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Jüdische Presse · 1923-01-19 · 3 (19.1.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
3 (19.1.1923)
Date
1923-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE P V. b. b.! "SSink^WIlÄSi^St,! /nuwrtkflrti' („JÜDISCHE KORRESPONDENZ"); ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava. Postfach 140. erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 48.000, Ungarn K 1600, Tschechoslowakei K6. 70-—, Deutschland Mk. 8000--, Schweiz Frcs. 10*Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei. Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000'—. Einzelnummer d.-ö. E 1000, Kö. 1*50. m Zahlungen ffir Oeaterrsieh: Postaparkaasenarat Wien, Konto, Hr. 13.468; für Polen: Po^taparkassenant Warschau, Konto Nr. 190.409; fär Ungarn: Postsparkaasenamt Budapest, Konto Nr. 60.170; für Tschechoslowakei: Postsparkasaenamt Prag, Konto Nr. 53.380; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.917; für Rumänien: Banca Marmarosch Blanc A 0«. für Josef Floren» & Co., Bukarest. Nr. 3 Wien-Bratislava, 19. Jänner 1923 iddw 3 rw»DjHB ~ twi rryz 9. Jahrg. Sanktionen. Der diesmalige Wochenabschnitt gibt das Bild des Strafgerichtes an einem ganzen Volk und gibt aber gleichzeitig auch in einzelnen Punkten den erkebenden Ausblick dahin, daß derjenige Teil des Volkes, der auf des Allmächtigen Wort und Mahnen hörte, von dieser oder jener Plage verschont blieb. Was uns und unsere Zeitgenossen am mächtigsten ergreift, das ist die sich aufdringende Parallele zu der Jetztzeit, in der Menschen ein Strafgericht über Völker verhängen. Es ist selbstverständlich, daß in diesem Organ eine politische Würdigung dieser Vorgänge zu unterbleiben hat. Auch dem sehr naheliegenden Versuch, einen Vergleich zu ziehen zwischen den. jetzt unterdrückten Völkern und dem so qualvollen jüdischen Schicksal, widerstehen wir. Worüber wir jetzt zu reden haben, das ist die furchtbare G-ttesferne, die aus den Maßnahmen der Mächte spricht. Auf der einen Seite der Ruf nach strafender Vergeltung, das heißt also eine Verhöhnung des von allen gewünschten» und von allen beschworenen feierlichen Friedenszustandes, auf der anderen Seite rücksichtslose Verfolgung auch der Unschuldigen. Durch alle diese Maßnahmen klingt mißtönig der so oft in der Weltgeschichte gehörte frevelhafte Ruf der Mächtigen, als gäbe es keinen G-tt 2fü richten und zu rechten. Immer wieder dieselbe Gleichgültigkeit gegen das Schicksal kommender Geschlechter, die dereinst, sei es siegeno* oder besiegt, das Leid des Augenblickes in tausendfach gesteigerter Form büßen werden. Und dabei ist jetzt schon festzustellen, daß die betreffenden Völker vor der ewigen Gerechtigkeit in allen ihren Gliedern sich strafwürdig erweisen, weil keine Stimme sich erhebt, die auch nur eine Ahnung von Mitleid anklingen ließe und den Mut hat, zu verkünden, daß es etwas höheres gibt, wie Reparationen und Sanktionen. Von Aegypten wird uns berichtet, das jedes einzelne Glied des Volkes das andere in der Bedrückung der jüdischen Menschen zu überbieten sucht: selbst die Knechte Pharaos, obwohl sie selbst unfreie Menschen, waren in ihrer Feigheit erbärmlich genug, den Juden gegenüber den starken Mann zu spielen. Und all dieses wurde gedeckt durch den Willensausdruck Pharaos. Aber niemals verkündet