Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 3 (19.1.1923)
- Date
- 1923-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 JÜDISCHE PRESSE / Nr. 3 3. Die Lösung dieser Aufgabe wird angestrebt: a) durch Förderung der bereits bestehendeaJessod Hathora- und Talmud Thora-Schuien; * b) durch Errichtung von Parallelklassen an diesen bestehenden Anstalten; c) durch Eröffnung neuer. Schulen. 4t. Sowohl die Errichtung neuer Schulen als auch der Ausbau der bestehenden hängt in erster Linie vom Vorhandensein geeigneter Lehrkräfte ab, weshalb dem Erziehungsrat die Errichtung einer Bildungsanstalt für Melomdim (Lehrer) empfohlen wird. Bis zur Verwirklichung dieses Projektes soll dem Lehrermangel dadurch abgeholfen werden, daß der Erziehungsrat genügend vorgebildete Jeschiwa-Bachurim zur Ergreifung des Lehrerberufes aneiferl, besonders dadurch, daß er ihnen eine geachtete soziale Stellung und wirtschaftliche Versorgung zusichert. Diese Bachurim sollen an den bereits bestehenden Lehranstalten solchen Lehrern als Supplenten für mindestens drei Monate zugeteilt werden, welche die Gewähr bieten, daß diese Bachurim durch die praktische Betätigung unter ihrer Leitung zu tüchtigen Lehrern herangebildet werden. 5. Um unser Erziehungsideal allen jüdischen Kreisen empfehlen zu können, soll der Waad Hachinuch eine Liste aller schulpflichtigen jüdischen Knaben und Mädchen Wiens anlegen, diese mit dem Schülerverzeichnisse der bestehenden Thora-Lehranstalten vergleichen und jene Eltern, deren Kinder noch keine der bestehenden Anstalten besuchen, duich eine populäre, leicht verständliche Broschüre, oder wenn möglich gar durch persönliche Intervention, auf die Wohltaten unserer Schulen aufmerksam zu machen. - 6. Es sollen allen Eltern der schulpflichtigen Kinder die Abschriften jener Erlässe durch den Erziehungsrat zukommen, durch welche selbe vom Ghillul Schabbos oder vom Besuche des Jugendg-ttesdienstes in Tempeln, welche nach orthodoxer Ansicht nicht einwandfrei sind, als auch vom Beten in der Schule (bei Knaben) ohne Kopfbedeckung abgehalten werden können. \ 7. Um über den Stand der'Schüler stets gehörig informiert zu sein, beantragt Referent, ohne weiteren Vorschlägen vorgreifen zu wollen, von jeder Schule mindestens zwei Personen, ein Vorstandsmitglied und einen Lehrer, in den Waad Hachinuch zu wählen und hofft, daß durch seine Vorschläge Wege beschritten werden, die geeignet sind, vieles beizutragen lehagdil Thauroh und ul haawiroh. An diese Referate knüpft sich eine lebhafte Debatte. Oberlehrer Kobn begrüßt besonders die Anregung, der Mädchenerziehung besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Nachdem noch Lehrer Toch zur Tagesordnung gesprochen hat, gibt Dr. Pollak die Anregung, da dem Mangel an Lokalitäten sowie an Lehrkräften augenblicklich nicht abgeholfen werden kann, durch eine bessere Organisierung der bestehenden Anstalten und eine gewählte, richtige Verwendung der Lehrkräfte (indem auf die Fähigkeiten derselben in individueller Weise Rücksicht genommen werden soll) den Unterricht zu erweitern. Da die Zeit sehr vorgeschritten ist und noch ein wichtiges Relerat über die Finanzfragen auf der Tagesordnung steht, wird die Debatte über diesen Punkt abgebrochen. Der Vorsitzende erteilt nunmehr Herrn Leopold L e d e r e r zum Referate über die finanzielle Grundlage des orthodoxen Schulwesens das Wort Der Referent führt aus: Da wir keine autonome orthodoxe Gemeinde sind, somit keine Umlagen in Form einer Steuer auf unsere Glaubensgenossen