Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 2 (12.1.1923)
- Date
- 1923-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ")" - ü^^si*«*sbibliothek,I.,Fran««neriajj ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODO* *1UDl MTV IS. " Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Osterreifch E48.000. Ungarn K 1500, Tschechoslowakei Kd.70*—, Deutschland Mk. 5000--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 'Dinar, Polen Mk. 10.000*—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kö. 1*50. Zahlungen fnr Oesterreich: Postsp Nr. 13.458; fnr Polen: Postsparka Kr. 190.409; für Ungarn: Postspark Nr. 60.170; für Tschechoslowakei: Konto Nr. 63.386; fär Jugoslawien: Konto Nr. 40.817; fnr Rumänien: Bau für Josef Floren» * C trkassenamt Wim, Konto ssenant Warselan, Konto issenamt Budapest, Konte Postsparkasmnamt Prag, PostspaTkassBnamt Agram, ea tfarmarojoh Blane A Co. Bukarest. Mr. 2 Wien-Bi-s ifislava, 12. Jänner 1923 .a'B-in rata 12 nmoDsna - nn ri'vz S. Jahrg. Nachklänge. Während jetzt schon in den Agudakreisen alles fieberhaft an den Vorbereitungen der Kenssio Gedaulo arbeitet, bemüht sich die Presse der anderen Anschauungen, zu den Beschlüssen der Breslauer Tagung Stellung zu nehmen. Mit den kleinen Kläffern werden wir uns nicht auseinandersetzen, es lohnt nicht, solchen Organen auch nur die Beachtung einer Erwiderung zu schenken. Dagegen freut es uns feststellen zu können, daß die anständige Presse auch der Gegenseite sich bemüht, dem Ernst der Situation gerecht zu werden. Wir greifen aus den vielen Äeußerungen einen Satz heraus, um die Abweichung von unserer grundsätzlichen Auffassung, die in diesem Satze spricht, klar zu legen. In dem betreffenden Satz wird nämlich gesagt, daß die Gegnerschaft gegen den Weltkongreß auf Mangel an Selbstvertrauen beruhe. Wer die Orthodoxie kennt, der weiß, daß das Vertrauen zur Gerechtigkeit ihrer Sache ein unbegrenztes ist und daß wir überzeugt sind, es wird, trotz zeitweiser Verdunkelung und Trübung, alles, was von einer jüdischen Mutter geboren ist, sich einmal willig unter das Diktat der Religion beugen. Was uns fehlt, ist nur das Vertrauen zu unseren Zeitgenossen, daß sie, sei es bei den Wahlen zu einem Weltkongreß, sei es bei den Beschlüssen dieses Diktat anerkennen. Wir fühlen die Verantwortlichkeit der Stunde für die Gesamtheit Israels im vollen Umfange. Wir wissen auch, daß die Versuchung, für einen Augenblick bei den entsetzlichen materiellen äußeren Verhältnissen des größtenteils der jüdischen Gesamtheit, nur diese in Betracht zu ziehen gewaltig und stark ist. Aber „unser Vertrauen zu unserer Sache würde sofort schwinden, wenn wir diese Stäche verraten. In demselben Augenblick, in dem die Judenheit in ihrer Gesamtheit, oder in einzelnen Teilen die Kraft der Thora aus ihren Erwägungen ausschließt, ist auch die Kraft des Volkes dahin, ist jeder Beschluß ein hohler Schemen, ist der Untergang, dessen man sich wert gezeigt hat, eine unabwendbare Tatsache. Das mag vielleicht mystisch klingen, ist aber eine in dem Werdegang der Judenheit bewiesene Tatsache. Man mag es auch vielleicht als ein Uebermaß von Vertrauen bezeichnen, daß wir angesichts der ernsten Lage es ablehnen, in einer Gemeinschaft zu erscheinen, welche auf der einen Seite die Judenheit repräsentieren, möchte, auf der anderen Seite jede Beziehung zur Religion offiziell ablehnt und ablehnen muß. Selbst wenn wir also sogar augenblicklich das Vertrauen hätten, daß die Majorität des Kongresses gesetzestreu wäre, so würde schon in der Beteiligung an den Wahlen eine derartige Verleugnung der Prinzipien liegen, daß unmöglich für die Gesamtheit ein Segen entstehen könnte, wohl gemerkt ein Segen, denn auch der glänzende Erfolg kann ein Unsegen sein, welcher mit Preisgabe des Wahren erkauft ist. Gewiß werden Realisten oder auch solche Menschen, die sich nicht ganz dem Realismus entziehen können, in diesen Ausführungen die verstiegene Anschauung eines weltentrückten Träumers erblicken. Aber es ist wahrlich kein Traum, sondern die Konzeption des lückenlosen Zusammenhange zwischen Juden und der sogenannten Religiosität. Wir haben in der Geschichte der jüdischen Könige wahrhaftig Beispiel genug dafür, was es bedeutet, wenn einseitige politische Einstellung die