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Jüdische Presse · 1923-03-09 · 10 (9.3.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
10 (9.3.1923)
Date
1923-03-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 58 JÜDISCHE PRESSE Nr. 10 mann (Frankfurt), Oberrabbiner M.'M. Epstein (Slobotka), Rabbiner Beer Friedmann (Wien), Julius Hollander (Frankfurt), Abraham Hornstein (Wien), Oberrabbiner A. Katz (Nytra), Rabbiner Dr. Pinchas Kohn (Wien), I. M. Lewin (Warschau), Wolf Pappenheim (Wien), Jakob Rosenheim (Frankfurt), Oberrabbiner Schapiro (Sanok), Jakob Strauß (Frankfurt), Jakob Trockenheim (Warschau), Leo Wreschner (Frankfurt), Oberrabbiner Zirelsohn (Ghisinau), Soliziter J. Landau, Harry Goodman (London), Siegmund Bondi, Kallmann Pappenheim, David Schlesinger, Lippe Türkl (Wien). Abbau. Dieses unheimliche Wort, das m jedem einzelnen Falle seiner Anwendung die Existenz einer Familie bedeutet, hat nun allmählich in die Welt der Gedanken Eingang gefunden. Es sind in der Kriegszeit in die Völker Gedanken und Hoffnungen getragen worden, welche den Zweck hatten, sowohl in den Frontkämpfern die Idee wach zu halten, daß sie ihr Leben für eine große Sache, für eine weltbeglückende Idee hergeben, als auch den Völkern die wahren Ziele der kriegsführenden Mächte zu verschleiern. Auch dies war beabsichtigt, die Stärke einzelner Staaten dadurch zu zermürben, daß man Bürger und Nationalitäten gegeneinander hetzte. Zu diesen schön klingenden Worten gehören vor allen Dingen die beiden Begriffe Selbstbestimmungsrecht und Minderheitsschutz. Daß dem Selbstbestimmungsrecht, selbst wenn es abstimmungsgemäß zum Ausdruck gebracht worden war, keinerlei Geltung eingeräumt wurde, ist eine Tatsache, deren sich die Gewaltigen der Erde einst vor dem Richterstuhl der Geschichte werden schämön müssen. Der Gedanke des Selbstbestimmungsrechtes ist also endgültig abgetan und abgebaut; damit rechnet niemand mehr, auch der Naivste nicht. Viel langsamer und auch viel gefährlicher ist der Prozeß des Abbaus bei dem Begriff des Minderheitsrechtes. Man weiß wohl so ungefähr, daß alle in dieser Richtung vertragsgemäß gegebenen Rechte nicht anders sind, als ein grotesker Mißbrauch, und daß der Völkerbund auch in dieser Richtung, nicht als Hüter des Rechtes, sondern als Hüter der Gewalt sich bewährt hat. Es bedurfte keiner prophetischen Begabung, wenn man von Anfang an der Meinung war, daß die Einfügung des jüdischen Wollens in diese Bestrebung ein Unheil bedeutet, und zwar nicht bloß in Hinsicht auf die Zerstörung der Treue zur Religion, sondern auch ganz materiell im ungünstigem Einfluß auf die Gestaltung des Schicksals der Juden in allen Ländern. In allen Ländern, das heißt also auch in denjenigen Ländern, in welchen die erbärmlichen jüdischen Führer zwar die Nationalisierung der Juden in den Ländern des Ostens befürworten, für sich selbst aber dieselbe ablehnen. Dieselben Herren, die sich in England, Deutschland oder Amerika lückenlos in dem Anschluß an die Nation ihres Staates bekannten und betätigten, verlangten von den Polen oder Litauern, daß sie die sehr bedenklichen Privilegien in Anspruch nehmen sollten, die aus dem Minoritätsrechte fließen, ßie haben es glücklich nun soweit gebracht, daß die früher mit Recht so verpönte, von den getauften Ratgebern des zaristischen Rußlands erfundene Prozentnorm Staatsgrundsatz fast aller Staaten geaus, daß diese jüdische Familie niemals durch ihr Verhalten Grand zu irgend einem Argwohn gegeben: daß man an dem Abend, an welchem das Verbrechen begangen sein sollte, auch nicht das geringste verdächtige Geräusch in dem Hause des Metzgers vernommen, obwohl man in den anstoßenden Häusern, besonders in den Abendstunden alles hören könne, was.in dem Hause vorgehe. Als der Untersuchungsrichter die Haupt- Belastungszeugin Bärbchen Kurth in Aachen verhörte