auswerfen können, hat das orthodoxe Schulwesen keine gesicherte finanzielle Grundlage. Es existieren lediglich jüdische Schulvereine, welche von einem Vorstand geleitet Der direkte Verkehr mit Rußland wird immer rascher und besser. Die Nachrichten, die wir aus zuverläßlichen Quellen von dort bekommen, sind häufiger. Trotz dieser Berichte können wir uns noch immer kein richtiges Bild machen von der großen Katastrophe, in welcher sich unsere russischen Brüder befinden. Wir hatten erst jüngst Gelegenheit gehabt anläßlich der Zentralratstagung der Agudas Jisroel in Breslau mit Delegierten zu sprechen, die aus eigener Anschauung das Elend unserer jüdischen Brüder in Rußland kennen; würden wir die Einzelheiten dieser Schilderung veröffentlichen, so würde man uns entweder keinen Glauben schenken oder diese Zeilen mit Schaudern von sich werfen, denn kaum sind unsere Nerven so stark die naturgetreue Schilderung vom Leben der Hungernden, der von jedem Kleidungsstück Entblößten, die auf die primitivsten Forderungen der menschlichen Würde verzichten müssen, um ihr Leben von Tag machen, wenn i c h n ib h t mehr sein werde? Ich will ja keinen Dank, ich erfülle n u r d i e P f 1 i c h t u n cl w i 11 s o r e i ii, als es in ö g 1 i c h i s t, einsthina u fkommen. Wenn die Uhr einst still esteht, so will ich sagen: Ich habe, Herr, sie nicht v e r d o r b e n, Ii i e u n d d a n u r ü b e r s p a n n t. — Mir ist n i c h t um K o w e d zu tun, nur eines lieg t m i r am Herzen, das Kleinod, un s r e T a 1m u d Thora, zu erhalte n." Seine Lebensnhr ist leider abgelaufen, docli seine Urkraft wirkt weiter zu dauerndem Segen. Sein Herzenswunsch luvt sich erfüllt. Sein Lebenswerk blüht, die Schule hat sicli erweitert und wenn er auch die Ernte zu unserem Schmerze nicht mehr erlebte, die Saat ist aufgegangen, dessen Boden er mit unermüdlichem Eifer gepllügt hat. Unser Freund war ein Mann des Friedens. Der ausbrechende Krieg, der, nach seinen eigenen Worten, jeden Buchstaben dieses Ausdruckes verwirklichte, Krankheit, Rohheit, Jammer, Elend, Gemeinheit auslöste, zwang diesen Kämpfer für das Gute, diesen Helden auf dem Felde der Nächstenliebe, seine angespannten Kräfte zu verzehnfachen. Er mobilisierte einen Kreis Gleichgesinnter und erwies sich in den Spitälern und Kriegsküchen als ein Helfer und Retter. Der Krieg ging vorüber, die Abrüstung begann, docli die werden. Es ist ja hinlänglich bekannt, daß in einem Vereinsvorstande gewöhnlich ein bis zwei Herren aktiv sind und von der Arbeitsfreudigkeit dieser hängt der Bestand der Schule ab. Der Referent schildert nun in anschaulicher Weise, wie er die Finanzen der von ihm geleiteten Jessod Hathora saniert hat. Soll an eine Sanierung geschritten werden, so muß vor allem mit dem System der Kleinlichkeit gebrochen werden. Man muß mit Reklame und intensiver Propaganda arbeilen. Die Mitglieder, Spender und Freunde müssen in modörn angelegten Kartotheken stets evident gehalten und unablässig zu Spenden und Beitragsleistungen gemahnt werden. Da die Schulwerke größtenteils im engsten Zusammenhange mit den Bethausvereinen stehen, muß mit den letzteren in der Weise gemeinsam gearbeitet werden, daß die Bethausbesucher bei Thoraaufrufen zu Spenden für die orthodoxen Schulwerke veranlaßt werden. Auch sollen sie dazu angeregt werden, Keren Kajemeth für Verstorbene durch die Schulen machen zu lassen. Auch festliche Veranstaltungen sowie Versendung von Jahresausweisen und Kalendern sind immer gute Mittel, Geld hereinzubringen. Dann