der Allmächtige eine Sanktion wegen des Vergangenen, sondern zehnmal gab er Pharao, seinem Volke und seinen Knechten deutlich zu verstehen, daß eine gute Tat, eine Abkehr von der bisherigen Methode der Unterdrückung, alles Vergangene auslöschen werde. Den verderbten Mächten Aegyptens gegenüber blieb alles wirkungslos, bis endlich die Katastrophe eintrat und die Hofschranzen Pharaos erkannten, daß derartiger Mißbrauch der Gewalt sich einmal gegen sie kehren könnte und bei dieser sOrgie des Sieger¬ und Bedrückerwahnsinns das ganze Land dem Untergang, geweiht sei. Es ist wundersam zu beobachten, wenn auch leise angedeutet, wie trotzdem umso furchtbarere Vergeltung allmählich das Bewußtsein des ganzen Volkes ergreift. Man begann die Unterdrückten lieb zu gewinnen. Freie und Unfreie warben um die Gunst der jüdischen Seele. So hoffte man auszugleichen den Mangel an Mut, der es nicht gestattet hatte, in den Schrei der Unterdrückten den Ruf des Mitleides zu mischen, weil man bangte vor der in Pharao verkörperten Gewalt. Wir nehmen zu Ehre der Siegervölker an, daß auch dort hin und wieder in dem Herzen solcher Menschen, die sich des unedlen Tuns schämen, eine solche Regung zeigte. Würde man dies nicht annehmen, so müßte man erstarren und annehmen, daß die Stunde da ist, da der Allmächtige das Strafgericht wieder selbst in die Hand nimmt. Es ist eile grausame Erfahrung sondergleichen, daß in diesen bangen Tagen alles versagt hat, Avas Menschen erdacht haben, alles verstummt ist, was Menschen sonst gesprochen haben. Wehe denen, die Menschenuchicksal und Staatsentwicklung nur an dem wirtschaftlichen Gesichts- Die erste Konferenz der thoratrenen Lehranstalten und Lehrer in Wien. punkte messen, wehe denen, die, im Größjsnwahnsinn eines Pharaos am Ufer de« Nils vermessen, glauben, sie hätten das Recht zu strafen und zu vergelten. Wir, die Enkel Abrahams, haben die Aufgabe, unbeeinflußt von irgend welchen politischen Gesichtspunkten in diese Welt die Frage hineinzurufen, wo ist G-tt in euren Entschlüssen und wo in euren Plänen für die Zukunft. Wir haben selbst den Menschen, die es mit Friedensbestrebungen gut zu meinen glauben, die Mahnung zu künden, daß alles, was sie anstreben, nicht gelingen kann, so lange in ihren Plänen und Vorschlägen G-ttesferne vorhanden ist und sie selbst glauben, auf denf'Grab einer g-ttentfremdeten Kultur etwas neues aufbauen zu können, ohne G-tt und ohne G-tteswort. Friede aber heißt, Vergangenes zu löschen und den Keim künftigen Glückes aus der Erstarrung zu lösen, den Keim des Unheiles in seinen Werden zu ersticken. Dann aber wird der Friede wahr sein, wenn, wie Ezechiel sagt, der Prophet in einer entarteten Welt, freies Wort haben wird. Und dies wird die Wendung zum Guten bedeuten. . P. K. III. Der dauernde Erfolg der ersten Konferenz der thoratreuen Lehranstalten und Lehrer Wiens, wird durch die Bildung des Erziehungsrates gesichert. Nach den Beschlüssen der Konferenz, die wir in unserer heutigen Nummer bringen, setzt sich der Erziehungsrat außer dem Oberrabbiner und Obmann der Adas Jisroel aus je einem Vertreter des Vorstandes und der Lehrerschaft der einzelnen thoratreuen Schulvereine zusammen. Es ist somit eine Körperschaft geschaffen, die in der Lage ist, auf die Entwicklung der thoratreuen Lehranstalten eine segensreiche Wirkung auszuüben