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Jüdische Presse · 1923-01-05 · 1 (5.1.1923) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
1 (5.1.1923)
Date
1923-01-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Niv 1 JÜDISGHE PRESSE Seite 3 Der Waisen- und Jugendfürsorgetag des Jüdischen Hilfswerkes. Erziehung zum Handwerk. Die neuen Kriegswaisenhäuser in Baden. (Originalbericht der „Volks-Zeitung",) Angesichts der Tatsache, daß wegen der ungeheuren Kosten der Waisenpflege und Erziehung das Schicksal tausender und abertausender Kriegswaisenkinder sich überaus traurig gestaltet hat und Jugendämter und Jugendgerichte der Verwahrlosung der Jugend einfach macht- und ratlos gegenüberstehen, erscheint jedes auf die Rettung von verwaisten und verwahrlosten Kindern gerichtete Werk von vornherein als ein verdienstvolles Unternehmen; zumal da im Laufe der letzten Jahre in Wien zwei städtische Waisenhäusergeschlossen werden mußten, weil die strittige Frage, wer für die Erhaltung und Erziehung der Kriegswaisen aufkommen soll — Bund oder Stadt — noch immer nicht endgültig entschieden ist. Es war im alten Oesterreich schon so, daß dort, wo öffentliche Einrichtungen fehlten oder versagten, die private ,Wohlfahrtpflege erfolgreich eingriff; und so ist es geblieben. Eines der größten privaten Hilfswerke, das zum Teil mit finanzieller Hilfe aus dem Ausland entstanden ist, das „Jüdische Hilfswerk der Agudas Jisroel", geht eben daran, seinen Wirkungskreis in großzügiger Weise zu erweitern. Der rein karitative Verband, der auf die Feststellung Wert legt, daß er keinerlei politische Ziele kennt, unterhält seit zweieinhalb Jahren schon in Baden ein für fünfzig Kinder berechnetes Kriegs- und Pogroinwaisenhaus, dessen Existenz durch die rege Tätigkeit der „A.guda" aiif die Dauer gesichert erscheint. Nun hat der Verein in Baden ein zweites Gebäude, die ehemalige Sommervilla des Erzherzog Rainer in der Epsteingasse, zur Errichtung eines zweiten Kriegswaisenhauses angekauft, nach dessen Adaptierung weitere hundert Waisenkinder hier Aufnahme finden sollen. Hand in Hand mit der Waisenpflege und -Erziehung geht die Führung eines Knabeninternats in Wien, III. Schimmelgasse 6, und die von der „Aguda" beabsichtgte Heranbildung der Kinder für das praktische Erwerbs- und Berufsleben. Man will die Kinder in die Lage versetzen, sobald als möglich als Handwerker ihr Fortkommen finden zu können. Ein ungenannt sein wollender Menschenfreund hat vor vierzehn Tagen dem Verein . eine Fabriksrealität im Flächenausmaß von 20.000 Quadratmetern in Meidling zur Errichtung von Lehrwerkstätten überlassen, in denen Drechsler, Tischler, Spengler, Schuhmacher, Schneider, Goldarbeiter, Feinmechaniker, Elektrotechniker, Schlosser und Schmiede herangebildet werden sollen. Die Werkstätten werden mit einem Lehrlingsheim verbunden sein, und in den dazu gehörigen umliegenden Schrebergärten sollen die Kinder auch mit den Grundbegriffen der Landwirtschaft vertraut gemacht werden. Der Betrieb der Werkstätten ist so gedacht, daß einerseits die aus den Badner Waisenhäusern ent-. Die Jüdischen Lehrwerkstätten. Ein gigantsches Werk entsteht vor den Augen der Wiener Judenschaft, dessen Bedeutung weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus, epochemachend zu werden verspricht. Es ist in der. ganzen Welt wohl noch nie die systematische Ausbildung der jüdischen Jugend zum Handwerk in so großzügigem Maße durchgeführt worden, wie wir es hier zu sehen Gelegenheit haben. Mitten in Meidling, gegenüber der alten Trainkaserne, wird binnen kurzem reges Leben herrschen, als ob hier eine neue Kehillo geworden wäre. Wir finden auch faktisch hier alles, was zu einer jüdischen Gemeinde gehört und was für jede jüdische Arbeiterkoloriie als Muster gelten