Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 9 (2.3.1923)
- Date
- 1923-03-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 JÜDISCHE PRESSE Nr. 9 stein aus Weitzen. Die Mehrheit unserer Balebatim fuhr dem ehrwürdigen Gast bis zur Grenzstation Subotica entgegen, während die Daheimgebliebenen ihm auf dem Bahnhof einen begeisterten Empfang bereiteten. Am Schabboth hielt der Gaon im Bess Hachnesseth eine ausgezeichnete inhaltsreiche Droschoh. Die Zeit seines hiesigen Aufenthaltes benutzte er, um scwebende Fragen und Differenzen in den K'hiloth Jugoslawiens zu bereinigen. Da sein Aufenthalt nur zwölf Tage währte, mußte er fast täglich bis 2 Uhr nachts konferieren. Ewig werden uns die Eindrücke der Tätigkeit des Weitzner Gaon im Gedächtnis bleiben. Möge es ihm noch lange Jahre vergönnt sein letowas Haklal und lechwod Hathora tätig zu sein. Aüch knüpfen wir große Hoffnungen an das Wirken des neuen Rabbiners Sr. Ehrwürden Herrn Moses »Deutsch, Sohn des alten Bonhader Gaons, der früher in Komarno in der Slowakei gewohnt hat und am 21. Februar seine Stelle in der orthodoxen Gemeinde in Subotica angetreten hat. Der junge Rabbiner, der die Kämpfe der Orthodoxie in der Slowakei mitgemacht hat und auch die Bestrebungen der Agudas Jisroel kräftigst gefördert hat, wird nicht nur seine neue Gemeinde auf den alten bewährten Faden der Orthodoxie aufwärts führen, sondern auf die Entwicklung der Orthodoxie in unserem Lande kräftigst einwirken. S. F. * Als Ergänzung zu den Ausführungen unseres Mitarbeiters aus Jugoslawien bringen wir auszugsweise den dieswöchentlichen Leitartikel des zionistischen „Jüdischen Volksblattes"' in Novisad, „der Gemeindebund und die orthodoxen Gemeinden" betitelt, der Leitartikler, der den Pseudonim Marthef führt, zeigt ein in zionistischen Kreisen seltenes Verständnis für die Bestrebungen der Orthodoxie. Das wesentliche in dem Aufgabenkreis des Gemeindebundes besteht in der Erhaltung der jüdischen Religion. Die gegenwärtige Zusammensetzung des Hauptausschusses „Glavni Odbor" kann ein harmonisches und erfolgreiches , Wirken nicht verbürgen. Dieses gilt besonders mit Bezug auf die orthodoxen Gemeinden, bei denen nur religiöse Prinzipien maßgebend sind und angestrebt werden. Gegen eine gerechte Verteilung der Mandate kann in diesem Falle der Umstand nicht als Grund gelten, daß die orthodoxen Gemeinden hierzulande nur eine kleine Minorität bilden. Denn tatsächlich bilden sie in religiöser Beziehung qualitativ den bedeutendsten Teil unserer Judenheit. Und wir Juden, die wir infolge des Galuthschicksals viele jüdische Geisteswerte leider verloren haben, haben die moralische Pflicht im Kampfe um unsere Erhaltung auf solch ©Momente, besonderes G e w i c h t z u 1 e g e n. Dr. Klein, der berühmte Präsident der Suboticaer Kultusgemeinde sagte einst die klugen Worte: in Glaubensdingen sollten in ertser Reihe diejenigen das entscheidende Wort haben, die wirklich Glauben und die Satzungen der Religion betätigen. Was den Entwurf des Gemeindestatuts betrifft, fehlt in ihm der Sinn jüdische Tradition schützen zu wollen. Mit juristischer Arbeit allein ist es da nicht getan. Dieser Entwurf bedarf einer gründlichen Revision durch Zuhilfenahme verständiger, orthoxer Gemeindevertreter. Man denkt nicht an die historische Tatsache, die so viel Liebe und Weh enthält, daß mit dem jüdischen Volke auch die jüdische Lehre in Galuth zog und ihren einzigen Zufluchtsort fand sie nur in den J e s c h i b o t h . . . Ohne diese Jeschiboth wäre heute keine Thora und kein jüdisches Volk ... Wir