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Jüdische Presse · 1923-03-16 · 11 (16.3.1923) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
11 (16.3.1923)
Date
1923-03-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 JÜDISCHE PRESSE Seite 66 politische, sondern eine religiöse Bewegung, deren Sinn die Ueberwindung des seelischen und geistigen Galuth, die Erneuerung und moralische Wiedergeburt unseres Volkes, die Renaissance des Judentums ist. Unentbehrlich für dieses Ziel ist Palästina, wo allein diese Ideen sich in Reinheit verwirklichen können; aber eine weitere Hauptforderung dieser Gruppe ist intensivste Galutharbeit im Sinne dieser Ideen, der Wiedererweckung des jüdischen Volkes, der Kräftigung «nd Stärkung des überlieferten Judentums, der konsequenten Heranbildung einer selbstbewußten, von religiösem Geiste getragenen, opferfähigen Jugend, die wirklich imstande ist, im Lande unserer Zukunft die gewaltige Arbeit der Ausforstung unseres Volkes in Angriff zu nehmen. Von hier aus erscholl die Parole der größeren Selbständigkeit des Misrachi in ideologischer, aber auch in politischer und organisatorischer Hinsicht. Immer mehr gewinnen auch diese Ideen innerhalb des offiziellen Misrachi an Boden und die führenden Kreise verschließen sich nicht der Folgerichtigkeit und Notwendigkeit dieser Anschauung. So weit der Autor. Agudas Jisroel verfolgt mit Interesse die Verselbständigung des Misrachi; solange jene Gruppe in Misrachi führend war, .welche als politische Misrachisten bezeichnet werden, konnte kaum von einer gemeinsamen Arbeit die'Rede sein; strebt hingegen Misrachi Verselbständigung an und wir dürfen es verzeichnen, daß diese Bestrebungen nicht ohne Einfluß der wachsenden Erstarkung der Agudas Jisroel entstanden sind, so ergibt sich eine sehr viel versprechende Aussicht zur gemeinsamen Arbeit und zur Errichtung der endgültigen Phalanx, wo für alle Thoratreuen eben die Thora die Grundlage und das Prinzip der Organisation sein wird. Wir dürfen annehmen, daß sowohl Rabbi Amiel in Antwerpen, eine der führendsten Persönlichkeiten des Misrachi, als auch fast die ganze Misrachijugend mit Unbehagen die Führung der politischen Gruppe empfunden haben. Sie haben das Unwürdige empfunden in dem Benehmen jener, die aus einer politischen Gesinnung heraus, willige Gefolgschaft geleistet haben einer Bewegung, die im besten Falle bloß eine formelle Verbeugung vor der Inkarnation des jüdischen Volkes, vor der Thora gemacht hat. Wir glauben wohl nicht, daß schon die jetzige Konferenz die Entscheidung gebracht hat, wir verzeichnen aber diese neue Entwicklung mit Freude. Sie ist geeignet, die in verschiedene Lager zerschlagenen, echten Söhne des treuen jüdischen Volkes zu vereinigen. Ein Bionistischer Maskenball — Vorwand gor Pogromhetze. Der zionistische Jugendverein „Makkabea* in Bratislava glaubte auch in diesem Jahre das Purim-Fest durch einen .Maskenball' feiern zu müssen, bei welchem ein Teilnehmer im Ornat eines katholischen Bischofs erschienen sein soll. Der in Bratislava erscheinende „Slowak" ist darüber empört und droht deshalb den Juden den Pogrom an. Wir sind leider derartige Feste von Vereinen, die ihre praktische Lossagung von der religiösen Ideenwelt des Judentums mit dem Feigenblatt des Zionismus zu verdecken suchen, seit Jahren gewöhnt und sind durchaus nicht überrascht, wenn bei solchen Veranstaltungen jüdischer Geist, jüdische Gesittung, jüdischer Wohlgeschmack, jüdischer Anstand und vor allen Dingen jüdisches