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Jüdische Presse · 1923-01-12 · 2 (12.1.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
2 (12.1.1923)
Date
1923-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE PRESSE Nr. 2 Der Referent führt aus: Wenn man über die Organisation der Wiener Schulen ein klares Bild geben will, an muß besonders ein Umstand berücksichtigt werden: Unsere Schuljugend verbringt den größten Teil des Tages in den verschiedenen stadtischen und staatlichen Volks- und Mittelschulen und nur eine kleine Spanne ihrer freien Zeit kann sie dem Thorastudium widmen. Es ist selbstredend, daß in diesen wenigen Stunden nur ein ganz bestimmtes Maß jüdisches Wissen ihnen beigebracht werden kann. Würden sich die Eltern der Einsicht nicht verschließen, daß ihre Kinder den größten Teil ihres Tages mit Limud JHUtuora verbringen müssen, dann könnte man die scl'$cstu£ itfsultate erzielen. Ihre profane Ausbildung müßte dadurch ni i . leiden, denn ein Kind, daß mit den Ideengängen des Talmuds und seiner Erklärer vertraut ist, kann in wenigen Stuaden auch auf dem Gebiete profanen Wissens mehr leisten als seine Mitschüler, die nur wenig jüdischen Unterricht erhalten. Bis ium heutigen Tage ist leider der Gedanke in der großen Masse der jüdischen Bevölkerung Wiens nicht durchgedrungen, weshalb alle bereits bestehenden Jessod Hathora-' und Talmud Thora-Lehranstalten darauf bedacht sein müßten, in den wenigen Standen des Tages, die das Kind mit Thaurolernen verbringt, ihm in leichtfaßlichster Art viel jüdisches Wissen beizubringen. Es bestehen derzeit in Wien 11 Schulen, die ausschließlich sich mit der Pflege unserer Thauro hakedauscho beschäftigen, und zwar: Im II. Bezirk: Jessod Hathora-Religionsschule, Jessod Hathora-Kinderschule, Or Thora; im III. Bezirk: Jessod Hathora; im V. Bezirk: Talmud Thora; im VI. und VII. Bezirk: Talmud Thora; im IX. Bezirk: Thoras Chaim; im XII. Bezirk: Talmud Thora; im XIV. Bezirk: Talmud Thora; im XX. Bezirk: Tomehe Thora. Außerdem bestehen noch in Wien vier Anstalten, in denen nebst der profanen Ausbildung ein ziemlich bedeutender jüdischer Unterricht den Kindern zuteil wird. Das sind: Im II. Bezirk: Talmud Thora-Volksnnd Bürgerschule für Knaben und Mädchen; im III. Bezirk: Internat für verlassene Knaben, Israelitisches Taubstummeninstitut; im XIX. Bezirk: Israelitisches Blindeninstitui. Wenn man bedenkt, daß das Maximum der Schülerzahl in den jüdischen Anstalten, die nur jüdisches Wissen pflegen, 200 ist, die meisten erreichen diese Zahl nicht, kommt man zu der Erkenntnis, daß in ganz Wien, wo hunderttausende Juden leben, höchstens 2000 Kinder einen echt jüdischen Unterricht genießen. Schon dies allein zeigt uns, wie wichtig es ist, daß die gesetzestreue Judenheit in Wien sich endlich aufrafft, am durch zielbewußte Erziehung unsere Jugend der Thauro wieder zuzuführen, was nur dadurch erreicht werden kann, daß wir so rasch als möglich an die Erweiterung der bestehenden •nd die Gründung neuer Thora-Lehranstalten schreiten. Nun bespricht der Referent die Organisation einer Jessod Hathora- und Talmud Thora-Schule und führt folgendes aus: Soll eine Schule sowohl auf dem Gebiete der Erziehung wie der Belehrung Bedeutendes leisten, so muß die Grundlage oder besser gesagt die Unterstufe einer solchen Anstalt ein jüdischer Eindergarten bilden. Wenn dem Kinde die echt jüdische Kinderstube fehlt, wenn ihm im zarten Alter die Heiligkeit des Schabbos und der jüdischen Gesetze nicht eingepflanzt wird, dann ist es schwer, dieses Kind im späteren Alter zum bewußten Juden zu erzielen. Das erste Bestreben des Referenten, als er die Leitung der Jessod Hathora übernahm, war die Gründung eines Kindergartens. Er verweist auf die glänzenden Erfolge, die da erzielt wurden. Knaben vom sechsten Lebensjahre an sollen derart nach and nach in alle Wissenszweige unserer Thora eingeweiht werden, daß sie befähigt werden, eine Jeschiwo aufzusuchen oder vermöge der erhaltenen Unterweisung