Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 9 (2.3.1923)
- Date
- 1923-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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iNr. 9 -• JÜDISCHE PRESSE Seite 51 Abwehr. Die intensive Aufmerksamkeit, welche die jüdischnationalen Kultusräte den orthodoxen Kollegen schenken^ wäre rührend, wenn dabei nicht immer die Galle über diese unbotmäßigen Menschen zum Ausdruck käme, die immer und überall den Zionismus respektive, dessen Führer als unjüdisch bekämpfen, und zwaf mit Erfolg. Im Kultusvorstande wurde für das Primariat des Spitals eine, wie versichert wurde, eistklassige Kraft vorgeschlagen. Der Mann lebt in Mischehe. Für die Orthodoxen ein zwingender Grund, jede Behandlung dieser Kandidatur als unmöglich zu erklären. Die Kultusgemeinde muß Rücksichten beobachten. Für die Nationalen gilt dieser Grund nicht. Was Nordau und Zangwill nicht schadete, um Führer und Vertreter des Gesamtjudentums (so nennen sich ja die Nationalen gerne), also auch des orthodoxen, zu sein, kann kein Fehler sein, dort, wo es sich fast nur um wissenschaftliche Qualifikation handelt. — Bei der Abstimmung haben die Orthodoxen den Saal verlassen, weil die Abstimmung ein unjüdischer Akt war. Daß die Orthodoxen die Wahl durch ihren Exodus ermöglicht haben, ist eine Verleumdung, da G. unbedingt gewählt worden wäre. Welche Motive die Herren Nationalen gegen den von ihnen als erstklassig bezeichneten Kandidaten hatten, ist nicht ganz klar, die angegebenen Gründe sind bestimmt nicht ausreichend. Was die Wahlreform anlangt, haben die Herren Nationale^ einen widersinnigen Antrag gestellt, um sagen zu können, man (d. h. die Majorität und das rote Tuch, die Orthodoxie) habe wieder emmal die Wahlreform sabotiert. Für einen Unsinn kann man nicht stimmen. Die Herren Nationalen wissen übrigens gar nicht, wie die Orthodoxie über die Wahlrelorm denkt. Ein maßgebendes Mitglied derselben hat schon vor geraumer Zeit den Nationalen erklärt, für das allgemeine Wahlrecht (mit Ausschluß des Frauenwahlrechtes) zu sein, wenn genügend Kautelen (Alter, Seßhaftigkeit usw.) geschaffen werden, daß nicht unreife Menschen, die für die Kultusgemeinde gar kein Interesse haben, über deren Schicksal mitzuentscheiden haben. Nachdem die Orthodoxie keine Politik treibt, nicht mit Schlagworten arbeitet, findet sie nicht, daß die Wahlreform so dringend sei. Selbe ist zu erledigen, weil eben alles einmal erledigt werden muß. Daß die Verzögerung bisnun nicht geschadet hat, im Gegenteil den Herren Nationalen stets willkommenen Anlaß zu Beschwerden und Anklagen gegeben hat, ist evident, da ja doch die Anwendung des neuen Wahlstatuts nicht aktuell ist. Die systematischen Angriffe gegen Aguda und deren Führer in der nationalen Presse, haben sich in Polen, wo für Verleumdungen ein besserer Nährboden ist, dazu verdichtet, das von der Aguda eingeleitete, wunderbar durchgeführte Hilfswerk für russische Hungernde zu denunzieren, es sei dort gestohlen worden. Eine gründliche Prüfung durch unparteiische Kaufleute ersten Ranges Purimbrief unseres Ch.(arbona)- Korrespondenten. Schuschan, Zentral-Persien, t. Adar 5683. Geehrte Redaktion! Durch die Wirren der jüngsten Zeit sind wir ja leider etwas auseinandergeraten und so muß ich befürchten, i&ß die nachstehenden Zeilen, die ich Ihnen aus der berühmten Stadt sende, die vor ungefähr 2 X> Jahrtausenden der Schauplatz von den großen Kämpfen zwischen Mordechai Hajehudi und HamanHaraschah war, Ihnen etwas überholt oder veraltet erscheinen werden. Leider bin ich selber ohne authentische Nachrichten über Stimmung und Geschehnisse in den europäischen Ländern, so daß ich es für nützlich erachte, vor allem Ihnen ein Bild zu geben, wie hier die Nachrichten aus Europa ankommen und sich auswirken. Falls Sie, sein* geehrter