und ihr dringlich ins Gewissen redete, bei der Wahrheit zu bleiben, da es sich doch um eine so furchtbare Sache handle, wurde das junge Mädchen von den herzlich gesprochenen Worten tief ergriffen. Von Reue erfaßt, fiel sie laut schluchzend auf die Knie und bekannte, daß ihre Anklage ein bloßes Lügengewebe sei, daß sie von der Familie Gueret angestiftet worden sei, welche mit ihr alles besprochen, was sie gegen die Philipps aussagen solle. Das Mädchen nannte dann sogar selbst Zeugen, die wußten, wo Philipps an dem besagten Abend gewesen und womit er sich in seinem Hause beschäftigt habe, als sie dasselbe verlassen. Die genannten Zeugen bestätigten diese Aussage. Die Tochter Gueret wiederholte allerdings ihre frühere Aussage, aber es widerfuhr ihr dabei das Mißgeschick, daß sie durch die wortgetreue Wiederholung ihrer eisten zu Protokoll gebrachten Aussage den Untersuchungsrichter zu der Ueberzeugung verhalf, das Ganze sei ein etwas Einstudiertes, auswendig Gelerntes. (Unwillkürlich drängt sich bei diesem Detail die Erinnerung an ein Moment in einem etwa 100 Jahre später — In Tisza-Eszlar — durchgeführten Ritualmord-Prozeß auf. Auch in worden ist, ob es Numerus Clausus heißt, oder welch schöner Name sonst erfunden wurde. Da klingt es wie eine grausame Ironie, wenn wir heute lesen, daß in Litauen, das einst mit so vielem Geräusch ins Leben gesetzte uud bisher von Juden zur Unterdrückung der Religion angewandte jüdische Ministerium in Frage gestellt ist, wenn wir ferner morgen lesen, daß in Lettland die sogenannten Minoritätsschulen von dem Genuß staatlicher Mittel ausgeschlossen bleiben. Hat man wirklich gedacht, daß die Siegermächte, die ganz andere Sorgen haben, deshalb den Krieg erklären werden? Hat man wirklich gehofft, daß auch nur ein Kabinett in der Judenfrage einschließlich der ganzen Mandatspolitik etwas anderes sieht, als eben nur ein politisches Instrument? Damit aber auch die fratzenhafte Karikatur in diesem traurigen Bild nicht fehlt, kommt noch die Volkszählungskomödie im Staate Oesterreich. Historisch ist festzuhalten, daß nun zum ersten Male auch ein westlich orientierter Staat mit den Dingen ernst machte, welche die sogenannten jüdischen Nationalräte ohne Legitimation und ohne innere Berechtigung verantwortungslos propagierten; während die östlichen Staaten trotz aller feierlichen Verheißungen mit dem Rechte der Minorität gründlich Abbau treiben, beginnt sich im Westen eine Entrechtung langsam vorzubereiten. Darum ist die' Ausfüllung des Fragebogens der Volkszählung im Staate Oesterreich ein sehr ernstes Ding, noch dazu da der Begriff eines österreichischen Volkstums kaum noch geschaffen, geschweige denn, in das Bewußtsein der Gezählten eingetreten ist. Es wäre sehr von Nöten, daß man hier zü Lande endlich mit dem Abbau derjenigen Bestrebungen beginnt, die dem kaum gewordenen Staat nur zum Unheil gereichen können. Vielleicht kommt es in diesen Tagen doch dem oder jenen der jüdischen Politiker ins Gewissen, wie sehr sie durch die künstliche Aufpeitschung und Aufputschung eines jüdischen Nationalismus eine neue Epoche des Goluseingeleitethaben. Nicht umsonst sagt alt jüdische Weisheit, daß es ohne Tefillin und Sabbath für das Judentum und Judenheit Freude und Licht nicht gibt. Aber mit diesem Zeichen wird Juda siegen und die Anerkennung der Welt sich erringen. s. n. da auch das Wort, aber ohne in meinen kurzen Ausführungen die Fragen Weltkongreß und Jewish Agency, die ja auch nicht zur Besprechung standen, auch nur zu streifen. Ich will dieser Erklärung noch hinzufügen, daß ich sie nur abgebe, um einer fälschenden Berichterstattung entgegenzutreten, nicht aber etwa, um mich für die Meinungen auszusprechen, gegen die ich agitiert haben soll. Im übrigen habe ich derzeit ebensowenig Neigung, meine Meinung über diese mehrerwähnten Fragen publizistisch darzulegen, wie ich Neigung hatte, den ihnen gewidmeten Sitzungen der Breslauer Konferenz beizuwohnen. Wer mich privat darnach frägt, dem enthalte ich sie nicht vor. Da icli mich jetzt auf eine große Berichtigungs- Kampagne nicht einlassen kann, bitte ich, außer die gesinnungsgenössischen auch die gegnerischen Blätter, dieser Erklärung loyaler Weise Raum zu geben. Berlin. 