echte gesetzestreue Juden werden. Referent hebt besonders die Wichtigkeit der jüdischen Erziehung der weiblichen Jugend hervor, ist doch der Geist, der im Hause herrscht, durch die Frau bedingt. Soll dieser Erziehungsplan vollständig erreicht werden, so bedürfen wir einer Jugend, die auch physisch den Anforderungen gewachsen ist. Leider ist unsere Jugend durch die Kriegs- und Nachkriegszeit körperlich derart herabgekommen, daß es einer tatkräftigen Jugendfürsorge bedarf, damit sie geistig und körperlich den Anforderungen gewachsen sei. Dieser Umstand führte dazu, daß die Schule die Sorge nicht nur für das geistige, sondern auch für das leibliche Wohl der Schüler übernehmen mußte. In der Folge hat sich diese Einrichtung sehrv gut bewährt. Während der Schüler früher in der Schule lediglich jenen Ort sah, wo von ihm mit unnachsichtlicher Strenge Disziplin und Pflichterfüllung gefordert wurde, wendet er sich jetit der Schule und dem Lehrer voll Vertrauen zu, sieht er doch, daß die Schule der Kinder Bestes will. Großes leistete in Wien die Talmud Thora-Volks- und Bürgerschule für Knaben und Mädchen, die durch ihre Ausspeisung vielen Kindern die Gesundheit rettete. Große finanzielle Opfer bringt auch die Jessod Hathora der Adas Jisroel, die den bedürftigen Zöglingen Wäsche, Kleider, Schuhe, Seforim und allen armen Wiener jüdischen Kindern, die sich bei der Leitung melden — ob sie nun die Jessod Hathora besuchen oder nicht — Teflllin und Zizis ganz unentgeltlich gibt. Um die Kinder in ihrer schulfreien Zeit vor den Gefahren der Straße zu schützen, haben Talmud Thora und Jessod Hathora gemeinsam beschlossen, eine Tagesheimstätte zu errichten. In dieser Heimstätte sollen die Kinder in gut beleuchteten und beheizten Räumen zur Erledigung ihrer Schulaufgaben und zu nützlicher Beschäftigung angehalten und mit einer Jause bewirtet werden. Eine gute Bibliothek wird den Kindern zur Verfügung, gestellt. Segensreich auf dem Gebiete der Jugendfürsorge wirken auch das von der Agudas Jisroel gegründete Knabeninternat in der Schimmelgasse und das Israelitische Taubstummen- und Blihdeninstitut. Alle diese Anstalten bringen ungeheure Opfer an Geldmitteln, weshalb die tatkräftigste Unterstützung ihrer edlen Bestrebungen nachdrücklichst empfohlen werden muß. (Fortaeteuag folgt.) Unsere Erez Jisroel-Arbeit. Die Zentralratstagung in Breslau wird auch den Anfang einer neuen Aera der Erez Jisroel-Arbeit der Agudas Jisroel bedeuten. Nicht aus dem Inhalte der einzelnen Beschlüsse folgern wir das, sondern die Stimmung der Delegierten veranlaßt uns zu dieser Behauptung. Es ist ja heute die Situation und die allgemeine Lage ganz anders, als es bei der Zentralratstagung in Wien oder bei der Konferenz in Preßburg und Zürich der Fall war. Die politischen Momente sind in den Hintergrund getreten. Es ist ja schmerzlich, daß der Glanz derBalfour-Deklaration und San Remo durch die abschwächende Wirkung der offiziellen und offiziösen Erklärungen .die danachfolgende Wirkung auf das jüdische Volk verloren hat. Es ist dem aber so. Somit ist auch die Periode der gigantischen Projekte und der Staatengründung auf kurze Frist vorbei. Die bisherigen positiven Leistungen der Orthodoxie wurden an dem Maßstabe dieser großen Projekte gemessen selbstverständlich für klein befunden. Heute ist man auch in zionistischen Kreisen bemüht, die wirkliche Lage und den Ernst der Situation offen zugegeben. So schreibt die „Jüdische Rundschau8 Berlin, eine der ernstesten zionistischen Zeitungen: Der Finanzreferent und Organisator des Jüdischen Golonial Troust Dr. Halpern war in den letzten Monaten in Palästina. Es ist anzunehmen, daß er dem Aktionskomitee berichten wird und man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, daß dieser Bericht ein ungünstiger sein wird. Zugleich mit Halpern war Weizmann im Lande und hat diesmal eine ziemlich kühle Aufnahme gefunden. Wir haben schon auf einige palästinensische Pressestimmen hingewiesen, die gegen Weizmann