denken auch, daß über die Frage der Neugründung^von Gemeinden in einem Orte, wo schon eine Gemeinde besteht, ohne berechtigte Gründe allgemein zu engherzig geurteilt wird. Wenn die Neugründung einer Gemeinde aus prinzipielle» — oder richtiger gesagt — aus religiösen Gründen angestrebt wird, so ist nicht einzusehen, warum man da Hindernisse in den Weg legen sollte. Wenn also nur ein M i n j a n ehrlicher, opferfähiger Menschen zwecks Erhaltung ihrer religiösen Tradition, zwecks Betätigung ihrer religiösen Ueberzeugung eine neue Gemeinde gründen will, so ist weder ein moralischer, noch ein rechtlicher Grund vorhanden, daß man diesem Minjan in Form einer Gemeinde nicht volle Selbstständigkeit gewähren sollte. Wir verstehen natürlich dieses unter der Voraussetzung des Bestehenden, daß alle Gemeinden im Lande dem Gemeindebund angehören müssen, der seienrseits wieder allen Gemeinden gleiche Liebe und gleiches Verständnis entgegenzubringen hat. In diesem Falle wird es gewiß keiner orthodoxen Gemeinde in den Sinn kommen aus dem Gemeindebunde austreten zu wollen. Wenn wir von Beispielen reden, so liegt es auf der Hand, daß die Teilung der Judenheit in Ungarn durch die neologen Kreise verursacht wurde. Allein, diese Tatsache beweist schon, daß die Teilung dem Judentume nicht den Schaden gbracht hat, der allgemein betont wird. Im Gegenteil, wir können es heute für bestimmt annehmen, daß ohne die orthodoxe Bewegung die ganze ungarländische Judenheit infolge der neologen Strömung dem Sumpfe der Assimilation verfallen wäre. Und auch für Jugoslawien, wo schon der Zionismus viele jüdische Herzen gereinigt hat, behaupten wir, daß mit jeder — noch so kleinen — orthodoxen Gemeinde wir eine Festung besitzen, in der jüdische Werte, jüdische Sitte und Tradition, unberührt von dem Weltgetriebe, der von vorübergehenden Interessen durchsetzt ist, treu bewahrt werden. Da bestehen noch jüdische Gemeinschaften, in denen jedes jüdische Wort, jedes jüdische Gefühl teuer ist und mit dem Leben sich verbindet. Die zweite Lande^versammlnng der Agudas Jisroel in Ostgalizien, (Nach dem hebräischen Protokoll.) Lemberg, 2. und 3. Adar 5683. Anwesend 145 Delegierte; 27 aus Lemberg, 118 aus der Provinz, darunter 64 Jugendgruppier und eine größere Anzahl Rabbiner. Die Eröffnungssitzung war öffentlich und der große Saal des „Narodni Dum" war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das zahlreiche Publikum begrüßte die Delegierten mit besonderer Freude. Unter lautlosem Stillschweigen eröffnete der Obmann der Lemberger Aguda Herr Josef Schön bi u m die Versammlung. Er begrüßte die Anwesenden und warf einön Rückblick auf die vergangenen drei Jahre seit der Wiederaufrichtung der ostgalizischen Aguda, auf ihre Tätigkeit nach dem furchtbaren Weltkriege und dem darauf folgenden lokalen Kriege. Er gedachte auch der segensreichen Tätigkeit der galizischen Aguda, welche selbe in Wien während der Kriegsjahre zum Wohle der dort anwesenden galizischen Flüchtlinge entfaltet hat. Nach der Begrüßung der Delegierten und der illustren Festgäste forderte er auf, ein Präsidium für die Versammlung zu wählen. Gewählt wurden die ehrwürdigen Rabbiner von Sambor und Sanok, unser alter Führer Pappenheim aus Wien, die Herren L. Wahl und Josef Schönblum (Lemberg), Lippmann Heller (Kolomea) und Herr Jizchok Bergmann (Stanislau), letzterer von den Jugendgruppen. Rabbiner Lewin (Sambor) übernimmt den Vorsitz und begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten, die lebhaften Beifall auslösen. Nach ihm ergreift Herr Rabbiner