16. Adar 5683 (4. März 1923). Dr. Nathan Birnbaum. Erklärung. Infolge Krankheit war ich in den letzten Wochen außerstande, den jüdischen Ereignissen zu folgen. Nun höre ich, daß ich in manchen Zeitungen als derjenige hingestellt werde, der, zusammen mit Herrn Dr. Pinchas Kohn, bei der Breslauer Aguda-Konferenz gegen den Weltkongreß und gegen ftie Jewish Agency agitiert habe. Demgegenüber erkläre ich, daß ich auf der Breslauer Konferenz nicht einer einzigen Sitzimg beiwohnte, die sich mit den Fragen Weltkongreß und Jewish Agency befaßte, und auch nicht außerhalb dieser Sitzungen — weder im Verein mit Herrn Dr. Pinchas Kohn noch allein — irgend eine Propaganda für oder gegen irgend welche Anschauungen in diesen Fragen trieb. Ich war nur kurze Zeit — jedesmal ein paar Minuten — bei zwei Sitzungen anwesend, die sich wohl mit der Palästinafrage, aber ganz und gar nicht mit den erwähnten Themen, sondern mit dem Thema „Arbeit in Palästina" beschäftigten, und ergriff Ag-udas Jisroel unfl ihr schlechter Stern. Wir müssen mit Bedauern feststellen, daß Agudas Jisroel seit ihrer Gründung unter einem schlechten Gestirn für ihre Existenz zu kämpfen hat. Bald hieß es sie sei bloß negativ und hat auf keine positiven Leistungen hinzuweisen. Hat sie dann Talmud-Thoras, Chadarim, Kriegswaisenhäuser gegründet und Wohlfahrtsaktionen ins Leben gerufen, die alle auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen und die Bewunderung aller errungen haben, dann hieß es wiederum, ja im Golus da leiste sie noch was, aber in Erez Jisroel sei keine Spur von einer Aguda-Arbeit. Auch unter diesem Gestirn konnte man nicht lange gegen Agddas Jisroel geifern. Die junge Aguda-Organisation' in Erez Jisroel kaufte Boden, baute Häuser, erbielL Schulen, ja in der jüngsten Zeit wurde nebst einem orthodoxen ChaluzimHeim in Jaffa in Newe-Schalom dank den Bemühungen des ausgezeichneten Rabbiners S1 onim eine Krankenstation unter der Leitung von Dr. Kantorowitz eröffnet. Von all diesen Dingen hat man in der großen (verstehe zionistischen) Welt bisher keine Notiz genommen. Es genügte aber dank dem Unglücksgestirn der Agudas Jisroel die Verlautbarung, daß in der Krankenstation für jeden, der sich meldet, zu niedrigen Preisen medizinische Hilfe bereit steht, den Mitgliedern der Agudas Jisroel aber, diese Hilfe unentgeltlich geboten wird, schon setzte sich der Blätterwald in Bewegung, um diese Bevorzugung der Mitglieder der Agudas Jisroel als einen unjüdischen und kulturwidrigen Akt zu brandmarken. Ja der Haß macht blind. Es wurde übersehen, daß jene Gründungen und Anstalten, auf die man in jenen Kreisen so stolz ist, von den Geldern aller, für alle errichtet werden und dabei von ihrer Benützung jeder thoratreue Jude überhaupt ausgeschlossen ist, weil sie die elementarste Rückgicht auf das Thoragesetz verletzen. Dies ist jüdisch und gesittet. Errichtet aber Agudas Jisroel aus den Zuwendungen ihrer Mitglieder für dieselben eine Iustitution und nimmt sie obendrein Rücksicht noch auf andere, denen die Anstalten zu mäßigen Bedingungen zur Verfügung stehen da hat man mit einem unjüdischen Charakterzug der Agudas Jisroel zu tun, den zu brandmarken sicherlich als Pflicht empfunden wird, von jenen, denen das Thoragesetz nichts, die von Jungzionisten mißbrauchte und parteimäßig geeichte Bezeichnung „jüdisch" aber alles ist. 50 Jahre amerikanisches Reform-Judentum. Anläßlich des 50jährigen Jubiläums des amerikanischen Reform-Judentums wurde von dem