Verantwortungsgefühl aufs gröblichste verletzt wird. Der „Slowak* scheint aber über jüdische Verhältnisse sehr mangelhaft unterrichtet zu sein, wenn er irgend eine geschmacklose Ungezogenheit des „Makkabea" dem Judentum ankreidet. Wer Einblick in jüdische Verhältnisse hat, hegt keinen Zweifel darüber, daß es keinen wirklichen religiösen Juden gibt, der über die Sache selbst nicht ebenso entrüstet wäre, wie der ,Slowak". Unsere zionistischen Jünglinge benehmen sich gegen die Würdenträger ihrer eigenen Religion mit der gleichen Respektlosigkeit. Ebensowenig wie das „Zion" des Zionismus irgend etwas gemein hat mit dem Zion, wofür der religiöse Jude betet und dessen Aufrichtung inbvünstig herbeisehnt und mit allen Kräften herbeizuführen bestrebt ist, ebensowenig wie der glorreiche Namen „Makkabi" nach dem traditionellen Judentum mit einem Maskenball oder einem anderen ähnlichen Auswuchs griechisch-hellenischer sittlicher Entartung'in Verbindung gebracht werden darf, kann das Judentum gestatten, daß das Benehmen irgend eines zionistischen Jugend Vereines vom „Slowak" zumVorwande für Pogromhetzen gegen Juden genommen wird. Wir protestieren aufs entschiedenste gegen diese Identifizierung. Der Maskenball der „Makkabi" wird das friedliche Einvernehmen zwischen Juden und Andersgläubigen in unserer Stadt nicht zu stören vermögen und die Pogromhetze wird dem guten „Slowak" — nicht gelingen. Anstand oder Versammlungstaktik. In den folgenden Zeilen möchte ich ein Ereignis festnageln, das an und für sich bedeutungslos ist, jedoch in seiner Anspruchslosigkeit gewisse Kreise, die sich noch thoratreu nennen, mehr charakterisiert, als große Kundgebungen und Programme, in denen man die Oeffentlichkeit orientiert. Die Propagandasektion der Agudas Jisroel hat in einem kleinen Beth Hamidrasch eine Versammlung angekündigt, in welcher man über die Bedeutung der künftigen Kenessio Gedaulo sprechen sollte. Die Versammlung fand statt und der erste Redner hat mit kurzen und was vor allem zu vermerken ist, mit überaus objektiven Worten über die Kenessio Gedaulo gesprochen. Insoweit ging alles in Ordnung. Da sollte nun der zweite Referent zum Wort kommen. Da sprang einer von der Gegenpartei (er gab sich für einen Misrachisten aus) auf den Almemor und kündigte einen Gegenredner an, der wie er sagte in objektiver Diskussion die Ansicht der Gegenpartei (das ist Misrachi) vertreten möchte. Diese Vorgangsweise kann wohl nicht fair genannt werden, aber man wollte den Respekt vor der heiligen Stätte und sagen wir noch vor dem Alter und Bartdes Gegenredners wahren. Man ließ ihn zu Worte kommen. Er sprach. Der Inhalt war nebensächlich, nicht nur für seine zionisüsch-misrachistischen Zuhörer, die sicherlich ihrer Partei einen besseren Dienst erwiesen hatten, falls sie ihre überschwengliche Energie für die Keren Hajessod- Arbeit verwenden würden, sondern auch für den Redner selbst* Eine halbe Stunde verstrich nach der anderen und als der Redner zum Schlüsse kam, war die Zeit schon längst über« schritten, die man für solche Versammlungen aussetzt. Die Anhänger der Aguda hielten trotz des ermüdenden Redeschwalls aus, nicht so sehr um dem Gegenredner zu erwidern (seine Rede hatte ja bloß Worte und keinen Inhalt gehabt), sondern um die Versammlung fortzusetzen. Jedoch kaum war der Gegenredner fertig, da zog er mit seinem ganzen Anhang so stürmisch und so lärmend aus dem Beth Hamidrasch, dal ihre Absicht, die Versammlung endgültig zu sprengen, blol an der bewundernswerten