wird. Auf einem Areal von 20.000 Quadratmetern erheben sich, wie auf der Photographie ersichtlich ist, mehrere große Fabriksobjekte, in welchen sich Werkstätten für die verschiedensten Handwerke, Schlaf-, Speise-, Lehrräume, Betsaal und Beth- Hamidrasch, Direktionswohnung, Küche und Bäder sich befinden. Die Leitung des „Jüdischen Hilfswerks der Agudas Jisroel" macht es sich" zur Aufgabe, ausschließlich hochwertige Handwerke zu lehren, da das vorhandene jüdische Arbeitermaterial nur durch solche Arbeit seiner-Eignung entsprechend den richtigen Nutzen ziehen -kann. Es sind bereits eine Reihe solcher Branchen vorgesehen und dürften schon in kürzester. Zeit diese ihren Betrieb eröffnen. Doch das Gros'der notwendigen Installierungen harrt noch finanzieller Bedeckung. Das Gelingen dieses Werkes kann nicht von einzelnen Wenigen abhängen, sondern muß von einer Schar von Mitarbeitern — von Fachleuten und Laien systematisch aufgebaut werden. Der Stimmen aus der Tagespresse. \ lassenen Zöglinge hier ihre Berufsbildung genießen, andererseits verlassene oder sonst hilfsbedürftige Wiener Kindern hier einem der Handwerksbetriebe zugeführt werden sollen. Vertreter der Behörden und Wohlfahrtsanstalten, darunter Ministerialrat Dr. Eisenschimml in Vertretung des Bundesministers für soziale Verwaltung, der Bürgermeister von Baden Nationalrat Kollmann und andere, besichtigten am Sonntag die Anstalten und Einrichtungen des Verbandes und zollten ihnen lebhafte Anerkennung. Eröffnung neuer jüdischer Waisenhäuser. (Originalbericht der „Neuen Freien Presse".) Die feierliche Eröffnung des jüdischen Knabenwaisenhauses, Wien, III. Bezirk, Schimmelgasse 6, fand am 17. Dezember 1922 im Beisein des Vertreters des Bundesministeriums für soziale Verwaltung, Sektionsrates Dr. Eisenschimml und der Delegierten anderer Behörden, Korporationen und Vereine statt. Die Eröffnungsansprache hielt Universitätsprofessor Dr. Max Eisler, der die Gesamttätigkeit und die Ziele des jüdischen Hilfswerkes darlegte. Hierauf sprach Rabbiner S. Fürst, der erwähnte, daß sich bei solchen großen Werken der i Nächstenliebe und Humanität alle Beteiligten vereinigen sollen. Die Herren B. Hirschler-Stroh und Direktor Glück übernahmen die Führung durch das Haus, dessen hygienische Einrichtungen vollen Beifall fanden. Dann besuchten die Gäste die' jüdischen Werkstätten, XII. Bezirk, Edelsinngasse 20, wo Vorstandsmitglied K. Pappenheim die Führung übernahm. Die Werkstätten haben einen Flächeninhalt von 20.000 Quadratmeter. Es werden dort landwirtschaftliche Anlagen zur Uebung der Zöglinge angelegt werden. Dann ging die Fahrt nach Baden, wo die Teilnehmer vom Bürgermeister Kollmann begrüßt wurden, namens der israelitischen Kultusgemeinde hielt Oberrabbiner Reich eine schwungvolle Ansprache. Präsident L. Salkind sprach namens der auswärtigen Presse. Der Regierungsvertreter, Sektionsrat Dr. Eisenschimml, versicherte namens der Regierung Anteilnahme und Förderung diesergemeinnützigen Bestrebungen. Namens der „Agudas Jisroel" sprach Präsident Wolf Pappenheim. Es wurde nun unter Führung des Herrn S. Adler das neue Kriegswaisenhaus, Epsteingasse 10, besichtigt, d,as einen imponierenden Eindruck machte'. Dort) werden- 120 Kinder bis zum 14. Lebensjahre aufgezogen, in herrlichen Räumen und schönen Schlafsälen untergebracht. Nach dem 14. Lebensjahre kommt das Waisenkind in die Lehrwerkstätten, wo es zum tüchtigen jüdischen Arbeiter großgezogen wird. Hierauf erfolgte der Besuch des zweiten Waisenhauses, Germergasse 48. Die Führung übernahmen die Komiteemitglieder B. Affenkraut, F. Smetana und Direktor Friedmann. Eine Chanukafeier der Kinder fand allgemeinen Beifall. Wunsch, die Pläne möglichst rasch zu verwirklichen, beseelt die Leitung des „Jüdischen Hilfswerkes". Nur