Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 2 (12.1.1923)
- Date
- 1923-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 JÜDISCHE PRESSE Seite 9 Der Zionismus als Volksbewegung. Vor einigen Tagen haben die Zionisten im Wilnaer-Rayon ihre Jahreskonferenz abgehalten. Hierüber referiert Herr Goldstern in der dortigen Tageszeitung „InserTog" etwa folgendermaßen: „ Die Referate haben sich in förmliche Anklagereden gegen Zionismus im allgemeinen und gegen die Zionisten im Besonderen verwandelt, üie Referenten haben festgestellt, was übrigens die demokratische Arbeiterpresse schon längst behauptet hat, daß der Zionismus im Wilnaer Rayon keinen Boden unter sich hat. Dr. Kornblum, der Leiter der Paliistinawanderung, hat dies folgendermaßen charakterisiert : Die Zionisten sind nichts anderes als gute Unternehmer in der Branche Volksdemonstnition. Ferner war aus den Referaten ersichtlich, daß die breiten jüdischen Massen nicht nur abseits vom Zionismus stehen, sondern ihm geradezu feindlich gegenüberstehen. Auch die jüdische Plutokratie hält ihre Geldsäcke fest verschnürt. Der Referent vom Keren Hajessod hat offen erklärt, daß bloß die religiöse Judenheit in der Provinz noch etwas Geld hergibt." Also schaut es aus in Wilna, wo die große Masse der thoratreuen Juden sicherlich nicht nach Frankfurter Muster für die Trennungsorthodoxie erzogen wird. Instinktiv lehnen die religiösen Juden den Zionismus ab, nicht etwa, weil%i ihren Köpfen ein unnatürlicher Volkshegriff sich festgesetzt hat, der das jüdische Volk in Priester und Laien teilt, sondern weil für sie das Wort der Thora maßgebend ist, daß das jüdische Volk ein Reich von Priestern sei, welches durch und für das G-ttesgesetz geweiht ist. Es ist nur zu bedauern, daß der unaufgeklärte tiefreligiöse Provinzjude für den neutralen Keren Hajessod gibt, der ein Finanzinstrument der zionistischen Organisation ist, die die Thora und jüdische Religion nicht mehr für die Sache der Nation, sondern als Privatangelegenheit des Einzelnen betrachtet. Erfreuliches aus Jerusalem? Der Jerusalemer Korrespondent des „Dayli Express" berichtet über emen interessanten Vorfall, der sich am Samstag, den 9. Dezember 1922, während der Erinnerungsfeier des Einzuges der englischen Truppen in Jerusalem zugetragen hat. Der Korrespondent erzählt, daß sich der Oberkommissär Sir Herbert Samuel in voller Gala- Uniform zu Fuß nach dem Paradeplatz begeben hat, weil es ihm seine religiösen Ueberzeugungen nicht erlaubten, am Sabbat-Tage einen Wagen zu benützen. „Bewundernwert", so schreibt der Korrespondent, „ist die Achtung, mit der sich der Oberkommissär zu den Prinzipien des jüdischen Glaubens bezieht". Nach den vielen Faustschlägen ins Gesicht des religiösen Judentums durch die Arbeiterküchen in Palästina, die auch am Jom-Kippur dampfen, am Pessach Ghomez gebrauchen und selbstverständlich auch an gewöhnlichen Sabbat-Tagen arbeiten, sind die „Fußtritte" vom Oberkommissär eine wahre Herzensfreude. Es ist zu hoffen, daß dieser Respekt vor der jüdischen Tradition, der vor allem Sir Herbert Samuel ehrt, beispielgebend sein wird für jene jungzionistischen Stürmer, die da ihren Freiheitsdrang darin austoben lassen, daß sie die geheiligten Traditionen des jüdischen Volkes im heiligen Lande mit Füßen treten. Die ttlochc. Dr. Nathan Reich, der Sohn des Badener Oberrabbiners, Privatdozent der Aegyptologie an der Wiener Universität, erhielt eine Berufung an die Universität von Ghikago. Sir Gilbert Glayton, der in den letzten Verhandlungen mit dem Emir Abdullah das englische Kolonialministerium vertrat, hat sich