Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 10 (9.3.1923)
- Date
- 1923-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. JUDISCHE PRESSE ■ " m ^™ " / ^T TSitütablWlotiM* („JÜDISCHE KORRESPONDENZ"', —" x*> *««»*OBrla^. ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Mal8gasse 12 a. - Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Osterreich E 48.000, Ungarn K 1500, Tschechoslowakei Kc. 70--, Deutschland Mk.5000--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000*—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kc. 1*50. Zahlnngen für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: PoatsparkasBenamt Warschau, Konto Hr. 190.409; fnr Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 60.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 63.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.317; für Rumänien; Banca Harmarosch Blanc & Oo. 4 für Josef Floren« A Co., Bnkarest. Nr. 10 Wien-Bratislava, 9. März 1923 ♦a-ann tu* *ö rvraDDpnö - nn r\"vz 9. Jahrg. Grenzgebiete. <zn ms ntma*) Als der Allmächtige seinem Diener Moses die Tatsache der Erlösung verkündete, gab er auch die genaue Zeit an, um Mitternacht: als Moses diese Verkündung seinem Volke brachte, sagte er: »ungefähr, um Mitternacht". Aus dieser Unterscheidung lassen uns die Worte unserer Weisen die Erkenntnis zuströmen, daß die Wahrnehmung der schmalen Qrenzlinien, an denen gegensätzliche Erscheinungen ineinander überfließen, dem Menschen rersagt bleibt, so daß auch,die Maßbestimmungen der Ausdehnung, Entfernung und Zeit nur den Wert einer relativen Wahrheit haben, man könnte beinahe sagen einer konventionellen Wahrheit, das heißt einer Tatsache, über die man übereingekommen ist, sie für wahr zu halten. Vielleicht wäre ein Buch über die konventionelle Wahrheit interessanter, als ein solches über konventionelle Lügen. Diese Relativität oder, um es auf gut deutsch auszudrücken, Ungenauigkeit, gilt nicht nur für das Gebiet der sinnlichen Wahrnehmung, also für solche Dinge, die man zählen und messen kann, sondern auch für den Bereich der Erkenntnis. Das eben gibt unserer heiligen Lehre den Charakter eines unverdienten Geschenkes, daß sie uns den Weg zeigt, wie wir uns von allen Relativitäten, das heißt Ungenauigkeiten, des Lebens allmählich zur Wahrheit durchringen können. Dies kann ja nur dem gelingen, der bei zunehmender Erkenntnis auch in seiner Demut zunimmt und sich bewußt ist, daß der lernende und forschende Geist sich immer bewegt" auf der harten, schmalen Grenzlinie, von der es sehr leicht ist, in den Abgrund der Unwahrheit hinabzugleiten. Nur allzu leicht bemächtigt sich die Unreinheit des Hochmutes der lernenden und wissenden Seele. Aus der Stunde der politischen Freiheit ergab sich für unsere Ahnen der Weg zum Sinai; da wir dieses innere Erlebnis jedes Jahr aufs neue erfahren sollten, hat weitschauendes Gesetz und heilige Sitte uns die Vorbereitungs-Sabbate gegeben, um uns zu zeigen, daß auch der Weg von Aegypten zum Sinai ein schmaler, harter Grenzstreif war. Es lehrt uns der dritte dieser Vorbereitungs- Sabbate (Parschas Poroh), daß auch die Grenze von Reinheit und Unreinheit, das Grenzgebiet, von dem aus der Zutritt zum Heiligtum gestattet oder verwehrt wird, nur dann richtig erkannt wird, wenn man es betrachtet mit den Augen des Wortes der Ewigkeit. Dies kommt zum Ausdruck in der Vorschrift, daß dieselben Wasser der Entsühnung, die den Unreinen zur Reinheit brachten, den bisher Reinen in das Gebiet der Unreinheit stürzten. Heil dem Volke, dem der Allmächtige so klar seinen Weg gezeichnet. So, aber auch nur so werden wir, in Reinheit zur Wahrheit