Herr Redakteur, das Bild für richtig halten, sende ich Ihnen dann meine Situationsberichte aus Zentral-Persien. Einleitend muß ich Ihnen bemerken, daß im allgemeinen hier die Ansicht vorherrscht, daß in Europa die Völker noch immer von der Einsicht beherrscht sind, die sie einst hier vor den Purimtagen erfüllt hat. Viele bekennen sich zum Judentum oder trachten mindestens die Judenheit zu fördern. So erfahre ich aus Deutschösterreich, daß in den jüngsten Monaten überall deutschnationale Kundgebungen stattgefunden haben, die, von der Erkenntnis getragen, daß das deutsche Volk jetzt überall so verachtet, angefeindet und zur Sklavenarbeit verhalten wird, wie das seit Jahrtausenden leidende jüdische Volk, demselben ihre Sympathie versicherten und besonders den seit Kriegszeiten in großem Elend lebenden galizischen Flüchtlingen ihr Mitgefühl ausgesprochen haben. Besonders imposant und ergreifend war die Vollversammlung der deutschvölkischen akademischen Studentensehaft in der Aula der Universität, die sich förmlich zu einer großen projüdischen Kundgebung entfaltete. Dom Rektorate wurde eine Resolution vorgelegt, in der die sofortige Einführung des Numerus Kiausus für Antisemiten und, wenn schon die Würde des Rektorats jüdischen Professoren im Nichtbefolgen des Beispieles von der deutschen Universität in Prag verwehrt bleiben muß, so mindestens die Errichtung einer Lehrkanzel für jüdische Sprache und Geschichte fordern. Ks erfüllt die deutsch-völkische akademische Jugend mit Genugtuung, daß der derzeitige Rektor von derselben Ueberzeugung getragen, mit den Wünschen der deutschvölkischen akademischen Jugend sympathisiert. hat wohl ergeben*» daß die Gebarung der eingelaufenen Gelder absolut einwandfrei sei. Aber der Zweck war erfüllt, daß in den Wochen, welche die Untersuchung dauerte, das Hilfswerk gestört worden war. Die Welt glaubte doch den Kläffern, daß vielleicht doch etwas nicht ganz klar sei. Und es war gelungen, die besteingeführte Wohlfahrtsaktion, die in Europa überhaupt in der Jetztzeit vorgenommen wurde (Zeugnis des Doktor Bogen, eines gewiß der Aguda nicht allzusympatisch gegenüberstehenden Mannes) zu stören und so verhütet, daß der Geldstrom des jüdischen guten Herzens sich an die Kassa der Aguda ergieße mit Umgehung der nationalen Kassa, die dadurch die Gelegenheit versäumte, einigen Gesinnungsgenossen zu einem ehrenvollen, aber lukrativen Erwerb zu verhelfen. In Wien liegen die Dinge anders. Hier ist notorisch, daß sämtliche Wohlfahrtsaktionen der Agudas Jisroel und der Adas Jisroel, mit dem denkbar geringsten Kostenaufwand geführt werden, daß die an der Spitze stehenden Persönlichkeiten, nicht nur in selbstloser Weise, sondern mit eigenen persönlichen Opfern ohne Grenzen mitarbeiten. Da muß ein anderes Schlagwort herhalten: , Gebet derAguda kein Geld, sie verfügt über ungezählte Millionen." Dieses Schlagwort hat schon bei den verschiedensten wirklich großzügigen Wohltätern seine Wirkung getan, da' den betreffenden Kreisen wiederholt gesagt wurde, was übrigens die Nationalen, bei jedem Anlaß und ohne jeden Anlaß wiederholen, ja sogar auch hinausschreiben: „Ja, ihr habt ja so viel, euch gebührt nichts." Es ist wahr, daß der Aguda- und Adas Jisroel-Kreis über unverhältnismäßig große Mittel verfügt, weil der relativ noch kleine Kreis derselben ein vielfaches dessen aufbringt, was die gleiche Zahl gleich gut situierter Leute aus anderen Lagern leisten. Daß aber dieser relativ nicht allzugroße Kreis absolut nicht in der Lage ist, trotzdem jedes seiner Mitglieder Summen aufwendet, die Nichtorthodoxen fabelhaft erscheinen, all die Institutionen, die er errichtet hat und noch errichtet, subventioniert und erhalten hilft, allein so zu erhalten, ist klar. So sind zum Beispiel viele Kinder, die in christlicher Pflege waren, dem