Schapira (Sanok) das Wort zu einer zündenden Ansprache. Er gedenkt des dahingeschiedenen Gründers der Aguda in Galizien Rabbi Schmelke Rokach, der den Vorsitz in der ersten Landesversammlung im Jahre 5674 geführt hat. Die Versammlung ehrt durch Erhebung von den Sitzen das Andenken des verdienstvollen Verstorbenen. Nach ihm begrüßte Herr Rabbiner Fränkl (Jaworow) in einer wohldurchdachten, mit Thoraworten reich gewürzten Rede die Versammlung und referierte über die Breslauer Tagung, wo er die Ueberzeugung gewonnen hat, daß*alle Vertreter der Aguda aus West und Ost, alle nur von dem reinsten Leschem Schomajim beseelt sind und alle eine Aguda bilden, um den Willen G-ttes aus-:, reinstem Herzen zu erfüllen. Hierauf überbrachte unser alter Führer Wolf Pappenheim (Wien) die Grüße des geschäftsführenden Ausschusses, in dessen Namen die heißesten Wünsche für eine gedeihliche Beratimg der Versammlung ausdrückte. Im Namen der Jugendgruppen begrüßte Herr Schlome Schickler die Versammlung. Der Vorsitzende teilt mit, daß der Rabbiner Braudel' (Lemberg), bettlägerig, zu seinem Bedauern die Versammlung nicht begrüßen kann. Er drückt den Wunsch aus, daß der gefeierte Gaon baldigst Gesundung finde, welchem Wunsch sich die Versammlung mit einem lauten Omen anschließt. Nach der Mincha-Pause begrüßt Herr Rabbiner Z i f f die Versammlung im Namen des Rabbinates. Seine Worte wurden mit großem Beifall aufgenommen. Darauf hält Herr Rabbiner Moische Lau von Suezava eine ausgezeichnete Rede, die großen Beifall fand. Nun sollte die öffentliche Sitzung geschlossen werden, um der intensiven Arbeit Raum zu geben, auf Verlangen des Publikums, das von dem. Gesehenen und Gehörten geradezu entzückt war, wurden noch die Referate von Rabbiner Lewin (Sambor) über Politik, und vom Rabbiner Schapira (Sanok) vor der Oeffent- Jichkeit abgehalten. Um 9 Uhr waren die Referate beendet und nach einer einstündigen Pause wurde die zweite Sitzung eröffnet. Unterdessen waren noch auswärtige Delegierte und Rabbiner angelangt und die Nachtsitzung begann um 20 Uhr. Um die durch die Oeffentlichkeit der Sitzung versäumte Zeit einzubringen, dauerte die Nachtberatung bis 4 Uhr morgens. Es wurde beschlossen, die Wahl eines neuen Vorstandes auf 4 Monate zu vertagen und in der Zwischenzeit die Organisation tunlich auszubauen. Die Montag- Sitzung wurde mit der Verlesung der eingelaufenen Telegramme und Begrüßungsschreiben eröffnet. Hierauf hielt Herr Pappen heim aus Wien ein Referat über den Aufbau von Erez Jisroel. Herr Pappenheim beschränkte sich in seinem Referat auf praktische Vorschläge, eiferte an, für den wirtschaftlichen Aufbau die größten Opfer zu bringen, dabei aber nicht zu vergessen, daß der geistige Aufbau die Förderungen von Thorainstitutionen in Erez Jisroel immer das Fundament unserer Erez Jisroel-Tätigkeit zu bilden hat. Hierauf nahm Dr. Feßler das Wort zu längeren Ausführungen über die in Erez Jisroel von anderer Seite geschehenen Fehler. Rabbiner Fränkl (Jaworow) sprach über die Wichtigkeit der Kenessio Gedaulo und des rabbinischen Rates. Nach ihm behandelte Rabbiner Joles (Stryj) die Frage der Jugendgruppen. Nachstehende Resolutionen wurden angenommen: , 1. Zu dem politischen Referate des Herrn Rabbiner Lewin (Sambor). Die zweite L a n d e s v.e r s a m m I u n g der ostgalizischen Aguda spricht nach Anhörung des politischen Referates des Ehrwürdigen Rabbiner von Sambor ihr festes Vertrauen aus zu dem Seyraklub der orthodoxen Mandatare in Polen, und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß es dem Klub gelingen