verbunden, stets den Weg zum Sinai finden. _ P. K. Auf zur Kenessio Gedaulo! Brüder! Zehn schicksalsschwere Jahre sind dahingegangen, seitdem in Kattowitz von den geistigen Führern des jüdischen Volkes der große Ruf zur Sammlung, der Ruf zur Wieder aufri chtung deij vom Thorageist belebten jüdischen Einheit an die Zerstreuten in allen Ländern der Diaspora erscholl. Nun endlich, nach zehn Jahren der Läuterung, soll aus den Zellen und Zellverbänden, aus Orts¬ und Jugendgruppen der lebendige Organismus der Agudas Jisroel erstehen. Die Kenessio Gedaulo ist einberufen! . Am Eiul-N'öftm>(fri'd;',,in,%elTiTageii^om 4. bis- 11. Elul (16. bis 23. August), sollen sich in Wien die von dem Vertrauen der Gesamtheit getragenen Delegierten der Ortsgruppen zur Hauptversammlung zusammenfinden, um unter Führung unserer Großen, der Fürsten des Thorageistes in Israel, zu vollenden, was in Homburg und Kattowitz begonnen ward. Die Verfassung der Agudas Jisroel, die bisher provisorischen Charakter trug, soll in rechtsgültiger Form beschlossen, ihre oberste Leitung endgültig gewählt werden. Brüder! Bedenket die Größe des Augenblicks! Zum ersten Male in der jüdischen Geschichte, zum ersten Male, seitdem das jüdische Volk in alle Weltteile zersprengt ward, werden sich seine Söhne zusammenfinden, um der thoratreuen Judenheit die Tribüne eines einheitlichen Willensausdruckes zu schafien, um gemeinsame Arbeit für G-tt und sein Gesetz, für die Thora und das Volk der Thora zu leisten. Sorget, daß alles, was wir an .geistigen, sittlichen, wirtschaftlichen Werten unser Eigen nennen, in diesem Parlament der thoratreuen Judenheit in gesammelter Kraft zum Ausdruck gelange. Sendet die besten Männer, Männqr, die das geistige Erbe der Vergangenheit in sich tragen, Männer, die mit jüdischem Auge das Leben erkennen und seine Not, und die gewillt und befähigt sind, schöpferische Arbeit fürsLeben zu leisten. Nutzet die kurzen Wochen, die zur Hauptversammlung führen! Tretet in den Ortsgruppen Woche für Woche zur Vorberatung der Gesamtanliegen zusammen, belebet den Geist zur Zusammengehörigkeit, der gegenseitigen Verantwortung, der Opfer fr eude! Spornet jeden Einzelnen zur Werbearbeit an und rufet die noch Abseitsstehenden, die Gleichgültigen und Kleinmütigen zu den Fahnen. Unter Schofarklängen wird die Kenessio Gedaulo zusammentreten! In eurer Hand, an eurem unbesiegbarem Wollen liegt es, daß diese Klänge sich als Nachhajl des Sihai-Schbfars bewähren, daß schon die' 'erste Kenessio Gedaulo der Agudas Jisroel die Wiedergeburt der jüdischen Gesamtheit aus dem Geiste der Thora sichert. Wien, Adar, 5683. . Geschäftsführender Ausschuß und Exekutivbureau der Agudas Jisroel: Rabbiner S. Fürst (Adas Jisroel). Rabbiner Josef Baumgarten (Wien), Rechtsanwalt Dr. Breuer, Dr. Salomon Ehrmann, Heinrich Eise- Wie die Anstifter einer Bitualmordaffäre einmal von dem Schicksale — Hamans getroffen wurden. (Schluß.) Bärbchen Kurth aber, die Näherin, gab noch andere schaudererregende ergänzende Details zu Protokoll: Sie habe an dem bewußten Abend noch gegen 7 Uhr im Zimmer des Philipps gearbeitet, als dieser, gefolgt von einem jungen und einem älteren Manne, die ihr beide unbekannt waren, ins Haus trat. In der Küchentüre habe sie dreimal den verzweifelten Angstschrei „0 Gott" ausstoßen gehört, worauf der junge Mann in den Keller geschleppt worden sei. Nach einer halben Stunde etwa sei sie in die Küche gegangen, um sich die Hände zu waschen und habe durch die Kellertüre eine Leiche mit einer Schnittwunde am Halse am Boden liegen gesehen, neben welcher Philipps mit brennender Lampe stand. Zitternd sei sie ins Zimmer zurückgekehrt, habe