und ihre Interessen nach außen hin einheitlich zu vertreten. Auch für das Zustandekommen dieser so überaus wichtigen Körperschaft gebührt vor allem dem Newyorker Central Relif Gommittee warme Anerkennung, denn das Hilfs-Kommitee hat vor allem die Schaffung einer solchen Körperschaft angeregt. Wir sehen daraus, daß die amerikanische Unterstützung auch auf moralischen Gebiete Gutes leistet. Wir hoffen, daß durch die Bildung des Erziehungsrates nicht nur der Anregung des amerikanischen Hilfs- Komittes, sondern auch dem Wunsche des Komitees, daß wir unsere Schulwerke nach einer gewissen Frist aus eigener Kraft, ohne Auslandshilfe erhalten, Rechnung getragen wird. Wir hoffen, daß der Erziehungsrat ein lebenskräftiges und zukunftsreiches Organ der thoratreuen jüdischen Lehranstalten in Wien werden und sobald die furchtbare wirtschaftliche Krise, die momentan Wien und Oesterreich bedrängt, vorbei ist, mit G-ttes Hilfe eine segensreiche Tätigkeit entfalten wird. Protokoll der Konferenz des Erziehungsrates für das thoratreue Schulwesen in Wien. Aus den bisherigen Ausführungen des Referenten ist es, klar, daß wegen der knappen Zeit, 'die unsere^Kmder..für Thaürblernen verwenden können, alles" M^ogli'cTie^ängewendet werden muß, uro in wenigen Stunden viel jüdisches Wissen beizubringen. Dies kann nur durch eine besonders gute Lehrmethode erreicht werden. Wir haben beim jüdischen Unterricht stets zwei Ziele vor Augen: erstens, das jüdische Kind zum bewußten Juden zu erziehen und zweitens, ihm möglichst viel Thoralehre beizubringen. Denn es ist für uns gesetzestreue Juden eine unantastbare Wahrheit, daß jeder Religionsunterricht, der nicht Jiras Schomajim in des Kindes Herz sät, wertlos ist. Würden wir aber für Mussar (jüdische Ethik) ein bis zwei Stunden in der Woche verwenden, bliebe zu wenig Zeit für Gemoroh und Meforschim, weshalb es am geeignetsten erscheint, während des Unterrichtes jede Stelle, die dazu geeignet ist, derart zu besprechen, daß sich das Kind daraus eine Lehre für seine' Gesinnung und sein Leben nehmen kann. Um alle wichtigen Momente, die für die Organisation der Wiener Jessod Hathora- und Talmud Thora-Schulen, für die Jugendfürsorge und für die Ausarbeitung eines methodischen Lehrplanes nötig sind, beraten zu können, stellt Referent folgende Anträge: 1. Die heutige Versammlung der Wiener gesetzestreuen Lehranstalten und Bethausvereine spricht die Notwendigkeit der Gründung eines „Waad Hacinuch" (Erziehungsrates) aus. 2. Aufgabe des Erziehungsrates ist, für die streng jüdische Erziehung der männlichen und weiblichen Jugend zu sorgen, überall dort, wo dieses Ziel von außen oder innen gefährdet ist, mit allen gesetzlich möglichen Mitteln einzugreifen. David Kohn s. A. Zum Jahrzeittage am 2. Schebat 5683. Auch unsere Trauer unterliegt dem ehernen Gesetze der Religion, dem wir uns unterwerten und beugen, wenn auch unser aufwallendes Gefühl sich dagegen auflehnen will. In drei Phasen: Tn'uienvoche, Trauermonat und Trauerjahr soll und muß auch das tiefste Leid, das unserem Merzen widerfahren kann, in leise Wehmut verklingen. Und diesem starreu Religionsgesetze verdankt Israel — das Volk der Pietät — seine lebensbejahende Weltanschauung, seine innere Heiterkeit, trotz äußeren Druckes, seine aufrechte Haltung auf dem tränenreichen Leidenswege Keiner