Ruhe der übrigen Teilnehmer scheiterte. Wie oben bemerkt, ist dieser Vorfall harmlos za nennen, man könnte über den Trick herzlich lachen, wenn man nicht immer vom Neuen die Täuschung seitens der Gegner so unangenehm empfinden würde. Wir glauben immer, daß Leute, besonders wenn sie einen langen und weißen Bart tragen, ernste Menschen und anständige Gegner wären, dann kommen sie und belehren uns eines Aergeren. Sie sind Kinder, bei denen schon ein großer Erfolg ist, die anderen geärgert zu haben. Daß sie dabei sich und ihre Sache mit dem Makel der Unanständigkeit belasten; ist für sie eben ein Kinderspiel. itqr* iWi »Hr» T^rt Die CUocbc. tt^t^^ r«IK ^IK TSR rlK Der Präsident der jüdischen Nationalföderation in Rumänien, Dr. Adolf Stern, hat sein Amt zum Protest gegen die antisemitischen Umtriebe niedergelegt. Wie aus Palästina gemeldet wird, hat Emir Abdula erklärt, daß er keinerlei Ansprüche auf den palästinensischen Thron mache. Der Außenhandel Palästinas weist im November 1922 folgende Daten auf: Import 636.535 Pfund (68.083 Pfund mehr als im gleichen Monat im Vorjahr), Export 164.265 (-f-110.102); gegen den Oktober ist der Import um 48.869, der Export um 15.651 gestiegen. Das amerikanische Immigrationsgesetz wird mit unnachsichtiger Strenge gehandhabt. Herzzerreißende Szenen spielen sich auf der „Träneninsel" Ellis Island ab, von wo im Laufe der letzten Woche über 800 polnische Emigranten, überwiegend Juden, zurückgeschickt wurden, da die Quote schon erreicht ist. Bonar Law erklärte im englischen Parlament, daß aus Sparsamkeitsgründen die englische Besatzung in Palästina verkleinert werden würde. Einige Blätter behaupten, es sei dies der Anfang einer vollständigen Evakuation. In Moskau wurden vier der berüchtigsten Petljurafreunde und Pogromhelden, die in den Bürgerkriegsjahren in der Ukraine ihr Unwesen trieben, zum Tode verurteilt. An der Moskauer Universität soll eine „jüdische Fakultät" errichtet werden, an der jüdische Literatur und Geschichte gelehrt werden sollen. Vollste Gleichberechtigung für Juden, nur um Gotteswillen keine Religion! Die Ika traf ein Abkommen mit der rumänischen Regierung, wonach sie 15.000 russisch-jüdische Flüchtlinge nach Argentinien zu bringen sich verpflichtet. Dtuucbosterreicth Feierliche Eröffnung. Die Zusammenlegung des Springerschen Waisenhauses mit der Knabenheimstätte in der Herklotzgasse hat den erhaltenden Körperschaften die Möglichkeit einer erfolgreicheren und ersprießlicheren Arbeit gegeben. Herr Kultusvorsteher S. Bondi, der in der Kultusgemeinde an der Spitze der Jugendfürsorgeaktion steht, hat diese Gelegenheit benützt, um die strengrituelle Führung der neuen Anstalt zu sichern. Die Wiedereröffnung war feierlich. Die Festredner beleuchteten aus verschiedenen Gesichtspunkten die Bedeutung des Tages. Warme Anerkennung zollte man dem zurückgetretenen Direktor Hecht, der 30 Jahre das Springersche Waisenhaus leitete. Der neue Direktor Herr Marguli es und seine Frau bieten Gewähr, daß die Erwartungen all jener Körperschaften, die zur Errichtung des schönen Werkes beigetragen haben, auch in Erfüllung gehen werden. Die Eröffnungsfeier schloß mit niedlichen Vorführungen der, Zöglinge. Vortrag Dr. Kohn. Sonntag, den 8. Nissan (25. März), um halb 5 Uhr nachmittags hält Herr Rabbiner Dr. P. Kohn im Turnsaale der Talmud Thora-Volks- und Bürgerschule, IL, Malzgasse 16, einen Vortrag über: „Die Bedeutung der konfessionellen Schule." Anschließend Diskussion. Gäste willkommen. Jugendgruppe