Judentum gerettet worden, die Waisen werden so gepflegt, daß sie eine geistige und körperliche Unterlage fürs Leben nahen, Waisenkinder werden von « bis 18 Jahren betreut, wie dies durch die jetzt in Errichtung begriffenen Lehrwerkstätten der Fall aist. Da muß sich jederman sagen, und wenn die *Aguda noch über die zehnfachen Fonds verfügen würde, müßte man sie aus allen Kräften fördern, weil sie dann zehnmal so viel leisten wird. Daß diese Behauptung, difs Aguda habe zu viel Geld, bei all jenen Fonds, bei denen Zionistenführer ein mehr oder minder wichtiges Wort dreinzureden haben, voll und ganz zur Auswirkung kommt, ist notorisch.JDaß die so junge Organisation der Agudas Jisroel, selbe hat eigentlich erst im Jahre 1919 einsetzen können, sich noch nicht bei der ganzen Welt genügend eingeführt hat, um so gehört zu werden, wie die viel lauteren Nationalen, ist für die von der Aguda Betreuten ein Unglück, das aber allem Unverständlich ist mir, geehrte Ildeaktion, die Meldung, daß in den österreichischen Volkszahlungsbogen eine Rubrik betreffend den jährlichen Verbrauch an Gummiknütteln, Hakenkreuzen und Stinkbomben angeführt ist. Sind diese Artikel bei Ihnen jetzt Mode? Hier kennt sie niemand. Hingegen freut es mich außerordentlich, zu erfahren, daß die jüdischcnationalen Mandatare im Wiener Gemeinderat sich einmütig gegen die Feuerbestattung ausegsprochen haben. Hier in Persien haben die Juden viel von den feueranbetenden Persern und Chabaren zu leiden gehabt. Die haben die jüdischen Leichen aus der Erde hervorgescharrt und sie verbrannt, denn der Jude muß verbrant werden, selbst wenn er schon gestorben ist. Diese historischen Reminiszenzen machen nun die Feuerbestattung in jüdischen Kreisen, abgesehen von den religiösen Vorschriften, sehr verhaßt. Also hat uns die jüdischnationale Stellungnahme sehr befriedigt; unverständlich blieb mir nur, warum der Jüdischnationale Sprecher bei gleicher Gelegenheit für die Luftbestattung der Leichen eingetreten ist. Diese Art Bestattung soll er besonders den Juden, die ja bekanntlich als Luftmenschen existieren, wärmstens empfohlen haben. In seiner stimmungsvollen Rede führte der Gemeinderat nebst historischen auch kulturelle Momente an. Der menschliche Fortschritt eroberte die Luft und wir Jüdischnationale hören weder auf Rabbiner noch auf Religion, für uns ist alles: der Fortschritt. In seinem Enthusiasmus erklärte sich der angoführto Gemeinderat bereit für die Luftschiffe, welche die Bestattung besorgen, wenn nötig allein, die Windbeutel zu liefern. Wie ich bereits oben bemerkt habe, ist mir der zweite Teil der jüdischnationalen Stellungnahme unverständlich. Als hier in Schuschan einst die Situation gefährlich wurde, da kehrten die Juden zur Religion ihrer Väter zurück, die sie in „guten" Zeiten vernachlässigt haben. Bei Ihnen scheint es jetzt sehr gut zu gehen ... Jüdische Zeitglossen. Es gibt auch viele Gläubige, die nicht wissen wo G-tt wohnt. Mancher Glaubenswechsel erfolgt aus Ueberzeugung — der materiellen Vorteile. Manche Predigt macht einen langen Eindruck. Die Liebe sei unser Kapital, nicht das Kapital unsere Liebe. Die bei Lebzeiten sagen, nach mir die Sintflut, enden schließlich im Krematorium. Anschein nach von Tag zu Tag besser wird. Die Organisation der Aguda entwickelt sich in einer viel versprechenden Weise. Dem Gemeinsinn der Orthodoxie erschließt sich endlich auch die Notwendigkeit einer Organisation, die sich bis nun überall auf lokale Gebiete beschränkt hat und es wird bald in den orthodoxen Kreisen der ganzen Welt der Anschluß an die Aguda vollzogen sein. _ W. Die Lage der Orthodoxie in Jugoslawien. Durch den territorialen Zerfall Ungarns ist auch das feste orthodoxe Gefüge, welches in der Budapester Zentralkanzlei einen Mittelpunkt hatte, in die Brüche gegangen. Die