Verband der amerikanischen Reforgemeinden eine Jahreskonferenz abgehalten, an welcher Gegenstände besprochen wurden, die vor hundert Jahren fast überall in Mittel- und Westeuropa auf der Tagesordnung standen. Korrekturen, Streichungen im Gebetbuche, Angleichung an das Christentum, Sonntags-Gottesdienst und Orgel und ähnliches. Das nun die Reformgemeinden von heute Resolutionen faßen, welche die Neuredigierung der Bibel verlangen und gegen Erez Jisroel sich aussprechen, überrascht uns sehr; nicht etwa durch den Inhalt dieser Resolutionen, sondern, daß diese Reformgemeinden noch diesem Prozesse zeigte es sich, daß der Hauptbelastungszeuge, der Knabe Moriz Scharf, die grauenhafte Anklage gegen seinen Vater, wie ein auswendig gelerntes Pensum immer wieder mit denselben Worten hersagte! Aber die ungarischen Untersuchungsrichter fanden damals nichts darin, was den Glauben an der Wahrheit dieser Aussage zu erschüttern geeignet wäre. Sie fanden es auch ganz selbstverständlich, daß der Knabe in einem unbezweifelbaren Kurialstil seine Aussage erstattete, als ob er eine langjährige Amtskarriere hinter sich hätte .. ..) Als der Aachener Untersuchungsrichter jedoch die Tochter der Guerets ins Kreuzverhör nahm, verstrickte sie sich in plumpen Widersprüchen und zuletzt, als sie mit der Kurth konfrontiert wurde, gestand auch sie unter Thränen, daß ihre Eltern es gewesen, die sie zu der Anklage verleitet und ihr die ganze Erzählung einstudiert hatten. Gueret und seine Gattin, vor das Gericht zitiert, wollten sich um jeden Preis salvieren und beschuldigten nun ihrerseits die4 eigene Tochter und die Kurth des Verbrechens, ' die falsche Aussage gegen die Juden erdichtet zu haben. Die unnatürlichen, nur um die eigene Rettung bedachten Eltern schreckten auch davor nicht zurück, ihre Tochter zu diskreditieren, deren Lebenswandel — wie auch jenen der Kurth — in der schändlichsten Weise zu verdächtigen und zu brandmarken. Das half ihnen jedoch nicht. Es nützte ihnen auch nichts, als die wieder wankend gewordene Tochter, um ihren Eltern zu helfen, ihre früheren belastenden Geständnisse wieder zurückzog und eine Komödie vor den Richtern aufführte, als Visionärin sich gebärdete und schließlich gar den Erzengel Gabriel in die Affaire zu verwickeln suchte, indem sie hoch und heilig versicherte, der Erzengel habe sie dringend aufgefordert; die falschen Beschuldigungen gegen die Juden vorzubringen. Der Erzengel Gabriel hat, nach den vorhandenen Protokollen des Prozesses zu schließen, gegen diese arge Verdächtigung offenbar nichts geäußert, was aber sicherlich mehr damit zusammenhing, daß er weder als Zeuge vorgeladen noch etwa freiwillig als solcher erschienen war. Keineswegs wurde die Verantwortung auf den Erzengel Gabriel überwälzt. Auch weitere Aussagen ehreuhafter, unbescholtener Zeugen sprachen ebenso klar für die Unschuld der in Haft befindlichen Juden, wie für die Schuld der Guerins. Gueret und seine Gattin w u r den zum Tode verurteilt u n d starben unter dem F a 11 b e i 1. Ihre Tochter traf eine zwanzigjährige- Galeerenstrafe. Bärbehen Kurth war vor Beendigung des Prozesses gestorben. Die Zeiten haben sich doch seit 1808 geändert. Nicht etwa, daß nicht auch heute auch die wahnwitzigste Ritualmordbeschuldigung unter Umständen zu einer Anklage gegen Juden führen könnte! Es wäre lächerlich dies zu behaupten. Aber in unserer humaneren, fortgeschrittenen Zeit halten wir es für ausgeschlossen, daß die tückischesten Anstifter einer Ritualmord- Beschuldigung, das Schicksal erreichen könnte, wleches Herrn und Frau Gueret traf. In dieser Beziehung hat sich doch seit einem Jahrhundert eine wesentliche Gesinnungsänderung vollzogen. Die Guerets und ihre geistigen Nährväter und Hintermänner haben es jetzt viel besser, das muß zugegeben werden. G. E.

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