aber den Abend nichts von dem ihr gereichten Essen genießen können. Bevor sie das Haus verließ, habe ihr Philipps mit dem Tode gedroht, wenn sie irgend etwas gegen ihn aussagen würde, worauf sie die Versicherung gegeben, daß sie nichts gesehen noch gehört habe, mithin auch nichts gegen ihn aussagen könnte. (Letztere Versicherung entsprach, das muß man gestehen, zum Teile der Wahrheit, Bärbchen Kurth hatte in der Tat von all dem nichts gesehen und nichts gehört. Aber ausgesagt hat sie allerdings, daß sie Fürchterliches gesehen und gehört habe.) Philipps habe am nächsten Tage 'auch die Tochter der Guerets ausgeholt, ob sie nicht am vorhergehenden Abend etwas Auffallendes wahrgenommen habe, was das gute Mädchen gleichfalls verneinte; sie behielt das alles diskret bei sich — bis zur Aussage vor dem Gericht. Diese Erzählungen der beiden Mädchen, die den von den Eheleuten Philipps gemeinsam mit einem unbekannten dritten Teilnehmer vollbrachten Mord in einer Weise darstellten, wie wenn es sich um die Äbschlachtung eines Kalbes gehandelt hätte, erzielten einen glänzenden Erfolg. Die Herren vom Gericht, die die Aussagen der jungen Mädchen aufnahmen, stutzten nicht einmal darüber,- daß die Mordgesellschaft so ungeniert, sozusagen ganz sorglos, fast unter den Augen christlicher Zeugen ihr Werk vollbracht hatten. Wer wird auch die Vollziehung eines so frommen, von Religionswegen gebotenen Werkes auch nur an die geringsten Vorsichtsmaßregeln, wie zum Beispiel die Entfernung überflüssiger junger, christlicher Mädchen denken! Noch schön von der Familie Philipps, daß sie die Mädchen nicht direkt eingeladen hatten, der hübschen Zeremonie beizuwohnen ... Es war also nur in der Ordnung, daß die hohe Behörde der Familie Philipps gegenüber, die selbst so wenig um ihre eigene Sicherheit bedacht gewesen, auch keine besondere Rücksichten nahm. Nicht diejenigen, die das Gericht mit einer so dummdreist erfundenen Lügenmähr behelligten, wurden verhaftet, wohl aber zunächst der beschuldigte Metzger Philipps. Als' er am Abend in das Gasthaus trat, in das er gewöhnlich sein Glas Bier zu trinken kam, wurde er angehalten und in „strenges Verwahrsam" gebracht. Es wurde natürlich auch sofort eine genaue Untersuchung der Wohnung der jüdischen Familie angeordnet, die aber nichts Gravierendes ergab.' Im Keller jedoch fand man ein Büschel Haare und einen mit Blut befleckten Lappen. Hierauf wurden auch die Gattin des Metzgers und dessen drei Töchter verhaftet und die Untersuchung gegen sämtliche Beschuldigten eingeleitet. Philipps und die Seinigen wurden in Köln nur ein einziges Mal verhört, doch aus allem ergibt sich, d a ß die Leiter des Prozessesi h n, befangen v on d e n g e g e n d i e J u d e n h e r r s c h e n d e n Vorurteile n, d. h. i m gute n G1a u b e n an den Ritualraor d f ü h r t e n. Es müssen wohl seitens der Juden und erleuchteter Gönner derselben große Anstrengungen gemacht worden sein, den Prozeß vor ein anderes Forum zu bringen; er wurde an den Obergerichtshof in Aachen verwiesen. Es scheint, daß hier eine vorurteilslosere Haltung gegen jüdische Angeklagte zur Geltung kam. Die Nachforschungen der Behörden nach dem Opfer des angeblich verübten Verbrechens hatten kein belastendes Ergebnis gebracht. Es wurde ferner festgestellt, (laß das vorgefundene Büschel Haare Frauenhaare enthielt. Die eidlich vernommenen christlichen Nachbarn Philipps sagten einstimmig Engros und Erzeugung i I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelsciimarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkaufs - Niederlage: lM Graben 28 Filiale: Kohlst»e*cl, Alte Wiese. Schiff' Pelzwarenhaus