wird, die Ehre des jüdischen Volkes zu heben und für dessen Bedürfnisse mit aller Kraft zu sorgen, ganz speziell aber für die orthodoxe Judenschaft und deren religiöse Forderungen. Nach Anhörung der Ausführungen des Herrn Rabbiner von Sanok über die Chinuch- Frage beschließt die Versammlung, 2. in Ostgalizien einen Jabne-Fonds zur Erhaltung der Talmud Thoras und Jeschiwaus, durch ständige Sammlungen bei Familienfesten, in den Bethäusern zu allen Festzeiten, speziell bei dem bevorstehenden Purim zu gründen. , Jedes Mitglied der Aguda soll verpflichtet sein, zu diesem Fonds beizutragen, zumindest eine Silber- Krone oder deren Wert. Diese Krone soll den Namen PDin (Krone der Thora) führen. 3. Es ist Sorge zu tragen für die Erhaltung, Entwicklung und Verbreitung der Abend- und Schabbos-Schiurim, die allseits bei der Aguda eingeführt sind. 4. Um die Jugendgruppen aufs engste zusammenzuschließen wird beschlossen, daß alle Mitglieder derselben an einem bestimmten Tage, und zwar den Tag nach Pessach — Issruchag — sämtliche Jugendgrappen anfangen Schass zu lernen, und zwar jeden Tag ein Blatt. Dies soll mit einer solchen Regelmäßigkeit geschehen, daß die*1 Tage des jüdischen Kalenderjahres außer ihrer kalendarischen Bezeichnung auch noch in der ganzen Aguda die Bezeichnung des Blattes, das an diesem Tage geleihnt wird, tragen. Beispielsweise der erste Tag Rauschchodesch Ijar wird die Bezeichnung tragen Berocchaus Daf dies. 5. Die Versammlung protestiert gegen die Bestrebungen, das altüberlieferte Cheder mit neueren Methoden zu vertuschen. Speziell protestiert gegen die „Metat", die Thorainstitutionen einrichtet ohne Anleitung und Leitung rabbinischer Autoritäten. Erez Jisroel. Die Versammlung nimmt Kennntnis von den Ausführungen des Herrn Pappenheim und erklärt es für eine heilige Pflicht, hier im Lande eine Filiale der Erez Jisroel- Zentrale der Aguda zu errichten, um die ganze Arbeit zum Besten von Erez Jisroel, sei es. die tätige Arbeit für den Wiederaufbau als auch die Abteilung Bajis Venachalo und Kerem Hajischuw, besonders aber die Kräftigung und Stärkung der Thauro-Institutionen in Angriff zu nehmen. Die ausgiebige Unterstützung der Orthodoxie unter Leitung der bewährten Gaonim Diskin und Sonnenfeld. Ebenso begrüßt sie den Breslauer Beschluß auf sofortige Gründung einer Kolonisationsbank für Erez Jisroel. C h i s u k H a d a s. Die Versammlung verpflichtet die -Zentralleitung Sorge zu tragen, daß besonders in den kleinen Gemeinden, die im Kriege zerstörten Mikwoaus wieder aufzubauen und hat sich zu diesem Zwecke mit Warschau ins Einvernehmen zu setzen. J u g e n d. Weiters beschließt die Versammlung, den Jugendgrappen das Recht zu geben, ein Jugendamt nach dem Muster des in Warschau bestehenden Jugendamtes zu gründen und gewährt den Jugendgruppen von den Mitgliedsbeiträgen der Aguda 25 Prozent. Der glänzende Verlauf der Versammlung, der hohe Ernst der Beratungen, fanden ihr Echo in einer namenlosen Begeisterung und man trennte sich unter den Klängen begeisterter Semiraus mit der festen Absicht, mit allen Kräften für die Organisation und die Stärkung der Aguda zu arbeiten. In keinem judisüienHause fehle die, Judisdie Presse44 An unsere geehrten Leser! Die Orthodoxie muß ein Organ haben. Wer Interesse lür die Orthodoxie hat muß das Organ fordern. Die Erhältung der .Jüdischen Presse" erlordert große Summen. fördert das Blatt ausgiebigst durch Abonnements. Inserate. Beiträge Sur den Preßfonds. Machet In freundeshreisen Propaganda. Wien, Adar 5683. „Jüdische Presse" Ii., Malzgasse 12 a.