K'hiloth der Slowakei waren die ersten, welche eine stramme Organisation schufen und es ist bekannt, welch wohltuenden Einfluß nicht nur auf die Slowakei, sondern auch auf das allweltliche, traditionell jüdische Leben, die Meinungsimd Willensäußerungen der geeinten slowakischen Orthodoxie ausüben. Auch in Rumänien gelang es in einer orthodoxen Landeskanzlei die thoratreuen Gemeinden und Juden zusammenzufassen. Anders lag die Situation in Jugoslawien. Die orthodoxen Gemeinden sind klein an der Zahl und obendrein zerstreut in verschiedenen Gegenden. Einige sind in Kroatien, in Zagreb, wo eine kleinere Gruppe von orthodoxen Juden für die Selbständigkeit des Thorawülens kämpft. Die anderen, deren Zahl 10 nicht übersteigt, zerstreut ohne geographischen oder geistigen Mittelpunkt. Was das kleine Burgenland, dessen orthodoxe Gemeinden zahlenmäßig den unsrigen zurückstehen, durch den örtlichen Zusammenhang der Gemeinden erreichen konnte, nämlich die Gründung eines orthodoxen Verbandes zur offiziellen Vertretung der Gemeinden, blieb uns bis zum heutigen Tage verwehrt. In Jugoslawien waren alle diesbezüglichen Versuche bisher erfolglos. Daher ist es mit besonderer Freude zu begrüßen, wenn nunmehr endlich die wichtigsten Vorarbeiten soweit gediehen sind, daß mit einem erfreulichen Aufschwung des orthodoxen Lebens in den S. H. S.¬ Staaten zu rechnen ist; besonders die größtenteils chassidische Gemeinde in Senta berechtigt zu den größten Hoffnungen. Wie uns aus Senta telegraphiert wird, weilte der Weitzner Raw vor kurzem in Serbien, um an dem Aufbau der Orthodoxie mitzuarbeiten. Der Weitzner Raw, der bekanntlich sowohl als Gaon, wie Chassid einen Weltruf genießt, ist die geeignetste Persönlichkeit für diese schwierige Arbeit. Nachstehend das uns zugekommene Telegramm: „Die zweiwöchige Anwesenheit des Weitzner Raw hat nachhaltigen Eindruck gemacht. Allseits Orthodoxie gestärkt, sowohl das politische wie auch das religiöse Leben hat einen neuen Impuls erfahren. Ueberall große Begeisterung." Aus Senta wird uns noch hiezu berichtet: Am Sabbat Mischpotim weilte in unserer Mitte der weltberühmte Gaon Oberrabbiner Silber- Mancher Kantor ist oft verstimmt. Antisemitismus ist jetzt das Schlagwort, das die Juden verletzt. . Die Rassenfrage wird zur Klassenplage. Die frommen Lehrer fasten häu%, die andern hunsrern öfters. e Der Wohltätigkeitssinn ist meist eine Erbtugend bei denen, die nichts geerbt haben. .Bei Frauenvereinen spielt oft Neid ums Kleid mehr Rolle wie Leid. Die kleinen Fehler der Eltern werden in den Kindern großgezogen. Vielen ist die Bibel zu heilig, um sie nur in die Hand zu nehmen. Mancher Brauch ist geadelt durch die Dauer' seit er sich eingebürgert hat. Die Bibel wird ewig leben, Israel nur, wenn es in der Bibel lebt. Es fallen viele Blatter vom Baume des Bekenntnisses. Manches Grabdenkmal wird jetzt auch ein Brandmal. Manche Predigt bietet erlesene Weisheit. Man kann über Vieles lachen, worüber man auch weinen könnte! Mancher Schriftsteller schmückt sich mit fremden Federn. Wenn das Nationalgefühl erwacht, schläft der Glaube ein. Auch die Gebote des Anstandes wollen gehalten sein. Manches schreiben wir der Treue zu, was nur Gewohnheit ist. Schaffet der Thora eine Heimstätte, dann wird euch die Thora eine Heimstätte schaffen. An Heimweh leidet auch mancher Ehemann. Mancher Redner spricht wie ein Buch — aus dem er schöpfte. Manches Herz wird gebrochen, weil man mit der Vergangenheit hat gebrochen. Man verliert immer seinen Glauben nur an Andere. Ob eine Rede zu hoch oder zu tief ist, hängt vom Standpunkt des Zuhörers ab. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das ist modernste Nächstenliebe. Der Fortschritt ist der erste Schritt vom Wege der Ueberlieferung. Das Leben ist der beste Prediger, nur leider zu kurz. O. N.