Vorwürfe erhoben und brachten auch den Trinkspruch Achad Haams, der nüchtern und trocken die Tatsache konstatierte, daß Weizmann diesmal die Herzen in Palästina nicht gewinnen konnte, weil er mit leeren Händen kam. Es ist selbstverständlich, daß nach den großen Erwartungen im zionistischen Lager eine herbe Enttäuschung kommen mußte, die nach den politischen Mißerfolgen auch ein wirtschaftliches Debacle bedeuten. Ganz im Gegensatz ist mit großer Freude festzustellen, daß im Kreise der Agudas Jisroel eine wachsende Intensität der Erez Jisroel-Arbeit zu konstatieren ist. Die ewige, aus religiösen Motiven fließende Liebe der jüdischen Seele zu Erez Jisroel läßt sich eben nicht von politischen Konstellationen beeinflussen. Da der Wert der Kleinarbeit in den letzten Monaten so kolossal gestiegen ist, weiß man jetzt auch das zu schätzen, wenn eine Familie in Palästina angesiedelt wird, wenn 10 Dunam Boden bearbeitet werden, wenn ein Haus gebaut wird und wenn eine kaufmännische Unternehmung — und mag sie noch so klein sein — gelingt. Man hat in den vergangenen Jahren so manche Unterlassungssünde dadurch begangen, daß man sich schämte, solche Kleinarbeit zu leisten, da zu größeren die Mittel fehlten. Wer Gelegenheit gehabt hat, in Breslau aus den Aeußerungen der Vertreter der einzelnen Landesorganisationen die allgemeine Stimmung herauszuhören, der kann feststellen, daß die Tatsache allgemein bekannt ist, daß die Stützpunkte der selbständigen Orthodoxie in Erez Jisroel schweren Gefahren ausgesetzt sind und sie von den Verteidigern im Lande selbst nur dank deren übermenschlichen Aufopferung gehalten werden. Ebenso allgemein wurde die Pflicht erkannt, diese Stützpunkte nicht nur zu halten, sondern auch mit Hilfe aller Jereim in der ganzen Welt auszubauen und es ist mit Freude hervorzuheben, daß über Mittel und Wege dieser heiligen Jischub-Erez Jisroel- Arbeit keine Differenz unter den Delegierten herrschte. Es gibt bloß ein Mittel, das ist die positive Arbeitsleistung. Jeder orthodoxe Jude, der sich in Erez Jisroel ansiedelt, jedes Haus, das in Erez Jisroel als wahres jüdisches Haus besteht, jedes Lehrhaus und jede Handwerkstätte sind wertvolle Bausteine zum Aufbaue von Erez Jisroel. Es sind verheißungsvolle Anfänge dieser positiven Arbeit überall zu merken. Die große jüdische Lehrwerkstätte in Wien, die erst jüngst gegründet wurde und die eine große Anzahl von Freiplätzen für solche Bachurim zur Verfügung stellt, die ein Handwerk in Erez Jisroel ausüben wollen, ist einer dieser Versuche, die aber auch in andern Ländern zu bemerken sind. Es ist Aufgabe des geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel, diese Versuche durch Ausarbeitung und Propagierung von praktischen Projekten in das Bereich der nutzbringenden positiven Arbeitsleistung zu überführen. J. Das wahre Gesicht des Eeren Hajessod. Von Dr. Raphael Breuer. (Fortsetzung.) II. Den Aufruf des Keren Hajessod haben eine ganze Reihe namhafter Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland unterschrieben. Man fragt sich: Wie kommt das lieberale Judentum dazu, Bestrebungen zu unterstützen, die seine ganze Vergangenheit desavouieren? Worauf beruht diese plötzlich erwachte Palästinaliebe des jüdischen Liberalismus, der sich hundert Jahre lang in völliger Ausmerzung aller an Palästina gemahnenden Elemente des jüdischen Lebens in Haus, Gemeinde und Schule nicht genug tun konnte? Sollte das liberale Judentum im Keren Hajessod die berühmte „gemeinsame Plattform" gefunden haben, auf der sich alle „Richtungen" im Judentum zu friedlicher Arbeit zusammenfinden können? Ach nein, das liberale Judentum hat im Keren Hajessod keine „Plattform* gefunden haben, auf der sich alle „Richtungen" im Judentum zu friedlicher Arbeit zusammenfinden können? Ach nein, das liberale Judentum hat im Keren Hajessod keine „Plattform", sondern, was für es viel wertvoller ist, ein „Sprungbrett" gefunden, von dem es in kühnem Schwung in das Land seiner Träume zu gelangen