Religion verdrängt. Das Vertrauen haben wir allerdings zu uns nicht, daß wir es ungestraft riskieren können, uns und unsere Ueberzeugung zu verleugnen, selbst nicht um den Preis eines durchschlagenden Erfolges. Wir gestehen zu, es können andere ernste Menschen andere Ueberzeugungen haben, aber eben deshalb erwarten wir von diesen volles Verständnis für die Konsequenzen, die sich aus einer Ueberzeugung ergeben, P. K. Die erste Konferenz der thoratreuen Lehranstalten und Lehrer in Wien. Die Verhandlungen des 9. Tages hatten das mit Fachkenntnis durchgearbeitete Referat von Rabbiner Neuwirth, Leiter der Jessod Hathora eingeleitet. Dieses Referat, das wir ausführlich bringen, hat vor allem gezeigt, was Wien an thoratreuen Lehranstalten besitzt und welch guter Lehrerfolg durch eine richtige Methode erreicht werden kann. Wir müssen aber gleich bei dieser Gelegenheit darauf verweisen, wie viel noch auf diesem Gebiete geleistet werden könnte, wenn man alle jene, die Thora lernen möchten, auch unterbringen könnte. Es fehlen hiezu nicht die ideelen, sondern die materiellen Mittel. Mit diesem tristen Punkte hat sich der zweite Referent, Herr Leopold Lederer, in seinem Referate beschäftigt. Herr Lederer war ehrlich bemüht, aus seiner großen Erfahrung, die er in den letzten Jahren, wojs ihm trotz wirtschaftlicher Zerrüttung gelungen ist, che Jessod Hathora auf der bekannten Höhe zu erhalten, gesammelt hat, den anderen Delegierten mitzuteilen. Es ist zu hoffen, daß man aus seiner Praxis viel für die Förderung der einzelnen Lehranstalten und für ihre finanzielle Fundierung gewinnen wird. Wir müssen aber mit schwerem Herzen feststellen, daß alle diese Mittel im besten Falle bloß zur Erhaltung des Bestehenden hinreichen. Wenn wir bedenken, daß der Betrieb unserer Schulen ungeheuer unter dem Seforimm an gel leidet, da ein Talmud oder Mischnajot- Exemplar bloß für sehr Begüterte erreichbar ist, wenn wir ferner aus den verschiedenen Äeußerungen der Delegierten vernommen haben, daß der Schulbesuch der Kinder oft mangels Bekleidung und Be- - schuhung unterbleiben muß, davon gar nicht zu reden, daß die Lehrer, die, was Idealismus betrifft, wahre Helden sind, kaum für ihre Familien da* trockene Brot beschaffen können, so gereicht es uns zum Tröste, daß unsere amerikanischen Glaubensbrüder uns Hilfe angedeihen lassen. Das durch seine Aktionen weltberühmte Central-Belief- Commitee, dessen agiler Finanzsekretär Herr Morris Engelmann einige Male in Wien weilte und auch in richtiger Kenntnis der Lage unserer Thora-Lehranstalten eine bedeutende Hilfeleistung für Lehranstalten erwirkte, hat Großes für uns geleistet. Mit so inniger Dankbarkeit auch dieser Aushilfe in der Konferenz gedacht wurde, so herrschte unter den Delegierten einhellig die Anschauung, daß für die Erhaltung und den Ausbau unserer Thoralehranstalten, die doch die heilige Werkstätte der jüdischen Seele darstellen, in Wien gesorgt werden muß. Zumindest müssen die Vorbereitungen getroffen werden, daß, wenn uns die Hilfe unserer amerikanischen Brüder über die schwerste Zeit hinweghilft, wir unsere Ehre dareinsetzen müssen, mustergültige Thoralehranstalten aus eigener Kraft zu gründen, zu fördern und zu erhalten. * Protokoll der Konferenz des Erziehungsrates für das thoratreue Schulwesen in Wien. 2. Tag. Der Vorsitzende eröffnet um 7 Uhr die Sitzung und erteilt dem Referenten das Wort. Das Referat über die Organisation des jüdischen Schulwesens und der jüdischen Jugendfürsorge sowie über die Methode des Unterrichtes (da der Referent für das letztere Thema krankheitshalber verhindert ist) übernimmt Rabbiner Neuwirth. Ein jüdischer König von Zypern. Vor nahezu fünfzig Jahren haben englische Blätter anläßlich des Erwerbes Zyperns für England, Hymnen für Lord Beaconsfield, „den jüdischen Herzog von Zypern", angestimmt, dem das Land diesen Triumph zu danken hatte. Lord Beaconsfield, der als Jude geboren, niemals seine Abstammung verleugnete, sondern seinen höhnischen Gegnern einmal im Parlamente zugerufen hatte: „Ja, ich bin stolz auf meine Abstammung, denn als eure Ahnen als Wilde im Walde lebten, waren meine Ahnen Hohepriester im Tempel zu Jerusalem", erhielt damals nur mehr im Scherze diesen Titel. Aber von Kennern der jüdischen Geschichte ist es bekannt, daß — es wiederholt sich doch vieles in der Geschichte — einmal ein glaubenstreuer, stammesstolzer Jude tatsächlich Herzog von Naxos wurde und nahe daran war, vom Sultan zum König von Zypern ernannt zu werden. Das war Don Josef Nassi, dessen Leben nicht nur Historikern, sondern später auch Romandichtern Stoff zu interessanten Darlegungen bot. Hier sei nur von dem geschichtlichen Josef Nassi die Rede. Josef Nassi geb. 1515, war der Sohn eines portugiesischen Juden, der zu den nach Tausenden zählenden Marranen gehörte. Marranen wurden jene Juden genannt, die im Kampfe zwischen Leben und Ueberzeugung den allerdings nicht märtyrerhaft heroischen Entschluß faßten, zum Scheine sich zum Christentum zu bekennen, im Herzen aber treu der Religion ihrer Väter blieben. Die stolzen spanischen Häuser von altem Adel stammen großenteils von solchen „Geheim-Juden" ab. Josef Nassi finden wir als Jünjgling in Antwerpen unter dem Namen Juan Miquez. Durch seinen Geist und seine vornehme, schöne Erscheinung ward er allgemein beliebt, und fand Aufnahme am Hofe der Statthalterin Maria von Oesterreich, der früheren Königin von Ungarn. Er verkehrte mit den hervorragendsten Männern der Hauptstadt, lernte die politischen Verhältnisse seiner Zeit kennen, und sein scharfsinniger, gewandter Geist fand sich bald zurecht in dem diplomatischen Intriguenspiel, das damals die Politik der Höfe lenkte. In dieser Zeit kam Donna Beatrice de Lima mit ihrer Tochter Reyna nach Antwerpen. Donna Beatrice gehörte ebenfalls zu den Marranen und war eine Frau von seltenen Geistes- und Herzenseigenschaften, hegte eine glühende Liebe für ihre Religion und ihr Volk und sehnte sich nach dem Augenblick, wo sie wieder frei als Jüdin sich bekennen dürfte. Reyna hatte außer den edlen Eigenschaften ihrer Mutter die Reize der Jugend und einer unvergleichlichen Schönheit. Grafen und Fürsten bewarben sich um die Hand Reynas — doch die Mutter wollte ihre Tochter keinem Christen geben. Unter den zurückgewiesenen Bewerbein war —? wahrscheinlich aus gleichem Grunde — Juan Miquez, trotzdem er der Neffe von Donna Beatrice war. Aber der feurige energische Juan hatte, wenn auch nicht die Gunst der Tante, doch die Liebe seiner schönen Kusine erlangt, und nicht gewillt, erst lange gegen die Hemmnisse seines Glückes anzukämpfen, entführte er die Geliebte nach dem Paradiese der Liebenden — nach Venedig. Der guten Mutter blieb nun nichts übrig, als post festum ihren Segen zu geben — und dazu 90.000 Dukaten. Geschäftsverbindungen seiner überaus reichen Schwiegermutter führten ihn nach Frankreich, wo er Heinrich dem Zweiten, der immer Geld brauchte, zu Kriegszwecken 150.000 Skudi lieh. Es ist unbekannt, was ihn veranlaßte, Frankreich zu verlassen : er ging mit seiner Familie nach Venedig. Wahrscheinlich durch Einfluß seiner energischen Schwiegermutter erfüllte ihn nun der Gedanke, frei und offen sich zum Judentum zu bekennen. Dem stolzen, an Freiheit gewohnten Spanier widerstrebte es aber, demütig, gedrückt und bloß geduldet zu sein. Im 16. Jahrhundert hatten auch Republiken nicht Freiheit für alle. Er faßte den kühnen Gedanken, einen kleinen jüdischen Staat zu bilden. Fähigkeit und — Geld hätte er hiezu gehabt. Er wandte sich an den Senat von Venedig mit der Bitte, ihm eine Insel auf venetianischem Gebiet abzutreten; aber der Senat der Republik wies diese Bitte zurück. Die Juden sollten keine Freiheit haben, vielleicht fürchtete auch die Handels-Republik die Konkurrenz eines kleinen Staates — der aus Juden bestünde. Venedig hat dies später teuer bezahlt. Juan Miquez, energisch wie immer, entschloß sich kurz, mit 500 Auswanderern nach Konstantinopel zu gehen. Der Sultan gab damals ein Asyl den Verfolgten, über zehntausend Marranen, Spanier und Italiener waren zu jener Zeit in Konstantinopel. Im Jahre 1550 kam Juan Miquez nach Konstantinopel und nahm hier als Jude den Namen Don Josef Nassi an. Durch seinen Reichtum, seinen Geist, sowie durch seine auffallend vornehme Erscheinung erregte er bald Aufsehen und der Sultan Soliman hörte von seinem Rufe. Er zeichnete ihn aus, hielt sehr viel von seinen Fähigkeiten und benützte seine vortrefflichen Kenntnisse der politischen Verhältnisse; doch spielte Nassi noch keine besondere politische Rolle. (Fortsetzung folgt.)