kommt der Referent auf das wichtige Problem der Schulgeldsystemisierung zu sprechen. Es ist selbstverständlich, daß es als oberster Grundsatz gilt, bedürftige Kinder unentgeltlich am Unterrichte teilnehmen zu lassen. Hingegen ist es gleich selbstverständlich, daß die Kinder wohlhabender Eltern entsprechend zahlen müssen, und zwar je nach dem Einkommen. Der Referent hat mit dem System der Selbsteinschätzung der Eltern sehr gute Erfahrungen gemacht, auf Grund deren er die Erklärung abgeben könne, daß ein Drittel des Budgets durch Schulgelder gedeckt werden kann. Der Referent empfiehlt ferner folgendes: Die Juden, welche Mitglieder orthodoxer Bethausvereine sind, sollen ihre Kultussteuern nicht direkt an die Kultusgemeindekassa, sondern im Wege der Bethausvereine abliefern. Wenn die Bethausvereine dann die angesammelten Kultussteuersummen an die Gemeinde abliefern, können sie der Gemeinde gegenüber wohl mit der berechtigten Forderung auftreten: Wir bringen der Gemeinde große Summen an Kultussteuern unserer Mitglieder, obwohl dieselben von den Gemeindeinstitutionen keinen Gebrauch machen. Wir verlangen hiefür einen gewissen Prozentsatz. (Großer Beifall!) Das Central Committee for the Relief Jews Sufleriug Troug the War habe zwar oft mit großen Snmmen geholfen, wie sich Amerika überhaupt stets hilfsbereit erwiesen habe. (Hochrufe auf das amerikanische Hilfskomitee.) Aber wir müssen von dem Grundsatze ausgehen, daß der Bestand unserer Schulen hier gesichert werde. Der Vorsitzende beantragt, dem Amerikanischen Hilfskomitee den Dank der Versammlung auszusprechen und das Komitee hievon telegraphisch zu verständigen. Der Antrag wird einstimmig angenommen und beschlossen, dem Komitee folgendes Kabeltelegramm zu übermitteln: „Erste Chinuch-Konferenz orthodoxer Schulwerke Wiens begrüßt Zentralkomitee, bedankt bisherige Förderung, erhofft in großer Notlage weitere Hilfe. Für Konferenz. Oberrabbiner Fürst". Nach Schluß der Debatte über das Referat Lederer wird an die Konstituierung des Erziehungsrates geschritten. Da die Zeit sehr vorgeschritten ist und mit der Uebernahme einer Funktion im Erziehnngsrate große Verantwortlichkeiten verbunden sind, warnt der Vorsitzende vor Uebereilung. Es wird demnach dem Antrage Lederer stattgegeben und jede Schule aufgefordert werden, je ein Mitglied aus dem Vorstande und dem Lehrkörper in den Erziehungsrat zu delegieren. Der Vorsitzende schließt zu später Nachtstunde mit einem Segenswunsche für ferneres Gedeihen die Versammlung. zu Tag zu fristen, ertragen zu können. Und selbst aus diesem Bilde des Elends sind einige Züge, die uns nicht durch ihre Schrecklichkeit, sondern durch ihre Schönheit packen, das ist die Treue, die die Gemarterten unter den schwersten Bedingungen unserer heiligen Thora* und Tradition bewahren. Nach verläßlichen Berichten ist das Verlangen nach S e p h o r i m, Thefilim, Sidurim in den russischen Elendsgebieten ebenso groß wie nach Brot und leiblicher Nahrung. Unter diesen Umständen ist es unsere heilige Pflicht, weiter zu Gebefreundigkeit zu machen und Spenden zu sammeln. Es freut uns, nach langer Untätigkeit auf diesem Gebiete in Oesterreich, darauf hinweisen zu können, daß die M ä d c h e n g r u p p e der Agudas Jisroel nach einem Referate des Herrn Rabb. Dr. P. Kohn beschlossen hat, für die russischen Hungernden eine eifrige Sammeltätigkeit zu entfalten. Wir bringen diese Woche den ersten Spendenausweis Wunden klafften, die die langen und bangen Kriegsjahre geschlagen. Neue Aufgaben