hofft. Denn was das liberale Judentum immer nur zu träumen wagte, der Keren Hajessod wird diese Träume verwirklichen, indem er auf dem geweihten Boden Palästinas die „religiöse Entwicklung» des Judentums, die in der Diaspora an einen toten Pjunkt gelangt igt, mit neuen un geahnten Impulsen erfüllen wird. Im heiligen Lande wird das liberale fftyfo und n)D*TljTBN' d»s in Deutschland bei Allen, die noch etwas wie eine Sehnsucht naeh echtem Judentum in sich verspüren, längst abgewirtschaftet hat, eine stolze Auferstehung erleben. Denn wenn in den europäischen Ländern „die Reigion längst aufgehört hat, dem Gemeinschaftsleben seine Einheit und seine Form zu geben» (zu deutsch: die Thora aufgehört hat, das Bindemittel zwischen Jude und Jude zu sein), so kann diese Entwicklung „sich offenbar auf palästinensischem Boden noch schärfer durchsetzen als in der Diaspora" (zu deutsch: so wird man in Erez Jisroel einen Abfall von Thora und Mizwoth erleben, gegen den alles in Deutschland Erlebte ein Kinderspiel ist.) Dies scheint nun zunächst, wie der Keren Hajessod nicht mit Unrecht feststellt, „eine Einbuße der Religion an Kraft und Wirklichkeit zu bedeuten". Und wenn dies nicht nur so schiene, sondern auch tatsächlich so wäre, dann würden wohl auch die liberalen Herren, denen das Judentum immerhin doch noch auch so etwas wie ein religiöses Gebilde bedeutet, sich noch einmal überlegt haben, ob sie als ehrliche Menschen in der Lage sind, ihren Namen unter den Aufruf eines Palästinawerkes zu setzen, das berufen ist, einer Einbuße der Religion an Kraft und Wirksamkeit den Weg zu ebnen. Jedoch zum Glück für das liberale Judentum scheint es nur so. In Wirklichkeit wird der Untergang „der geschichtlich gegebenen Form der Religionsgemeinde", durch die allein in der Diaspora „das Judentum sich nach außen hin abgrenzt", im Sinne der Keren Hajessod- Prophetie durchaus zu verschmerzen sein, wenn einmal „das jüdische Leben auf eigenem Boden und durch eigene Sprache eine natürliche Einheit erhält". „Die Entwicklung, die sich in der Diaspora angebahnt hat, kann sich darum erst in Palästina in ihren letzten Konsequenzen entfalten. Sicherlich wird da* öffentliche jüdische Leben Palästinas durch Beobachtung der Sabbat- und Festesruhe und dergleichen den religiösen Forderungen vollauf genügen, aber auch die größte Rücksicht auf alle religiösen Forderungen ändert nichts daran, daß die Religion nicht mehr das Ganze des Lebens umfaßt, sondern ihrerseits zu einem Bestandteil eines umfassenderen nationalen Lebenszusammenhanges wird. Diese Entwicklung, die von außen gesehen eine Zurückdrängung des religiösen Elementes darstellt, gibt der Religion reichen Ersatz für das, was sie ihr nimmt, indem sie das religiöse Leben von allen äußeren Bindungen und Rücksichten befreit. Die Sorge für den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft als solcher hört auf, Sache der Religion zu sein, ihr Anliegen ist es nur, dieses Judentum mit ihrem Geiste zu durchdringen. Die Gesichtspunkte, die bisher in die religiöse Entwicklung von außen her hineingetragen wurien, mögen sie Notwendigkeit der Anpassung an eine außerjüdische Umgebung oder Besorgnis vor allzugroßer Angleichung an sie heißen, fallen hier von selbst fort. Die Unbedingtheit ernster Religiosität darf wieder der ausschließliche Maßstab alles religiösen Lebens sein. Der Segen solcher religiösen Ganzheit ist vielleicht das Höchste, was das künftige palästinensische Judentum auch der Diaspora zu schenken hat." Wir wissen also genau, was uns in einem vom Keren Hajessod aufgebauten Palästina bevorsteht: „Der Segen religiöser Ganzheit." Wir wissen aber auch, was das für eine religiöse Ganzheit ist. „Sabbat- und Festesruhe und dergleichen?" Nun ja, man wird auf „dergleichen" Dinge die größte Rücksicht nehmen, sie werden sich aber darauf gefaßt machen müssen, innerhalb „eines umfassenderen nationalen Lebenszusammenhanges" die Rolle eines „Bestandteils" mit jener bescheidenen Würde zu spielen, wie