Lackenbach. HlUCn 3 J"Dttf hatten whwieder wie allwöchentlich einen Vortrag, in welchem Vorstana Schey über die Zukunftsfragen Jisroels referierte; seine Ausführungen wurden derart beifällig aufgenommen, daß er gebeten wurde, künftigen J"Qttf seinen Vortrag fortzusetzen. Unsere O^iyiP haben begonnen und erfreuen sich eines lebhaften Besuches seitens unserer Jugend. Am fOttf nachmittag hatten wir gemeinsam mit unserer B-Gruppe, die zumeist aus Schulkindern besteht, eine flHPDt^l^ü welche die Kinder derart erfreute, daß sie sich verpflichteten, jede ersparte Kronennote diesem Zwecke zu widmen, damit wir allwöchentlich den p'ttf mit so großer und freudiger Teilnahme feiern können. Aufruf an die Lackenbacher in Wien. Fördert durch Euren Beitritt in unserer Agudas Jisroel-Vereinigung unsere Ziele für das Wohl unserer heranwachsenden Jugend, auf das wir nach fiDS in die angenehme Lage kommen, einen ständigen *1Ö^S)ä aufnehmen zu können. Für die Jugendgruppe Lackenbach, W. Krausz. Eine Jemenitenaktion in Wien. Die Lage der Juden in Jemen hat sich wieder einmal verschlimmert. Zu dem permanenten wirtschaftlichen Drucke gesellten sich in den letzten Jahren Bedrückungen religiöser Natur. So wurde ein altes Gesetz hervorgeholt, wonach jüdische Waisen im islamischen Glauben erzogen werden müssen. Im Falle, daß die Waisen nach einem anderen Orte flüchten, wird das Vermögen der Verwandten und Nachbarn beschlagnahmt. Eine Menge anderer Vorgänge bewegt sich in gleicher- Linie, um das Leben der Juden unerträglich zu gestalten... Kein Wunder füglich, daß sich die Juden in Jemen aus dem dortigen Elend heraussehnen und ihre glücklicheren Brüder in Palästina mit Briefen bestürmen, ihnen zur Auswanderung nach Palästina zu verhelfen. In letzterer Zeit haben sie zu diesem Zwecke einen eigenen Delegierten nach Palästina geschickt. Der Notschrei der jemenitischen Juden hat nun auch in der Wiener Judenheit einen starken Widerhall gefunden. Namentlich ist es der Verein „Esrat Israel", der hier die Initiative ergriffen hat. Auf seine Veranlassung fand im eigenen Vereinlokal am 4. März (1.6. Adar 5683) eine Versammlung statt, in welcher die angesehensten Führer der Orthodoxie, darunter die bekannten Großrabbiner von Hussiatyn, Kopiczynce, Sadagora und andere teilnahmen. Der Großrabbiner von Czortkow, der lebhaftes Interesse an der Jemenitenaktion nimmt und leider am Erscheinen verhindert war, schickte seinen Vertreter, der auch in seinem Namen einen größeren Betrag zeichnete. Vom Wizjiitzer Großrabbiner kam ebenfalls ein Brief, in welchem er der jemenitischen Sache vollen Erfolg wünscht. Den Vorsitz in der Versammlung führte der Obmann des Vereines „Esrat Israel", Herr S. Komet, der bereits auf der Erfolg mehrerer öffentlicher Unternehmungen im Dienste der jüdischen Sache zurückschauen kann. Das Referat über die" Lage der Juden in Jemen ersattete Herr Schritfsteller J. Radler-Feldmann aus Jerusalem. In erschöpfender und fesselnder Weise gab er einen Ueberblick über die Geschichte und Lage der Juden in Jemen, sowie über den vollen Erfolg der Kolonisation jemenitischer Juden in Erez Jisrael. Er unterstrich besonders den Umstand, daß die jemenitischen Siedlungen fast die einzigen sind, die ohne Defizit arbeiten, da die. Jemeniten, dank ihrer besonderen Eignung zu gewerblichen und landwirtschaftlichen Arbeiten, ferner dank ihrer sprichwörtlichen Genügsamkeit, jeder wirtschaftlichen Lage standhalten und noch Ersparnisse machen. Die Ansiedlung der jemenitischen Juden in Palästina müßte daher von den Juden aller Welt, ohne Unterschied der religiösen und nationalen Parteirichtung auf das wärmste gefördert werden. An der folgenden Aussprache beteiligten sich mehrere Anwesende. Einstimmig gelangte ein Antrag zum Beschluß, die Jemenitenaktion mit allen Kräften zu unterstützen und den Verein „Esrat Isroel" mit der weiteren Propaganda, sowie mit der Ausgestaltung der praktischen Tätigkeit zu betrauen. Für Jie Spendenliste zeichneten die Anwesenden, besonders die obgenannten Großrabbiner namhafte Beträge. Mit Dankesworten an die Erschienenen sowie mit einem warmen Appell zur Mitarbeit schloß der Vorsitzende, Herr S. Komet, die' Versammlung. Ankündigung. Sonntag, den 18. März 1923, nicht, wie irrtümlich in der letzten Nummer angegeben, den 17. März, findet präzise 7 Uhr abends im großen Saale der Agudas Jisroel-Jugendgruppe im Rahmen der öffentlichen Veranstaltung der „B"-Gruppe ein Vortrag des Herrn Moritz Spitzer über das Thema: „Geist und Schrifttum des Judentums zur Zeit der Karäer" statt. Gäste herzlichst willkommen. „Hadere eh." Das hebräische Zentralorgan der Agudas Jisroel hat in seiner Entwicklung alle Phasen, welche Agudas Jisroel selbst durchzuringen hatte, mitgemacht. Die erste Nummer seit der Breslauer Tagung, die nun vorige Woche erschien, verspricht einen reichhaltigeren Inhalt und was noch wichtiger ist, eine pünktlichere Erscheinung. Die Energie des neuen Schriftleiters, Herrn M. G. Wölk, ist eine sichere Bürgschaft hiefür. Die vorliegende Nummer bestätigt sowohl durch Inhalt wie Form dieses Versprechen. Hier wird nicht geschnorrt! Abgesehen von dem geschriebenen Gesetz, gibt es ganz bestimmte Merkmale, an denen man erkennen kann, ob der Geist des Judentums in der lebendigen Tat ruht, oder aus dem Tun verbannt ist. Zu diesem ungeschriebenen Gesetz gehört es beispielsweise, daß man bei freudigen Anlässen nicht bloß selbst der Armen gedenke, sondern alle Teilnehmer der Freude an die Armen erinnert. Seitdem wir nun das wunderbare Wort von der jüdischen Kultur geprägt haben (lies: entg-tteten Unkultur), hat sich da eine merkwürdige Unsitte eingeschlichen. Man glaubt sich als Gastgeber verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die lieben Gäste nicht „belästigt" werden. Dieses wundersame Schamgefühl tritt besonders dann zutage, wenn man das Glück hat, moderne (lies: thoralose) Gäste bei sich zu sehen. Man hat nun mit starkem Aufgebot der letzten Kräfte zwei Methoden zur Abhilfe gefunden. Entweder, und das ist dem Effekt nach wenigstens besser, der Gastgeber fertigt selbst mit einer noblen Geste und einer noblen Gabe die „Schnorrer" ab, oder man weist letztere ohne weiteres von der Tür mit dem für echte, jüdische Kulturzeugnis ablehnenden Worte ab: „Hier -wird nicht geschnorrt!" Hat man denn als Jude wirklich nicht eine blasse Ahnung davon, welch eine Beleidigung der Gäste es bedeutet, wenn man annimmt, sie würden durch die Bitte um die Geldgabe belästigt. Haben diese „Heroen" der jüdischen Kultur denn keine Ahnung davon, daß, wie unsere Weisen sagten, das Rad so rasch sich wenden könne. Wir wissen, daß diese Angelegenheit auch eine Kehrseite hat. Von den Gästen muß verlangt werden, daß sie bei dem Geben auch ihre Verhältnisse in Betracht ziehen. Die beste Form, wäre, daß, wie es in dem verrufenen Deutschland geschieht, der Gastgeber selbst seine Gäste auffordert, durch eine gute Tat den guten Tag zu krönen.

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