traten an den hellsehenden Künstler heran. Er liebte das Schöne und sah nur überall die graue Not und das nackte Elend. So gigantisch die Armut wuchs, so mehrten sich auch seine Kräfte und sein Organisationstalent und er war einer der Ersten, der mit Erfolg Auslandslinie suchte und fand. Arme jüdische Waisenkinder, die eltern- und heimatslos waren, galt es zu versorgen. Das Ag'uda-Waisenhaus in Baden war der nächste Meilenstein auf dem erfolgreichen Wege seiner Lebensbahn. So stark war in ihm der Trieb, Gutes zu tun, daß ihn überall die/Not lullten ließ, wohin er auch seinen Fuß setzte, in den letzten Jahren seines Lebens wohnte er im VIII. Bezirke. Da lockten ihn in den einzigen freien Stunden der Sabbatruhe, — die einzigen, die er sich gönnte, — nicht die naheliegenden Parkanlagen, sondern er ging ins Allgemeine Krankenhaus, um jüdische Kranke, die sich hier in der Großstadt fremd und verlassen fühlen, zu besuchen, um ihnen Trost und Erhebung zu bringen. Sein empfindendes Auge hatte ihn viel Elend sehen lassen, doch Krankheit und Verlassensein seidenen ihm das bitterste Los. Jetzt erst konnte er sich persönlich überzeugen, welchen Segen der Krankenhausverein, der seit Jahrzehnten den Kranken rituelle Verköstigung ermöglicht, verbreitet und schon ist der Mädchengruppe und bei der Agilität unserer jungen Damen ist zu erwarten, daß wir von Woche zu Woche eine immer größere Summe für die russischen Hungernden werden ausweisen können. Spendenausweis tür jüdische Hungernde in Rußland. (Fortsetzung-.) Moses Frostig K 2000, »osammolf durch Aba Goldfeld, Osias Deutsch 5000, Neumann, Wonkert, (Jrundland, Moskowitsch, Lippe Kormann, Leon Hchopp je 1000 ((6000), mehrere Ungenannte 3000, zusammen 14.000, durch Tempel- und ^chiilverein, VI. Stumpergasse, 30.000, gesammelt durch Aba Goldfeld, Julius Alesuse 12.000, "Sabar.skv 5000, Spritzer 1000, Liebermann 300, 'mehrere Ungenannte 9600 (27.900). Isak P.arbaseh 3000, Wilhelm Morgenstern 50.000. Sammlung beim Vortrag Dr. P, Kolm durch Aguda Jisroel-.fngemlgruppe 238.210, ung. K. 100, Grete Klein K 266.000, Sammlung durch Aba Holdfeld. Bürgschätz 2000, Rain 1000. Mörsel 1000, mehrere Ungenannte 4300, zusammen 8300. Weinberger u. Felsenburg durch Sandor Adler 5(5.000. Sidonie Koppel (Wr.-NouBtadt) 30.000, durch Bethausverein Machsiko Tora 50.000, Sammlung durch Aba Goldfeld. N. N. Mk. 20, Michel Gottesfeld 2000, David Frank. Lasar Drimmer je 1000, mehrere Ungenannte 8500, durch Hethausvereine Tora-Ez. Chaim 4000, durch»Oberrabbiner David Sperber (Bra-sno) tsch. K 100, durch Gruppenver- •band der Agudas Jisroel, Halberstadt, Dollar 619.14. durch Bethausverein Adas Jisroel K 298.400, durch Israelitische Kultusgemeinde, Wien: durch Bethausverein L, Latzenhof 90.000. durch Isr. Svnagogenvereiu Beth Israel 4600, durch Beth Israel 19.500, durch Bethausverein I. 238.640, Bethausverein XV. 8(1.000, durch Bethausverein Continental 100.000 (488.740), Jerusalem sandte neuerdings Pfund 67, wodurch sich der Stand auf Pfund 1016 erhöht, Sammlung in der Tschechoslowakei durch das Komitee Bratislava tsch. K 42.570.08. Gesamtsumme der Spenden: K 1.298.650. Mk. 20. tsch. K. 42.670.08, Dollar 619.14, Pfund 1016. Spenden für „Jüdische Hungernde in Rußland" durch die Mädchengruppe der Agudas Jisroel, Wien anläßlich eines Vortrages des Herrn Rabbiner Dr. Pinkas Kohn: Organisation der Mädchengruppe K 100.000, Frau Glara Lederer ung. K 10.000, Frau Josefine Stern Iv 50.000. Wilhelm Steiner tsch. K 50, Frau Berta Deutsch K 