sie einem „Bestandteil" wohl ansteht. Unsere DUTO^ und CDIft DNö"1 werden es in dieser bescheidenen Würde zur Vollkommenheit bringen, wenn sie die Rolle eines „Bestandteils» in der Schule des — Misrachi sich gründlich einstudieren werden. Auch der Misrachi ist ja bloß „Bestandteil" eines „umfassenderen" nationalen Zusammenhanges, und er hat es in der Fähigkeit bescheidener Selbsteinschachtelunp zu unübertrefflicher Meisterschaft gebracht. Wie der Misrachi keineswegs das Ganze der zionistischen Organisation umfaßt, so möge sich auch l^nilD rTttVHprt ein für alle Mal aus dem Kopfe schlagen, in Palästina „das Ganze des Lebens" umfassen zu wollen, sich vielmehr glücklich schätzen, wenn im Heiligen Lande als offizieller Ruhetag nicht der Sonntag, sondern der Sabbat gilt, auch wenn es vielleicht hier und da einmal vorkommen sollte, daß dieser Sabbat in Fällen der Kollision mit dem „umfassenderen nationalen Lebenszusammenhange" an seine g-ttgewollte Bestandteil- Inferiorität erinnert wird. Diese Inferiorität der Thora stellt sich aber nur „von außen gesehen" als eine „Zurürkdrängung des religiösen Elementes" dar. Von innen gesehen, kann es im Sinne der Keren Hajessod- Pjophetie für die Religion gar nichts schöneres geben, als wenn sie sich um die jüdische Gemeinschaft nicht mehr zu kümmern braucht. „Die Sorge für den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft als solcher hört auf, Sache der Religion zu sein." Wie niedlich ausgedacht! Einer Mutter wird ihr Kind geraubt. Händeringend beschwört sie den Räuber, ihr das Kind zu lassen. „Was wollen Sie", beruhigt sie der Räuber, „kann es für eine Mutter etwas Schöneres geben, als wenn sie sich um den Fortbestand ihres Kindes nicht mehr zu kümmern braucht? Im übrigen können sie ja ihr Kind auch aus der Ferne „mit ihrem Geiste durchdringen". So ganz einfach ist das freilich nicht. Aber da ist eben nichts zu ändern. „Es gibt für die Religion heute nur einen Weg, ihre lebenbestimmende Macht zurückzugewinnen: die Durchdringung der in ihrer Entwicklung völlig selbständigen geistigen und sittlichen Kultur mit religiösem Geist." Wie das nun die Mutter zu Wege bringen soll, ihr in fernen Räuberhänden befindliches Kind mit ihrem Geiste zu durchdringen, das bleibt eines der vielen süßen Geheimnisse, die der Keren Hajessod hinter seiner Maske verbirgt. Neben der Sorge für den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft wird die Religion in einem von Keren Hajessod aufgebauten Erez Jisroel auch noch eine andere Sorge los sein: die Sorge um „die Gesichtspunkte, die bisher in die religiöse Entwicklung von außen her hineingetragen wurden". Bisher wars doch immer so, daß das liberale Judentum mit seiner „religiösen Entwicklung* zwischen zwei entgegengesetzten „Gesichtspunkten" hin und her lanzieren mußte: zwischen dem Gesichtspunkte der „Notwendigkeit der Anpassung an eine außerjüdische Umgebung* und dem entgegengesetzten Gesichtspunkte der „Besorgnis vor allzugroßer Angleichung an sie". Wir haben nun bisher immer geglaubt, daß im künftigen Palästina bloß der eine Gesichtspunkt der „Notwendigkeit der Anpassung usw." fortfallen werde und demzufolge — sagen wir einmal — Orgel, Damenchor, Verlegung des Sabbats auf den Sonntag und wie all die schönen Dinge heißen, die in der Diaspora aus der eingebildeten „Notwendigkeit der Anpassung an eine außerjüdische Umgebung* erwuchsen, im künftigen Erez Jisroel unbekannte Dinge sein würden, und wir waren darum immer geneigt, zionistische Passionen liberaler Juden als erfreuliche n3l£j"ySymptome zu begrüßen. Wir werden nun aber durch den Keren Hajessod belehrt, daß bei der „religiösen Entwicklung" des Judentums im Heiligen Lande auch der entgegengesetzte Gesichtspunkt, die „Besorgnis vor allzugroßer Angleichung an eine außerjüdische Umgebung" fortfallen werde. Ahnst du, lieber Leser, was das heißt? Ich will ob dir an einem Beispiel erklären. (FortaetamiK folgt.)

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