fehlen ihr noch Hilfskräfte. Wohl •melden sich alltäglich auf Grund der in die OeffeTitlichkeit dringenden enthusiastischen Berichte neue arbeitswillige Kräfte, doch sie alle verschwinden in diesem großen Meer von Arbeit. Ein Mathematiker hat dieser Tage versucht, eine Tabelle aufzustellen, aus der ersichtlich ist, wie viel Handwerksmeister im Laufe von 50 Jahren Eröffnung jüdicher Waisenhäuser und Werkstätten. (Originalbericht des „Neuen Wiener, Tagblatt".) Die feierliche Eröffnung des jüdischen Knabenwaisenhauses, III. Bezirk, Schimmelgasse Nr. 6, fand am 17. Dezember 1922 im Beisein des Vertreters des Bundesministeriums für soziale Verwaltung, Sektionsrat Dr. Eisenschimml und anderer Behörden, Korporationen und Vereine statt. Die Eröffnungsansprache hielt Universitätsprofessor Dr. Max Eisler, worauf Rabbiner S. Fürst das Wort ergriff. Beim Rundgang fanden die hygienischen Einrichtungen des Hauses vollen Beifall. Bereit gehaltene Automobile der staatlichen Kraftfahrbetriebe brachten die Teilnehmer in die jüdischen Werkstätten, XII. Bezirk, Edelsinngasse Nr. 20. Dort übernahm Vorstandsmitglied K. Pappenheim die- Führung. Der große Schlafsaal mit 150 Betten, die Werkstätten für Tischler, Tapezierer, Schuster, Schneider, Kürschner, Mechaniker, Elektrotechniker, Schlösser, Goldarbeiter, Spengler, ferner der imposante Lehr- und Speisesaal, die große Anstaltsküche, die Bade- und Waschräume. gefielen außerordentlich. Die Werkstätten haben einen Flächeninhalt von 20.000 Quadratmeter und werden dort landwirtschaftliche Anlagen zur Uebung der Zöglinge angelegt werden. Dann ging die Fahrt nach Baden, wo unter Führung des Herrn S. Adler das neue Kriegswaisenhaus, Epsteingasse Nr. 10, besichtigt wurde.. Dort werden 120 Kinder bis zum 14. Lebensjahre erzogen, in lüftigen Räumen und* schönen Schlafsälen untergebracht. Nach dem 14. Lebensjahre kommt das Waisenkind in die Lehrwerkstätten, wo es zum Arbeiter großgezogen wird. Erst bis es ein Handwerk erlernt hat, wird es von der Obhut des Hilfswerkes entlassen. Hierauf erfolgte der Besuch des zweiten Waisenhauses, Germergasse Nr. 48. Die Einrichtungen dieses Hauses wurden allseits belobt. Jüdische Arbeiterwerkstätten in Wien. (Originalbericht des „Neuen Wiener Tagblatt".) In Anwesenheit des Vertreters des Staatsamtes für soziale Verwaltung, Sektionsrat Dr. Eisenschimml, wurden kürzlich die ausgedehnten Objekte der jüdischen Lehrwerkstätten besichtigt. Mit den Adaptierungsarbeiten von Lehrwerkstätten für die Branchen: Tischler, Elektrotechniker, Mechaniker, Schneider, Schuster, Spengler, Tapezierer und Ledergalanteriearbeiter wurde bereits begonnen, ebenso wurden die Wohn- und Wirtschaftsverhältnisse einer Adaptierung für deren baldige Einrichtung unterzogen. Einige Hunderte jüdischer Lehrlinge sollen hier alljährlich zu tüchtigen Arbeitern herangezogen werden. Die im XII. Bezirk, Edelsinnstraße Nr. 20, auf einem Areale von 20.000 Quadratmeter liegenden Lehrwerkstätten in vier größeren Bauobjekten geben einen Begriff von der Größe dieses Hilfswerkes der „Aguda Jisroel". Das Zentralbureau des „Jüdischen Hilfswerks", II. Bezirk, Malzgasse Nr. 12a, nimmt Anmeldungen von Zöglingen, auch Waren- und Geldspenden entgegen. aus dieser Schule hervorgehen werden, beziehungsweise wie viele durch die von den Lehrwerkstätten entlassenen Meister ausgebildet werden. Diese Wahrscheinlichkeitsstatistik ist sehr interessant und gibt einen klaren Ueberblick über die weittragende sozial-politische Bedeutung dieser Neugründung. Von allem materielen Wert ganz abgesehen, ist auch der Umstand, daß das Märchen von der Arbeitsscheu der Juden aus der Welt geschaffen werde, hoch zu werten. Jüdische Lehrwerkstätten XII., Edelsinugasse 20 /

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