50.000. Frau Malwine Bermann 20.000, Kollmann 50.000, David Schischa 20.000, Helene Wagschal 50.000, Ein Freund- 250.000, Joachim Wosner 50.000, Adolf Breuer 50.000. J. Schick 100.000, Rudolf Klein 50.000, Eva Büschitz 50.000, N. N. 50.000, Hennv Schreiber 50.000, Richard Hirschler ung. K 1000, M. L. K 300.000, G. Schreiber 50.000, Julie Herzka 20.000, N. N. 50.000, Geza Braun 100.000, Baumgarten 50.000, Ella Schreiber 200.000, Feldheim 25.000, Frau Löffler 20.000, T. B. 10.000, N. N. 10.000, Leopold Schischa 15.000, N. N. 10.000, Sophie Pappenheim 100.000, Duschnitz 50.000, Wienea Schreiber 100.000, Michael Sternfeld 200.000, Karl Brunner 50.000, Moritz Schlesinger 100.000, N. N. tsch. K 100. Gesamtsumme der Spenden: K 2,450.000, ung. K. 11.000, tsch. K 150. Für jüdische Hungernde in Rußland durch Isak Seidmann, Munkaqji (Podkarpathka): Abisch Seidraann tsch. K 30, Osias Seidmann 10, Eisig Oestreicher 10, Desider Neumann 10, Markus Seidmann 5, Jonas Frankel 5, Jakob Schapira 5, Ignacz Weinberger 5, M. Herßch-Weiß 10, Chaskel Schlüssel 5, Salomon Diira 5, Heinrich Klein 5, Heinrich Wieder 5, Josef Bernstein 5, Abraham Jakobovics 5, Selzel Seidmann 5, Bernat Segel 5, Dawid Wettenstein 5, Leibisch Wettenstein 5, Mendel Fried 5, Isak Seidmann 15, zusammen tsch. K 160. Das wahre Gesicht des Keren Hajessod. Von Dr. Raphael Breuer. (Schluß.) Auch liberale Juden halten trotz ihrer „religiösen Entwicklung" an gewissen religiösen Bräuchen" mit einer bei diesen „entwickelten" Menschen wahrhaft erstaunlichen Treue fest: Sie fasten am Jom Kippur, lassen ihre Kinder beschneiden usw. Und ihre liberalen Seelsorger sprechen ihr Amen dazu. Wie kommt das? Wie verträgt sich die Beschneidung, das Fasten am Jom Kippur mit der „religiösen Entwicklung"? Ist die Beschneidung, vom Standpunkt modernen Denkens und Fühlens betrachtet, etwas anderes als — Barbarei? Und das Fasten etwas anderes als Quälerei und Aberglauben? Warum hält das liberale Judentum an religiösen Bräuchen fest, die von seinem Standpunkte aus längst zum Untergange reif sind? Hat es nicht im vorigen Jahrhundert illustre Wortführer des liberalen ev bereit, mich diesem Vereine seine Arbeitskraft zu widmen! Nichts scheint ihm für diese leidende Judenheit gut genug-, zur Speise muß sich auch der kräftigende Wein gesellen, zur Nahrung auch der Trost und die Liebe. So gelangt dieser Verein zu neuer ungeahnter Blüte und noch am Sterbebette ist sein letzter Wunsch, diese Institution gesichert zu wissen. So ging er wie ein Priester durch diese liebearme Großstadt, deren Glanz ihn nicht blendete, sondern sein Mitgefühl ließ ihn nur das Elend sehen. Helfen, retten, nützen und stützen wollte er über seine Kräfte hinaus. — Andere große Wohltäter schenken aus ihrem Ueberflusse, er aber gab mehr. Er opferte seine ganze Persönlichkeit auf dem Altare der Nächstenliebe. Auf ihn darf das Dichterwort angewendet werden: Sein schöner Lebenslauf war Liebe — Liebe allein sein früher großer Tod. Und diese Liebe und Treue, die er geübt, sei uns ein heiliges Vermächtnis. Die klaffende Lücke, die sein Tod hinterläßt, zu überbrücken, muß die schwere Aufgabe all derer sein, die sein Andenken geziemend ehren wollen. Wenn auch das kostbarste Juwel aus dem strahlenden Diadem jüdischer Woldtätigkeit geschwunden, so ist es unsere Ehrenpflicht, dieses köstliche Erbe zu einer Krone zu gestalten, in der der Name David Kohn in leuchtendem Glänze fortlebt für alle Zeiten. O. N. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland.