", über diesen „Bari", über diese despotischen „Klerikalen" usw. herfallen. Wie eilig, voreilig würden sich die braven Misrachisten in Mährisch- Ostrau und Zilina versammeln und gewisse Rabbi Mordechai Benet s. z. 1. (Fortsetzung.) Rabbi Gerson Chajes starb im Jahre 1789. Unter den Rabbinern, die herbeigeeilt waren, dem verblichenen Landesrabbiner Nachrufe zu halten, die bewußt oder unbewußt zugleich auch Kandidatenreden waren, befand sich auch Rabbi Mordechai Benet, der durch seine Erscheinung, wie durch seine Rede s eine mächtige Wirkung erzielte, die von keinem der anderen Redner übertroffen wurde. Sein Ansehen als großer Gelehrter war in Nikolsburg längst begründet, man kann sagen, seit seiner Kindheit; nun zeigte sich die allgemeine Verehrung die ihm entgegengebracht wurde auch darin, daß seine Wahl zum Rabbiner von Nikolsburg beinahe kampflos erfolgte, ungleich früheren Fällen, in denen zumeist der Wahl des Rabbiners lange, oft leiden-' schaftlich geführte Parteikämpfe vorangegangen waren. Am 4. November 1789 wurde die Wahl Rabbi Mordechai Benets auch zum Oberlandesrabbiner von der Landesregierung in feierlichster Weise bestätigt. Maßgebend für die Wahl war auch ein Gutachten, das der hochangesehene Fürst Dietrichstein, der Chef des in Nikolsburg residierenden Fürstengeschlechtes, der Regierung erstattet hatte, in welchem mit besonderer Genugtuung darauf hingewiesen wurde, daß Rabbi Mordechai Benet bereits über ein für jene Zeit beachtenswertes modernes Wissen verfüge und auch die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrsche. Mit dem flammenden Eifer und der selbstlosen Hingebung, die überhaupt charakteristisch für das Wesen und Wirken Rabbi Mordechai Behets waren, widmete sich der Oberlandesrabbiner seiner neuen, einen weiten Kreis von Pflichten und Arbeiten umfassenden Tätigkeit. Seine Hauptaufgabe erblickte er allerdings in der Leitung der Jeschibah, aber er begnügte sich nicht mit der Wirksamkeit des Lehrers, dem die Förderung der geistigen; Entwicklung seiner Schüler ani Herzen liegt. Er kümmerte sich auch mit liebevoller Sorge um das materielle Wohl seiner Schüler und Avar rastlos und mit Erfolg bestrebt sie vor Not und Entbehrung, die so häufig die Begleiter der thorasuchenden Jünger sind, zu schützen. Er selbst war, weit über seine Verhältnisse, unermüdlich im Wohltun und, wenn alle Mittel erschöpft waren, sinnreich in der Erfindung von neuen Hilfsquellen, um Annen zu helfen. Bezeichnend hiefür ist der Ausspruch, den er einmal tat, als es wieder mit der Verköstigung einiger Talmudschüler haperte. Er äußerte in Gegenwart einiger reicher Männer seiner Gemeinde: „Gestern habe ich für die Erteilung einer Morenu 10 Gulden er-, halten. Diese bestimmte ich sofort als Beisteuer zur Bewirtung meiner Schüler zu verwenden. Sollten aber wieder einige von ihnen Mangel leiden, so bin ich bereit, allmählich allen Bal- Battiin Mährens die Morenu zu geben, um meine Bachurim vor Not zu schützen." Die außerordentliche Tätigkeit Rabbi Mordechai Benets war nur bei seinem außerordentlichen Fleiß denkbar. Seine öffentlichen Vorträge dauerten täglich bis 2—?{ Uhr nachmittags. Die Erledigung der Anfragen, die an ihn von allen Ecken und Enden der Welt gerichtet wurden, hielten ihn in der Regel bis nach Mitternacht in Anspruch. Dazu kamen noch die Gemeindeangelegenheiten, soweit sie den Rabbiner angehen und was wohl nicht zuletzt genannt werden darf, die Arbeit an den großen wissenschaftlichen Werken, von denen nur ein Teil im Druck erschienen ist. Die Selbstlosigkeit Rabbi Mordechai Benets zeigte sich in allem, auch in der Genügsamkeit gegenüber den Genüssen des Lebens. Er war voll Milde, Wohlwollen und Heiterkeit, dabei aber für seine eigene Person der höchsten Askese zugeneigt. Kennzeichnend ist in diesem Punkte eine Randglosse, die man — hebräisch — in seinem Qebetbuche fand und die in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautet: „Hiemit gelobe ich beim allmächitgen G-tt Zebaoth, daß ich jedem irdischen Genüsse entsage, der zur Aufrechterhaltung meiner Gesundheit nicht unbedingt notwendig ist:" Um. sich ganz ungestört von weltlichen Gedanken und Angelegenheiten dem Studium der Gotteslehre zu widmen, zog er sich in seinem 50. Lebensjahre selbst vom Familienleben so sehr zurück, daß er ganz abgeschlossen für sich in seinem Zimmer lebte. Seine Schüler, für die er wie ein Vater sorgte, liebten und verehrten ihn in einer Weise, die kaum überboten werden kann. Aber auch die Gemeinde bewies ihm bei jeder Gelegenheit eine schrankenlose Huldigung. Die ehrfurchtgebietende Erscheinung übte selbst auf die christliche Bevölkerung Nikolsburg« ihre Wirkung. In Nikolsburg lebt noch heute die Tradition, daß, wenn Rabbi Mordechai Benet hie und da, zum Beispiel um einen Krankenbesuch zu machen, über die Straße Schiff' Pelzwarenhaus Engeos und Erzeugungi I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :•: Telephon 67-302 Detail verkauf s - Niederlage s lM Graben 28 Filiale: Karlsbad, Alte Wiese.

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