wechselvollen Geschichte. So wie in jedem Tautropfen der unendliche Sonnenball aufleuchtet, spiegelt sich in jeder Judenträne auch die allerbarmende Liebe seines Schöpfers und dieses unwandelbare G-ttvertrauen verklärt auch seinen Schmerz, adelt seine Trauer und bannt die Verzweiflung. Versuchen wir es, uns die Kraft abzuringen, so schwer es uns auch fallen mag, unserer schmerzlichen Trauer ein Ziel zu setzen, nun das Trauerjahr um David Kohn abgelaufen. Die schwarzen Schatten des Todes sollen den Lichtwolken liebender Verklärung weichen. Was uns mit ihm bindet und verbündet, sind Ewigkeitswerte, erhaben und erhoben über Zeit und Zeitliches. Die Träne trübt oft den Blick und Ausblick, und so erklärt sich manches, was wir verklärt sehen, doch sein gesegnetes Andenken ist so klar, hell und rein, wie sein Wesen, das schon im Leben von allen Schlacken des Irdischen geläutert schien. — Er war ein Maler. Mit seinem meisterhaften Pinsel konnte er Menschen so kunstvoll malen, daß diese Farben zu leben scheinen und aus den wohlgetroffenen Zügen auch die Seele sprach. Wenn wir heute versuchen wollen, sein 'Bild, sein Lebensbild, wie es in uns fortlebt, zu zeichnen und aufzuzeichnen, so sollen aus diesem edlen Antlitz nicht nur diese gütigen Augen, die bis in die Seele blicken konnten, sondern vor allem soll daraus die Seele sprechen, die seine ganze Persönlichkeit adelte und erfüllte. Und seine Seele war erfüllt von Liebe, höchste und heilige Liebe zu seinem Schöpfer und zu seinen Geschöpfen. Sein Judentum war Menschentum. Liebe deinen Nächsten wie dich sehst, dieses fast unerfüllbare Gebot wurde von ihm noch überboten, durch grenzenlose Selbstlosigkeit, der jedem helfen wollte und an niemandem vergessen hat, nur zu oft an sich selbst. Er Avollte keine Ehren oder Ehrenstellen, keinen Dank und keine Anerkennung, er wollte nur eines: Jude sein im besten und schönsten Sinne der traditionellen Ueberlieferung. Er stand mit seiner Ueberzeugung über den Parteien. Er war kein Kämpfer und kein Streiter, kein Streber und kein Freund großer Worte, sondern ein Mann der Tat und der Arbeit. Sein Beruf, seine große vielbewunderte Kunst hob ihn hinauf zu den Höhen des Lebens, zu den Spitzen der Gesellschaft, zu den Größten und Höchsten weltlicher Macht, doch sein Herz blieb bei den Armen, bei den Enterbten des Glückes, die dreifach zu leiden haben als Juden, als Arme und Kranke. Er buhlte nicht nach der Freundschaft der Mächtigen. Denen zeigte er sich verschlossen und herb, doch jeden Hilfsbedürftigen nahm er auf wie einen Bruder. So wurde dieser Meister der Farbe auch der gefeierte Meister der Nächstenliebe, der auch in diesen goldumrahmten Werken seiner Vereinstätigkeit fortleben wird. Die Treue seiner Gesinnung zeigt sich in semer Liebe und Anhänglichkeit zur Talmud Thora. Selbst ein Schüler dieser Anstalt hat er es Zeit seines Lebens nicht vergessen, für diese Anstalt wie ein liebender Vater für sie zu sorgen und diesem Sorgenkind opferte er den Schlaf seiner Nächte, nur um dessen Gedeihen bemüht. In einem Briefe, den er mir noch kurz vor seiner Krankheit schrieb, aus welchem schon Todesahnungen klingen, spricht schon die Besorgnis um dieses ihm so teure Schulwerk. Er schreibt wörtlich: „W a s wir d d i e T a 1 m u d T h o r a

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