zur Lausanner Konferenz hegeben. Der unmittelbar vor den hohen jüdischen Feiertagen herausgekommene Erlaß des sächsischen Kultusministers übei die PHiebt /um Schulbesuch und zur Arbeit in der Schule an den religiösen Feiertagen, der bekanntlich zur Folge hatte, daß mehrei jüdische Schüler wegen Fernbleibens der Schule an den hohen Feiertagen bestraft wurden, wird demnächst den deutschen Reichstag beschäftigen. Die am 10. September vorigen Jahres durchgeführte Zählung der Arbeiter in Palästina ergab ein Resultat von 1G.554. In diesen Tagen fand in der Warschauer Universität die feierliche Verteilung der Diplome unter die Studenten statt. Bei der feierlichen Verteilung der Diplome wurden die Studenten in zwei besondere Lager geteilt. Die Christen wurden zuerst promoviert, während die Juden längere Zeit warten umtäten. In den letzten Tagen sind 236 Chaluzhn von Polen auf dem Schilfe „Bukarest" nach Palästina gefahren. Bis heute sind über Rumänien fünf Chaluzimtransporte nach Palästina abgegangen. Die Reise über Rumänien ist vie! kürzer und billiger als die über Triest. Unter der Bevölkerung der kleinen Städte im Udessaer, Kiewer und Podolier Gouvernement ist eine starke Tendenz zu bemerken, zur landwirtschaftlichen Arbeit überzugehen. Die Juden organisieren landwirtschaftliche Kooperationen und bekommen von der Regierung Grundstücke zur Bearbeitung. Diese Kooperationen brauchen nötig landwirtschaftliche Maschinen und Produkte. Der bekannte Assyriologe Prof. Friedrich Delitseh, der Verfasser des berühmten Werkes „Bibel und Babel", ist gestorben. Deiitsch war der Sohn des bekannten Orientalisten, Professor Franz Deiitsch, der erste Uebersetzer des neuen Testaments ins Hebräische. Der Generalsekretär der Palästina-Regierung veröffentlicht die Bekanntmachung, daß die Wiedereröffnung der mis dem Altertum herrührenden Wasserversorgungsanlage Jerusalems „Birkath Schlomoh" geplant sei. Ch. N. Bialik beging diese Woche seinen 50. Geburtstag. In seinen schönsten Dichtungen hat er der Ueberzeugung, daß die Geburtsstätte der jüdischen Seele der alte Beth-Harnidrasch, die alte Jeschiwah ist, ergreifenden Ausdruck gegeben. Zum Wochenabschnitt. (Aus Talmud und Midrasch.) Für drei Dinge hätte Moses ohne Zaudern auch sein Leben hingegeben: Für die Thor ah, für Israel und für die Gerech tigkeit. Und sein Lohn war, daß diese drei gleichsam als sein eigenstes Gut bezeichnet wurden. Für die Tliorah, als er vierzig Tage und Nächte auf dem Berge Sinai weilte. Darum heißt es aber auch (Maienchi, 3, 22): Gedenket der Lehre meines Knechtes Moses. Für Israel, als er allen Glanz und olle Pracht des ägyptischen Königshofes leichten Herzens hinter sich ließ, um sich seiner armen gequälten Brüder anzunehmen. Darum heißt es aber auch (2 B. M., 32, 7): Geh', steig hinab, denn ausgeartet ist dein Volk. Und für die Gerechtigkeit, als er, kaum der Rache des Pharao entronnen, den Töchtern des Jethro seine Hilfe gegen die übermütigen Hirten lieh. Darum heißt es aber auch (5 B. M., 16, 18):" Richter und Beamte sollst du dir einsetzen. Wer nur die Hand gegen seinen Bruder erhebt, ist schon ein Bösewicht, so wie es heißt (2 B. M., 2, 18): ,Da sprach er zu dem Bösewicht: Warum willst du deinen Bruder schlagen?" Also trotzdem er ihn noch nicht geschlagen hatte, nannte ihn Moses so. „Wer hat dich denn zum Meister und Richter über uns gesetzt?" So wurde Moses gefragt, als er sich im heiligen Eifer gegen die rohe Gewalt empörte. Man kann diese höhnische Frage verstehen. Denn der so leidenschaftlich Rechenschaft forderte für eines anderen Menschen Bedrückung war im ganzen — zwanzig Jahre alt. i Als Moses und Aaron zu Pharao kamen um im Namen des Ewigen die Freiheit des geknechteten Volkes zu verlangen, ließ "Pharao seineu großen Götterkatalog holen, in dem die Namen aller damals bekannten Götter fein säuberlich verzeichnet waren. Jeden einzelnen Namen las Pharao vor, aber den Namen des Allmächtigen konnte er trotz angestrengten Suchens nicht finden. Da sprach er: Den Gott, von dem ihr sprecht, kenne ich nicht, ich kann ihn nicht finden, ihr wollt mich betrügen. Da sagte Moses: 0, du Thor, was du da vorgelesen hast, das waren die Namen von Götzen aus Holz und Stein, von totem Mehschenwerk; unter diesen suchst du freilich vergebens den Namen des wahren Gottes. Denn der Allmächtige lebt und wird bestehen in aller Ewigkeit. Warum erschien Gott gerade in einem Dornbusch und nicht in einem andern Baum? Um uns zu lehren: So wie Gott sich Moses im Dornbusch zeigte, so wird sich seine Hilfe dem jüdischen Volke auf seinem dornenvollen Wege durch die Geschichte immer wieder offenbaren . .. Dtfittcbosttrrckb. Baden. Samstag, den 28. Dezember 1922, feierte die jüdische Gemeinde Badens das 70. Geburtsfest ihres ehrw. Oberhauptes, des Herrn Oberrabbiner Wilhelm Reich, unter Anteilnahme der gesamten Mitgliedschaft. Bei der allgemeinen .Beliebtheit, dem Ansehen und der jüdisch wissenschaftlichen Bedeutung des Jubilars war vorauszusehen, daß das Fest sich zu einer solenen Ehrung gestalten werde, daß es sich aber zu einem kidusch haschem ausgestalten werde, sah man erst beim Gratulationsempfang in der Wohnung des Jubilars, bei dem nicht nur die jüdischen Körperschaften, 'Vereine und Mitglieder der Gemeinde sondern auch die Vertreter aller hiesigen Behörden und Korporationen erschienen. Das Fest wurde von einem 20-gliedrigen Konntee unter Führung des Vorstandsmitgliedes der Ohewra Kadischa ' Herrn Ludwig Lackenbacher und unter Mitwirkung des Ausschußmitgliedes und Obmannes des Bikur Ohaulim Herrn Bernhard Affenkraut vorbereitet und geleitet. Die Feierlichkeiten begannen mit dem am Sabbat für halb lfj Uhr anberaumten Festgottesdienst. Zu diesem wurde der Jubilar von dem Präses der Cliewra Kadischa Herrn Adolf Raab, dem Vorstandsmitgliede Herrn Chaskel Ingwer, von seiner Wohnung in das Gotteshaus geleitel. Am Eingang des mit Pilanzen und Girlanden festlich geschmückten Tempels bildete das Komitee Spalier und an dessen Spitze empfingen zwei Senioren der hiesigen Gemeinde, die Herren .Jakob Kohn und Siegmund Rausnitz mit zwei Thorarollen Sr. Ehrwürden den Herrn Oberrabbiner. Ein vom Kantor klangvoll rezitiertes boruch habo verkündete der im Gotteshaus versammelten Gemeinde die Ankunft des Jubilars; unter Vorantragung der Thorarollen wurde er auf den mit Blumen und Blattpflanzen geschmückten Almemor geleitet, wo der Präses der Gemeinde Alexander Braun und der erste Beirai Anton Schneider, welch letzterer das einziglebende Mitglied jeuer Deputation ist, welche Sr. Ehruürden vor 4:i Jahren den Installation«- NACHRICHTEN. brief in seine damalige Gemeinde Sauvar überbrachte, an Sr. Ehrwürden Begrüßungs- und Gratulationsansprachen hielten, in denen seine Bedeutung nicht nur für das Badener .Judentum sondern auch seine Geltung und sein Ansehen weit außerhalb desselben in der großen Welt aner- / kannten außergewöhnlichen Verdienste auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft und jüdischer Literatur hervorgehoben wurden, auf welche nicht nur der Jubilar selbst sondern seine ganze Gemeinde mit Stolz und Freude blicken darf. Beide Ansprachen klangen in dem innigen Wunsch aus, der Jubilar möge noch ungezählte Jahre in Rüstigkeit und Geistesfrische sein Wirken im Ki eise seiner Familie und inmitten der Gemeinde und zum Wolde des jüdischen Gedankens fortsetzen. Nach einer an die Vertreter der Gemeinde für den glänzenden Empfang in schwungvoller Rede zum Ausdruck gebrachten Dankrede wurde Sr. Ehrwürden zu seinem festlich geschmückten Sitz geleitet, wonach der Mussaf Gottesdienst mit Ausliehen der Thora begann. Der Jubilar wurde zur Thora gerufen und vom Oberkantor Margulies mit einem schön rezitierten Echot! jochid empfangen. Nach Verlesen des Thoraabschnittes wurde über den Jubilar der für dieses Fest (vom Rektor Herrn Prof. Schwarz in Wien) in glänzender blumenreicher hebräischer Sprache verfaßte Mischeberach gesprochen. Nach Einrieben der Thora bestieg der Jubihir die Kanzel und hielt eine tiefdurchdachte, wannempfundene An- . Sprache, weiche mit dem alten Priestersegen Jeworechechoh beendet wurde, und welche die Gemeinde tiefst und wahrhaft ergriffen hat. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurde Sr. Ehrwürden vom gesamten Vorstande wieder in seine Wohnung geleitel. Pm halb 1 Uhr nachmittags fand das Fest in der Wohnung des .Jubilars seine Fortsetzung. Es fanden sich die Gratulanten ein. Unter Führung des Präses Alexander Braun erschienen die Vertreter aller jüdischen Institutionen und die geräumige Wohnung des Jubilars wurde zu klein für die Hunderte! von Gratulanten. Außer den r jüdischen Körperschaften erschienen der Bürgermeister der Stadt Baden, Herr Nationalrat Kollmann, in Begleitung des Vizebürgermeisters Herrn Brusatti, der katholische Dechant Hochwürden Herr Karl Frimm, der Herr Bezirkshauptmann Hof rat Bosizio, der Leiter des hiesigen Gerichtes Herr Hof rat Hink, der Direktor des Realgymnasiums Herr Regiemngsrat Zeiner. Unter Führung des Herrn Ludwig Lackenbacher das Festkomitee, eine Deputation des Bethausvereines Vöslau-Gainfarn unter Führung des Vorstandes Herrn Alexander Kovacs, - welche zu Fuß nach Baden gekommen war, in Vertretung der Gemeinde Esseg der Sekretär derselben Herr Schwarz, eine Abordnung der „Union österreichischer Juden in. Wien" bestehend aus Herrn Vorsteher Haas und Herrn Sekretär Fleischer, namens der jüdischen Mittelschüler der Gymnasiast Salo Rappaport, namens des Mädchenlyzeums die Schülerin Lizzi Lunzer, der Vorstand der Badener Ohewra Kadischa unter Führung des Präsidenten Herrn Raab, eine Abordnung des hiesigen Bikur Chaulim unter Führung des Obmannes Herrn Bernhard Affenkraut, eine Abordnung des Israelitischen Frauen-Wohltätigkeilsvereines Badens unter Führung der Vorstandsdaine Frau Dr. Kraus, die Kinder des Kriegswaisenhauses der Agudas Jisroel unter Führung ihres Direktors Herrn Philipp Friedmann, eine Abordnung der hiesigen Ortsgruppe der Agudas Jisroel unter Führung des Präsesstellvertreters und Obmannes Herrn David Daniel, eine Abordnung der zionistischen Ortsgruppe Badens unter Führung des Herrn Leo Koffler, die Beamtenschaft der Kultusgemeinde unter Führung des Sprechers Herrn Bernhard Löwy, Herr Schwarz Markus für die Mitgliedschaft des Badener Bethamidrasch, Herr .Johann Hofbauer, der dem Jubilar die Mitteilung von tfler Neugründung einer Schass-Chewrah in Baden machte, und viele andere. Alle genannten Führer der Körperschaften und Abordnungen hielten längere oder kürzere herzlichst gehaltene Ansprachen an den Jubilar, der dieselben jedem einzelnen Engros und Erzeugungi I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelschmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkaufs - NiedeHage i I., Graben 28 Filiale: rcf*f*lert><acl« Alte Wiese.